Hört auf, so zu tun, als wäre eine iPhone-Präsentation wirklich wichtig

Gestern wurde das neue iPhone 6 präsentiert und das Internet kommt fast ein bisschen vor Freude. Aber warum tut jeder so, als wäre ein neues Mobiltelefon auf dem Markt eine echte Nachricht?

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Sep. 10 2014, 8:54am

Foto: Windell Oskay | Flickr | CC BY 2.0

Als ich gestern Abend im gemütlichen TV-Halbschlaf Facebook gecheckt habe, war mein Newsfeed vollgekotzt mit Postings und Artikeln zum iPhone 6, das gestern präsentiert wurde—und oh mein Gott, es gibt zwei verschiedene Größen.

Seit gefühlten Ewigkeiten kursieren irgendwelche geleakten Videos und Fotos vom neuen iPhone, und trotzdem drehen alle—oder zumindest viele Medien—durch. Ich frage mich, ob es wirklich eine Nachricht im Sinne der ursprünglichen Definition ist, dass ein verdammtes Mobiltelefon herausgebracht wurde—zu genau der Zeit, zu der es jedes Jahr eine Neuauflage davon gibt. 2007 wurde das erste iPhone, damals noch von Rollkragenpullover-Träger Steve Jobs vorgestellt. Seitdem haben stetig immer mehr Menschen in meinem Umfeld ein iPhone—auch ich. Und seither weiß jeder, was ein iPhone kann, wie cool es ist, wie es aussieht und wie wahnsinnig viel Geld es kostet.

Ein neues Handy auf dem Markt hat keinen Nachrichtenwert. Jeder wusste, dass es im September präsentiert werden wird, daher war die Überraschung wohl kaum groß. Großen Nutzen, Tragweite oder Konflikt kann ich in der Präsentation des neuen iPhone 6 auch nicht erkennen. Der einzige relevante Faktor, den man sich einreden lassen könnte, wäre der Fortschritt. Aber gibt es wirklich einen signifikanten, messbaren Fortschritt am iPhone 6? Alles wird immer größer, besser, schneller, unkomplizierter. Jeder, der das iPhone sehnlich erwartet hat, hat gewusst, dass es wahrscheinlich größer, natürlich um Klassen besser und ein wenig anders designt sein wird, als die Vorgänger—es war bisher immer so und auch gestern wurden wir nicht enttäuscht. Und dabei rede ich noch gar nicht davon, dass seine abgerundeten Kanten es wieder einen Schritt näher an den Look des iPhone 3G heranbringen und man das Gefühl unter die Nase gerieben bekommt, Werbe-Opfer eines zyklischen Weltbilds zu sein.

Bringen Medien auch nur ein bisschen Cat Content oder Geschichten über Sex, wird ihnen von erbosten Lesern immer wieder die Frage gestellt, ob sie denn keine anderen Probleme, ernstere Geschichten und bessere Ideen hätten—ja, ihr seid gemeint, oh Trolle und Kommentatoren der VICE- und Standard-Welt. Sind unsere Timelines jedoch voll mit Artikeln über ein neues Handy—also verdammtem, purem, ungefiltertem PR-Content!—, ist plötzlich jeder glücklich, kümmert sich nicht mehr darum, wie relevant eine Nachricht ist und gibt liebend gerne seinen Senf darüber ab, wie schön oder hässlich er das neue iPhone findet.

Nein, jetzt folgt keine Predigt darüber, dass wir alle unsere Smartphones zu sehr lieben und nicht mehr ohne sie leben können, denn ich bin auch nicht besser als ihr. Aber wir sollten der Präsentation eines neuen Gerätes nicht so viel Bedeutung zumessen, denn es ist maximal die Lösung unserer unzähligen und unwichtigen First World Problems, weil uns der Akku nicht ganz so schnell ausgeht wie sonst (und hat Apple jetzt eigentlich irgendwas über die Akkulaufzeit gesagt oder nicht, verdammt noch mal???).

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