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So fühlt es sich an, ein Riese zu sein

Michael wurde bereits nach seiner Penisgröße gefragt, als Gott angehimmelt und für ein Fabelwesen gehalten.

von Philipp Kienzl
24 April 2015, 4:00am

Alle Fotos vom riesigen Michael

Sehr groß zu sein, hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Welche davon überwiegen, kann ich nicht sagen, aber Tatsache ist, dass man sich gelegentlich mit Dingen herumschlagen muss, über die sich ein Durschnittsgroßer nicht den Kopf zerbrechen würde. Ich selbst bin 1,91 Meter und komme immer wieder in Situationen, in denen ich mich schlicht aufgrund meiner Größe unwohl fühle. Dinge wie Badewannen, Türrahmen, Hotelbetten, Spiegel oder Pissoirs bedürfen einer speziellen Taktik und auch größere Menschenansammlungen, in denen man sich wie eine Kuh fühlt, um die lauter Fliegen schwirren, sind nicht immer leicht zu handlen. Wenn du dich bei jedem Standgespräch hinunterbeugen musst, damit die Schallwellen deine Ohrmuscheln erreichen können, ist es kein Wunder, wenn sich deine Bandscheiben irgendwann persönlich bei dir vorstellen.

Michael ist 2,11 Meter hoch und kann von alldem ein noch viel besseres Lied singen. Innerhalb seines Geschlechts und der aktuellen Bevölkerung Österreichs gehört er zu den 3 Prozent mit der größten Körperlänge—und gilt damit als „hochwüchsig". Schon in der Schule war er immer bei Weitem der Größte, was seine Zeit dort nicht gerade einfach gemacht hat. Sie war von Exklusion und Hänseleien geprägt und es hat lange gedauert, bis er lernen konnte, seine Größe zu akzeptieren und mit ihr umzugehen. Heute steht er über den Dingen (pun intended) und weiß die Vorteile seines Hochwuchs zu schätzen. Ich habe mich mit Michael getroffen, um mit ihm über seinen Alltag und die Resonanz seines Umfelds zu sprechen. Der folgende Text ist eine Nacherzählung aus Michaels persönlicher Perspektive.

Groß war ich immer schon. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, jemals nicht der Größte gewesen zu sein. Das ging teilweise so weit, dass meine Mama in der Unterstufe überlegt hat, mich von einem Arzt untersuchen zu lassen, weil sie Angst hatte, ich würde nicht mehr aufhören zu wachsen. Wie man sich vorstellen kann, waren meine Kindheit und vor allem meine Schulzeit daher ziemlich beschissen. Ich war groß, dünn und habe mich wie ein Außerirdischer gefühlt. Ich bin jeden Tag ungern zur Schule gegangen, bis ich irgendwann gar nicht mehr gegangen bin, weil ich keine Lust mehr hatte, mir weiterhin Beschimpfungen wie „Lulatsch", „Bohnenstange" oder „Strich in der Landschaft" anhören zu müssen. Zum Schluss hatte ich Fehlstunden ohne Ende. Obwohl mich nicht jeder namentlich kannte, hat mich trotzdem jeder als „der Lange" erkannt. Ich war eine Anomalie und daher—grausam wie Kinder sind—ein gefundenes Fressen. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war die Schulzeit wirklich einfach nur furchtbar. Ich bin richtig depressiv geworden, war sehr verunsichert und hatte schlicht und einfach eine negative Haltung zum Leben.

Irgendwann hat das aber aufgehört. Nach der Schule habe ich gemerkt, dass ein großer Mensch nicht nur Negativem ausgesetzt ist und dass Größe auch ganz schön sein kann. Mit meinen langen Beinen bin ich schneller unterwegs und dass ich zwei oder mehr Stufen beim Treppensteigen auf einmal nehme, ist sowieso klar. Ich habe gesundheitlich keine Probleme, obwohl das langen, dünnen Menschen oft nachgesagt wird. In meiner Wachstumsphase habe ich eine Physiotherapie gemacht, um meine Rückenmuskulatur zu stärken, und seitdem geht es mir wunderbar. Bei der Stellung zum Bundesheer war mein Lungenvolumen sogar zu groß für das Messgerät. Die Leute glauben darüber hinaus oft, dass ich entweder eine übergroße Freundin haben müsste oder aber Probleme im Bett hätte, was ein totaler Mythos ist. Sex funktioniert genauso gut wie bei allen anderen Menschen, lasst euch das gesagt sein.

Ich bin zwar nach wie vor täglich mit meiner Größe konfrontiert, aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Wenn ich durch die Stadt gehe, kann ich nicht gemütlich schlendern, sondern muss einen richtigen Parcours-Slalom-Lauf zwischen all den Verkehrsschildern, Mauervorsprüngen und Sonnen-Markisen hinlegen. Die ganzen Sachen, die mir andauernd im Weg sind, fallen euch Zwergen ja nicht einmal auf. Dabei wäre das sogar verboten, denn laut österreichischer Straßenverkehrsordnung dürfen auf Gehsteigen bis zu einer Höhe von mindestens 2,20 Meter keine Gegenstände den Weg versperren. Das ist das so genannte „Lichtraumprofil", das freigehalten werden muss. Leider schert sich darum in der Praxis keiner.

Der Wiener Naschmarkt ist für mich daher tabu, genauso wie manche Einkaufsstraßen und der Prater. Hochschaubahnen kommen für mich nicht in Frage, weil ich erstens nicht richtig in den Wagen passe und mir die Knie quasi ans Kinn drücken muss, und zweitens, weil ich nicht geköpft werden möchte. Ich muss generell mehr auf meinen Kopf aufpassen, da es viel mehr Möglichkeiten für mich gibt, irgendwo anzudonnern. Eine der gefährlichsten Situationen sind für mich Hotelzimmer in südlicheren Gebieten, wo sich der Deckenventilator quasi auf Höhe meiner Halsschlagader dreht. Es war öfter schon mal richtig knapp und ich konnte gerade noch verhindern, dass ein Rotorblatt in meinen Schädel rast. Aber als ich in Indien war, wurde ich dafür als gottähnliche Kreatur verehrt. Das war abartig seltsam.

Zu Hause ist es immer noch am schönsten, weil ich vieles auf meine Größe adaptiert habe. Abgesehen davon, dass eine Altbauwohnung in meinem Fall ein absolutes Muss ist, hängt sonst einfach alles viel höher als in anderen Wohnungen. Den Duschkopf, der mir auf normaler Höhe wahrscheinlich unter der Achsel hängen würde, habe ich hochgestellt. Dasselbe gilt für die Schneidflächen der Küche, auf denen ich ansonsten nur im 90-Grad-Knick arbeiten könnte. Wandregale, Spiegel ... alles ist auf irgendeine Art und Weise weiter oben angebracht.

Kleidung ist wieder ein ganz eigenes Thema. Vereinzelt gibt es zwar Geschäfte für Überlängen, aber die haben meistens eine derartig beschissene Mode, dass ich gerne darauf verzichte. Die Modeindustrie nimmt offensichtlich an, dass große Menschen auch zwangsweise fett sein müssen und stellt nur Hosen her, die mir mit Länge 40 oder 42 zwar passen würden, aber einen meterlangen Bund haben, und die man eher einem Pferd anlegen könnte. Hosen werden daher ausschließlich im Internet gekauft. Für den Rest muss ich, genau wie bei der Einrichtung in meiner Wohnung, auf eigene Basteleien ausweichen. Entweder schneidere ich mir meine Pullover selbst zusammen oder lasse sie von einem Schneider umnähen, was natürlich immer mit Geld verbunden ist. Mode ist bei mir also immer an irgendeine Art Mehraufwand gekoppelt. Das ist mir aber immer noch lieber, als wenn mich im normalen Geschäft sämtliche Leute anstarren und die Mitarbeiter ihre Lagerhallen durchsuchen müssen, um mir dann nach Ewigkeiten mitteilen zu können, dass sie ohnehin nichts für mich haben. Dafür habe ich mit meinen Riesenlatschen in Größe 47 kein Problem im normalen Handel, da gibt es eine Auswahl.

Die Reaktionen auf der Straße sind zwar unterschiedlich, aber überraschenderweise großteils positiv. Die Menschen sehen mich, kommen auf mich zu und sind richtig ehrfürchtig, teilweise auch geschockt. Sie machen mir Komplimente und erzählen mir von irgendwelchen Freunden, die zwar auch groß sind, aber natürlich nicht so groß wie ich. Sie denken, das interessiert mich. Ich höre mir das auch immer an. Ich kann mich an ein Erlebnis erinnern, als eine Frau richtiggehend ausgetickt ist. Sie hat gekreischt und die Arme in die Höhe geworfen, als ob ich der geilste Star der Welt wäre. Interessant ist, dass sich die Reaktionen der Menschen mit ihrer eigenen Körpergröße ändern. Je größer die Person selbst ist, desto weniger geschockt und mehr bewundernd reagiert sie, während kleinere Menschen ihren Augen kaum trauen können und fast schon bestürzt sind. Es passiert nicht selten, dass sich eine Menschentraube um mich bildet, wenn ich rausgehe. Insofern fühle ich mich dann doch wieder als kleiner Star. Das kann für meine Begleitung und vor allem auch meine Freundin ziemlich nervtötend sein, da sie von den Menschen an den Rand gedrängt wird. Es ist teilweise wirklich mühsam, so eine Situation wieder aufzulösen.

Falls ihr genug von Riesen habt, seht euch hier ein Video über eine kontroverse Touristenattraktion namens „Kingdom of the Little People" an, die ausschließlich von Menschen mit nicht mehr als 130 Zentimetern Körpergröße betrieben wird.

Es ist witzig, aber dadurch, dass ich zwei Köpfe größer als die anderen bin, habe ich echte Probleme mit dem akustischen Verstehen. Deswegen ist der klassische Barbesuch auch die Hölle für mich, da ich kein Wort verstehen kann. Das ständige Runterbeugen ist total unangenehm und auch für die anderen eine Belastung. Dann krieg ich Sachen zu hören wie „Kannst du dich bitte wegstellen, ich fühl mich so klein" oder „Es wäre einfacher, wenn du dich setzen würdest." Das heißt nicht, dass ich nicht gerne in Bars gehe, aber es ist schon immer ein bisschen Überwindung im Spiel. In Clubs habe ich kein Problem und bei Konzerten bildet sich hinter mir ganz automatisch ein Freiraum, den ich dann zum Tanzen nutze.

Mir ist bewusst, dass es die Leute nicht böse meinen, aber ein klein wenig Feingefühl ist nicht zu viel verlangt.

Der erste Blick geht trotzdem immer nach unten, weil sie sichergehen wollen, dass ich nicht auf einer Erhöhung oder Stelzen stehe. Sobald ihnen klar ist, dass ich echt bin, kommen immer die selben Fragen. Klassiker sind „Wie ist die Luft da oben?", „Spielst du Basketball? Nein? Du solltest aber!" und natürlich „Wie groß bist du?". Ich verstehe zwar irgendwo, dass den Leuten diese Fragen zuerst in den Kopf schießen, aber trotzdem habe ich die Schnauze voll davon. Was heißt, ich soll Basketball spielen? Fuck, ich kann es nicht mehr hören. Ich wette, keiner von euch würde mit meiner Größe Basketball spielen. Ich habe es einmal probiert, als ich 207 cm groß war und es ist einfach nichts für mich. Sorry Leute, ich kann euren Wünschen nicht nachkommen. Ist es logisch zu sagen: „Hey du bist dick, du solltest bei Hotdog-Wettessen mitmachen!"? Das ist total beleidigend und im Grunde genauso absurd. Eine der dümmsten Fragen, die ich immer wieder zu hören bekomme, ist: „Was isst du, dass du so groß geworden bist?" Echt jetzt, was geht in den Köpfen der Leute vor? Ich will es nicht wissen. Mir ist bewusst, dass es die Leute nicht böse meinen, aber ein klein wenig Feingefühl ist nicht zu viel verlangt.

Wenn sich die Leute nicht trauen, mich anzusprechen, kann ich sie oft hinter mir tuscheln hören oder ich sehe, wie sie von weiter weg mit dem Finger auf mich zeigen. Das ist fast noch unangenehmer und etwas, worauf ich gerne verzichten würde. Manchmal drehe ich mich dann um, suche den Blickkontakt, werfe ihnen einen mehr oder weniger bösen Blick zu, und dann versiegt das Ganze wieder. Durch meine Größe schaffe ich es ganz leicht, den Leuten Respekt, Autorität und teilweise Angst einzuflößen. Zum Glück ist es so, dass man sich schnell an die Größe gewöhnt und diese Verwunderung verschwindet, sobald man mich auf persönlicher Ebene näher kennenlernt. Und obwohl ich mich oft auf meine Größe reduziert fühle, ist das Ganze im Freundes- und Bekanntenkreis schon lange kein Thema mehr.

Ich wurde einmal in der U-Bahn gefragt, wie groß mein Penis ist, weil die Dame dachte, ich sei ein echter Riese ... das Fabelwesen, das eigentlich nicht existiert. Solche Dinge finde ich dann immer ganz lustig, weil die Leute an ihren Überzeugungen kratzen. Trotzdem mögen mich übergroße Menschen mehr, weil sie meine Situation besser nachvollziehen können. Das ist wie ein exklusiver Club. Wir sprechen dann über die viel zu klein bemessenen Normen in dieser Zwergenwelt und ärgern uns über U-Bahntüren, Auto-Innenräume und allerhand Zeug. Uns fallen Sachen auf, für die sich sonst kein Schwein interessiert.

Alles in allem führe ich ein ganz normales Leben wie jeder andere auch. Das habe ich mir aber mit viel Anstrengung erarbeiten müssen, vor allem, was das Wohlfühlen im eigenen Köper und Selbstakzeptanz angeht. Der einzige Unterschied ist, dass ich gezwungen bin, auf bestimmte Dinge zu achten und dass ich in Sachen Komfort und Zweckdienlichkeit immer ein bisschen selbst nachhelfen muss. Von den Leuten würde ich mir manchmal ein wenig mehr Taktgefühl und Verständnis wünschen, auch wenn sich die negativen Erlebnisse auf ein paar Einzelgeschichten begrenzen. Ich falle einfach auf, egal was ich mache, egal wo ich bin. Daran musste ich mich lange gewöhnen. Andererseits habe ich immer die beste Aussicht und den ultimativen Überblick. Wer kann schon behaupten, dass die Menschheit zu einem aufschaut und wer kann schon im Stand eine Glühbirne wechseln? Ich gewinne jedes Wettrennen, darf immer bei den beinfreien Notausgängen sitzen und kann im Stand Äpfel und Kirschen pflücken. Ich bin kein Fehler, sondern eine Besonderheit.

Wenn ihr mehr über Michael erfahren wollt, hört euch seinen eigenen Podcast an oder diskutiert mit ihm auf Twitter: @Kanonenzeitung

Wenn ihr euch auch öfters den Kopf stoßt, folgt Philipp auf Twitter: @Phimiki