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Popkultur

,It Follows‘ ist der definitive Horrorfilm unserer Generation

Bei 'It Follows' geht es um ein Monster, das man sich durch Sex einfängt. Hat man erst mal mit dem Infizierten geschlafen, folgt es einem unaufhörlich – bis es einen irgendwann einholt und umbringt.
13.4.15

Ein schlechter Horrorfilm ist wie eine Geisterbahn, bei der während der Fahrt das Licht angeht: Wenn man erst mal gesehen hat, wie der Schock und das Mysterium konstruiert wird, gibt es keinen Weg zurück mehr. Die Schwierigkeit von gutem Grusel besteht hier wie dort darin, die Balance zwischen dem, was man nicht sieht, und dem, was man gern sehen würde, zu halten—und niemals mit dem (metaphorischen oder tatsächlichen) Scheinwerfer frontal drauf zu leuchten.

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Genau deshalb ist It Follows auch so erfolgreich in dem, was er tut. Deswegen und weil der Film es schafft, die Prämisse eines Kinderspiels mit der Idee von Virals (und zumindest ein bisschen auch mit Geschlechtskrankheiten) zu vereinen. Der Film zeigt nur, was er muss, damit wir uns auf der Fahrt nicht den Kopf stoßen—der Rest liegt zwischen den Bildern. Den Ausgangspunkt hat It Follows laut Regisseur David Robert Mitchell in genau der Sache, die er auch auslösen will: einem Alptraum.

Mitchell selbst träumte als Kind immer wieder von einem bösen Monster, das nur er sehen konnte und das ihn überall hin verfolgte. Im Film wird diese Privatmythologie um einen entscheidenden Aspekt erweitert, der das Ganze aus dem Kinderschlafzimmer in einen Coming-of-age-Teenage-Angst-Horrorfilm übersetzt—nämlich Sex.

Im Wesentlichen geht es bei It Follows um ein Monster, das man sich durch Sex einfängt. Hat man erst mal mit dem Infizierten geschlafen, folgt es einem unaufhörlich—bis es einen irgendwann einholt, umbringt, und danach wieder den letzten, der von ihm befallen war, verfolgt. Damit sind auch Selbstaufopferung und Suizid (im Coming-of-Age-Horror nicht ganz ungängige Emo-Tropen) keine Option.

Das Monster ist dabei gleichzeitig gestaltlos und vielgestaltig; es hat selbst keine Form, kann aber wie dein toter Vater oder dein bester Freund aussehen, von dem es sich jedoch relativ merklich darin unterscheidet, dass es wie ein guter alter George Romero-Zombie auf dich zu schleicht. Der einzige Weg, um ihm zu entkommen, ist, den Fluch selbst über Geschlechtsverkehr weiterzugeben.

Was auf den ersten Blick vielleicht nach zu viel Konzept und Brettspiel-Logik klingt, funktioniert in der Praxis vor allem wegen der Perspektive, die wir in der Geschichte einnehmen. It Follows zeigt uns den Horror aus der ewig gelangweilten, immer unsicheren Teenie-Sicht: Er streift nicht einfach nur die Ödnis des Post-Krisen-Detroids und handelt das Couch-Potato-Dasein seiner Bewohner nicht einfach in zwei schnellen Szenen ab—stattdessen macht er die Tristesse zum Thema und setzt uns überlange Einstellungen vor, in denen Teenager halb übereinander liegend gemeinsam fernsehen und darüber nachdenken, was sie gegen den viel zu realen Horror außerhalb des Kinderzimmers machen können. Dieser Perspektiven-Realismus ist es, der den Film gleichzeitig so unangenehm und so relevant macht.

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Die Vorbilder von It Follows liegen dabei—wie nicht nur der Regisseur, sondern auch so gut wie jeder Kritiker bisher betont hat—ganz klar im Horror-und-Sex-Genre der 80er-Jahre. Aber der Film hat weniger mit den Teenie-Welten von John Carpenters Halloween oder Wes Cravens A Nightmare on Elm Streetgemeinsam, als zum Beispiel mit dem Blickwinkel-Horror in Brian Yuznas Society: Am Ende könnte alles genauso gut das Innenleben eines Teens abbilden. Der niemals endende Kettenbrief-Horror könnte genauso gut ein Sinnbild für das unaufhaltsame Erwachsenwerden und das bedrohliche, allgegenwärtige Monster, das uns als Teenager verfolgt, unsere personifizierte Sexualität selbst sein.

Der Unterschied zum 08/15-Teengore der 80er-Jahre, als die Welt von Reagonomics, Body-Nazis und aufkommender Aids-Angst strotzte, ist aber, dass der Sex hier nicht moralisierend eingesetzt wird. Immerhin ist Sex nicht nur die Ursache, sondern auch die Lösung des Problems. Also eigentlich ganz so, wie im echten Leben.

Und genau wie im echten Leben hat sich auch die Bedeutung von Sex im Allgemeinen seit den 80ern massiv geändert: Was damals die unterdrückte Kehrseite des Fitness-Wahns war, ist heute eine Mischung aus Viral und Virus—wie das Mitmachen bei der nächsten Facebook-Challenge, auf die der Film mit der Kettenbrief-Mechanik ebenfalls anspielt (ob Ice Bucket-Challenge, Buch-Challenge oder Bier-Nominierung).

Auf jeden Fall ist It Follows ein seltener Grenzgänger-Film zwischen Traum und Trauma, zwischen Virus und Viral, zwischen Teenage-Angst und Teenager-Langeweile—und eines der besten Beispiele dafür, wie man eine Geisterbahnfahrt so designt, dass man gleich nach dem Ende noch mal einsteigen will.

Markus auf Twitter: @wurstzombie


Alle Fotos von Radius TWC