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Emma-Bashen ist einfallsloser als Radfahren als Hobby anzugeben

Warum sucht ihr euch im Namen des Neuen Feminismus ausgerechnet Alice Schwarzer als Feindbild aus?
18.11.14
Foto von Jermain Raffington

​Letzte Woche erschien hier der Artikel ​Warum die „Emma" Gift für die Emanzipation ist und er hat einige Menschen ziemlich wütend gemacht. Warum, das könnt ihr hier in dieser Stellungnahme nachlesen.

„Ich bin ja schon ur feministisch, ABER die Schwarzer …" Das heißt übersetzt so viel wie: „Ich habe ja nichts gegen Frauen. Einige meiner besten Freunde sind Feministinnen, aber wenn die erst mal anfangen mich mit ihren scheiß Rechten zu nerven …" Ja, da sind sich plötzlich auch alle Typen in jedem beliebigen geisteswissenschaftlichen Seminar einig, dass die Schwarzer einfach nur „scheiße" ist, schlecht für die Emanzipation und junge Frauen ja voll in ein altmodisches Rollenbild quält. Egal ob das jetzt der Dreadtyp von der ÖH oder die Reinkarnation von Adorno mit Hornbrille, wilden Locken und Skinny-Jeans ist. Auf „gegen die Schwarzer sein" ist Verlass.

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Auch in ​diesem Blogpost wurden diese typischen Anti-Schwarzer-Phrasen—1000 Mal schon gehört—in mehr oder weniger zufälliger Reihenfolge wiedergekaut.

So weit nichts Neues. Aber schön langsam wird es etwas befremdlich, dass auch junge und ach so selbstbestimmte Frauen so komplett undifferenziert und krampfhaft gegen diverse Gallionsfiguren des kompromisslosen Feminismus vorgehen. Erklären kann ich es mir nur damit: Vorauseilender Gehorsam.

All diese Artikel oder Kommentare von ambitionierten Strebern haben gemeinsam, dass sie als ultimatives Gegenbild einer zurechnungsfähigen Persönlichkeit Frauen beschreiben, die älter als 40 sind und sich vielleicht nicht unbedingt wie X-beliebige Fashionbloggerinnen kleiden. Wie zum Beispiel die Formulierung „semi-reflektierte, rührseelig kuchenessende Mittvierziger" in dem Blogpost zeigt.

Aber semi-reflektiert ist es auch, im Namen des Neuen Feminismus (was soll das überhaupt sein?), sich ausgerechnet ein Feindbild auszusuchen, für das  auch sämtliche Mario Barth Fans begeistert applaudieren würden. Das ist ungefähr genau so couragiert und schlau wie Oliver Pocher in diesem Video:

Vielleicht kommst du aus einer Generation, in der du als uneheliches Kind nicht in der Volksschule verarscht wurdest, vielleicht kommst du aus einer Generation, in der du, wenn du mal wieder besoffen die Pille ausgekotzt hast, bei der Apotheke ohne Untersuchung und Belehrung durch einen Frauenärztin oder einen Frauenarzt die Pille danach bekommst (zumindest, wenn du in einer Großstadt wohnst), aber ganz bestimmt gehörst du nicht zu einer Generation, die nicht altern kann. Auch du wirst mal Mitte 40 sein. Vielleicht sogar älter.

Abgesehen davon, dass Alice Schwarzer alt ist, wird ihr ja auch gerne vorgeworfen, zu „extrem" oder schlecht für den Feminismus zu sein. Besonders gerne übrigens von Leuten, die noch nie etwas von ihr gelesen haben. Abgesehen davon sorgen die PorNO Kampagne und der Appell gegen Prostitution immer für die lauteste Kritik.

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Jetzt wollen diese hässlichen, über 40-jährigen Emanzen (pfui!) den Männern auch noch verbieten, zu ihren Huren zu gehen! Ja, dieses Thema ist strittig. Und ja, dieses Thema interessiert viele. Umso weniger verstehe ich, warum sich so viele zünftige Burschen und reflektierte Modebloggerinnen anscheinend wünschen würden, dass das Thema am besten komplett aus dem Internet verschwindet. Ist man auch gegen die Strafen für Freier (denn genau genommen fordert Alice Scharzer genau das und kein „Prostitutionsverbot"), interessieren sich zumindest viele Leute dafür, dass Prostituierte nicht ausgeliefert sind und unter halbwegs sicheren Bedingungen arbeiten können.

Und was meint die Schwarzer zu diesem Thema? Sie schreibt in Blockschrift 1000 Mal den Satz ICH HASSE ALLE MÄNNER, WEIL SIE MEIN FEINDBILD SIND UND ICH UR NEIDISCH AUF IHREN BEIDL BIN in die Emma.

Nein. Sie fragt zum Beispiel nach, wer diese Prostituierten sind, die sich vehement mit ihren Vereinen für das Recht auf Prostitution einsetzen und stößt dabei auf ein ​ziemlich interessantes Faktum:

Das sind Gelegenheitsprostituierte, das sind selbstständige Dominas oder Ex-Prostituierte, die längst ein eigenes „Studio" betreiben, wo sie andere Frauen für sich anschaffen lassen.

​Von dieser Warte aus betrachtet sieht man nämlich das oft genannte „freie Bestimmen" über den prostituierten Körper als Teil einer deutlich tiefergehenden Problematik.

Im VICE-Interview hat auch Jenna Jameson​ recht klare Worte für die Verhältnisse in der Porno-Branche gefunden: „Mit 18 fiel mir auf, dass die Porno-Industrie extrem frauenfeindlich ist. Männer haben das Sagen und bestimmen, was die Frauen zu tun haben, um ihnen dann einen Hungerlohn zu zahlen."

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In der Emma wurden auch die Forderungen des Berufsverbandes für Sexarbeiter_innen untersucht. Auch interessant für ​Leute, die gegen Bestrafung von Freier und für freiwillige Sexarbeit sind:

„Sie plädieren gegen eine Anhebung des Schutzalters auf 21, gegen verpflichtende Gesundheitsuntersuchungen und gegen eine Kondompflicht. Dafür fordern sie die ersatzlose Streichung der Strafparagraphen gegen „Zuhälterei", die „Ausbeutung von Prostituierten" und „jugend­gefährdender Prostitution".

Nichts an diesen Untersuchungen ist hetzerisch oder extrem. Nichts daran ist auch nur ansatzweise männerhassend. Sie sind einfach informativ. Unlängst hatte ich die zweifelhafte Ehre, mich mit einem echten Burschenschafter über dieses Prostitutionsverbot unterhalten zu können (Liebe Grüße auf diesem Wege!). Sein Argument war, Prostitution sei gut, „denn es nimmt den Druck aus der Gesellschaft".

Einerseits haben wir hier ein Gesellschaftsbild, aus dem die Frauen komplett weggedacht werden. Welcher Frau nimmt es bitte Druck, wenn irgendein Wappler zu einer Prostituierten geht? Andererseits: Was für ein Bild von Prostituierten ist das denn, wenn diese als Druckablasserinnen gesehen werden? Wenn Prostitution doch eh so ein normaler Beruf sei, in dem man sich super selbstverwirklichen kann und top Karrierechancen hat, ist das dann eine Wunschkarriere für eure Kinder? Für eure Töchter, Schwestern, Mütter, Söhne?

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Wahrscheinlich nicht. Außer ihr seid zynische Arschlöcher oder glaubt aus welchen Gründen auch immer tatsächlich, dass Prostituierte wirklich immer kommen.

Verräterisch selbstbestimmt ist ja auch der Name der französischen Petition gegen die Anti-Prostitutions-Gesetze: Touche pas à ma pute. Zu Deutsch: Finger weg von meiner Hure. Unterschrieben wurde das Ganze unter anderen vom weltbekannten Frauenrechtler Dominique Strauss-Kahn.

Nun nochmal zurück zu den Trolls, die unter nahezu jedem YouTube-Video darüber herumschreien, dass der Femi-Wahnsinn total deinen Freiheiten einschränkt, alle genderwahnsinnig sind und überhaupt sind ja eh schon die Männer die echten Unterdrückten. Ihr steht für Gleichheit aber nicht Gleichmacherei? Das alles im Namen der freien Meinungsäußerung womöglich? Solange ihr dabei nicht so etwas exotisches wie eine dezidierte Beachtung von Frauen in der Bundeshymne fordert, bekommt ihr dabei auch garantiert keine Morddrohungen. Wozu also aufregen?

Schön und recht, dass mich der ​Gabalier beim Singen der Hymne mitdenkt—aber warum macht das die Google Bildersuche nicht mit ÄrtztINNEN, wenn ich „Arzt" google?

Und was ist los mit diesen ganzen einfallslosen Gören, die vor lauter vorauseilendem Gehorsam kaum warten können, total befreit vom Feminismus-Wahnsinn endlich ihre 5 Minutes of Internet-fame dazu zu nützen, im Chor mit all den Bashern mitzumachen? Dafür gibt es schon 10 Zillionen andere Trolls.

Frauen über 40 — BASHEN. Frauen, die dick sind, —BASHEN. Frauen, die betrunken sind – BASHEN. Frauen, die Talk Talk Talk moderieren— BASHEN. Frauen, die promiskuitiv sind und vergewaltigt wurden—BASHEN. Frauen, die besser aussehen als man selbst—BASHEN. Frauen, die Karriere machen—BASHEN (war ja nur wegen der Quote). Frauen, die sich nicht einschleimen wollen—BASHEN. Frauen, die freizügig gekleidet sind—BASHEN. Frauen, die basic sind—BASHEN. Sich selbst—BASHEN.