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Vice Blog

Wir haben mit dem Macher des Kopftuch-Shops auf der Website hc-strache.at gesprochen

Noch bevor auch nur ein Kopftuch verkauft wurde, ist hc-strache.at zu einem Symbol für Meinungsfreiheit und Demokratie geworden.
25.1.16

Screenshot via hc-strache.at

Es gibt wohl kaum einen österreichischen Gegenwartspolitiker, der mehr polarisiert als Heinz-Christian Strache. Seine Imageberater und er selbst überlassen, wie es scheint, nichts dem Zufall und verschaffen ihm, durch markige Sprüche und kernige Schlagworte, regelmäßig die Aufmerksamkeit und den Zuspruch einer breiten Öffentlichkeit, auch über die Grenzen Österreichs hinaus.

Auf der Webseite hcstrache.at inszeniert sich der Bundesparteiobmann der FPÖ, als „durchsetzungsstark, menschlich, patriotisch, visionär und kraftvoll." Strache ist längst nicht nur mehr ein Name, sondern steht, unter anderem, für einen politischen Kurs. „HC Strache", wie er sich selbst nennt, ist ein Mythos, dessen Bedeutung wenig Spielraum für Interpretationen lässt.

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So war es zumindest, bis vor knapp einer Woche bekannt wurde, dass David Prieth aus Innsbruck hc-strache.at erworben hat. Die Website-URL unterscheidet sich nur durch einen einzigen Bindestrich von der des FPÖ-Obmanns, aber der Inhalt doch um einiges mehr. Weil seitens der FPÖ im Allgemeinen und Heinz-Christian Straches im Speziellen versäumt wurde, diese Webdomain zu schützen, steht hc-strache nun für die Abkürzung „Haute Couture STRAssenCHEfin" und dient als Verkaufsportal für Kopftücher und Bandanas.

David Prieth, der Sohn einer Tirolerin und eines Kongolesen, betont auf der Startseite von hc-strache.at, dass „Ähnlichkeiten mit sonstigen Einrichtungen und/oder Personen […] nicht intendiert und rein zufälliger Natur" seien. Ob zufällig oder nicht—zumindest indirekt sagt das Label haute couture -straßenchefin.at dem Mythos Strache, so wie man ihn kannte, den Kampf an.

Ich habe mich mit David Prieth getroffen und durfte ihn zum Anstoß seines Kaufs, dem künftigen Zweck und Inhalt der Domain, zu Fremdenhass, Rassismus, der Rolle des Internets in diesem Kontext und seinen persönlichen Erfahrungen mit Xenophobie befragen. Gleich zu Beginn unseres Gespräches gab er an, dass er keinerlei Auskunft zu Personen oder Institutionen, deren Namen zufällig an jenen der Webdomain erinnern, geben werde.

David Prieth hat vergleichende Literaturwissenschaften, Amerikanistik und Anglistik an der Universität Innsbruck studiert und arbeitet derzeit als Kulturschaffender und Veranstalter in Innsbruck. Darüber hinaus kreischt er sich in der Harsh-Noise-Gruppe „KREUZ 17" die Seele aus dem Leib und ist Initiator des Musikvideokanals „tummelplatz" und anderen (Kultur-)Projekten.

Foto: onnola | flickr |Hochformat

Der Kopftuch-Onlineversand unter der Domain hc-strache.at kommt zu einer Zeit, wo man ihn durchaus als sarkastische Antwort auf ein von Strache kürzlich angesprochenes Problem verstehen könnte.

Dieser meinte am 16. 1. 2016 beim Neujahrstreffen der FPÖ: „Ich will wieder eine Gesellschaft, wo Frauen und ältere Menschen Tag und Nacht sich sicher und frei auf unseren Straßen bewegen können und nicht Angst haben müssen, überfallen zu werden. […] Und diese Frauenfeindlichkeit und Verachtung, die wir hier erlebt haben, ist leider islamistisch begründet, weil sie sich gegen ungläubige Frauen richtet, die, wenn sie kein Kopftuch und keine Verschleierung tragen, oftmals als Schlampen und Huren beschimpft werden, wie das in Köln der Fall war."

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Strache hat Recht, was die Freiheit der Frau in unserer Gesellschaft betrifft, aber seine Aussage wirkt für viele auch zynisch, weil sie nahelegt, dass ausschließlich muslimische Männer für sexuelle Belästigungen in unserer Gesellschaft verantwortlich sind, und dass ohne diese Migranten Gewalt gegen Frauen längst der Vergangenheit angehören würde. Das stimmt so aber schlichtweg nicht.

David Prieth gibt mit seiner (Kunst-)Aktion einen Anstoß für den Dialog. Ob infolge dieser Aktion der Mythos „HC Strache" einen anhaltenden Wandel erlebt, sei dahingestellt. Noch bevor auch nur ein Kopftuch verkauft wurde, ist hc-strache.at jedenfalls zu einem Symbol für Meinungsfreiheit und Demokratie geworden. Politikverdrossen war gestern.

VICE: Wie bist du auf die Idee gekommen diese Domain zu erwerben? Wie kam der Kauf letztlich zu Stande?
David Pieth: Ich hatte gelesen, dass beispielsweise die Domain hundstorfer.at von zwei Oberösterreichern reserviert wurde, als sie bemerkten, dass diese noch nicht vergeben war. Und auch die Webdomain khol2016.at wurde frühzeitig gekauft und dient nun als Plattform für die Initiative Ehe-gleich. Ich empfand diese Versäumnisse als äußerst fahrlässig, aber auch interessant und vor allem sehr amüsant. Alsosurfte ich auf verschiedenen Webseiten herum und fand zu meinem Erstaunen heraus, dass die Domain hc-strache.at noch zu haben ist. Ich nutzte daraufhin die Gelegenheit und schlug spontan zu. Diese Domain ist zeitlos—also nicht an ein bestimmtes Jahr gebunden und daher noch wertvoller. Es ist mir ein Rätsel, warum diese Seite noch zu haben war, denn der finanzielle Aufwand ist nicht erwähnenswert—sie kostet mich gerade mal 30 Euro pro Jahr.

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Wusstest du sofort, was du mit der Domain anfängst?
Nein. Zunächst dachte ich mir nur, dass ich diese Domain unbedingt haben muss. Als ich sie dann hatte, teilte ich meinen FreundInnen auf Facebook meine Neuerwerbung mit und bat um kreative Ideen, womit sich die Seite beschäftigen könnte. Als ich am selben Abend mit einer Kollegin, die im Bereich Mode tätig ist, darüber sprach, kamen wir auf die Idee mit dem Bandana-/Kopftuchonlineshop. Sie wird in weiterer Folge auch für die Gestaltung der Bandanas/Kopftücher verantwortlich sein, will jedoch unerkannt bleiben. Der Name „Haute Couture STRAßenCHEfin" kam mir dann sehr schnell. Unter der Abkürzung hc-strache.at Kopftücher verkaufen—was gibt es Schöneres?

Unter welchen Umständen und zu welchem Preis würdest du die Seite wieder verkaufen?
Ich habe grundsätzlich nicht vor, die Seite wieder aus der Hand zu geben. Es müsste wirklich ein signifikanter Betrag bezahlt werden, den ich in weiterer Folge gezielt in ein soziales integratives Projekt fließen lassen könnte. Einfach so für ein paar 1000 Euro würde ich sie jedoch nicht abgeben. Es geht mir dabei aber ausdrücklich nicht um einen finanziellen Gewinn zu meinen Gunsten.

Auf — Paul Aigner (@pablodiabolo)20. Januar 2016

Du wurdest ja in zahlreichen Medien, unter anderem auch im ZIB Magazin erwähnt. Fürchtest du Anfeindungen oder Bedrohungen in Folge dieser Aktion? Welches Feedback hast du bisher bekommen?
Ja, ich glaube schon, dass sich nicht jeder darüber freut. Deshalb möchte ich auch, dass meine Kollegin nicht namentlich genannt wird. Aufgrund des Kaufs kann man meinen Klarnamen, meine Adresse und Telefonnummer im Netz abrufen. Ich rechne also schon mit Widerstand, Konfrontationen und verbalen Beleidigungen—alles andere wäre naiv. Man muss sich ja nur die Kommentare auf sozialen Medien, wie etwa Facebook, zu gewissen aktuellen Themen genauer ansehen und merkt schnell, dass die Nutzer in ihrer Ausdrucksweise bereits komplett verroht sind. Die verbale Aggressivität nahm im Netz zuletzt immer mehr zu. Bisher erhielt ich jedoch größtenteils Zuspruch und relativ wenige direkte Anfeindungen und Beleidigungen. Grundsätzlich möchte ich mich jedoch nicht einschüchtern lassen und noch viel weniger möchte ich aufgrund dessen die Aktion sausen lassen.

Was willst du mit dieser Webseite erreichen?
Das Kopftuch ist zu einem Symbol für den Islam geworden. Viele Menschen begegnen ihm derzeit mit Ablehnung und Angst. Es wird pauschal behauptet, dass sich Trägerinnen eines Kopftuches nicht in unsere Kultur integrieren wollen und dass es der Unterdrückung der Frau dient. Das Kopftuch wurde zum Streitthema und für mich sind diese Diskussionen exemplarisch für vieles was derzeit falsch läuft.

Ich möchte mit der Seite das Kopftuch auch außerhalb des Islams wieder rehabilitieren. Es hat in Österreich und ganz Europa eine lange Tradition. Es soll gezeigt werden, dass Kopftücher schmücken und in verschiedensten Kulturen präsent sind oder waren. Ganz egal ob Queen Elizabeth II, Ali G., Rocker und Biker, oder Audrey Hepburn—sie alle tragen oder trugen Kopftücher. Ich möchte auf dieser Basis einen interkulturellen Dialog starten, wobei für mich persönlich wichtig ist aufzuzeigen, dass in einer Demokratie jede bzw. jeder selbst entscheiden darf, was sie beziehungsweise er aus welchem Grund auch immer trägt. Die Seite ist also ein Versuch dem Zeichen „Kopftuch" wieder eine differenziertere Bedeutung zu geben. Ich glaube, dass sich viele Besucher auf die Seite „verirren" werden. Vielleicht ermöglicht ihr Inhalt jenen eine alternative Perspektive auf die Thematik. Die Idee mit dem Kopftuchversand ist im Idealfall nur der Anstoß für mehr—was genau, weiß ich noch nicht. Außerdem geht der Erlös des Onlineshops an integrative Flüchtlingsprojekte, nicht an mich.

Foto: Geoffrey Franklin | flickr | Audrey Hepburn rides a bike

Dein Vater stammt aus dem Kongo und deine Mutter aus Österreich. Die Themen Integration, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus beschäftigen dich also vermutlich schon seit deiner Kindheit. Welche Erfahrungen musstest du bisher mit Rassismus im Alltag machen und inwiefern hat sich der Diskurs verändert?

Ich bin in Tirolgeboren, aufgewachsen und verstehe mich auch als Tiroler—was auch immer das heißen mag. Trotzdem kam es mir schon als Kind so vor, als ob ich mich für mein Dasein hier rechtfertigen müsste. Die Themen Heimat und Fremdheit sind Zeit meines Lebens stets aktuell geblieben. Ich bin mit einer gewissen Skepsis und Anfeindungen mir gegenüber aufgewachsen und ich habe leider feststellen müssen, dass die Voreingenommenheit im Laufe der letzten beiden Jahre nochmals zugenommen hat. Besonders aufgefallen ist mir das bei meinen letzten Flugreisen, die ich mit meiner kompletten Familie unternahm. Ich wurde jedes Mal gesondert kontrolliert, musste Schweißtests machen, wobei festgestellt werden sollte, ob ich mit Schwarzpulver oder Drogen in Berührung gewesen war. Mein Pass wurde akribisch kontrolliert und zwar in Frankreich genauso wie in Deutschland oder Österreich. Was mich jedoch besonders kränkt, sind nicht mal rassistische Anfeindungen, sondern viel mehr wenn man mir mit Angst begegnet, wenn ich mich ganz normal in der Stadt bewege bzw. am Abend beim Ausgehen. Die Angst vor dem Fremden hat sicherlich zugenommen in den vergangenen Jahren.

Was würdest du dir in Sachen Widerstand gegen fremdenfeindliche Gedankengut von der Bevölkerung und den Politikern wünschen? Wird genug gegen Fremdenhass unternommen?
Es könnte immer noch mehr passieren. Aber ich muss auch anmerken, dass ich das vergangene Jahr, also seit die Flüchtlingsthematik im Zentrum der medialen und öffentlichen Aufmerksamkeit steht, viele tolle Projekte von kleineren Vereinen, Privatpersonen und Institutionen beobachten durfte, die die Willkommenskultur in Österreich und Europa hoch halten. Sprachkurse werden—genau wie andere integrative Projekte—in Eigenregie organisiert. Es passiert also was. Eine besonders effektive Handhabe in diesem Kampf ist meiner Meinung nach der Humor. Magazine wie Titanic und Charlie Hebdo schaffen es, dem Leser über den Umweg des Lachens den Schrecken und die Angst zu nehmen. Die humorvolle Annäherung an extremistische Haltungen machen diese lächerlich und dadurch auch weniger reizvoll für neue AnhängerInnen—niemand will gerne lächerlich sein.

Der (Galgen-)Humor soll auch auf hc-strache.at einen besonderen Stellenwert haben. Damit sehe ich mich auch in einer langen österreichischen Tradition. Man muss sich nur an die Lieder von Georg Kreisler oder Der Herr Karl von Helmut Qualtinger und Carl Merz erinnere. Die Politik—mit Ausnahme der rechten, konservativen Parteien—hat es bisher leider nicht geschafft, eine klare Linie beim Thema Flüchtlinge zu verfolgen. Die „Rechten" hingegen verwerten derzeit jegliche Negativmeldung zum Thema Flüchtlinge und Ausländer zu ihren Gunsten; siehe die Reaktionen auf die Vorfälle in Köln in der Silvesternacht. Plötzlich waren oder sind Frauenrechte interessant.

Titelbild via Facebook