Fotos von Bobby Viteri

Wein, Wu-Tang und Wucher: Die Welt des Pharma-Preistreibers Martin Shkreli

Alle hassen Martin Shkreli. Es wird wegen Preistreiberei gegen ihn ermittelt, er steht wegen Betrugs vor Gericht und er behält das Wu-Tang-Album für sich. Trotzdem will er, dass du weißt, dass er einer von den Guten ist.

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29 Januar 2016, 12:00pm

Fotos von Bobby Viteri

Martin Shkreli denkt, ihm würde es im Gefängnis prächtig ergehen.

Er war schon einmal kurz im Gefängnis, nachdem eines Morgens im Dezember das FBI bei ihm angeklopft hatte, weil ihm Anlagebetrug vorgeworfen wurde. Doch er beschreibt die Erfahrung so, wie er fast alles beschreibt: als einen Teil von Shkrelis Erfolgsgeschichte. Er erinnert sich sogar mit einem Lächeln an den Augenblick, als ein Agent ihn fragte, welche Schuhe er tragen wolle, bevor er den Nachrichtenkameras vorgeführt wurde, die vor den Murray Hill Tower Apartments in Midtown Manhattan auf ihn warteten.

„Als ich auf die hier gezeigt habe", sagt Shkreli und gestikuliert in Richtung dunkelbrauner Slipper, „sagte der Typ: ‚Gute Wahl.'"

Und als er im Gerichtsgebäude in Brooklyn ankam? „Sie haben mir meine eigene Zelle gegeben, und in der anderen Zelle waren so zehn Typen", sagt er. „Ich war der King."

Angesichts der Tatsache, dass Shkreli etwa 173 Zentimeter groß ist, den Körperbau eines professionellen eSportlers hat, mit einem Händedruck, der kaum als Berührung durchgeht, ist es nur schwer vorstellbar, dass er keine Angst vor einer Inhaftierung hat. Doch wenn es jemanden gibt, der einfach nur kraft seiner tapferen Fassade und seines Bullshits hinter Gittern klarkommen könnte, dann ist es Martin Shkreli.

„Diese Gefängnisse sind sowieso wie Studentenwohnheime", sagt er und versucht damit offensichtlich, mindestens einen von uns zu beruhigen.

In Shkrelis Wohnung sieht es allerdings tatsächlich ein wenig aus wie im Studentenwohnheim. Die Einrichtung ist typisch „Single-Mann in seinen Zwanzigern" (auch wenn er schon 32 ist): IKEA-Möbel, Gitarren, eine Xbox 360, ein Rechner, auf dem er fast täglich Livestreams sendet. Die Regale sind voll mit Dingen, die man von einem Studenten mit einem rechtskonservativen Einschlag erwarten würde: Machiavellis Der Fürst, Wein für Dummies, Orson Scott Cards Das große Spiel, Lektürehilfen zu Ayn Rand. Der einzige Hinweis darauf, dass er kein typischer, zielloser Student ist: Anstatt eines Picasso-Drucks für 7,99 aus dem Campus-Buchladen hängt bei ihm ein echter Picasso.

Vor letztem Herbst war Shkreli niemand Besonderes. Klar, er durchlief die Höhen und Tiefen, die man bei einem Finanz-Wunderkind erwarten würde: ein paar fehlgeschlagene Hedgefonds, ein Misserfolg als Chef einer Biotech-Firma namens Retrophin, der vor Gericht endete, mehr Geld als er mit beiden Händen ausgeben konnte. Doch diese Dinge sind in seinen Kreisen nichts Ungewöhnliches. Doch dann kaufte seine neueste Firma, Turing Pharmaceuticals, letzten Sommer die Rechte an Daraprim, einem obskuren Medikament, das bei AIDS-Kranken, Krebspatienten und schwangeren Frauen gegen Toxoplasmose eingesetzt wird, und erhöhte den Preis um 5.000 Prozent. Damit brachte er anscheinend die ganze Welt—darunter selbst Hillary Clinton—gegen sich auf. Zu dem Zeitpunkt, als die Nachricht ans Licht kam, dass es sich bei dem mysteriösen Käufer des einzigen Exemplars eines unveröffentlichten Albums des Wu-Tang Clans um Shkreli handelte, war er bereits der meistgehasste Mann der USA. Als er dann noch verkündete, er habe sich nicht einmal die Mühe gemacht, das Album anzuhören, für das er zwei Millionen Dollar bezahlt hatte, bekam man den Eindruck, er würde auf dem Niveau eines Superbösewichts trollen.

„Ganz ehrlich, du könntest niemanden finden, der sagt: ‚Ja, dieser Typ hat mich um mein Geld betrogen.' Ist einfach nicht passiert." —Martin Shkreli

Die Medien begannen, jedes kleine Detail über den nun berühmt-berüchtigten „Pharma-Bro" zu veröffentlichen. Die Washington Post brachte eine detaillierte Nacherzählung eines Tinder-Dates mit Shkreli; Gawker analysierte einen seiner letzten Livestreams vor seiner Festnahme; Vanity Fair schrieb ein Profil, das ihn als „den sichtbarsten Bösewicht der Wall Street" bezeichnete; andere Plattformen machten sich über die vergangenen Klagen gegen ihn her, darunter eine, in der behauptet wurde, er habe eine ehemalige Mitarbeiterin belästigt. Shkreli sagt, ein Journalist vom New Yorker—der anscheinend herausgefunden hat, dass Shkreli auf Bands wie Thursday, Brand New und New Found Glory steht—liege ihm schon seit einiger Zeit damit in den Ohren, dass er mit auf eine Emo-Party kommen solle.

Im Dezember war es bereits schwer zu fassen, wie viele Beschwerden und Klagen es gegen Shkreli gab und wie viele Menschen Beef mit ihm hatten. Eine Ex-Freundin sagte, er habe ihr 10.000 Dollar für Cunnilingus geboten. Bernie Sanders lehnte eine Wahlkampfspende von Shkreli ab und Donald Trump nannte ihn eine „verwöhnte Göre" und „Schande". Erst vor Kurzem hat Ghostface Killah sich mit ihm ein Wortgefecht auf Twitter geliefert—und zwar am selben Tag, an dem sein Anwalt mitteilte, die Wettbewerbs- und Verbraucherschutzbehörde Federal Trade Commission (FTC) untersuche nun Turings Preistreiberei.

Es gab also viele, die jubelten, als der HipHop hamsternde Mogul von der US-Regierung im Grunde als Betrüger abgestempelt wurde. Die Staatsanwaltschaft behauptet, Shkreli habe seine Hedgefonds-Investoren belogen, was ihre Ausschüttungen nach einer desaströsen Spekulation anging, und dann seine Schulden bei ihnen beglichen, indem er ihnen Retrophin-Aktien gab und sie als „Berater" anheuerte, womit er seine Bücher frisierte. Nun bereitet sich Shkreli darauf vor, sich vor Gericht zu verteidigen, während er gleichzeitig damit umgehen muss, der neue Lieblingsbösewicht der USA zu sein.

Nachdem er bereits im Wall Street Journal ähnliche Aussagen gemacht hat, sagt Shkreli mir gegenüber, er bereue es, im Fernsehen und auf Twitter „eine Figur" gespielt zu haben. Er sagt außerdem, die Erhöhung von Medikamentenpreisen schade eigentlich eher Versicherungen als Patienten, und seine öffentliche Fassade sei der Grund gewesen, warum die Behörden ihn aufs Korn genommen hätten. Er ist ein Wrestling-Fan und es ist offensichtlich, dass er versuchen will, einen „Heel Face Turn" durchzuführen—ein Heel, also ein Wrestling-Bösewicht, der urplötzlich gut wird. Doch gleichzeitig ist ihm klar, dass ein Bösewicht, den die Leute lieben zu hassen, mehr Sendezeit bekommt. Und Aufmerksamkeit ist etwas, das er sich verzweifelt und dringend wünscht.

„Ein großartiger Bösewicht ist deine beste Rolle", sagt er.

Tatsächlich ist Skhrelis aktueller Lieblingswrestler Damien Sandow, ein elitärer Kerl, der sich als Oxford-Stipendiat ausgibt, das Mikro wie ein Weinglas hält und der einen Move names Cubito Aequet hat—(tatsächlich alles andere als korrektes) Latein für „Ellbogen der Verachtung".

„Alle buhen ihn aus, er redet von oben herab mit dem Publikum, und es ist wundervoll", erklärt Shkreli.

Er besteht allerdings darauf, dass sein schlechter Ruf eben nur das ist—ein Ruf—und dass die Behörden niemanden finden werden, dem er tatsächlich geschadet hat. „Die Regierung will Schneeballsysteme sehen, und Sachen wie eine kleine alte Dame, die im Zeugenstand weint", sagt er. Später fügt er hinzu: „Ganz ehrlich, du könntest niemanden finden, der sagt: ‚Ja, dieser Typ hat mich um mein Geld betrogen.' Ist einfach nicht passiert."

Er sagt außerdem, jegliche Fehldarstellung über seine Fonds sei einer Mischung seines Verkaufstalents und seines Wunschs nach einem coolen Auftreten geschuldet. „Ich hatte an der Uni das Gefühl, den großen Mann markieren zu müssen. Ich wollte mir auf die Brust schlagen, und wenn es eine Möglichkeit gab, meinen 5-Millionen-Dollar-Fonds als 30-Millionen-Dollar-Fonds zu beschreiben, ohne dass es völlig gelogen war, dann habe ich die 30 genommen. Ich wollte gut aussehen, und das bereue ich."

Shkreli könnte bis zu 20 Jahre Haft bekommen, doch er rechnet damit, nicht mehr als 2 Jahre zu kriegen, denn niemand unter seinen Investoren habe Geld verloren, wie er sagt. Es schadet sicherlich auch nicht, dass er „Millionen [ausgibt], um die mögliche Geschworenenauswahl in Brooklyn zu beeinflussen", wie er scherzt.

Wenn er allerdings im Gefängnis landen sollte, wird die Sache, die Shkreli am meisten vermisst, natürlich das Internet sein.

„Ehrlich, wenn [Gefängnisse] online wären, hätte ich keine Sorgen", sagt er. „Aber ich glaube nicht, dass sie einen im Internet rumspielen lassen."

Bevor Martin Shkreli ein Warnbeispiel war, war er eine Tellerwäscher-Geschichte. Er wurde in Sheepshead Bay, Brooklyn, als Sohn montenegrinischer Einwanderer geboren, die nach einer arrangierten Heirat in die Staaten gekommen waren. Sie arbeiteten als Hausmeister und Hausmeisterin und kämpften damit, ihre vier Kinder durchzubringen. Vor allem Shkrelis kleiner Bruder, der heute 28 ist, bereitete ihnen Schwierigkeiten, denn er leidet angeblich an behandlungsresistenten Depressionen, die so schwer sind, dass er sich kaum selbst die Schuhe binden kann. (Shkrelis Eltern wollten zu diesem Artikel nicht beitragen.)

„Ich komme aus einer sehr, sehr armen Familie, und ich wusste nicht, dass wir arm sind", sagte Shkreli mir bei Filet Mignon, Hummer und Blumenkohl im Capital Grille in Midtown, wo er die Mitarbeiter mit Vornamen kennt. „Ich dachte, wir wären reich. Ich hatte keine Ahnung, was Manhattan überhaupt war."

Er war allerdings schon immer intelligent. Seine Eltern ließen den kleinen Martin laut aus Onkel Toms Hütte vorlesen, um Verwandte in Staunen zu versetzen. Er erhielt Hochbegabtenförderung und kam auf die Hunter College High School, die als eine der prestigeträchtigsten und wählerischsten Highschools New Yorks gilt. „Man kann es sich nicht wie eine normale Highschool vorstellen", erinnert sich ein ehemaliger Klassenkamerad. „Wir hatten dort nicht wirklich Gruppen wie Sportskanonen und Streber und all sowas."

Als Statistik-Fanatiker studierte Shkreli ständig den Sportteil der New York Post und merkte sich die Durchschnittsleistungen der Schläger beim Baseball. Dann blätterte er zum Börsenteil um, wo es noch mehr—und noch wichtigere—Zahlen gab, mit denen er spielen konnte. Er erzählt mir, sein Ruf sei bereits in seinen frühen Teenagerjahren derart gewesen, dass er bei einem Besuch bei einem Mädchen, mit dem er rummachen wollte, von ihrem Vater beiseite genommen wurde. Shkreli rechnete mit strenger Einschüchterung.

Doch der Mann wollte einfach nur Börsentipps von ihm.

Shkreli erinnert sich, wie er hauptsächlich in die Highschool ging, um „mit Mädels abzuhängen und Gitarre und Basketball zu spielen", während er den Unterricht schwänzte.

Er hatte auch andere Interessen, wie mit alten Männer in der öffentlichen Bibliothek Schach oder in einer Punkband namens Coney Island Whitefish (nach einem Joan-Jett-Song) Gitarre zu spielen. Shkreli erinnert sich, wie er hauptsächlich in die Highschool ging, um „mit Mädels abzuhängen und Gitarre und Basketball zu spielen", während er den Unterricht schwänzte. Ein ehemaliger Bandkollege beschreibt ihn als lustigen Faulpelz mit nur wenigen Freunden. Das Finanzwesen war schon immer sein Fixpunkt.

Dann landete Shkreli 2000, noch vor seinem 18. Geburtstag, ein Bewerbungsgespräch bei Jim Cramer, der später als Börsenexperte die Finanzsendung Mad Money moderieren würde und damals noch einen eigenen Hedgefonds hatte. Shkreli arbeitete vier Jahre lang für ihn, während er am Baruch College studierte, und kam aus seiner Studienzeit als Blackberry tragender Partner in einer anderen Firma namens Intrepid Capital hervor.

„Sie gingen immer in Bars, wie es sie in Murray Hill gibt ... Bars für Typen aus Studentenverbindungen", erinnert sich eine Ex-Freundin über Shkreli und seine Kollegen. „Und dabei taten sie so, als seien sie in der Arbeit so wichtig, dass sie ständig Bereitschaft hätten."

Ein paar Jahre später startete Shkreli seinen ersten Hedgefonds, Elea Capital Management, der 2007 nach einer fehlgeschlagenen Spekulation scheiterte, die ihm 2,3 Millionen Dollar Schulden bei Lehman Brothers einbrachte. Er zog wieder zu seinen Eltern und fing von vorn an. Zu Shkrelis Glück kollabierte Lehman, bevor die Firma ihre Schulden eintreiben konnte, was es ihm laut eigener Aussage ermöglichte, nach der Finanzkrise 2008 bei MSMB Capital neu durchzustarten.

MOTHERBOARD: Wie ein Sylter Senior mit einem geschmuggelten HIV-Medikament zum Millionär wurde

Für das neue Projekt musste er Leute, die um einiges älter waren als er, dazu bringen, ihm große Geldsummen anzuvertrauen. Doch Shkreli hat ein überraschendes Talent dafür, Menschen für sich zu gewinnen. Er sagt, er habe seinen Atheismus heruntergeschluckt und sei nach Texas gereist, um an Gebetskreisen teilzunehmen, und einmal sei bei einer JP-Morgan-Konferenz aufgetaucht und habe laut Al Mann, einen Milliardär, dessen Firma intranasales Insulin entwickelt hat, herausgefordert. „Es ging so weit, dass der Alte versucht hat, draußen im Korridor mit Martin zu kämpfen", erinnert sich ein Freund, der an jenem Tag dabei war. „Man musste sie trennen." Der Stunt funktionierte jedoch, denn jeder musste einfach wissen, wer der Jungspund war, der sich traute, öffentlich mit einem Star der Branche zu streiten.

Seine Jugend gereichte ihm auch zum Vorteil. „Es ist eigentlich sehr überraschend", erklärt eine Person, die früher eine Führungsposition bei MSMB hatte. „In der Welt der Hedgefonds gibt es nicht viel Altersdiskriminierung. Es ist im Grunde ein Sport für junge Menschen, denn die Arbeitsstunden sind verrückt. Mit 35 gilt man als alt."

Shkrelis grundlegende Strategie war es, gegen Biotech-Aktien zu spekulieren, während er auf der Finanz-Website Seeking Alpha Firmen schlechtredete, die er zum Scheitern bringen wollte. Dann spekulierte er im Februar 2011 gegen eine Firma namens Orexigen Therapeutics und verlor mehr als 7 Millionen Dollar, was er als „große, große Katastrophe" bezeichnet.

Sein Ruf litt im Juli 2012 weiter, als die Regierungs-Watchdog-Organisation Citizens for Reponsibility and Ethics in Washington (CREW) das Justizministerium bat, sein Online-Verhalten unter die Lupe zu nehmen, weil dieses die US-Behörde für Lebensmittelüberwachung und Arzneimittelzulassung FDA (Food and Drug Administration) beeinflusse. Die Direktorin von CREW, Melanie Sloan, sagte über Shkreli, er wirke „mehr daran interessiert, sich selbst eine goldene Nase zu verdienen, als bahnbrechenden medizinische Fortschritte den Weg zu bereiten."

Er weist diesen Vorwurf entschieden von sich und nennt Probleme mit geistigen Krankheiten in seiner Familie als den Grund für seinen Einstieg in die Pharma-Industrie. Shkreli sagt, es sei sein Wunsch gewesen, Menschen zu helfen, der ihn 2012 dazu gebracht habe, sich von der Spekulation gegen Biotech-Firmen abzuwenden und stattdessen die Firma Retrophin zu übernehmen. Plötzlich spielte er nicht länger mit Monopoly-Geld, um eine Handvoll Millionäre noch reicher zu machen, sondern sollte daran arbeiten, seltene genetisch bedingte Krankheiten zu heilen.

„Wenn es jemanden gibt, der es verdient hat, reich zu werden, dann der Typ, der einem sterbenden Kind hilft." —Martin Shkreli

Shkrelis neue Firma war ein Erfolg, doch der Vorstand enthob ihn im September 2014 seiner Position als CEO. Im Dezember jenen Jahres gab es bereits zwei Klagen gegen ihn. Ein Mann behauptete, Shkreli kaufe und verkaufe die Aktien seiner eigenen Firma entgegen der Regeln der Börsenaufsichtsbehörde; weiterhin behauptete eine Gruppe von Investoren, er habe „Unregelmäßigkeiten" verursacht, indem er MSMB-Investoren Retrophin-Geld ausgezahlt habe. Die erste Klage wurde nach einem Monat abgewiesen. Doch in dem zweiten Rechtsstreit, der noch andauert und stark an die behördliche Strafanzeige erinnert, wird behauptet, Shkreli habe die Börsenaufsicht belogen, als er ihr mitteilte, MSMB Capital habe 2,6 Millionen Dollar, während die Bank- und Börsenkonten der Firma fast leer waren.

Inmitten all dieser Geschehnisse enthüllte Shkreli im Februar 2015 sein nächstes Projekt, Turing Pharmaceuticals. Die Firma wurde mit drei Medikamenten gelauncht, die vorher Retrophin gehört hatten: ein Ketamin-Nasenspray für behandlungsresistente Depressionen, ein intranasales Oxytocin-Spray und ein Mittel gegen Bluthochdruck. Letzten August eignete sich Turing noch für 65 Millionen Dollar das Mittel gegen Toxoplasmose Daraprim an. Daraufhin erhöhte Shkreli den Preis von einem Tag auf den nächsten von 13,50 Dollar pro Tablette auf 750 Dollar. Shkreli behauptet, dies sei nötig gewesen, weil ein Medikament gegen etwas, an dem jährlich ein paar Hundert Menschen in den USA sterben, ansonsten keinen Profit abwerfe.

Einerseits kann sich Shkreli philosophisch geben, wie er es mir gegenüber tat, und etwas vom „Rätsel der Medizin" und seinem Wunsch, Menschen zu helfen, erzählen. Andererseits hat er aber Vanity Fair gegenüber gesagt, er sei auf Biotech umgestiegen, weil Hedgefonds nicht lukrativ genug gewesen seien. Es ist auch diese Sicht der Dinge, die ihn im Dezember dazu brachte, öffentlich zu erwägen, ob er die 2 Millionen Dollar Kaution des inhaftierten Rappers Bobby Shmurda bezahlen sollte—doch nur, wenn der Rikers-Island-Häftling dafür ein paar Tracks aufnahm. Er will Menschen helfen, doch er scheint entschlossen zu sein, das auf eine Art und Weise zu machen, die in erster Linie Martin Shkreli hilft.

Oder, wie er es formuliert: „Weißt du, wenn es jemanden gibt, der es verdient hat, reich zu werden, dann der Typ, der einem sterbenden Kind hilft."

David Kimberlin hatte einen Monat Zeit, Daraprim zu beschaffen. Seine Patientin, eine schwangere, mit Toxoplasmose infizierte Frau, hatte ihren Entbindungstermin im September. Doch im August erfuhr der 52-jährige Arzt, der an der University of Alabama in Birmingham arbeitet, von der Preiserhöhung: Eine Behandlung, die ihn normalerweise 54 Dollar im Monat gekostet hatte, belief sich nun auf mindestens 3.000 Dollar. Babys, die mit Toxoplasmose auf die Welt kommen, müssen etwa ein Jahr lang behandelt werden, womit der absolute Mindestpreis dieser Therapie bei etwa 70.000 Dollar lag. Zum Glück fand Kimberlin in einer Apotheke noch einen bereits vorhandenen Vorrat—ein Zufall, der laut Kimberlin dem Baby das Leben rettete.

Da mehrere solcher Geschichten kursierten, schickte die HIV Medicine Association einen Brief an Turing. „Diese Kosten sind angesichts der besonders gefährdeten Patientengruppe, die dieses Mittel benötigt, nicht gerechtfertigt und auch für das Gesundheitssystem nicht haltbar", hieß es darin.

„Wir haben so etwas ehrlich gesagt vorher nie getan", sagte mir die stellvertretende Direktorin der Organisation, Andrea Weddle. „Aber das hier ist für uns wirklich zur Priorität geworden." Turing antwortete mit einem Brief, in dem es hieß, viele Patienten würden Daraprim zu einem extrem günstigen Preis erhalten und es sei „für uns sehr wichtig, sicherzugehen, dass Patienten Zugang zu Daraprim haben".

„Es stand nicht viel drin", sagte Weddle über den Antwortbrief, der von der CCO der Firma, Nancy Retzlaff, unterzeichnet war. Da für die Mitglieder der HIV Medicine Association klar schien, dass Shkreli auf Bitten um eine Preissenkung nicht reagieren würde, starteten sie einen Blog und ein E-Mail-System, über welches Mediziner Probleme bei der Beschaffung von Daraprim melden konnten. Am 26. Januar teilte mir Weddle mit, sie habe aus mindestens 21 Bundesstaaten 40 Zuschriften erhalten. Darunter seien Anekdoten von Ärzten und Ärztinnen gewesen, die gezwungen waren, alternative Behandlungen für ihre Patienten zu suchen, die keine Klinik oder Praxis für ihre Patienten finden konnten, und die sogar Patienten empfohlen hatten, sich im kanadischen Ausland gesundheitlich versorgen zu lassen.

Besonders verstörend war die Geschichte einer Ärztin, die erzählte, dass die Fachapotheke des Drogerie-Riesen Walgreens—das einzige Geschäft, das Daraprim verkauft—am Wochenende geschlossen sei. Sie hatte an einem Montag und auch am Dienstag sechs Mal angerufen und versucht, die Dringlichkeit ihres Anliegens zu erklären, doch es war ihr nicht möglich gewesen, einen Menschen ans Telefon zu bekommen. Als es ihr doch endlich gelang, sagte die Person ihr, die Firma müsse direkt mit der Patientin sprechen—die jedoch nicht sprechen konnte, weil ihre Toxoplasmose so schlimm war. Schließlich war die Ärztin in ihrer Suche erfolgreich, doch der Weg dorthin war offensichtlich traumatisch.

„Ich habe wirklich alles Menschenmögliche getan, um ihr das Mittel so schnell wie möglich zu besorgen, und es hat 4,5 Tage gedauert", schrieb sie. „Wir zahlen dafür 750 Dollar pro Tablette, da sollte man doch meinen, dass Walgreens es sich auch leisten kann, am Wochenende geöffnet zu haben, wenn es schon die einzige Quelle für dieses lebenswichtige Medikament ist."

Es spricht für Shkreli, dass er den Blog anschrieb und seine Handynummer hinterließ, mit der Aufforderung, wer Probleme bei der Beschaffung von Daraprim habe, solle ihn kontaktieren. In der Zeit, die ich mit ihm verbringe, sagt er mir häufig, er gebe die Tabletten allen, die sie sich nicht leisten könnten, gratis. Doch Patienten, die mit Toxoplasmose kämpfen, sagen, die nötigen Schritte für eine solche Gratisversorgung seien zu kompliziert für Menschen, die an einer Krankheit leiden, die das Denkvermögen beeinträchtigt, und die zudem noch sehr häufig obdach- und mittellos sind.

„Es ist so viel schwieriger, all diese Hürden zu überwinden, als sich die Durchschnittsperson das vorstellt", sagt Abigail Schanfield, eine 24-Jährige aus Minneapolis, bei der im Oktober eine Hirn-OP durchgeführt wurde und die als Kind die Diagnose der angeborenen Toxoplasmose erhielt. „Wenn du es dir nicht leisten kannst, musst du lauter Formulare ausfüllen, um es gratis zu bekommen, und das ist ein weiteres Hindernis."

Die Preiserhöhung durch Turing bringt einen größeren, verstörenden Trend auf dem Generika-Markt in den Fokus, auf den sowohl der US-Senat als auch das Repräsentantenhaus bereits aufmerksam geworden sind.

In den USA gehören die Rechte an einem Medikament für gewöhnlich 20 Jahre lang den Entwicklern. Danach dürfen andere Firmen generische Versionen entwickeln, was die Preise nach unten treibt und ehemals seltene Medikamente erschwinglich werden lässt. Zumindest soll es so sein. Das Problem ist, dass die Generika-Hersteller in den letzten fünf bis zehn Jahren fusioniert sind und die Firmen nun derart groß sind, dass sie immer geringeres Interesse daran haben, Produkte herzustellen, die nicht von vielen Patienten gebraucht werden und somit nicht viel Umsatz bringen.

„Eine große Firma kann nicht einfach Hunderte verschiedene Mittel herstellen", erklärte mir Gerard Anderson, der Direktor des Center for Hospital Finance and Management an der Johns Hopkins University School of Medicine. „Für eine 10 Milliarden Dollar schwere Firma ergibt ein 10-Millionen-Dollar-Produkt keinen Sinn. Man kann keine tausend verschiedenen Produkte haben und managen." Kleinere Firmen können es sich hingegen leisten, in die Entwicklung von Arzneien zu investieren, die keine riesigen Profite generieren werden.

In den letzten paar Jahren ist einer Handvoll spezialisierter Pharma-Firmen aufgegangen, dass sie enorme Gewinne erzielen können, wenn sie sich selten gebrauchte Mittel schnappen, für die es keine generischen Konkurrenten gibt und vermutlich auch nie geben wird. Sie können die Preise anziehen, weil sie ein Monopol haben. Barry Werth, ein Autor und Biotech-Experte, sagt mir, dieser Augenblick sei in der Geschichte der Pharma-Industrie „so einzigartig, wie Donald Trump als führenden republikanischen Präsidentschaftskandidaten zu haben".

Es gibt mehrere haarsträubende Beispiele dieser Vorgehensweise, die nichts mit Martin Shkreli zu tun haben. Tatsächlich wurde diese Methode von einer Firma namens Valeant erfunden, die fünf Jahre lang Verluste machte, bis ein Unternehmensberater 2007 der Firmenleitung sagte, die 20 Prozent der Einnahmen, die von Pharma-Firmen für gewöhnlich in die Entwicklung neuer Medikamente investiert wird, seien zu hoch. Dieser Berater, J. Michael Pearson, schlug vor, das Budget zu kürzen, weil die Entwicklung neuer Mittel nicht genug Geld einbrachte. Im darauffolgenden Jahr wurde Pearson CEO von Valeant und verwandelte die Firma in eine Profitmaschine, indem er Forscher entließ und die Preise bereits zugelassener Medikamente erhöhte. Zwischen 2009 und 2015 erhöhte Valeant den Preis eines Mittels gegen kutanes T-Zell-Lymphom von 1.687 Dollar auf 30.320 Dollar.

Andere Firmen folgten Valeants Methode. Rodelis Therapeutics erhöhte letzten August den Preis eines Tuberkulose-Medikaments um 2.600 Prozent; im selben Monat kaufte Turing Daraprim und erhöhte den Preis um 5.000 Prozent.

Rodelis kehrte seine Preisstrategie im September angesichts der öffentlichen Empörung wieder um; Shkreli sagte letzten November, er würde dies ebenfalls tun, hielt sein Wort später jedoch nicht. Sein Argument lautet inzwischen, er investiere sein Geld in Forschung und Entwicklung, um eine sicherere Version von Daraprim herzustellen. Das Mittel ist seit seiner Zulassung durch die Food and Drug Administration 1953 nicht verändert worden. Im November führte er eine Gruppe an, die eine Mehrheit der Anteile einer weiteren Firma namens KaloBios kaufte, und verkündete, die Firma werde den Preis eines Mittels gegen eine weitere parasitäre Erkrankung, die Chagas-Krankheit, erhöhen.

„Ich meine, ganz ehrlich, Martin ist für uns alle ein Weichensteller", sagte Stephen Thomas, ein leitender Forscher und „Medikamentenerfinder" (wie Shkreli ihn nennt) bei Turing. „Wir reden mit führenden Forschern. Das sind Leute, die ihr ganzes Leben einer Krankheit gewidmet haben. Wir sagen ihnen, was wir tun, und sie sind ganz außer sich. Keine andere Firma arbeitet an diesen Krankheiten und diese Patienten haben keine Medikamente, keine Hoffnung—und wir machen diese Arbeit." (Thomas bemerkt auch, dass er diesen Monat einen schönen Datensatz zu einem neuen Mittel bekommen hat, mit dem man Toxoplasmose behandeln können soll, ohne Patienten dabei krank zu machen.)

„Er sollte Würfelspiele im Casino spielen, anstatt zu behaupten, er würde etwas für die öffentliche Gesundheit tun." —Barry Werth

Turing hat bisher keine neuen Medikamente auf den Markt gebracht, doch es gibt nicht viele Biotech-Firmen in der Preistreiberbranche, die sich derart bemühen. Letzten Oktober belief sich das Forschungs- und Entwicklungsbudget bei Valeant auf nur drei Prozent des Umsatzes. Shkreli hat öffentlich behauptet, den Großteil von Turings Umsätzen—60 Prozent—in die Entwicklung neuer Arzneien zu investieren, und gesagt, seine Firma mache deswegen Verluste.

Dennoch sagen Experten, dass wir seiner neuen Geschichte skeptisch gegenüberstehen sollten. Sie weisen darauf hin, dass neue Mittel in den frühen Stadien der klinischen Studien nur sehr geringe Erfolgschancen haben und dass es meist etwa ein Jahrzehnt dauert, bevor sich eine neue Arznei auszahlt.

Somit bleibt noch jede Menge Zeit für Preistreiberei, bevor Turing anfängt, Leben zu retten.

„Das ist seine neue PR-Strategie, und sie ist total angetrieben von Wall-Street-Denken", sagt Werth. „Er war zuversichtlich genug und hat herausgefunden, wie er Investoren beeindrucken und jede Menge Geld verdienen kann. Wir reden hier von einem Mann, der sich damit einen Namen gemacht hat, dass er gegen Biotech-Firmen spekuliert hat, und das ist einfach, denn viele von ihnen gehen pleite. Er sollte Würfelspiele im Casino spielen, anstatt zu behaupten, er würde etwas für die öffentliche Gesundheit tun."

Werth ist nicht der einzige, der überzeugt ist, dass die Medizin in der heutigen Zeit eine Wall-Street-Mentalität entwickelt hat. Am 9. Dezember führten die US-Senatorinnen Claire McCaskill und Susan Collins eine Untersuchung des Trends an, wobei Collins anmerkte, Firmen wie Valeant, Retrophin, Rodelis und Turing sähen „mehr wie Hedgefonds denn wie pharmazeutische Unternehmen aus". Und auch wenn diese Vorgehensweise im Fall Valeant bereits seit Jahren eingesetzt wird, ist Shrekli nun zu ihrem Gesicht geworden. Senatorin McCaskill nannte Shrekli bei der Anhörung „Mr. Wu-Tang", ihre Stimme vor Verachtung triefend.

„Mit hohen Medikamentenpreisen kommt man davon, wenn man es richtig anstellt", sagt Werth. „Wenn er den Preis um das Dreißigfache erhöht hätte und nicht um das Fünftausendfache [sic], dann wäre er vielleicht damit durchgekommen."

Heutzutage entfernt sich Shkreli selten mehr als zehn Blocks von seiner Wohnung in Manhattan. Als wir am globalen Hauptquartier von Pfizer vorbeilaufen, erzählt er mir, wie er früher immer Basketbälle gegen die Fassade geworfen und sich mit dem Sicherheitspersonal gestritten habe. Dabei stellt er seinen Hass auf Big Pharma als die treibende Kraft hinter seiner kleinen Firma dar—der Millionär als Underdog.

„Ich hätte kein Problem damit, da jetzt reinzugehen und sie anzupöbeln", sagt er mir. „Große Pharma-Firmen verstehen die Welt nicht. Sie führen die Firmen nur für sich, und wenn sie dabei Medikamente herstellen, dann ist das Zufall. Es ist unsere heilige Mission, großartige Medikamente herzustellen. Und was wir mit Daraprim gemacht haben, ist nun mal passiert. Letzten Endes sind unsere Bemühungen und unsere Herzen am rechten Fleck."

Er trägt ein Band-Shirt mit der Aufschrift „Google Chemtrails", ein Paar Armani-Jeans, die von seinen knochigen Hüften hängen, und eine dünne Sportjacke, obwohl die Temperatur knapp unter dem Nullpunkt liegt. Shkreli scheint hier auf dem Gehweg unter all den Touristen und Anzugträgern so gut wie anonym, auch wenn ein Mann stehenbleibt und ruft: „Free Shkreli!"

„Ich bin nicht nur der Heel der Musikwelt", sagt er. „Ich will der Heel der ganzen Welt sein."

Wir kehren in seine Wohnung zurück, wo er eine Magnum-Flasche Bordeaux öffnet, die laut ihm 15.000 Dollar gekostet hat. Er rollt auf einem Hoverboard über seinen Vinylfußboden und nimmt dabei 120-Dollar-Schlucke. Nachdem ich mich auf dem Hoverboard furchtbar dumm angestellt habe und ihm beim Herunterfallen aufs Auge geschlagen habe, setzen wir uns und sprechen über seinen Alltag. Er ist nicht länger CEO von Turing (auch wenn ihm die Firma noch gehört) und wurde als Chef von KaloBios gefeuert. Was macht er also den lieben langen Tag?

Shkreli sagt, er gehe ins Büro, spiele Schach, lese wissenschaftliche Fachbücher und sei entweder in seiner Wohnung, seinem Büro oder auf seinem Livestream zu finden. Aufgrund des bevorstehenden Gerichtsprozesses darf er sich nicht weiter entfernen als das vorstädtische Westchester County (wo er mit Freunden Silvester gefeiert hat). Auch in seinen Heimatbezirk Brooklyn fährt er selten. Während das Wu-Tang-Album im Hintergrund läuft, erzählt Shkreli, er schwanke zwischen dem Wunsch, die Platte zu zerstören, und dem Traum, damit an einem entlegenen Ort eine Installation zu machen, sodass die Leute eine Pilgerreise unternehmen müssten, um sie zu hören. „Ich bin nicht nur der Heel der Musikwelt", sagt er. „Ich will der Heel der ganzen Welt sein."

Er erzählt mir außerdem, er wisse, dass der neu ernannte US Attorney Robert Capers ihn aufgrund seines Rufs zu seinem ersten großen Fall gemacht habe—auch wenn die Anklage wegen Anlagebetrug nichts mit Turing zu tun hat und die Ermittlungen schon begannen, bevor Shkrelis Name jedem ein Begriff war.

„Das hier ist ihr verdammtes Rampenlicht", sagt Shkreli über die Behördenvertreter. „Das hier ist ihre Chance, Götter zu sein, ein Rockstar zu sein, oder was auch immer—gefeiert eben." (Eine hörbar verärgerte Sprecherin des US Attorney's Office in the Eastern District of New York lehnte es ab, für diesen Artikel einen Kommentar abzugeben.)

Er fügt hinzu, es sei unmöglich, dass sein Vorgehen dem Schneeballsystem entspräche, immerhin hätten die Leute, die er mit Retrophin-Aktien entschädigt habe, auch Gewinn gemacht: „Im Grunde wurden Menschen möglicherweise getäuscht, sodass sie viel Geld verdient haben."

Er hat einen ähnlichen Groll auf die Kongressabgeordneten, die ihn im Vorfeld ihrer Ermittlungen bezüglich pharmazeutischer Preistreiberei gebeten hatten, bei einer Anhörung auszusagen, die angesichts der heftigen Schneestürme im Osten der USA verschoben wurde. „Politiker werden gewählt, wenn sie sich die Bösewichte vornehmen", sagt Shkreli. „Und jemand hat sich gesagt: ‚Er hier ist der Bösewicht, also muss ich ihn mir vorknöpfen.'"

Obwohl der Himmel sich aufgetan und ihm noch etwas Bedenkzeit geschenkt hat, ist noch immer unklar, ob er sich dafür entscheiden wird, dem Kongress seine Geschichte zu erzählen oder sich einer Missachtung des Kongresses schuldig zu machen.

„Ich schätze, ich kann keine nette Art finden, das zu sagen: Es ist nicht mein Job, Leuten beizubringen, wie Medikamente funktionieren", sagt er mir. „Das klingt jetzt gemein, aber wenn sie das System nicht verstehen wollen, warum ist es dann an mir zu verstehen, wie ihr System funktioniert? Das sollte so nicht sein."

Es wirkt aktuell unwahrscheinlich, dass Shkreli vor dem Kongress etwas anderes sagen wird, als dass er von seinem im fünften Verfassungszusatz verankerten Recht der Auskunftsverweigerung Gebrauch macht. So viel hat sein Anwalt immerhin schon mitgeteilt, und da zusätzlich zu dem Gerichtsverfahren auch noch die Verbraucher- und Wettbewerbsüberwachungsbehörde FTC gegen ihn ermittelt, wäre es wohl nicht besonders weise, wenn Shkreli den Strafverfolgern mehr Material liefert.

Andererseits geht es hier um einen Mann, der reiche Menschen davon überzeugt hat, ihm Geld zu geben, der seine Geschäftsmethoden in sozialen Netzwerken verteidigt hat, als die ganze Welt ihn bereits für diese Methoden hasste, und der absolut jedem, der fragt—Fans, Feinde, Journalisten—stundenlang jede Frage beantwortet und das ganze System erklärt. Wenn er sich in Washington vor einem Publikum an ein Mikrofon stellt, wird er dann überhaupt die Klappe halten können?

Alle Fotos von Bobby Viteri. Bald gibt es auf VICE.com auch noch ein Video-Interview mit Martin Shkreli.

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