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Wie man über Caitlyn Jenner schreibt, ohne eine Arschloch zu sein

Ja, liebe ,Welt', wir meinen dich. Und schonmal zur Beruhigung, es ist gar nicht so schwer.
3.6.15

Am Montag erscheint auf Welt-Online ein Artikel mit dem Titel „Bruce Jenner absolviert erstes Shooting als Frau" und weiter: „Bruce Jenner, Olympiasieger von 1976, will jetzt Caitlyn heißen. Das Mitglied des Kardashian-Clans lässt die Welt an seinem Weg zur Frau teilhaben. Jetzt posiert der Transsexuelle für die Vanity Fair." Jetzt könnte man sagen: „Reaktionärer Bullshit offensichtlich. Ist man nicht anders gewohnt von diesem Blatt." Und danach das Browserfenster schließen. Machen wir aber nicht. Zumindest erklären wir der Redaktion der Welt, warum ihr Text reaktionärer Bullshit ist, und wie man es beim nächsten Mal besser machen kann.

Diese Fotos sprengen auch Gender-Grenzen.

Caitlyn Jenner hatte schon im März erklärt, dass sie eine Frau ist. Jetzt hat sie ihren Namen bekannt gegeben und sich für Vanity Fair fotografieren lassen. Jetzt könnt ihr euch Notizen machen, liebe Welt-Redakteure: Bruce Jenner war ein Mann. Das Personalpronomen in dem Fall ist „er". Caitlyn Jenner ist eine Frau. In Bezug auf Caitlyn ist das Personalpronomen „sie" (3. Person Singular, feminin, Nominativ) angebracht. Ist gar nicht so schwer, oder? Hier ein Beispiel: „Angela Merkel ist die Bundeskanzlerin. Sie ist die mächtigste Frau der Welt." Im zweiten Satz ersetzt das weibliche Personalpronomen „sie" das Subjekt des ersten Satzes. Da eben dieses Subjekt das weibliche Genus besitzt (Angela Merkel), muss es „sie" heißen. Wäre das nicht der Fall, würde man ein anderes Personalpronomen wählen. Zum Beispiel: „Helmut Kohl war Bundeskanzler. Er isst gerne Saumagen." Helmut Kohl ist männlich. Deswegen verwendet man in dem Fall das Personalpronomen „er".

Davon abgesehen ist Bruce Jenner kein „Transsexueller", der die Welt an „seinem Weg zur Frau" teilhaben lässt. Bruce Jenner war gestern. Heute ist Caitlyn Jenner. Und die ist (wie schon erwähnt) eine Frau. Gegebenenfalls könnte man sie noch als Transfrau bezeichnen, liebe Welt. Der Text geht weiter und weiter und der Autor oder die Autorin scheint sich darin zu gefallen, Caitlyn einen Mann zu nennen. Caitlyn wird in Anführungszeichen gesetzt und immer wieder mit „er" oder männlichen Artikeln bezeichnet. Das gefällt natürlich auch den Kommentarspalten-Trollen: „Endlich nutzt ‚die Welt' mal den richtigen Artikel, statt wie sonst Männer in Frauenklamotten PC-Konform als ‚Sie' zu bezeichnen." Oder als Zusammenfassung der Geisteshaltung dieses Artikels: „Warum lassen die denn einen Mann in Frauenkleidern posieren? Dafür sind doch Frauen da."

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Das ist genau das Problem, für die Redaktion der Welt geht es in diesem Text nämlich nicht um eine Transperson, sondern um einen „Mann in Frauenkleidern". Jemand, der „jetzt lieber eine Frau sein will." Diesen „Willen" spricht man Jenner zwar nicht ab, aber gleichzeitig nimmt man sie als Frau nicht ernst. Für die Welt verkleidet sich Bruce Jenner als Frau und Caitlyn ist nicht mehr als eine Persona, Conchita Wurst ohne Bart, ein Freak, den man nicht ernst nehmen muss. Weil, wo kämen wir denn da hin?

Das alles ist aber nicht nur eine Frechheit gegenüber Caitlyn Jenner, sondern vor allem eine Unverschämtheit gegenüber all den Transmenschen, die diesen Artikel lesen, und eine Bestätigung des Weltbildes von denjenigen, für die Transsexualität eine Krankheit ist. Für Transmenschen ist es ein Beweis dafür, dass sie für die breite Masse eben nicht in ihrer Geschlechtsidentität anerkannt werden, sondern am Ende nur ein Typ in Frauenkleidern sind oder eine Frau mit Bart.

Die eigentlich Frage, die man solchen Autoren und Kommentatoren stellen möchte, ist doch eigentlich nur: Was ist eigentlich euer Problem? Warum ist es so beängstigend für euch, dass Menschen wie Caitlyn Jenner existieren? Vielleicht ist es ein ähnlicher Mechanismus wie bei Homophobie und möglicherweise ist es Angst vor Veränderung, vor allem vor der eigenen. Denn wenn Caitlyn Jenner eine Frau ist, vielleicht hat man dann Angst davor, irgendwann das Gleiche zu erleben. Wenn sich jemand im Umfeld outet, egal ob als trans oder homosexuell, vielleicht kann einem das auch selbst passieren. Einfacher als darüber nachzudenken, was das bedeuten würde (und falls man das länger tut, als die Lektüre eines ekligen Welt-Artikels braucht, könnte man vielleicht auch ein größeres Verständnis dafür aufbringen und realisieren, was für ein gigantischer Schritt es ist), ist es natürlich, das zu banalisieren. Damit beweist die Welt, dass sie sich lieber in der eigenen konservativen Blase bewegt, als einen Schritt nach draußen zu machen und zu erkennen, dass nicht alle heterosexuelle Cis-Männer sind.

Stefan erklärt auch gern auf Twitter Personalpronomen.