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Popkultur

Die Pizza-Ratte verkörpert alles Heldenhafte

Dieses verrückte Leben hält nur wenige Chancen bereit, deswegen müssen wir sie unter allen Umständen nutzen.
23.9.15

Das Video, das das Internet explodieren ließ

New York ist die Stadt der Träume—oder eher die Stadt der Träumer; der Ort, wo man hinzieht, wenn man insgeheim denkt, berühmt, reich oder erfrischend originell sein zu können (oder zumindest mit den Berühmten, Reichen und erfrischend Originellen schlafen will). Die Stadt hat den Ruf, unerbittlich zu sein und die Leute abzuhärten, aber in Wahrheit sind New Yorker einfach nur die besser gekleidete Version der Menschen, die sie schon damals in ihrer Heimatstadt mitten im Nirgendwo waren. Auch sie wollen eigentlich nur geliebt werden, genug zu essen haben und abends in ein bequemes Bett fallen können.

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Die meisten Leute—egal ob nun in New York oder anderswo—bekommen jedoch nicht das, was sie wollen. Vielleicht wissen diese Menschen aber auch gar nicht, was sie wollen, und deshalb ist das Ganze eine Art mathematisches Problem, bei dem man nicht genügend Vorgaben hat, um X aufzulösen. Wenn man also eine Person sieht, die zum einen weiß, was sie will, und das Ganze zum anderen auch noch bekommt—und sei es nur so etwas Banales wie eine teure Uhr, ein schicker Anzug oder ein eigenes Büro am Arbeitsplatz—, dann ist das total faszinierend. „Kann ich das auch schaffen?", denkt man sich, während man diese Leute dabei beobachtet, wie sie sich mit ihrem strahlenden Lächeln ganz selbstsicher durch die Cocktailbar bewegen. „Muss man so sein, um in New York zu überleben?"

So ungefähr fühlte ich mich, als ich zum ersten Mal das YouTube-Video anschaute, in dem sich eine Ratte im Big Apple die Stufen einer U-Bahn-Treppe hinunter kämpft und dabei ein Stück Pizza zwischen den Zähnen mitschleppt. Wenn man lange genug in New York lebt, dann erkennt man einen echten New Yorker auf den ersten Blick: Egal ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß, ob jung oder alt, ob Prada oder Gucci, alle echten New Yorker besitzen diese gewisse Zielstrebigkeit. Und die Pizza-Ratte bildet da keine Ausnahme. Wie kam sie überhaupt an ein ganzes Stück des italienischen Nationalgerichts? Wo wollte sie ihre Mahlzeit hinbringen? Was genau bringt ihr die Aktion? Im Grunde alles egal. New Yorker wissen, dass einem dieses verrückte Leben nur wenige Chancen bietet (zum Beispiel in Form eines ganzen Stücks Pizza), die man deswegen unter allen Umständen nutzen muss.

Als ich dem kleinen Nagetier also dabei zusehen konnte, wie es seinen Hauptgewinn die Treppen runter zerrte, schossen mir folgende Fragen in den Kopf: „Bin ich nun mehr wie die Ratte oder mehr wie das Stück Pizza? Bin ich ein mutiger, kleiner Schädling, der mit aller Macht für das kämpft, was er will? Oder bin ich nur eine untätige Ansammlung von Teig, Käse und Tomatensoße, die nur darauf wartet, von einem pelzigen Nager die Treppe hinabgeschleppt zu werden, obwohl das eigentlich gar nicht mein Ziel ist?"

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Schließlich lässt die Ratte das Stück Pizza liegen und hastet den Rest der Treppe alleine und ohne die Eroberung nach unten—sie wird also wieder zu einem weiteren verzweifelten Vierbeiner, dessen Traum geplatzt ist. Die Augen waren hier wohl größer als der Magen, oder anders gesagt: Das Vorhaben überstieg die Fähigkeiten. Die Sache, die die Ratte so sehr geliebt hat, wurde letztendlich doch zu einer Last, ohne die sie besser dran ist.

Und trotzdem ergab das Leben der Ratte für diese wenigen Sekunden endlich Sinn. Sie hatte sich das Stück Pizza geschnappt und war damit auf dem Weg nach Hause—ihre Träume sind auf eine Art und Weise in Erfüllung gegangen, die nur wenige Menschen jemals erleben dürfen. Aber genauso schnell wurde das Ganze auch wieder zu einer unerreichbaren Wunschvorstellung. Das Stück Pizza (und damit alles, was es sich wünschte) gehörte jedoch für einen kleinen Moment—ganz egal, wie schnell dieser Moment nun auch wieder vorbei war—einzig und allein dem Nagetier. Und wie viele von uns können so etwas denn von sich selbst behaupten?