Doktors Spielchen

Vea Kaiser kommt aus Wien und hasst Leute, die ihre Werke raubkopieren. Sie schreibt exklusiv für uns über gefallene Medizinstudenten.

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14 August 2013, 9:44pm

Bilder von Anna Borowy

Wir sind überrascht, wie gut Konstantin aussieht. Patrick bemerkt, dass er etwas zugenommen hat, Hanna mutmaßt, dass er in letzter Zeit mehr als vier Stunden pro Nacht geschlafen hat, ich jedoch bin mir nicht sicher, ob man aufgrund vitalerer Gesichtsfarbe darauf schließen kann, dass er nun endlich über Chantal hinweg ist.

Konstantin begrüßt uns an der Tür, er trägt blaue, rund um die Knie ausgebeulte Jogginghosen und ein weißes T-Shirt—Hanna bemerkt sofort, dass sein Gewand zwar nicht schick, aber zumindest sauber ist, ein Fortschritt im Vergleich zu letzter Woche, als Hanna ihn einmal besucht und mir danach berichtet hat, dass er sein T-Shirt seit zwei Wochen nicht mehr gewechselt habe und die Speisereste darauf bereits zu schimmeln begonnen hätten.

„Welcome so se parteeeeeyy!“, gröhlt Konstantin in absichtlich wienerischem Englisch und winkt uns hinein. Während wir im Gänsemarsch die verrauchte Wohnung betreten, hält er sich an der Türschnalle fest und tanzt.

Keiner aus dem Freundeskreis verstand, was Konstantin an Chantal fand. Wir waren uns einig, dass ihr familiärer Hintergrund (der Vater Autohausbesitzer, die Mutter Nutte) weder eine Entschuldigung für ihren Namen noch für ihr Verhalten ist. Bis auf Hanna hat jeder im Freundeskreis zu Hause viel Mist erlebt, und dennoch würde niemand von uns solche Dramen veranstalten wie Chantal: das GoGo-Girl im Praterdome vom Podest schubsen, nur um selber an der Stange zu tanzen, oder sich Konstantins Namen tätowieren, nur um ihn, kurz nachdem die Tätowierung verheilt ist, mit einem Schmetterling überstechen zu lassen. Von dem ganzen anderen Mist mit den Drogen, den Tieren, den Auszuckern und so weiter ganz zu schweigen. Chantal ist hinüber—würde man Frauen mit Gebäuden vergleichen, wäre sie eine Ruine, und wir haben beschlossen, ihr nie zu verzeihen, dass sie in unseren Freundeskreis eindrang und Konstantin entwenden wollte. Davon, dass er einst der Beste im Medizinstudium gewesen war, merkte man plötzlich nichts mehr; er zog sich einen Nasenbeinbruch zu, als er ihr zuliebe einen Türsteher verprügeln wollte, der doppelt so hoch und drei Mal so breit war wie er. Konstantin kaufte ein Auto, weil sie Ausflüge aufs Land machen wollte, und dann kifften sie so viel, dass er es nach drei Wochen gegen einen Baum setzte. Vor allem aber hatte er plötzlich keine Zeit mehr für uns—den Freundeskreis. Zunächst vermuteten wir, sie würde ihn durch galaktischen Sex hörig machen, doch nachdem wir festgestellt hatten, dass ein Großteil von Chantals Klubnächten damit endete, dass sie wie ein erlegtes Reh von Konstantin nach Hause getragen werden musste, verwarfen wir diese Theorie und einigten uns darauf, es müssten ziemlich arge Drogen im Spiel sein.

Im Wohnzimmer riecht es nach Weed und kalter Asche. Die Fenster sind mit rotem Fleece verhängt, schwerer Stoff, mit Nägeln in die Wand geschlagen und voller Flecken. Unter den Füßen knirscht es, Konstantin scheint statt Teppich Chips mit Glasscherben als Bodenbelag zu präferieren. Das alles würde uns nicht stören, überraschend ist jedoch, dass auf der Couch drei uns unbekannte Mädchen sitzen. Nachdem wir Konstantin so lange nicht gesehen haben, dachten wir, ihn für uns alleine zu haben. Ich blicke Patrick und Hanna an, beiden steht Ratlosigkeit und Enttäuschung in den Gesichtern. Über die Jahre haben wir eine kluge und durchdachte Platzverteilung auf Konstantins Ecksofa erarbeitet—Patrick und Hanna in der Ecke, sodass beide bequem chillen können, ich rechts von Patrick neben dem Heizkörper, da mir leicht kalt wird, Konstantin links von Hanna neben der Musikanlage, um den DJ spielen zu können. Nun lungern auf unseren Plätzen jedoch drei Mädchen und unterhalten sich in einer unverständlichen Sprache, von der wir beschließen, dass es Serbisch sein müsse. Wir verstehen kein Wort, dennoch gehen sie uns mächtig auf die Nerven.

Was wir Chantal hoch anrechnen, ist, dass sie genauso blitzartig verschwunden ist, wie sie gekommen war. Geknickt hatte Konstantin etwas von Chantals Ex-Freund gemurmelt, die ungeklärte Sorgerechtsfrage bezüglich des Kampfhundes erwähnt, wiederentflammte Liebe beklagt und Chantals Reise nach Las Vegas angekündigt, allerdings ohne Konstantin, sondern mit dem Ex-Freund und dem gemeinsamen Kampfhund. Wir hatten uns zunächst gefreut, dachten, nun werde alles wie früher, hatten Pläne für das Wochenende geschmiedet, doch dann kündigte Konstantin plötzlich seinen Turnus als Arzt, brach den Kontakt zu seiner Familie ab und eröffnete uns, dass er sich nun ein paar Wochen frei nehmen wolle, um sich weiterzubilden. Als wir jedoch mitbekamen, dass diese Weiterbildung Selbstexperimente mit Alkohol, Koks, Marihuana, Ketamin, MDMA und allerart verschreibungspflichtigen Medikamenten bedeutete, gingen wir temporär auf Abstand. Schließlich hatte jeder im Freundeskreis einen ordentlichen Job mit Karriereaussicht. Spaß und Sich-Gehen-Lassen war nur am Wochenende angesagt, und wir konnten akzeptieren, dass Konstantin sich eine kurze Pause nehmen wollte—doch ewig ging das nicht.

Hanna hat mittlerweile RedBull gefunden, um den Wodka zu verdünnen, den Konstantin und die Serben-Mädchen pur trinken.

„So Leute, ich hab eine Bekanntmachung zu machen!“, gröhlt Konstantin schließlich und stellt die Musik ab. „Ich werde wieder zu arbeiten beginnen, se Doc is bäck!“

Patrick, Hanna und ich sehen uns freudig an—er ist also wieder normal geworden, denken wir und freuen uns zu früh. Bevor wir ihn beglückwünschen und ihm erklären können, dass wir diesen Entschluss als sehr vernünftig und erwachsen-durchdacht erachten, rennt Konstantin aus dem Zimmer und kommt im weißen Arztkittel mit einem Stethoskop um den Hals und einer schwarzen Tasche zurück.

„Die Ordination ist geöffnet!“, verkündet er, woraufhin eines der Mädchen den Berg getragener Kleider von einem Küchenstuhl schmeißt, sich exponiert hinsetzt und ihr T-Shirt auszieht:

„Behandel mich Doktorrrr!“, sagt sie mit serbischem Akzent und aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Hanna ihr Wodka-Red-Bull in einem Zug austrinkt.

Konstantin zieht ein Etui aus seinem Koffer, öffnet es am Coffeetable, nimmt eine Spritze heraus, packt eine frische Nadel aus der Plastikverpackung und befüllt die Spritze mit einem Milliliter Wodka.

„Hier komms se Doc!“, sagt Konstantin, bindet der Serbin den Arm ab, sucht eine Vene, und als wir alle noch die Luft anhalten und denken, gleich wird er aufspringen und schreien Ein Witz! Gehäkelt! Scheißts Euch net so an ihr Spießer!, da hat er bereits die Nadel in ihrem Unterarm versenkt, wir sehen, wie ein kleiner Tropfen Blut zum Wodka dringt, bevor Konstantin langsam (und wie es scheint genüsslich) die ganze Ampulle in die junge Serbin injiziert.

„Weih, ur grauslich, aber eh voll wenig“, flüstert Hanna und dreht den Kopf weg, während Konstantin die Armbeuge der Serbin mit Watte abtupft.

Keine drei Sekunden später lacht das Mädl so wild, dass sie vom Stuhl fällt.

„Hey, intravenös gespritzter Wodka macht binnen zwei Sekunden sooo dicht, ur geil, gelt?“, sagt Konstantin und beobachtet sein Werk, die besoffene Serbin, plötzlich so zu, als hätte sie eine ganze Flasche auf ex getrunken.

„Auf dem Boden liegen Scherben“, sage ich zu ihr, aber sie scheint mich nicht zu hören und Konstantin zuckt mit den Schultern.

„Geh bitte, die spürt eh nix mehr“, sagt er und kramt in seiner Tasche nach einer frischen Nadel.

„Nächstes Rezept: Wodka mit Koks intravenös, wer mag zuerst? Se Doc is bäck in town!“

Hier gibt es mehr aus der Literaturausgabe:

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