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'Amour Fou' ist wie ein genialer Loriot-Sketch

Der Eröffnungsfilm der Viennale besticht mit langatmigen Sätzen, die kein Mensch so sagen würde und die eher wie aus einem Roboter geschissen rüberkommen.
5.11.14

Header-Bild von  pittigliani2005 via photopin cc

Hier haben wir einen Film mit bühnenhaftem Aufbau und langatmigen Sätzen, die kein Mensch so sagen würde und die eher wie aus einem Roboter geschissen rüberkommen. Ja, die Rezensionen zu Amour Fou haben in gewisser Weise recht: Die Message des Films hätte man mit Spezialeffekten und Hans Zimmer-Score sicher spannender präsentieren können. Doch darum scheint es der Regisseurin Jessica Hausner nicht zu gehen. Stattdessen hat sie mehr so etwas wie einen abendfüllenden Loriot-Sketch geschaffen.

Ein Klavier, ein Klavier! (Foto: (c) Stadtkino Filmverleih)

Hausners Kleist, der mit dem historischen Kleist gerade einmal die Mode und die Todesursache gemeinsam hat, ist der egomanischste Scheißkerl, den zehntausend Jahre Patriarchat je entstehen haben lassen. Er sucht verzweifelt nach einer Frau, die ihn so sehr liebt, dass sie sich von ihm ermorden lässt. Sollte sie sich dabei aber „den Tod selbst gar wünschen", wie unehrlich wäre ihre Ambition! Dann hätte sich der Dichter doch vollkommen in der Frau getäuscht.

Da sein „Manic Pixie Dream Girl", Marie, überhaupt nicht auf Heinrichs Gefühle Rücksicht nimmt und am Leben bleiben will, versucht der Super-Emo einfach sein Glück bei der Nächstbesten.

Zu Partys eingeladen, die er alle blöd zu finden scheint (feiern sie ja doch das Leben, nicht den Tod) spricht er wirklich jede arme Frau an. Wenn sie nicht sofort davon läuft, fragt er sie früher oder später, ob sie denn vielleicht doch mit ihm sterben will. Aus Liebe zu ihm, nicht aus irgendwelchen egoistischen Gründen wie privatem Weltschmerz.

Würde Amour Fou im 21. Jahrhundert spielen, hätte Kleist einen Trilby oder Fedora, um die Pickelfresse zu zieren und sich darüber geärgert, dass alle diese Schlampen nur auf Arschlöcher stehen. Zum Glück aber spielt dieser Film zweihundert Jahre früher, zwischen Klassik und Romantik.

Die Herrscher der Welt zeigen langsam die Auswirkungen von Jahrhunderten von Inzest, das Bürgertum beginnt, sich in den eigenen Wänden zu verstecken. In Preußen wird zum ersten Mal über die Einkommenssteuer diskutiert. Ob damals Menschen wirklich unnatürlicher als Siri gesprochen haben, kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich schau mir Filme an, ich lese keine Geschichtsbücher! Hier erfüllt es aber, finde zumindest ich, einen großartigen Zweck: Die SchauspielerInnen, die alle „vom Theater" kommen, können sich in dieser unnatürlichen Welt komplett entfalten.

Denn, was mich persönlich am deutschsprachigen Film so unglaublich ankotzt, es gibt keine deutschen oder österreichischen Filmdarsteller, die nicht entweder fürs Theater ausgebildet worden sind oder, noch schlimmer, Til Schweiger heißen. Ich gehe gern mal mehr ins Detail, aber meine Hypothese ist, dass die Mehrzahl deswegen nur mittelmäßig vor Kameras spielt.

Sie verhalten sich, verglichen mit beispielsweise US-amerikanischen KollegInnen, unnatürlich, sie reden komisch und sie betonen Sachen so, als hätte ihnen niemand mitgeteilt, dass man sie in der letzten Reihe nicht verstehen wird müssen, weil dieses Ding, was da über dem Set schwebt, das ist ein Mi-Kro-Fon.

Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um Shakespeare zum Vergleich zu holen. Aber ähnlich wie Shakespeare seine notgedrungen männlichen Darsteller in weiblicher Rolle gern mal im Rahmen der Handlung genderbenden lässt (wodurch sie wiederum ihr tatsächliches Geschlecht in das Spiel einfließen lassen konnten) wirkt es so, als benutze Hausner die Unnatürlichkeit der Sprache des 19. Jahrhunderts, um die thespischen Fähigkeiten ihrer TheaterschauspielerInnen zum Einsatz kommen zu lassen.

Ein guter Trick, den vor allem die erfolgreichen österreichischen RegisseurInnen anwenden, ist, die Darsteller in ihrer Muttersprache reden zu lassen, etwa im Dialekt, wie Ulrich Seidl oder Götz Spielmann das machen. Das gibt den Charakteren Glaubwürdigkeit. Sie wirken, als würden sie in einer echten Welt leben, und nicht nur eine Maske auf einer Bühne tragen. Und das hilft, die Wand, die die Leinwand darstellt, abzubauen. Wunderschön lässt sich das am Desaster_Slumming_ betrachten, weil hier einerseits der Hauptcharakter ein dummer Alki sein soll, also Dialekt spricht, andererseits sollen die anderen Protagonisten scheinbar gut integrierte Wiener darstellen. Achtet mal darauf, wenn ihr den Trailer anseht, wer authentisch und wer da wie beim Casting für Barbara Salesch wirkt.

Regisseurin Hausner dreht ihre Kutsche in eine andere Richtung und lässt die Pferde Vollgas galoppieren. Abgesehen von wenigen Extras sprechen alle das hässlichst-sauberste Theaterdeutsch, dass einem die Mu zur Spontanwüste wird und jeder Ständer umknickt. In den ersten zehn Minuten wirkt das verstörend, man erwartet einen schrecklich langweiligen Film, doch stattdessen kommt der großartigste Sketch, den Loriot gerne geschrieben hätte, über den Irrsinn, den Hausners Kleist „Liebe" nennt.

_Mehr Gedanken zu Filmwitz und -wahnsinn von _Fabian Bazant-Hegemark gibt's hier.

Header-Bild von  pittigliani2005 via photopin cc