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Campus, Sex und Ravioli

Publizistik an der Uni Wien—das Klagelied einer zukünftigen Taxifahrerin

Das Institut für Publizistik der Uni Wien hat viele Probleme, strotzt nur so vor Inkompetenz und könnte nur zu gut einem Kafka-Roman entsprungen sein.
6.10.14

Foto: tonreg | FlickrCC BY 2.0

So schön das Studentenleben ist, so schrecklich ist die Zeit davon, die man wirklich auf der Uni verbringen muss. Die romantischen Vorstellungen, die Außenstehende und Studienanfänger so haben—angeregte Diskussionen in modernen Gebäudekomplexen oder das gespannte Lauschen von Erzählungen eines erfahrenen Professors—entsprechen nicht im Entferntesten der traurigen Realität.

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In Wirklichkeit gehen Studenten nie zu Vorlesungen, weil eine Mitschrift aus längst vergangenen Zeiten, die man auf der dritten Seite von Google gefunden hat, auch ausreicht, um die Prüfung zu schaffen—zumindest theoretisch. Zu Seminaren schleppt man sich nur, wenn dort Anwesenheitspflicht herrscht oder um sich von irgendwelchen Strebern Mitschriften zu schnorren. Die meiste Zeit des Studiums verbringt man damit, irgendwelchen Scheinen, Formularen und Stempeln nachzurennen—zumindest wenn man Publizistik in Wien studiert. Das ist aber nur eines der vielen Probleme, mit dem dieses Institut der Universität Wien, das einem Roman von Kafka entsprungen sein könnte, zu kämpfen hat.

Ich habe schon vielen studentischen Klageliedern über verschiedenste Problemchen gelauscht. Das Essen in der Mensa ist zu teuer? Die Publizistik hat einen (!) gottverdammten Automaten, wo du mit viel Glück einen Müsliriegel für einen hart verdienten Euro erstehen kannst! Du hast drei Wochen auf eine Antwort deines Professors gewartet? Ich habe sechs Monate auf die Bestätigung meines Magisterarbeitsthemas gehofft! Die Mitarbeiter deiner Fachbereichsbibliothek sind unfähig? Unsere wussten nicht mal die Telefonnummer der Feuerwehr, als die—aus einem verstopften Klo kommenden—Wassermassen die Bücher bedrohten! Schätze dich gefälligst ein bisschen glücklich, du Medizin-, Jura- oder Wirtschaftsstudent!

Seit 2012 gibt es ein neues Publizistikinstitut—was nach der Zumutung des alten Instituts auch bitter notwendig war. Zusammen mit den Informatikern, die wirklich süß sind, sich meist nur in den oberen Stockwerken zusammenrotten und kaum Platz in der Bibliothek wegnehmen, bevölkern die zukünftigen Taxifahrer ein modernes Gebäude in der Währinger Straße, das aussieht wie ein riesiger Stein.

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Das Ganze wirkt auf den ersten Blick ziemlich himmlisch, doch wenn man genauer hinsieht, fallen einem Dinge auf, über die man nur den Kopf schütteln kann: In den Seminarräumen befinden sich riesige Leinwände, die auf ein Multimedia-Erlebnis hoffen lassen, was aber schlicht und ergreifend daran scheitert, dass die Beamer durch die geringe Raumtiefe nur winzig kleine Bilder projizieren können. Die Türen zu den Seminarräumen schließen sich automatisch und lassen sich von außen nicht mehr öffnen. Geht man also auf die Toilette, muss man klopfen und irgendjemand muss aufstehen, um einen wieder in den Raum zu lassen. Die Türen kann man nicht offenstehen lassen, weil dann nach kürzester Zeit ein Alarm losgeht. Was dieser Alarm bezwecken soll, weiß vermutlich nur der Typ, der auch die Leinwände ausgesucht hat.

Natürlich gibt es in dem modernen Gebäude auch keine Klimaanlagen, dafür ist alles in einem kühlen Aubergine-Ton gestrichen, um die Studenten noch mehr zu deprimieren, als sie es sowieso schon sind (beides ist vielleicht im Sinne der Nachhaltigkeit ganz vernünftig oder so). Im Winter sitzen alle Studenten mit dem dicksten Mantel, den sie finden konnten, in den Seminarräumen. Denn die Heizung kann man nicht nach Belieben aktivieren, wenn einem kalt ist. Nein—die Heizung reguliert sich selbst und schaltet sich erst dann ein, wenn arktische Temperaturen erreicht sind und du nach dem Wochenend-Blockseminar so krank bist, wie du es das letzte Mal als kleines Kind warst, als dir der Fiebermesser noch von deiner Mama unter die Achsel gesteckt wurde.

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Um in dem Bunker aus Beton und Glas den Sommer irgendwie zu überstehen, haben sich die Professoren Klimaanlagen in ihre Büros gestellt. Das Klimaanlagenproblem spielt aber eine deutlich untergeordnete Rolle, da das Institut im Sommer genau zwei Mal zwei Stunden pro Woche geöffnet hat, an denen aber auch nicht alle Zuständigen da sind.

Foto: VICE Media

Bist du zum Beispiel mit deinem Studium fertig, wie es nun mal Ende des einen oder anderen Semesters der Fall ist, darfst du mit zwei Monaten Wartezeit rechnen, weil die Leute, die dir dein Sammelzeugnis ausstellen sollten, oder es zumindest laut der Homepage ab und zu machen, auf Urlaub sind. Mit ein bisschen Glück verpasst du auch die Anmeldefrist für dein nächstes Studium oder musst deinen neu gewonnen Job dadurch gefährden, dass du an einem Dienstag Vormittag für ein paar Stunden weg musst, weil dir irgendwo ein Stempel fehlt. Dass du dir den Stempel aber schon längst von einer anderen Person ohne jegliche Komplikation und Wartezeit holen hättest können, erfährst du erst nach deiner Odyssee. Danke für nichts.

Das Sammelzeugnis bekommst du aber sowieso erst, wenn du es geschafft hast, dir deine Wahlfächer anrechnen zu lassen—damit bist du im heißesten Punkt der klimaanlagenlosen Publizistik-Hölle angekommen. Es gibt keine Angaben dazu, welche Wahlfächer man nun machen darf oder nicht. Manchmal wird einem wahllos eine Statistik-Vorlesung aufgezwungen, um einem den Abschluss des Studiums noch ein bisschen zu erschweren. Laut Studienplan ist es vorgesehen, im Magisterstudium Wahlfächer aus der Publizistik selbst zu wählen, um sich zu vertiefen und sich endlich auf die Fächer konzentrieren zu können, die einen interessieren.

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Auf der Facebook-Seite wurde jedoch bekanntgegeben, dass die Studierenden gefälligst Fächer aus anderen Studienrichtungen belegen sollen, damit es jeder irgendwie schafft, seine verpflichtenden Seminare auf der Publizistik zu belegen und seinen Platz nicht von irgendeinem Wahlfach-Heinz weggeschnappt bekommt. Was man alternativ machen soll/kann/darf, wird einem jedoch nicht gesagt. Das heißt, du machst Wahlfächer im Umfang von 30 ECTS und kannst dann hoffen, dass irgendjemand gut drauf ist und sie dir genehmigt—was in der Regel aber nicht passiert. Dann  kannst du dein Auslandsjahr nach dem Studienabschluss an den Nagel hängen und dein Praktikum bei Mercedes, für das du durch das schlimmste Assessment Center deines bisherigen traurigen Praktikanten-Lebens musstest, schon mal absagen.

Ich habe meine Wahlfächer ganz artig eingereicht, habe fünf Wochen gewartet, angerufen, wurde angeschrien und habe einen Tag später eine Mail erhalten, dass meine Wahlfachkombination nicht angerechnet werden müsse. Aha, interessant. Vermutlich lag es an den uralten Mails, die ich als Screenshot angehängt hatte, in denen die Zuständige die Wahlfachkombination für ausreichend befunden hatte. Aber gut, dass es so lange gedauert hat, mir das mitzuteilen.

Foto: univienna via photopin cc

Auf diesem Foto seht ihr übrigens zufälligerweise unseren neuen Noisey-Mitarbeiter Tori. Die Universität Wien hat mit diesem Bild auf ihrer englischsprachigen Seite dafür geworben, dass sie jährlich tausende Studenten von „auswärts“ willkommen heißt und unterstützt. Tori freut sich, dass er als äußerster Exot, der aus dem Grenzgebiet von Salzburg und Oberösterreich stammt, trotz der kulturellen und sprachlichen Barriere so nett in der Universität Wien aufgenommen wird. Danke, Uni Wien!

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Seit es das neue Institut gibt, kann man bis zu fünf (!) Bücher für insgesamt—haltet euch fest—eine volle Woche ausborgen! Zuvor hatte man diese Möglichkeit nur zwischen Freitag und Montag Mittag. Das ist natürlich gerade auf der Publizistik das lustigste Feature, das sie sich haben ausdenken können. Schreibt man gerade an seiner Magisterarbeit oder Dissertation, darf man bis zu zehn Bücher ausborgen, die sich automatisch verlängern, es sei denn, jemand merkt sie vor. Das ist bei tausenden Studenten und einer nicht allzu großen Bibliothek natürlich häufig der Fall. Merkt jemand eines der Bücher in deinem Wohnzimmer zehn Minuten vor der automatischen Verlängerung vor, bist du gefickt und darfst zwei Euro pro Buch zahlen. Das ist mir schon mehrmals passiert und ich habe schon mehrmals gefragt, warum man es nicht schafft, das System so einzustellen, dass man zumindest eine Chance hat, die Bücher noch fristgerecht zurückzubringen. Eine Antwort darauf konnte mir niemand geben, die meisten wussten nicht einmal wovon ich rede.

Auch zu Beginn eines jeden neuen Semesters bleibt man vom Horror nicht verschont. Wahrscheinlich ist das nicht nur ein Leiden der Publizistik-Studenten, aber das Anmeldesystem macht einem schon Wochen vor der kurzen Anmeldephase zu schaffen. Ich rechne und tüftle mir jedes Mal akribisch aus, wie viele meiner wertvollen tausend Punkte ich auf welches Seminar setze. In Wahrheit sollte es gesetzlich verboten sein, sich nach dem Glücksspielprinzip für ein Seminar auf der Universität anzumelden—oder es sollte sich zumindest eine Menschenrechtsorganisation dafür stark machen. Das einzig Gute daran ist, dass man sich irgendwann daran gewöhnt und den Dreh dieses verdammt unmenschlichen Russischen Roulettes raus hat. Das Ende der Anmeldephase ist so ziemlich der einzige Zeitpunkt, an dem man sich freut, wenn man eine Mail vom gefürchteten Mailhandler bekommt.

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Hat man gezwungenermaßen mit dem Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zu tun, hat man das Gefühl, dass gleich irgendwo jemand hervorspringt und dir die versteckte Kamera zeigt. Es wirkt wie ein Unibetrieb, der von Kleinkindern oder betrunkenen Sadisten geführt wird. Die Architektur-Kumpels dieser Sadisten haben vermutlich das Gebäude gestaltet und sich gedacht: „Hey, lass uns Glasfronten in den obersten Stockwerken einbauen, damit jedem so richtig schön schlecht wird!“ Die Professoren, deren Büros sich in eben diesen Stockwerken befinden, haben die Fenster einfach mit Zeitungspapier beklebt, um der Übelkeit Herr zu werden. Den Architekten ist das angeblich gar nicht recht. Ihr heißer Traum in Aubergine und Beton zerstört von Banausen, welch Frechheit!

Der einzige Mensch, der im Publizistik-Institut dein Freund ist, ist der Portier. Er lächelt dich manchmal sogar freundlich an, während er dir das Tor zur Hölle öffnet (das am Wochenende immer verschlossen ist, obwohl viele Studenten sich mit Blocklehrveranstaltungen plagen und so mutwillig ihre eigenen Wochenenden zerstören). Wochenend-Seminare sind äußerst praktisch. Man kann ein Seminar an meist vier Terminen im Turbogang hinter sich bringen.

Foto: Harald Groven via photopin cc

Was jedoch eine der größten Absurditäten des Publizistik-Instituts ist, ist das Lehrveranstaltungsangebot. Die Themen sind interessant und für jeden Interessenschwerpunkt ist etwas dabei—schön und gut. Nur haben sich die lieben Koordinatoren schon mal überlegt, dass es—vor allem im Masterstudium, wo viele Menschen nicht mehr von Mami und Papi unterstützt werden—Studenten gibt, die arbeiten? Lehrveranstaltungen am frühen Morgen am Abend, wo es für viele berufstätige Studenten ideal wäre, gibt es kaum. Natürlich—Vortragende haben ja angeblich auch ein Leben. Trotzdem sollte man Studenten nicht so offensichtlich das Leben erschweren, indem man nur Seminare anbietet, die um 14 Uhr stattfinden.

Wahrscheinlich ist das Publizistik-Institut auch nicht schlimmer als jedes andere. Jeder ist verplant, grantig und niemand interessiert sich für deine Probleme und Fragen. Statt einer netten oder zumindest neutralen Antwort bekommst du einen angepissten Verweis auf die Homepage, die du natürlich schon vergeblich nach Informationen durchforstet hast.

Das ist natürlich beschissen, wenn du schon sämtliche Foreneinträge aus den letzten zehn Jahren durchforstet hast, verzweifelt bist und niemand anderen fragen kannst. Andererseits muss man die angestaute Wut der Institutsmitarbeiter auch respektieren, denn sie müssen Tag für Tag die selben, saudummen Fragen beantworten. „Wann beginnt die Anmeldephase?“, „Was kommt zur Prüfung?“, „Wo finde ich Seminarraum 5?“—ich würde irgendwann einfach zuschlagen oder allen Studenten ins Gesicht lügen.

Vielleicht ist es der geheime Lehrauftrag des Instituts, uns alle auf die harte Schule des Lebens vorzubereiten, in der wir auch nicht ständig eine Notfall-Hotline anrufen können. Nichts für ungut, liebes Rat auf Draht-Team. Vielleicht sind in Wirklichkeit alle Mitarbeiter des Instituts die nettesten Menschen der Welt. Vielleicht aber auch nicht. Und was wäre schon eine Wiener Institution, in der man sich nicht mit den gemeinsten Bürokraten der Welt herumschlagen muss? Die Welt wäre einfach nicht mehr die Selbe und wir wären schwer beunruhigt. Schließlich hätten wir dann eine Sache weniger, über die wir uns beschweren können.

In unserer Studenten-Kolumne Campus, Sex und Ravioli lest ihr alles über die schönen und schlimmen Seiten des Studentenlebens und wie ihr die wahrscheinlich beste Zeit eures Leben unbeschadet und mit möglichst viel Spaß übersteht.