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Popkultur

Ich habe mir alte deutsche Talkshows nochmal angesehen, um die Welt zu verstehen

Wenn du dich mit den abscheulichen Abgründen der 90er und 00er auseinandersetzen willst, führt kein Weg am damaligen Nachmittags-TV-Programm vorbei.

von Tori Reichel
19 Januar 2016, 5:00am

Grafik von VICE Media, Screenshots via Youtube

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Warum würde sich jemand freiwillig ausgerechnet jene TV-Sendungen noch einmal ansehen, die im allgemeinen Konsens als eine der niveauloseste Sachen gelten, die jemals im deutschsprachigen Fernsehen ausgestrahlt wurden? Nun, darauf gibt es eine relativ einfach Antwort:

Unser Gehirn funktioniert ja so, dass wir aus einer bestimmten Zeit eher die positiven Dinge in Erinnerung behalten. Deshalb verbinde ich die 90er eher mit schönen Kindheitserinnerungen, guten Musikvideos und meiner Lieblingsfolge vom Prince von Bel Air als mit Andreas Türck, Vera Int-Veen oder Oliver Geissen. Wenn du diese Zeit aber wirklich noch einmal von ihrer räudigen, ungeschönten Seite erleben möchtest, inklusive all der menschlichen und gesellschaftlichen Abgründe, dann führt kein Weg am Reality-Nachmittagsprogramm der deutschen Privatsender vorbei. Und manchmal muss man sich der Wirklichkeit eben einfach stellen.

Daily Talkshows sind ohne Frage die Mutter von all dem, was im Volksmund heute allgemein als „Trash-TV" bezeichnet und gehasst oder geliebt wird (oder in den meisten Fällen vermutlich beides gleichzeitig). Rund um die Jahrtausendwende war dieses Format ein derartiger Einschaltquotengarant, dass sich das deutsche Fernsehen zu einer regelrechten Talkshow-Orgie entwickelte.

Zwischenzeitlich liefen über ein Dutzend dieser Redesendungen parallel: Da waren Arabella, Franklin, Sonja Zietlow, Bärbel Schäfer, Schlegel, Andreas Türck, Vera am Mittag, Britt oder die Oliver Geissen Show, um nur einige zu nennen. Ich habe versucht, alles, was man davon online findet, noch mal anzuschauen und zumindest ein Stück weit in die etwas verstörende Fernseh-Realität meiner Grundschul- und Unterstufenzeit einzutauchen. Und ich habe dabei ein paar Lektionen gelernt.

Die Gestörtheit der Gäste war erschreckend authentisch

Dem Nachmittagsprogramm von Privatsendern eilt ja gerne der Ruf voraus, dass an den Inhalten nichts, aber auch gar nichts echt oder dem Zufall überlassen ist. Diesen Ruf verdankt es vor allem den Scripted-Reality-Sendungen, die sich ab dem Millennium immer mehr durchsetzen und den dazugehörigen Laien-Darstellern, deren schauspielerische Leistungen oft nicht über jene eines 8-Jährigen beim Krippenspiel in der Schule hinausgehen.

Ich hätte aber fast vergessen, dass die Talkshows, die der Ära davor entstammen, im Prinzip das komplette Gegenteil davon waren. Die persönlichen Dramen, die sich da jeden Nachmittag vor Millionen von Fernsehzuschauern abspielten, wirken derart real, dass man beim Zuschauen wahlweise lachen, weinen, davonlaufen oder ein bisschen kotzen möchte.

Nennt mich naiv, aber ich traue nicht einmal dem dämonischsten TV-Autor zu, dass er eine Frau dazu auffordert, vor einem Millionenpublikum so zu tun, als wäre es ihr Hobby, im großen Stil Zehennägel fremder Menschen zu sammeln. So etwas denkt man sich nicht aus. Nicht einmal der Teufel höchstpersönlich.

Talkshow-Studios waren die Gladiatoren-Arenen des kleinen Mannes

Die deutschen Gäste waren in ihrer Durchgeknalltheit zwar noch einen guten Schritt von den Gästen in den US-Talks à la Jerry Springer entfernt, aber wäre es wie in den amerikanischen Shows geduldet gewesen, seinem Kontrahenten mit einem beherzten Schlag in die Fresse von der Bühne zu fegen, hätte der eine oder andere Gast von dieser Möglichkeit mit Sicherheit Gebrauch gemacht.

Eigentlich ist das Erstaunlichste, dass sich über Jahre hinweg genügend Leute fanden, die bereit waren, ihre Konflikte vor den Augen von Millionen auszutragen. Von Britt wurden 2112 Episoden ausgestrahlt, meiner kleinen Überschlagsrechnung nach bedeutet das mehrere zehntausend Gäste, in dieser einen Sendung alleine. Bei Arabella waren es laut dem Fernsehlexikon über 30.000 Gäste. Sich in Talkshows zum Affen zu machen, muss einige Jahre lang ein verdammter Volkssport gewesen sein.

Natürlich konnte dieser ganze Wahnsinn auch nur funktionieren, weil alle Beteiligten—die Gäste, der Talkmaster, das Publikum—wussten, was von ihnen erwartet wurde. Und das war eben ein Mix aus Intrigen, dummen oder unsympathischen Gemeinplätzen, gegenseitigen Beschimpfungen (am besten zwischen Familienmitgliedern oder zumindest zwischen Freunden) oder Sexanspielungen in irgendeiner Form.

Das Millennium war die modische Apokalypse

Man tut heute ja oft so, als wären die 90er ein modisches Eldorado gewesen, weil dieses Jahrzehnt die Grundlage für so ziemlich jeden Trend ist, der sich momentan wieder durchsetzt. Aber auch wenn mein Gehirn es mir manchmal einzureden versucht: Die Leute damals haben definitiv nicht alle ausgesehen wie Gwen Stefani oder Will Smith. Die bittere Wahrheit ist, dass der durchschnittliche Bürger eher ausgesehen hat wie ein Kindergartenkind, das sich zum ersten Mal selbst sein Outfit zusammenstellen darf.

Arabella selbst war zwar zugegeben oft wie ein verloren gegangenes Spice Girl gekleidet, aber die Outfits der Gäste holen einen schnell auf den Boden der modischen Tatsachen jener Zeit zurück. Wirklich drastisch wird das Ganze stiltechnisch erst in den frühen 00er Jahren. Die Vorstellung, dass die Modetrends von 2003 mit ziemlicher Sicherheit in ein paar Jahren in einer alles zerstörenden Retrowelle zurückkehren werden, macht mir ganz ehrlich Angst.

Wer auch immer manche der Intros zu verantworten hat, wird in die Hölle kommen

Sicher, schwarze Typen mussten im Unterhaltungsfernsehen der 90er eigentlich fast immer einen kleinen Rap-Part einlegen oder zumindest lässig mit den Armen herumfuchteln. Immerhin war es das Jahrzehnt von Mr. President und Dr. Alban. Das Intro des Sat1-Talkmasters Ricky bringt einen heute aber trotzdem noch ein wenig zum Staunen:

Die Zahl der Gäste, die später zu rap-Stars wurden, ist bedenklich hoch

Nicht nur Frauenarzt oder Farid Bang waren schon vor ihrem Durchbruch bei Talkshows zu Gast, um inhaltlich eigentlich genau das Gleiche von sich zu geben wie in ihren Songs auch. Schon Bushido hat uns bewiesen, dass aus dir auch noch etwas werden kann, wenn du mit Anfang 20 noch bei Schlegel auf der Couch gesessen bist und der Welt erklärt hast, warum es so viel Reiz hat, mit seinen Kumpels in den Puff zu gehen.

Die Diskussionen waren trotz unendlich viel Sex eigentlich ziemlich prüde und konservativ

Dass die Themenwahl der Talkshows damals auf manch einen gewirkt haben muss, als stünde der komplette moralische Verfall der westlichen Zivilisation endgültig ins Haus, kann ich mir durchaus vorstellen. Wie diese vermeintlich kontroversen Themen diskutiert wurden, war dabei rückblickend aber ganz und gar nicht so unkonventionell.

Es geht zwar in gefühlt jeder dritten Geschichte um vermeintliche Nymphomaninnen oder Rotzlöffel mit Gel-Frisuren, die stolz erklären, dass sie monatlich ein Dutzend Frauen bumsen. Im Regelfall steigen aber eben jene Gäste, die offen zugeben, sexuell freizügig zu sein, besonders schlecht aus. Das ist tatsächlich immer dann genugtuend, wenn kleine Machos die Abreibung bekamen, die sie eh verdienten.

Ein offenerer oder freizügiger Umgang mit Sex wurde mit diesen Shows aber ganz sicher nicht gutgeheißen. Das Publikum entwickelte sich bei solchen Gästen fast immer zu einem buhenden Mob, und meistens meldete sich dann jemand aus dem Publikum zu Wort und erklärte, dass so eine Rumhurerei ekelhaft wäre, weil Sex doch in Wirklichkeit mit Liebe verbunden sein müsse, wofür er dann vom restlichen Publikum tobenden Beifall erntete.

Mit alternativen Lebensmodellen hatten sie es in den Talkshows sowieso nicht so wirklich: Der vielleicht schönste Fremdschäm-Moment, den ich beim Britt-Schauen hatte, war der, als Wölfi Wendland—Sänger der Punkband die Kassierer—zu Gast war, um ihr und ihren Gästen zu erklären, dass er Arbeitengehen scheiße findet und sie alle auf ziemlich unterhaltsame Weise für komplett dumm verkaufte. Selten hat man so viele vor den Kopf gestoßene Gäste (inklusive Moderatorin) auf einem Haufen im Fernsehen gesehen:

So oder so—wirklich unterhaltsam wurde es immer dann, wenn die Gäste offensichtlich echt waren und damit auch ihre Aufregung, Wut, Dummheit oder einfach nur die Absurdität von dem, was sie erzählten, besonders schmerzhaft nah an dem, was jeder vom Weihnachtsessen mit der eigenen Familie kennt, waren.

Ohne diese beklemmende Glaubwürdigkeit hätten diese Sendungen wohl nie den zweifelhaften Kultstatus erreicht, den sie noch heute haben, und von denen die Scripted-Reality-Sendungen des heutigen Nachmittagsprogramms nur träumen können.

Ich persönlich würde fast so weit gehen, zu sagen, dass Daily Talkshows das beste Sozialporno-Fernsehen aller Zeiten waren. Klar, die Schlüsselloch-Blicke in fremde Familien und skurrile Beziehungen gibt es im Fernsehen immer noch. Aber heute steht die Off-Stimme des Senders (Bauer sucht Frau, Schwiegertochter gesucht) und die Belustigung des Publikums (Ich bin ein Star, holt mich hier raus) im Vordergrund. Damals gab es diese Dinge zwar auch, aber im Zentrum standen die Menschen, die zum ersten Mal—lange vor Facebook—in der Öffentlichkeit reden durften und ihre absurdesten Wünsche mit einem gewissen Stolz im Fernsehen vertraten. Und wenn einige Fälle doch gestellt waren, dann zumindest besser als in allen heutigen Scripted-Reality-Sendungen zusammen.

Tori auf Twitter: @TorisNest

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