Die Spaltung der deutschen Hells Angels: Old School Rocker gegen Newbies mit Migrationshintergrund

Ein neues Kapitel im Rockerkrieg mit Morden, Überläufern und Macheten-Attacken.

|
Juni 9 2015, 11:00am

Titelbild via Photopin

Hells Angel-Boss Kadir P. gilt als brutaler Schwerkrimineller. Er soll einen Mord in Auftrag gegeben haben, bei dem mit acht Schuss ein Rivale getötet wurde. Nun sitzt er auf der Anklagebank des Berliner Landgerichts und schmollt. Einer aus seiner Crew sagt gegen ihn und weitere Angeklagte aus. Der Ex-Rocker Kassra Z. ist der Kronzeuge im Prozess, obwohl er selbst bei dem Mord dabei war. Durch seine Aussage erreicht er die Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm. Er wird sich vermutlich den Rest seines Lebens verstecken müssen.

Kadir P. gehört zu einer besonderen Fraktion der Hells Angel, mit denen intern viele Hells Angel Probleme haben: Rocker mit Migrationshintergrund. Das geht sogar so weit, dass die Hells Angel in Deutschland Beobachtern zu Folge de-facto gespalten sind und eine formelle Spaltung folgen könnte.

Kadir ist in den harten Ecken des Weddings sozialisiert und hat dort früh kriminelle Karriere gemacht—Einbrüche, Raubüberfälle und Gewaltdelikte. Die Rockerkluft haben er und viele andere angelegt, weil das einen Reputationsgewinn— auch in den eigenen Reihen—bedeutete.

Bernd Finger war zu der Zeit der Chef der Abteilung Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt Berlin und hat die Entwicklung hautnah miterlebt. Finger lebt heute an einem geheimen Ort. Am Telefon gibt er mir Auskunft über seine Erfahrungen.

Die Rocker hatten damals Stress untereinander—Hells Angels und Bandidos, ein Club ebenfalls aus Amerika, kämpften um die Vormachtstellung im Sex- und Drogengewerbe in den neuen Bundesländern und Osteuropa, berichtet Finger. Es waren die Bandidos, die im großen Stil neue Mitglieder aus der gewaltbereiten Kleinkriminellen-Szene der Städte und unter ostdeutschen Hooligans warben. Sie lockten sie mit schneller Vollmitgliedschaft, was bei Rockerclubs sonst Jahre dauert. Die Neuen sollten die Fußsoldaten der Bandidos werden und ihre Feinde angreifen. Kadir stieg mit zwölf Gefolgsleuten ein und wurde sofort in den Rang eines eigenständigen „Charter-Präsidenten" erhoben. Er soll auch beim Angriff auf den Berliner Hells Angels-Chef, André S., dabei gewesen sein. André S. fuhr in einer Augustnacht 2009 mit anderen Angels über eine Landstraße in Brandenburg und wurde ausgebremst. Vermummte attackierten sie mit Macheten, einer der Hells Angels verlor dabei fast ein Bein. André S. lieferte sich selbst ins Krankenhaus ein, mit einer Klinge im Rücken. Der Polizei sagte er damals nichts. Das gehört zum Rockerkodex: der Staat hat keine Macht.

Trotzdem ging der Plan der Bandidos nicht auf. Die Hells Angels zogen nach und rekrutierten ebenfalls Neumitglieder. Aber vor allem waren sie bei Clubs und Verbrecherbanden international anerkannter als die Bandidos und das sicherte ihnen letztlich die Vorherrschaft wenn es um den lukrativen grenzübergreifenden Drogenschmuggel ging. Viele neurekrutierte Bandidos, wie Kadir P., erkannten, dass der Wind in Berlin und Ostdeutschland in eine andere Richtung wehte. Ungebunden an den alten Loyalitätskodex der Clubs bot Kadir den Hells Angels an, mit seiner ganzen Gefolgschaft überzulaufen, wenn er auch dort einen hohen Status in der Hierarchie bekommt. Die Hells Angels, namentlich André S., der von der Messerattacke immer noch eine Narbe am Rücken hat, nahmen an. An Kadirs Clubhaus in Reinickendorf im Westen der Stadt wurde das Bandidos-Schild abgenommen und der rote Schriftzug der Hells Angels angebracht. Solche Seitenwechsel, sogenannte Patch-Over, die auch in anderen Städten vorkamen, waren ein Novum in der Rockerwelt. Dazu kommt, dass die Hells Angels traditionell eine rein weiße Veranstaltung sind und rechtes Gedankengut weit verbreitet ist. In den USA ist es immer noch undenkbar, dass dunkelhäutige Menschen Vollmitglieder werden. Die Hells Angels reagieren auf Anfragen dazu nicht, aber in Foren, wie diesem White Supremacist-Tummelplatz wird deutlich, dass sie die Entwicklung in Europa mit Sorge sehen.

André S. bei der Party zum Jubiläum von Berlins ältestem Motorradclub, Born to be Wild, am 30. Mai (Foto: Imago/Olaf Wagner)

In Deutschland machten die Rocker mit Migrationshintergrund auch in den Reihen der Hells Angels Stress. Unter anderem Kadir dachte nicht daran, sich dauerhaft André S. unterzuordnen und verfolgte seine eigenen Interessen.

„Wie bei Polizeikontakten immer wieder bekannt wurde, kam es zu einer wahren Gewaltexplosion, die die Old Schooler unter den Rockern schockiert hat", so Bernd Finger. „Die Lage wurde unübersichtlich und spitzte sich zu. Vollmitglieder versuchten immer wieder, neue Charter oder Clubs außerhalb der bestehenden Hells Angels Charter auszurufen und mussten zurückgepfiffen werden." Auch in den Reihen von Kadir P. und André S. gibt es Abweichler.

Im Zusammenhang mit diesen Auseinandersetzung geschah dann der Mord, wegen dem Kadir P. jetzt vor Gericht steht.

Im Januar 2014 trotteten zwölf Vermummte im Gänsemarsch in ein Wettbüro mit Lokal in Reinickendorf. Der erste und der letzte Mann mit gezückter Pistole. Die Täter feuerten acht Schüsse ab, sechs davon trafen das Opfer, Tahir Ö. Der soll mit den Bandidos sympathisiert haben und in einer Auseinandersetzung einem von Kadirs Leuten in die Hand gestochen haben.

Kadir P. ist durch den Prozess aus dem Verkehr gezogen und auch durch andere Prozesse ist die Situation in Berlin vorläufig entschärft. Aber in anderen Städten Deutschlands, etwa in Düsseldorf und Frankfurt, schwelt der Konflikt zwischen den neuen Mitgliedern, die oft einen Migrationshintergrund haben und den Old Schoolers weiter, wie mir ein Ermittler der Polizei unter Bedingung der Anonymität berichtet. De facto gäbe es schon eine Spaltung. „Ob diese neuen Mitglieder ihre Abgaben nur noch teilweise oder sogar überhaupt noch bezahlen, ist nach dem Stand der verdeckten Ermittlungen zu bezweifeln." Charter und Supportergruppen weltweit müssen Abgaben an die Merchandising-Abteilung der Hells Angels bezahlen, damit sie die Insignien des Vereins benutzen dürfen. „Ich kann mir vorstellen, dass es einen Beitrag gibt, dass der aber deutlich geringer ausfällt als es früher Gang und Gäbe war," urteilt der Ermittler.

Auch in punkto Organisationskultur hätten die Neumitglieder nichts mehr mit den Hells Angels alter Schule zu tun, erklärt er abschließend: „Die fühlen sich den Hells Angels zugehörig aber man sieht, dass sie Werte wie Clubloyalität, Waffengleichheit und die diskrete Beilegung von Auseinandersetzungen grundsätzlich nicht akzeptieren. Ebenso wie die clubübergreifenden Hierarchien. Das war früher undenkbar."


Foto oben: Imago/Wolfgang Wagner

Mehr VICE
VICE-Kanäle