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Cop Watch

Trotz Polizeigewalt im Video: Angezeigt werden nicht die Schläger, sondern die Opfer

Es gibt ein Video, wie ein junger Mann von Berliner Polizisten offenbar grundlos zusammengeschlagen wird. Warum glaubt die Polizei, dass sie trotzdem straffrei davonkommt?

von Matern Boeselager
07 Juli 2014, 1:07pm

Polizisten sind auch nur Menschen. Manchmal sind sie sogar ziemlich schlechte Menschen. Das wird zum Problem, wenn man bedenkt, wie viel mehr Macht so ein Polizist im Verhältnis zu einem Normalbürger hat. Wenn er seiner schlechten Laune mal freien Lauf lässt, kann das für Umstehende gefährlich werden—und im Zweifelsfall für die Demokratie. Und genau deshalb muss man der Polizei genau auf die Finger schauen.

Zum Beispiel, wenn sie so was machen:

Das war am Samstag am Eingang zum Görlitzer Park in Berlin. An dem Tag hatte es schon vermehrt Berichte von exzessiver Polizeigewalt im Zusammenhang mit einer Demo am Oranienplatz gegeben. Aber was hat der Typ mit der Clownsnase getan, um das zu verdienen? Laut Pressemeldung der Polizei stellte er sich „den Beamten in den Weg und störte sie bei der Sachverhaltsaufklärung“. Das ist offensichtlich genug Grund, von vier Polizeibeamte mit aller Kraft um einen Poller gefaltet zu werden. Obwohl, laut Pressemitteilung ist das ja gar nicht passiert:

Nachdem die Polizisten ihn vergeblich des Platzes verwiesen hatten und die Behinderungen anhielten, zog ein Beamter den Störenfried zur Seite, woraufhin sich eine Personengruppe von bis zu 60 Personen in das Geschehen einmischte und die Einsatzbeamten attackierte. Aus der Gruppe heraus wurden zwei Fahrräder gegen die Beamten geschleudert, wodurch ein Polizist eine Kopfverletzung erlitt, die später in einem Krankenhaus ambulant behandelt werden musste. Mit Unterstützung weiterer hinzugerufener Polizisten wurde die Personengruppe abgedrängt und zwei Männer im Alter von 32 und 46 Jahren sowie eine 33-jährige Frau festgenommen. Gegen sie wird wegen gefährlicher Körperverletzung, versuchter Gefangenenbefreiung und schweren Landfriedensbruchs ermittelt. Insgesamt sechs Beamte wurden bei den Angriffen verletzt.

Aus der Menge wurden also zwei Männer und eine Frau festgenommen und haben wohl Anzeigen wegen „gefährlicher Körperverletzung, versuchter Gefangenenbefreiung und schweren Landfriedensbruchs“ am Hals. Immerhin, im Video kann man das Fahrrad fliegen sehen. Aber man sieht genauso deutlich, dass die Polizisten dem Jungen grundlos massive Gewalt antun. Wäre es nicht schon fast unterlassene Hilfeleistung, keinen Befreiungsversuch zu unternehmen?

Wenn man Zeuge wird, wie ein Unschuldiger auf offener Straße zusammengeschlagen wird, ruft man normalerweise die Polizei. Wenn die Polizei aber selbst die Schläger sind, bleiben nicht mehr viele Optionen.

„Hört auf, ihm weh zu tun“ rufen Umstehende Immer wieder. Der Beamte rechts rammt dem Jungen aber lieber sein Knie in die Niere.

Man kann das Ganze natürlich filmen, damit die Täter nicht straffrei davonkommen. Das ändert aber für das Opfer erstmal nichts daran, dass die Polizisten sein Gesicht gerade als Straßenkreide zweckentfremden. Und da die Täter bewaffnet, gepanzert und im Nahkampf ausgebildet sind, wäre ein direkter Angriff also eher unklug. Man könnte den Fahrradwurf also völlig unzynisch als Ausdruck verzweifelter Zivilcourage werten.

Die Polizei sieht das natürlich anders: „Es ist inakzeptabel, wenn die Kollegen so angegriffen werden, nur weil sie Personalien feststellen wollen,“ erklärte Sprecher Stefan Redlich der B.Z. Dabei übersieht er offensichtlich, dass die „Kollegen“ nicht angegriffen wurden, weil sie die Personalien des Clowns feststellen wollten—sondern weil sie ihm völlig grundlos massive Gewalt antaten.

Redlich ist sich trotzdem sicher, dass das alles korrekt gelaufen ist, und erklärte der Zeitung gegenüber: „Es gibt auch keine Anzeigen gegen die Beamten, die bei dem Einsatz beteiligt waren.“ Bis jetzt nicht.

PS: Ein paar Berliner Zeitungen versuchen, die deutlichen Bilder zu entkräften, indem sie darauf hinweisen, dass das Video geschnitten sei. An der entscheidenden Stelle, an der die Polizei den Jungen grundlos angreifen, ist aber kein Schnitt.

UPDATE: Die Polizei hat mittlerweile eine zweite Pressemitteilung herausgegeben, vielleicht weil ihnen die erste nach Erscheinen des Videos nicht mehr angemessen vorkam. Zur Vorgeschichte heißt es darin:

Der in dem Video zu sehende Mann, ein 22-Jähriger, behinderte die Beamten mehrfach bei ihrer Arbeit und verhinderte, dass die Beteiligten der Schlägerei ermittelt werden. Der Abgebildete erhielt nun einen Platzverweis, dem er nicht nachkam, so dass er weggeführt werden musste. Nachdem sich der Einsatzbeamte nun dem mittlerweile im Rettungswagen sitzenden Verletzten zugewandt hatte, ging der 22-Jährige erneut auf die Beamten zu. Hier beginnt die Videoaufnahme.

Ein Polizist wollte die Personalien des jungen Mannes feststellen, um ihm dann einen so genannten qualifizierten Platzverweis auszusprechen. Hier widersetzte sich der auf dem Video zu sehende Mann und versuchte sich zu entfernen, so dass er von den Einsatzbeamten festgehalten werden musste und zu Boden gebracht wurde. 

Wie zu erwarten war, ändert diese Darstellung nichts an der Tatsache, dass das Vorgehen der Polizei völlig überzogen war, egal wie sehr der Junge sie genervt hat. Kurz vor dem Zugriff ist er offensichtlich bereits dabei, sich zu entfernen. Er ist aber keineswegs auf der Flucht. D.h.: selbst wenn die Beamten den Jungen jetzt lieber festhalten als loswerden wollten, gab es keinerlei Grund, ihn ohne Vorwarnung derart rabiat auf den Boden zu schleudern. Und es gab erst recht keinen Grund, ihm am Boden noch Schläge und Tritte in die Nieren zu verpassen. Die Gewaltanwendung war also nicht nur grundlos, sie hat auch zu einer völlig unnötigen Eskalation der Lage geführt.

Folgt Matern auf Twitter: @m_boeselager.