Wurde die Karriere von Dan Bilzerian erst durch das schmutzige Geld seines Vaters ermöglicht?

Der Mythos des unabhängigen Playboys, der sich sein Traumleben selbst erschaffen hat, ist genau das: eigentlich nur ein Mythos.

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Aug. 28 2015, 4:00am

Dan Bilzerian gehört zu der Reihe an Prominenten, bei denen man nur schwer nachvollziehen kann, warum genau sie jetzt eigentlich berühmt sind. Die beste Möglichkeit, ihn zu „verstehen", besteht darin, ihm bei Instagram zu folgen (so wie es schon fast 12 Millionen Menschen tun) und in die Welt des bärtigen Manns mit breiter Brust einzutauchen. Dabei stößt man auf Fotos, wie er zusammen mit barbusigen Frauen aus seinem Privatjet steigt, wie er neben einem Löwen auf einem Thron sitzt, wie er vor einem malerischen Hintergrund ins Meer springt oder wie er mit einem Sturmgewehr nachdenklich durch einen Wald spaziert. All das findet man dort mit nur einem Scroll.

Bilzerians Instagram-Feed ist für Typen, die Erfolg einzig und allein in Form von Frauen, Waffen und Reichtum messen, im Grunde ein einziger Lifestyle-Porno. Diese Männer träumen auch davon, schnelle Autos zu fahren, professionell Poker zu spielen und als Stuntman zu arbeiten—all das hat Bilzerian übrigens schon getan. Der dauerhafte Bartträger gehört zu dem Schlag Mann, der einen Nachtclub-Auftritt bucht und dann behauptet, dass das Teil seines (vorgetäuschten) Präsidentschaftswahlkampfs ist. Er gehört zu den Leuten, die angeblich so intensiv feiern, dass sie mit noch nicht mal 35 Jahren schon zwei Herzinfarkte erlitten haben. Er gehört zu der Sorte Menschen, die versuchen, ihr eigenes Gesicht markenrechtlich zu schützen—Bilzerian hat am 19. Juni tatsächlich einen Antrag eingereicht, ein „eingerahmtes Porträt Dan Bilzerians mit dem stilisierten Wort ‚GOAT' im unteren Bereich des rechteckigen Rahmens" schützen zu lassen.

OK, das ist jetzt nicht hundertprozentig akkurat. Das Markenzeichen wurde eigentlich auf Blitz NV angemeldet—eine Art GmbH, die in Las Vegas registriert ist. Laut der öffentlichen Unterlagen ist Blitz NV dem Unternehmen Goat Works untergeordnet, welches sich in Montana befindet und Dan Bilzerian gehört (hier findet ihr einen Screenshot der Unternehmensdaten). Also heißt es eigentlich richtig: Dan Bilzerian gehört zu den Typen, die ein Unternehmen besitzen, dem ein anderes Unternehmen untergeordnet ist, welches das Gesicht des Besitzers seines Besitzers markenrechtlich schützen lässt.

Screenshot: Dan Bilzerians Instagram-Account

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Bilzerians öffentliches Auftreten auf der Grundlage basiert, dass er viel Geld besitzt und dieses Geld wie ein 14-jähriger Badass ausgibt. In seiner Welt (oder zumindest in seinem Instagram-Profil) macht man zuerst einen Haufen Kohle, kommt so an viele Besitztümer, wird durch diese Besitztümer berühmt und verwandelt diese Berühmtheit schließlich in mehr Geld. Im Grunde handelt es sich dabei um eine nie stillstehende Statusmaschine—und es macht wohl richtig viel Spaß, diese Maschine zu besitzen und zu bedienen.

Aber wie wurde die nie stillstehende Statusmaschine überhaupt in Gang gebracht?

Wenn man Bilzerian diese Frage stellt, dann lautet die kurze Antwort „Poker". In einem Daily Dot-Interview aus dem Jahr 2013 erzählte der Lebemann, dass er während des Studiums ernsthaft damit anfing, das Kartenspiel zu spielen. „Nach meinem zweiten Studienjahr war ich pleite. Deshalb habe ich mit meinem letzten Geld gezockt, ein paar Waffen verkauft und so 750 Dollar in 10.000 Dollar verwandelt. Damit bin ich nach Las Vegas geflogen und habe dort dann 187.000 Dollar gemacht", erklärte er. Im gleichen Jahr beschrieb die Zeitung Daily Mail Bilzerian als 100 Millionen Dollar reichen Poker-Champion. Diese Zahl geistert seitdem im Internet umher.

Es gibt allerdings noch mindestens einen anderen Grund, warum Dan Bilzerian so viel Geld besitzt: Er hatte von Anfang an ein großes finanzielles Polster. Und dieses Polster war nicht gerade sauber. Öffentliche Unterlagen zeigen, dass Bilzerian Teil eines unglaublich komplizierten Netzwerks aus Gesellschaften, Unternehmen und anderen Geschäftsformen ist, das nur dazu gedacht ist, um das Vermögen seines kriminellen, in der Wirtschaft tätigen Vaters Paul Bilzerian vor der Regierung zu schützen. Dabei ist der 34-jährige Instagram-Star der Begünstigte diverser Fonds, die von seinem alten Herrn in den 90er Jahren eingerichtet wurden—damals schuldete Bilzerian Senior den Behörden mehrere zehn Millionen Dollar.

Klingt mehr oder weniger ganz nach dem amerikanischen Traum, oder?

Screenshot: Dan Bilzerians Instagram-Account

In einem Wall Street-Interview vom letzten Jahr gab Dan Bilzerian zu, eine gewisse Summe aus einem Fonds seines Vaters bekommen zu haben—ein Corporate Raider und Verbrecher, dem 1993 von der US-Wertpapieraufsichtsbehörde (SEC) aufgrund von Betrug Geldstrafen in Höhe von 62 Millionen Dollar auferlegt wurden. Bis 2014 hat er davon nur 3,7 Millionen Dollar bezahlt. Bilzerian Junior weigert sich jedoch zu verraten, wie viel Geld er auf diesem Weg erhalten und welche Rolle die Summe beim Start seiner Karriere gespielt hat. Im selben Interview behauptete er zusätzlich noch, durch Poker in einem Jahr gut 50 Millionen Dollar verdient zu haben.

Im Gespräch mit dem Magazin ALL IN zog Bilzerian—der zu diesem Artikel übrigens keinen Kommentar abgeben wollte—einen interessanten Vergleich: „Wenn man Poker als einen Sport wie Baseball betrachtet, dann wäre ich wahrscheinlich mit einem High-School-Spieler vergleichbar. Ich sitze jedoch mit Vollprofis am Tisch. Wenn man Poker allerdings als Geschäft sieht, dann würde ich mich als Bill Gates bezeichnen. Beim Poker habe ich über 50 Millionen Dollar gewonnen. Hat das sonst noch jemand geschafft?"

Sein Vater Paul Bilzerian sicherlich nicht. Der Mann hat sein Vermögen in den 80er Jahren als sogenannter Corporate Raider verdient. Das bedeutet, dass er verschiedene Taktiken angewandt hat, um den Wert diverser Unternehmen, bei denen er Teilhaber war, künstlich nach oben zu treiben und so enormen Profit zu machen. 1989 wurde er dann des Betrugs überführt und musste 13 Monate hinter Gitter.

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1991 erklärte sich Bilzerian Senior im US-Bundesstaat Florida für bankrott. Zwei Jahre später teilte ihm die SEC dann mit, dass er der Behörde 62 Millionen Dollar schulden würde—eine Summe, die aufgrund fehlender Mittel natürlich nicht beglichen werden konnte. In den darauffolgenden zwei Jahrzehnten hat die SEC dann versucht, Paul Bilzerian in einem finanziellen und rechtlichen Katz-und-Maus-Spiel zu überführen. Allerdings war die Maus immer einen oder fünf Schritte voraus. Dabei ging es sogar so weit, dass Paul Bilzerian erneut seinen Bankrott erklärte und dann ins Gefängnis musste, weil er nicht zugeben wollte, im Bezug auf seine Finanzen gelogen zu haben.

Deborah Meshulam, die Konkursverwalterin im Fall gegen Paul Bilzerian, wollte zum Status der SEC-Ermittlungen keine Angaben machen und ein Sprecher des SEC verweigerte ebenfalls jegliche Auskunft, da alle Nachforschungen privat seien.

Dennoch stellte ein Richter aus Florida 2001 fest: „Zwischen 1994 und 1999 verteilte Bilzerian einen maßgeblichen Teil seines Vermögens auf eine komplexe Struktur aus Offshore-Fonds und Unternehmen bzw. Partnerschaften im Familienbesitz. Dabei besteht kein Zweifel daran, dass er sein Vermögen damit absichtlich außer Reichweite seiner Gläubiger bringen wollte."

Das Vermögensnetz, das Paul Bilzerian in den 90er Jahren gesponnen hat, ist extrem verschachtelt. Wenn man Zeit und Lust dazu hat, dann kann man einen Blick in zahlreiche SEC-Unterlagen werfen (zum Beispiel hier oder hier). Diese Unterlagen sind allerdings so kompliziert, dass sie fast schon wie eine Art geheimer Code anmuten. Wenn man diesen Code jedoch entschlüsselt, dann gelangt man an Fakten wie diese hier: 1995 gründeten Paul Bilzerian und seine Frau Terri Steffen den „Paul A. Bilzerian and Terri L. Steffen Family Trust of 1995", welcher der beschränkt haftende Teilhaber der Overseas Holdings Limited Partnership war. Diese Overseas Holdings Limited Partnership war wiederum Teil eines anderen Unternehmens namens Overseas Holding Company. Overseas Holdings Limited Partnership besaß Teile von Cimetrix, eine Software-Firma aus Utah, von der Bilzerian einst Vorstand war. So war es ihm möglich, das Geld, das er eigentlich nicht besaß, hin und her zu bewegen—zum Beispiel als Overseas Holding Company 90.000 Dollar „lieh", und zwar vom Unternehmen Bicoastal Holding Company, dessen einzige Anteilseignerin Terri Steffen hieß.

Die SEC-Unterlagen zu Cimetrix zeigen, dass das Unternehmen Paul Bilzerian 1999 ein monatliches Gehalt von 10.000 Dollar gezahlt hat. Das Geld erhielt er durch Biocoastal und dazu kam noch eine kostenlose Wohnung, ein monatlicher Zuschuss von 1.500 Dollar und die Erstattung von vertretbaren Reisekosten. Zur gleichen Zeit verkaufte Biocoastal auch oft die Anteile an Cimetrix, um so Geldanlagen für Steffen zu generieren.

Als ich mich mit Cimetrix in Verbindung setzte, um über die Rolle der Bilzerian-Familie im Unternehmen zu reden, meinte ein Sprecher zu mir, dass man dort nicht wüsste, wer Paul Bilzerian überhaupt sei.

Die SEC-Unterlagen zeigen ebenfalls, dass Paul Bilzerian einen unwiderruflichen Fonds für seine beiden Söhne Dan und Adam (ebenfalls ein bekannter Poker-Spieler) angelegt hat. 2001 merkte ein Richter an, dass dieser Fonds nur einer der vielen Wege war, wie Bilzerian Senior anscheinend sein Vermögen verstecken wollte. In einer ebenfalls aus dem Jahr 2001 stammenden Bankrottbeurteilung wird angedeutet, dass sich der Fonds der Bilzerian-Söhne 1997 aus Cimetrix-Aktien im Wert von ungefähr 11,96 Millionen Dollar zusammensetzte. Davon stand die Hälfte Dan zu.

Es lässt sich nur schwer eindeutig beweisen, dass Dan Bilzerians Treuhandfonds aus Geld besteht, das eigentlich der SEC gehört—es deutet jedoch alles darauf hin.

„Vermögenstransfers zu Familienmitgliedern weit unter dem Marktwert gelten schon seit Jahrhunderten als Betrugsanzeichen", meinte Brad Miller, ein ehemaliger US-Kongressabgeordneter aus North Carolina, der nach der Krise 2008 an der Finanzreform mitgearbeitet hat. „Wenn der Typ, dem das ganze Vermögen gehörte, plötzlich arm ist—seine Frau und Kinder jedoch plötzlich reich—und er irgendetwas á la ‚Ich habe nicht mal mehr eine Schüssel zum Reinpinkeln, aber meine großzügige Familie sorgt dafür, dass ich nicht unter einer Brücke schlafen muss' von sich gibt, dann geht da mit großer Wahrscheinlichkeit irgendetwas nicht mit rechten Dingen zu", erklärte er. „In diesem Fall hat Paul Bilzerian wohl das Geld, das er nicht an die SEC zurückzahlen wollte, versteckt, indem er es an seine Frau weitergegeben und den Rest auf ein paar Unternehmen, Fonds und so weiter verteilt hat."

Obwohl durchgesetzt wurde, dass gut 30 Prozent des Fonds von Dan und Adam an die SEC ausgezahlt werden müssen, gewährte ein Richter Dan Bilzerian im Februar 2014, 1,7 Millionen Cimetrix-Anteile zu verkaufen (einen Screenshot der relevanten Gerichtsunterlagen findet ihr hier). Kurz davor postete der Star ein Foto bei Instagram—die Bildunterschrift lautete „I bought this house in Montana yesterday, I haven't seen it yet, but the pics look sick."

Von April 2007 bis letzten Januar wurde Dan Bilzerian noch als Präsident, Schriftführer, Leiter der Finanzabteilung und Vorstand der Caligula Corporation angegeben, die 2013 zur Auflösung gezwungen wurde, weil kein Geschäftsbericht eingereicht worden war. Caligula wurde 2005 von Terri Steffen gegründet, die laut der Geschäftsunterlagen die Geschäftsführung 2006 an Dans Bruder Adam übertrug. Ein Jahr später wurde Dan dann selbst zum Geschäftsführer. Laut des Unternehmensprofils hatte sein Vater Paul Bilzerian zu keinem Zeitpunkt etwas mit der Geschäftsleitung zu tun. In einem 2009er Konkursantrag von National Gold Exchange—einem Unternehmen, mit dem Paul Bilzerian Geschäfte machte—heißt es jedoch, dass das Familienoberhaupt bei Caligula das Sagen hatte. Und in einer Klage des ehemaligen Familienanwalts wird behauptet, dass Caligula ab 2007 zwar offiziell Dan gehörte, sein Vater jedoch die Leitung des Unternehmens übernahm. Damit sollte gesagt werden, dass Paul Bilzerian Caligula als Mittel zum Zweck nutzte, um in Ruhe seine Geschäfte abwickeln zu können.

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Laut des Urteils einer Zivilklage, die die SEC 2009 gegen Paul Bilzerian initiierte, scheint der irgendwie bei Caligula beteiligt gewesen zu sein. Die Behörde vermutet ebenfalls, dass er im Namen von Caligula Klage gegen National Gold Exchange einreichte. Damit hätte er gegen einen Beschluss aus dem Jahr 2001 verstoßen, der es Bilzerian Senior untersagte, ohne die Zustimmung eines Gerichts rechtliche Schritte einzuleiten. Dazu merkte der Richter noch an, dass Caligula mehrmals entweder Bilzerians Ehefrau oder seine Söhne Dan und Adam als Präsident, Schriftführer, Leiter der Finanzabteilung und Handelsvertreter der Caligula Corporation angegeben hätte.

In diesem Zeitraum gründeten Dan, Paul Bilzerians ehemaliger Anwalt David Hammer und Caligula eine Gesellschaft namens Haircut Partners, um Schulden von Biocoastal Holding Company (eines von Paul Bilzerians Unternehmen) einzutreiben, indem sie die Firma zur unfreiwilligen Insolvenz zwangen. Hier muss man bedenken, dass Biocoastal eine der an Cimetrix beteiligten Unternehmen war. 2010 schrieb ein Richter in einer Gerichtsentscheidung im Bezug auf Bilzerians Missbrauchs von Haircut Folgendes: „Die Tatsache, dass Haircut von Bilzerians Sohn, dessen Konzern und seinem ehemaligen Anwalt gegründet wurde, lässt beim Gericht den Verdacht aufkommen, dass Haircut aktiv mit Bilzerian zusammenarbeitete." Als ich Hammer anrief, um über die Finanzen der Bilzerians zu reden, wollte er unter keinen Umständen einen Kommentar abgeben.

Es sind genau solche vermeintlichen Intrigen—im Zusammenspiel mit dem Fonds und dem großen, unübersichtlichen Netzwerk der Bilzerian-Geldgeschäfte—, die einen Anwalt dazu brachten, die Finanzen der Familie mit einer Zwiebel zu vergleichen: „Je mehr Schichten man freilegt, desto mehr stinkt es und desto mehr muss man weinen."

Allerdings sollte man an dieser Stelle auch anmerken, dass die Finanztrickserei der Bilzerians weniger irgendwelchen bösen Absichten und mehr dem Ausnutzen der verschachtelten und oftmals nicht durchführbaren Regeln und Vorschriften der Finanzwelt zuzuschreiben ist. „Selbst mit leicht einsehbaren Unterlagen und Zahlen ist es quasi unmöglich herauszufinden, wo sich das Geld befindet", sagte Edward Siedle, ein ehemaliger SEC-Anwalt, der jetzt als privater Finanzermittler arbeitet. „In der Wall Street herrscht inzwischen ein noch nie dagewesenes Level der Geheimhaltung."

Dan Bilzerians Rolle in diesem Dickicht der Täuschung ist sehr wichtig. Sie macht den Mythos von Dan Bilzerian, dem unabhängigen Playboy, der sich sein Traumleben selbst erschaffen hat, zu genau dem, was er eigentlich ist: nur ein Mythos.

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