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Popkultur

Michel Gondry und Audrey Tautou reden über ihren neuen Film Mood Indigo

Um die zauberhafte Audrey Tautou für seinen Film zu gewinnen, musste ihr Michel Gondry erst einen Cartoon schicken.

von Daniel Stuckey
28 Juli 2014, 4:44pm

Foto: bereitgestellt von Michel Gondry

Audrey Tautou, die durch ihre Rolle in Die fabelhafte Welt der Amélie berühmt wurde, kannst du nicht einfach so für deinen Film casten. Wie hat Michel Gondry sie also gefragt, die Rolle der Chloé zu spielen, als alles schon dafür bereit war, Mood Indigo zu drehen, seine skurrile Adaption von Boris Vians Roman Der Schaum der Tage aus dem Jahre 1947. Natürlich stellte er die Anfrage in Form eines animierten Kurzfilms. Tautou entschied sich dazu, die Rolle anzunehmen—sie hatte Gondrys Cartoon bloß nicht ganz entnommen, dass die Produktion schon beschlossene Sache war.

In dem Film, der letzten Freitag Premiere feierte, steht Chloé im Mittelpunkt einer schrägen, aber bezaubernden Romanze. Sie kommt mit Colin (gespielt von Romain Duris) zusammen, einem jungen, schönen und reichen Nichtstuer, der an einer unnützen französischen Erfindung arbeitet: ein Piano, das verschiedene Drinks mixt, je nachdem welche Tasten gespielt werden. Da Chloé an einer Krankheit leidet, wegen der sie ständig von frischen Blumen umgeben sein muss, ist Colin gezwungen, als Waffenschmied zu arbeiten. Deswegen muss er ständig auf dem Boden liegen und dabei seinen Schwanz in einen Haufen Dreck pressen—denn so werden Waffen hergestellt (das weiß man doch).

Die Beiden treffen sich zu ihrem ersten Date in einer der größten Sünden von Paris, Le Forum Des Halles: eine Einkaufszentrum-Baustelle mitten in der Stadt, die so schon seit Jahrzehnten besteht. Trotzdem wird das Pärchen ganz charmant von einem magischen Wolkenauto umgehauen und erleben ein Date, das mehr wie ein Drogentrip daherkommt. Aber was sollte man sonst von dem Typen erwarten, der Vergiss mein nicht! gedreht hat?

Letzte Woche habe ich mich mit Michel in SoHo, New York getroffen. Nach gut 20 Minuten stieß Audrey Tautou dazu, ließ sich zwischen uns auf dem Bett nieder und nahm an der Konversation teil.

VICE: Du hattest also viele Fragen zu dem Buch?
Michel Gondry: Fang jetzt bitte nicht damit an, mir Fragen über das Buch zu stellen.

In Frankreich liest das quasi jeder als Teenager?
Ja, das ist eine der Schwierigkeiten bei der Adaption aus dem Französischen, denn das ist kein Buch, das nur sehr wenige Leute kennen oder gelesen haben. Jeder hat es gelesen, wirklich jeder.

Und in der Vergangenheit hat es bereits Verfilmungen gegeben, stimmt’s?
Ja, es gab schon Adaptionen. Die waren jetzt aber nicht sehr erfolgreich oder berühmt.

Wie werden deiner Meinung nach die Leute auf den Film reagieren, die als Kind das Buch gelesen haben?
Einige Leute werden ihn sich so vorgestellt haben, andere hatten vielleicht eine andere Vorstellung und finden deshalb, dass sich der Film in ihre Fantasie einmischt. Das ist alles kompliziert, weil ich den Film nach meinen Wünschen gedreht habe und ich verstehe, dass die Vorstellung von Anderen davon abweicht.

Die Charaktere des Buchs sind jünger als die des Films, richtig?
Das ist wahr. Das konnte ich mir nur schwer vorstellen. Diese sehr jungen, französischen Schauspieler Anfang 20 haben diesen kleinen—oder großen—egozentrischen Tick. Keine Ahnung, warum. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie zu viel in den Spiegel schauen, wenn sie mit dem Schauspielern anfangen. Mir fiel kein Schauspieler dieser Generation ein, mit dem ich gerne gearbeitet hätte, also hab ich mich in den älteren Gefilden umgeschaut und mich für Audrey und Romain entschieden, weil sie meiner Meinung nach großartige Schauspieler sind und sie nicht diese Probleme mit ihrem Image haben, das ich bei ihren jüngeren Kollegen sehe. 

Michel Gondry und Romain Duris. Foto: bereitgestellt von Michel Gondry.

Ich wusste nicht, was ich von Moon Indigo zu erwarten hatte, da ich das Buch nicht kannte. Ich habe nur das Filmposter gesehen, mir deine früheren Werke in Erinnerung gerufen und gedacht, dass es vielleicht eine gute Idee sei, bei der Pressevorführung mit etwas LSD intus aufzutauchen.
Du hast echt LSD eingeschmissen?

Nein, weil es nach Filmbeginn klar war, dass das nicht nötig ist. Aber vielleicht war das ein Fehler?
Das musst du ausprobieren. Also ich will dich jetzt nicht zum Drogenkonsum verleiten. Manchmal fragen mich die Leute, ob ich Drogen nehme. Davor habe ich aber zu viel Angst.

Vor ein paar Jahren fand in Brooklyn eine Kunstausstellung statt und da war auch ein Pianococktail zu finden—wie es Colin im Film baut. Hast du das gesehen?Der Pianococktail aus dem Buch ist sehr berühmt. Ich kann mich da dunkel an etwas erinnern, aber dann war da auch diese Scheißemaschine—die hast du mit normalem Essen gefüttert und das wurde dann wie in einem menschlichen Körper verarbeitet. Das war sehr witzig, am Ende hat die Maschine wirklich geschissen. Da sehe ich gewisse Ähnlichkeiten. Das ist, als ob eine Maschine etwas Menschliches auf eine organische Art und Weise macht.

Ja.
Natürlich trinkt man die Scheiße dann nicht, aber ich würde schon sagen, dass es da Parallelen gibt.

In einer Szene des Films sieht man einen Raum voller Frauen, die vor einem Fließband sitzen, auf dem viele Schreibmaschinen platziert sind. Jede tippt ein paar Worte und dann fahren die Schreibmaschinen weiter zur nächsten Frau. Irgendwie erinnerte mich das an den Film Alles in Butter von Jean-Luc Godard und ich fragte mich, ob du damit etwas über die französische Arbeitsmoral sagen willst.
Ja, das Buch macht sich darüber etwas lustig. Betrand Russell schrieb ein Buch über die Faulheit als Eigenschaft. Die Gesellschaft lässt dich fälschlicherweise glauben, dass Arbeit notwendig und gut für dich ist. Ich glaube, Arbeit ist gut für dich, wenn du diese auch magst und nicht gut für dich, wenn du diese nicht magst. So einfach ist das. Dem, was das Buch über Arbeit sagt, stimme ich vollkommen zu. Colin konnte zum Beispiel richtig hart an seinem Pianococktail arbeiten, aber das Bücher und Geschichten schreiben oder das Waffenbauen in einer Fabrik und so weiter machen ihm keinen so großen Spaß. 

Michel Gondry

Colin ist schon so was wie ein Vagabund mit einem Treuhandfond, oder?
Ja. Ich meine, das Arbeiten liegt ihm überhaupt nicht, das ist für ihn sehr erniedrigend. Und einmal sagt er „Oh, schlechte Neuigkeiten. Ich muss mir einen Job suchen.“ Das steht irgendwie im Gegensatz zu dem Gewicht der schlechten Neuigkeiten von Chloés Krankheit. Das ist schon irgendwie ironisch, dass es für ihn das Schlimmste ist, zu arbeiten.

Aber er wird weniger egozentrisch, richtig?
Ja. Er verschreibt sich Chloé, aber ja, am Anfang ist er noch sehr egozentrisch. Er ist sehr erpicht darauf, seine Erfindung (den Pianococktail) seinem besten Freund zu zeigen, und dann verliebt er sich und ihm wird seine Freundin immer wichtiger. Er sorgt sich sehr um sie.

Colin und Chloé gehen bei ihrem ersten Date ins Le Forum Des Halles, ein unterirdisches Einkaufszentrum in Paris. Ich war da schon mal und der Ort ist ein richtiges Loch. Warum gerade da?
Oh ja, nun, das ist ironisch. Als ich aufgewachsen bin, gab es da noch diesen großen Markt und dann war es in den 80ern jahrelang total abgeranzt. Es hat Ewigkeiten gedauert, dieses Einkaufszentrum zu bauen. Und dann haben sie es verändert. 20 bis 30 Jahre lang lief alles und dann ändern sie es wieder. Darum sagt Chloé (Audrey Tautou), dass die echten Des Halles wieder zurück sind, weil es die meiste Zeit so ein richtiges Loch war.

Chloé (Audrey Tautou), Colin (Romain Duris) fliegen über die Forum Des Halles in Paris. Foto: bereitgestellt von Drafthouse Films.

War Chloés und Colins Wolkenautofahrt über dem Loch Des Halles die Szene, bei der du beim Dreh am meisten Spaß hattest?
Nein, das war ein Albtraum, sehr kompliziert.

Eigentlich war das die Szene, wo die Schauspieler interagieren und sie sich in dieser schönen, sehr dunklen Szenerie befinden und Alise Chloé besucht. Sie versucht, das Fenster zu öffnen und sie werden immer kleiner und kleiner. Dann legt sie eine Blume auf Chloé nieder und sie haben anschließend diese nette, kleine Diskussion über Liebhaber und ich dachte mir, dass das ein sehr schöner Moment war, in dem du Freundschaft in dieser verrückten Welt siehst, in der alles schrumpft. Es gibt aber immer noch etwas, das nur so vor Leben sprüht. 

Chloé (Audrey Tautou) ist umgeben von Blumen, um ihre Krankheit zu heilen. Foto: bereitgestellt von Drafthouse Films.

Und dann gab es einige Szenen, in denen die Schauspielerei trotz der verrückten Dinge, die passieren, meiner Meinung nach sehr lebhaft war.

Und dann ist da der Kult um Jean-Paul Sartre, oder besser gesagt Jean-Sol Partre, der folgen sollte. Warst du je ein Fan von ihm?
Nun, ich habe Der Ekel gelesen und war sehr beeindruckt, aber ich habe auch viel von seinem sehr komplizierten Zeug gelesen. Das ist meiner Meinung nach etwas überbewertet. Ich glaube, dass er diese Position vertritt, dass man nicht sagen kann, der Kommunismus in der UdSSR sei eine schlechte Sache gewesen. Er wollte den Leuten diesbezüglich nicht die Wahrheit sagen und dann gab es diesen heftigen Streit mit Albert Camus, wo er da dann ehrlich sein wollte. Ich glaube, dass Camus ein viel tiefer gehender Philosoph und besserer Autor war als er.

[Audrey betritt den Raum.]

Audrey Tautou: Hallo, ich mache kurz ein Nickerchen.

Es erscheint mir bloß komisch, dass Leute das Haar von Sartre sammeln wollen. Das ist so gar nicht er.
So war es die ganze Zeit! Es gab wirklich diese Fans von Jean-Paul Sartre, über die sich Boris Vian lustig gemacht hat. Und später hat Sartre dann auch Vians Frau Michelle ausgespannt. Das war davor, aber ich glaube, dass Vian sich darüber lustig gemacht hat, dass Sartre so etwas Hochnäsiges an sich hatte.

Beatlemania.
Ja! Ich glaube, dass man sie jetzt am besten mit Steve Jobs und Apple und den Leuten, die in der Schlange auf die neuesten Produkte warten, vergleichen kann.

Das habe ich auch schon gemacht.
So etwas wollte ich in den Film einbauen, aber das war mir dann zu weit weg vom Buch.

Audrey, wie hat dich Michel davon überzeugt, bei diesem Film mitzumachen?
Tautou:
Nun, er schickte mir diesen Cartoon, einen kleinen Animationsfilm. Den hat er für mich gemacht und darin fragte er mich, ob ich in seinem Film mitspielen will. Ich wusste aber nicht, dass er schon an dem Film arbeitete und hab es deswegen nicht ganz verstanden. Deshalb bat ich ihn, es mir noch mal auf eine konventionellere Art und Weise zu erklären—ich habe seinen Effekt kaputt gemacht. [lacht] Nein, nein, nein. Ich fand es aber eine schöne Geste und eine tolle Voraussetzung für die Zukunft.
Gondry: Der letzte Cartoon, der am Ende des Films zu sehen ist, wurde Frame für Frame von Audrey erstellt.

Wirklich?
Tautou:
Ja. Er hat einen für mich gemacht und ich habe einen für ihn gemacht. 

Audrey Tautou und Michel Gondry. Foto: Daniel Stuckey

Gondry: Das ist einfach ihr Charakter, der die Zeichnungen angefertigt hat. Wir haben sie dann zusammen an einem Wochenende mit meiner Kamera abgedreht.
Tautou: So war mir zwischen den einzelnen Szenen nicht langweilig.

Wie viele Frames?
Gondry:
Viele. Dreihundert. Die Animation ist sehr flüssig, sehr beeindruckend. Ich musste sie antreiben. Ich bin gut darin, die Kreativität von Leuten zu fördern. Und dann ist da noch die Sache, die nie jemand weiß: Paul McCartney spielt beim Soundtrack Bass, bei der Hälfte der Filmmusik.

Oh.
Das interessiert dich gar nicht. Niemanden interessiert es.

Niemanden interessiert es?
Also ich meine, du wirkst gerade so unbeeindruckt.

[lacht]
Wenn du mir das jetzt sagen würdest, wäre meine Reaktion „IST DAS DEIN ERNST?!“. Und du sagst nur „Oh“. Ich hoffte, ich würde ihn beeindrucken, Audrey. Tut mir leid, dass dem nicht so ist—ich bin jetzt traurig, weil du nicht von einer Sache beeindruckt bist, auf die ich sehr stolz bin.

Audrey, was war deine Lieblingsszene? Hat dir der Ausflug im Wolkenauto gefallen?
Tautou:
Alles war einfach so neu und täglich gab es neue Überraschungen. Weißt du, das hat mich für ein Jahr satt gemacht. Je crois qu'il n'a rien compris de ce que je lui ai dit. (Ich glaube, er hat nichts von dem verstanden, was ich ihm gesagt habe.) Ich kann dir nicht sagen, was meine Lieblingsszene war, aber dafür welche ich am meisten gehasst habe.

Die da wäre?
Tautou:
Die im Wolkenauto, denn ich hatte Angst. Das war wirklich beängstigend.
Gondry: Sie hatte wirklich Angst, denn sie befand sich in wirklich großer Höhe. Sie hatte Höhenangst und als sie da oben mit Romain (als Colin) sprach, saß da anstatt Romain ein Kameramann. Aber trotz der spürbaren Höhenangst hat alles gut geklappt.

Chloé (Audrey Tautou) und Colin (Romain Duris) sitzen auf einer Bank. Foto: bereitgestellt von Drafthouse Fims.

Wenn das so schrecklich war, was war bis jetzt dein coolstes Date?
Tautou:
Das coolste Date?

Ja.
Tautou:
Hier in Frankreich gibt es keine Dates.
Gondry: Man trifft sich einfach und hat Sex.
Tautou: Man trifft sich einfach und legt los. [lacht]
Gondry: Du schreibst einfach eine SMS, dann trifft man sich und hat Sex. Wir fackeln da nicht lange rum.
Tautou: So spart man sich auch Geld.
Gondry: Und dann wird man schwanger.

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