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Sex, Urin und Gewalt: Mein Leben als Rezeptionist im Hostel

Die Nachtschicht in einem Hostel bedeutet das Eintreten in ein Paralleluniversum aus Drogen, Alkohol und notgeilen Teenagern mit Sonnenbränden zweiten Grades.

von Fermín Azcárate
26 Mai 2015, 1:01pm

Foto: Jamie Clifton

Titelbild: Keines der Fotos zeigt das in diesem Artikel beschriebene Hostel. Foto: Jamie Clifton

Eines Nachts, ich schätze, es war vielleicht 3 Uhr, kam ein Gast weinend in die Lobby gerannt. Ich glaube, er sprach Koreanisch, was sehr weit von Sprachen entfernt ist, die ich verstehe, also konnte ich zuerst nicht so gut erörtern, wo der Schuh ihn drückte. Doch dann machte ich ein Wort aus, das die meisten linguistischen Grenzen überschreitet: "piss". Ich bat den Security, auf die Rezeption aufzupassen, holte tief Luft und machte mich auf den Weg ins Hotelzimmer, um herauszufinden, um wie viel Urin es hier genau ging.

Anscheinend hatte eine australische Rucksacktouristin im Schlaf beschlossen, ins Bett des armen Koreaners zu klettern und dort ihre Blase zu leeren. Zumindest schloss ich das aus seinem gebrochenen Englisch und der Pipi-Pfütze.

Der einzige Ort, der schäbiger und verrückter ist als ein Hostel bei Tageslicht, ist ein Hostel bei Nacht. Ihr könnt euch also vorstellen, wie eine Nachtschicht so abläuft. Es ist ein Paralleluniversum aus Drogen, Alkohol und notgeilen Teenagern mit Sonnenbränden zweiten Grades.

Meine Aufgabe ist es, an der Rezeption zu stehen, Gäste zu begrüßen, ihnen die Schlüssel zu geben und ihnen alles zu erklären, was es über das Hostel zu wissen gibt—OK, vielleicht verschweige ich strategisch, dass es sich nach 3 Uhr in Sodom und Gomorrha verwandelt. Das werden sie schon bald genug selbst herausfinden.

Foto: Jamie Clifton

PROMISKUITÄT

Eine der obersten Regeln des Hostels ist es, dass nur eine Person pro Bett zugelassen ist. Es ist egal, wie viele Jägermeister du hattest, du darfst in dem Zimmer einfach keinen Sex haben. Denn das ist extrem scheiße für die anderen Gäste. Tja, ich schätze Regeln sind zum Brechen da—vor allem diese. Einmal kamen fünf von acht Gästen aus einem Zimmer in die Lobby, um sich kollektiv zu beschweren. Es war 7 Uhr morgens und zwei betrunkene Leute gingen im Stockbett total zur Sache. Nach sieben Stunden an meinem Schreibtisch war ich hauptsächlich einfach nur neidisch auf das Paar, aber natürlich musste ich meinen Job machen und hochgehen, um ihrem Treiben ein Ende zu setzen. Ich marschierte ins Zimmer und riss den Vorhang des Betts zurück. Ein blasser Hintern hüpfte etwa 10 Zentimeter von meinem Gesicht entfernt auf und ab. Meine Anwesenheit schien sie nicht im Geringsten zu stören, also musste ich die beiden höflich bitten, ihr Stöhnen aufs Minimum zu beschränken—wenn das für sie in Ordnung war. Eigentlich war es zu dem Zeitpunkt auch schon egal, denn alle Zimmergenossen waren schon zum Frühstück gegangen.


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Die Gäste beschränken sich beim Sex allerdings nicht nur auf die Schlafzimmer. Duschen, Toiletten, der oberste Treppenabsatz—jeder Ort ohne Überwachungskamera scheint akzeptabel zu sein. Ich versuche immer noch herauszufinden, wie die Gäste das mit dem obersten Treppenabsatz herausgefunden haben, aber auf unserer Website hat niemand diesen Tipp geteilt.

Foto: Jamie Clifton

Manchmal stellen geile Gäste auch dem Personal nach. Zum Beispiel machte unsere Nachtwache Miguel eines Nachts seine Runde, als er ein seltsames Geräusch aus der Toilette hörte. Er beschloss nachzuforschen, denn das ist schließlich sein Job. Als er um die Ecke kam, war da eine Kanadierin, die bei offener Tür pinkelte. Miguel bekam einen heftigen Schreck, doch die Frau ganz und gar nicht—sie spreizte einfach ihre Beine und bedeutete ihm höflich, dass er doch ins Bad kommen solle. So geschmeichelt sich der arme Mann auch fühlte, er wollte lieber professionell bleiben und lehnte ab.

An der Rezeption gibt es im Vergleich viel weniger Moral. Der Job als Rezeptionist/in eines Hostels erhöht deine Sex-Chancen etwa ums Zehnfache. Wenn du vor diesem Job überhaupt nur ansatzweise erfolgreich im Balzen warst, dann könnte diese Arbeit schnell sogar gesundheitsgefährdend für dich werden. Ich war früher nie sonderlich beliebt bei Frauen, aber seitdem ich hier arbeite, habe ich keine Schwierigkeiten, Interessentinnen zu finden. Du musst einfach nur im richtigen Moment gute Nacht sagen oder einfach nur Augenkontakt machen und bevor du dich versiehst, vergnügst du dich zusammen mit der Amerikanerin, die alleine aus dem Club zurückkam. Es ist wirklich so einfach.

Ich erinnere mich noch, wie unser alter Security—ein echt netter Typ um die 50—mir zuflüsterte, ich solle eine Frau mit in den ersten Stock nehmen. Er gab mir ein Walkie-Talkie und sagte, er würde mich anfunken, wenn es Probleme gäbe. Sein väterlicher Ton überzeugte mich schnell, dass ich das tatsächlich tun sollte und dass es eine völlig vernünftige Aktivität während der Arbeitszeit war. Der erste Stock hatte nämlich einen Bereich, der nach Mitternacht immer wie leergefegt war. Dort war es auch schön dunkel, sodass niemandem so schnell etwas auffallen würde. Wir gingen dorthin und machten uns übereinander her. Hinterher wollte ich ein paar Taschentücher holen. Dummerweise zog ich mir vorher keine Kleidung an. Als ich die Hälfte des Korridors hinter mir hatte, löste mein Umherschleichen die Bewegungsmelder aus und mein nackter Arsch war direkt im Blickfeld der Überwachungskameras. Zum Glück sieht sich nie jemand das Videomaterial an, doch ich lernte in jener Nacht eine wichtige Lektion: Big Brother sieht immer zu.

Foto: Robert Foster

DIE MENSCHEN

Es gibt in Hostels natürlich noch viel mehr als Sex. Manchmal werden sie zum vorübergehenden Zuhause von Menschen, die nur wenig Geld haben. Menschen, die sehr häufig an psychischen Krankheiten wie Depressionen und Paranoia leiden.

Ein solcher Mensch war Anton. Anton war ein junger Albaner, der nach Barcelona gezogen war, um sich dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich weiß nicht genau, wie er das tat, doch er betrat und verließ das Hostel mehrmals pro Nacht und erwähnte nie so richtig, was er vorhatte. Das war seltsam, denn er scheute sich nicht davor, mir so ziemlich alles andere zu erzählen—wie das eine Mal, als er und sein Bruder 40 Angreifer zusammengeschlagen hatten, oder wie er seine Jungfräulichkeit an ein Mädchen in einem Hostel verloren hatte und diese die Nummer zufällig als den besten Sex ihres Lebens bezeichnet hatte. Die Art Geschichte eben, die sehr unterhaltsam aber offensichtlich unwahr ist. Am Ende setzte mein Chef ihn vor die Tür, weil er einen Mitarbeiter bedroht hatte. Er verließ das Hostel unter Schreien, dass er zurückkommen würde und dass er ein "Scharfschütze" und ein "Löwe" sei. Wir sahen ihn nie wieder.

Es gab da noch einen Typen namens Ramon—ein großer Kerl, dessen geistiges Alter näher an 10 war als an seinen tatsächlichen 40. Er war nach 20 Jahren im Ausland wieder heimgekehrt und musste deswegen eine Zeit lang im Hostel leben, um wieder Fuß zu fassen. Er meinte, es wäre einfacher, Wohnung und Arbeit zu finden, wenn er eine Basis vor Ort hätte. Er erzählte mir davon, wie er seine Mutter besucht hatte—sie hatte eine neue Familie und wollte nichts mit ihm zu tun haben. Eine andere Frau stahl ihm 300 Euro, als er bei ihr eine Wohnung mieten wollte. Es schien, als habe jede Geschichte, die ihm je passiert war, böse geendet. Er war so ein netter Kerl, umgeben von solch furchtbaren Leuten. Er beschloss, schnell die Stadt zu verlassen und ein neues Leben auf Menorca anzufangen. Das hätte ich an seiner Stelle auch so gemacht.

Nach einer Weile wird es schwierig, die subtilen Unterschiede zwischen Touristen und Menschen mit psychischen Leiden zu erkennen. Manchmal verschwimmt die Trennlinie und das eine wird zum anderen. Wie der Koreaner, der schreiend in die Lobby gekommen war—er verlor ein paar Nächte später selbst Teile seiner Zurechnungsfähigkeit und verwechselte jemandes Koffer mit einer Toilette. Der Besitzer musste nach dem Aufwachen feststellen, dass all seine Sachen vor flüssigem Menschenabfall trieften. Es war dann an uns, die Kleidung in die Waschmaschine und den Übeltäter in die Dusche zu stecken.

Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Das Schlimmste, das ich je erlebt habe, bleibt bis heute die schwedische Frau, die weiß der Geier was zu sich genommen hatte und nackt durch die Flure rannte und dabei die Wände mit ihrem Menstruationsblut bemalte. Diesen Vorfall werde ich wohl nie vergessen.

DIE GEWALT

Das Schlimmste an der Nacht sind nicht die Drogen, der Alkohol, die flüssige Scheiße oder der Sex. Es sind die Prügeleien. Wie das eine Mal, als ich zwei betrunkene Vollidioten davon abhalten wollte, vor dem Hostel zu kämpfen und einer von ihnen aus Versehen mein Gesicht berührte. Unser Security knöpfte sie sich vor und vermöbelte sie nach Strich und Faden.

"Ich musste das machen. Es ist mein Job", sagte er mir.

Ganz ehrlich gesagt bin ich mir nicht so sicher, ob das sein Job ist.

Es gibt auch Kämpfe zwischen Gästen und Leuten, die nicht einmal im Hostel arbeiten. Das sind immer die interessantesten. Ich glaube, der letzte, den ich gesehen habe, waren drei amerikanische Frauen, die sich einen Taxifahrer vornahmen. Der war gut. Laut dem Fahrer hatten die Frauen ihr Fahrgeld nicht bezahlt. Laut den drei hatte er sie sowohl ausgeraubt als auch sexuell belästigt. Als die Polizei ankam, nahmen sich die Frauen die auch noch vor, weil die Beamten in Zivilkleidung waren. Sie taten, als würden sie ihre Botschaft anrufen und drohten damit, die Polizisten als Betrüger mit aufs Revier zu nehmen. Die Situation hatte endlich ein Ende, als der Taxifahrer, der inzwischen völlig erschöpft war, sagte, er würde sich mit 30 Euro zufriedenzugeben. Die Frauen schrien allerdings weiterhin, dass er sie ausgeraubt hatte. Als ich mit ihnen wieder im Hostel war, unterhielten wir uns. Nach einer Weile entspannten sie sich und vertrauten mir. Eine drehte sich zu mir und sagte in ernstem Ton:

"Hast du Breaking Bad gesehen?"

"Klar", sagte ich.

"Tja, mein Onkel ist ein leitender DEA-Agent und ich werde ihn dazu bringen, diesen Bastard in Kuba einsperren zu lassen."

Ich bin ehrlich überzeugt, dass sie selbst daran glaubte.

Es war eben ein ganz normaler Tag in meinem Hostel.

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