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Wie es ist, Filmriss-Trinkerin zu sein

Sarah Hepola, Autorin von ‚Blackout', über die Paranoia, den Spaß und den Schmerz, den es bringt, wenn man sein Erinnerungsvermögen wegtrinkt.
15.7.15

Einmal die Hände heben: Wer hier hat schon mal zu tief ins Glas geschaut und danach nicht die geringste Ahnung gehabt, wie er oder sie nach Hause gekommen ist, oder warum da ein angebissener Gouda auf dem Kopfkissen liegt? Wer hat schon mal einen ganzen Sonntag damit verbracht, sich in Angstschweiß gebadet den Kopf darüber zu zerbrechen, was in der Nacht davor passiert ist, und sich dabei nicht getraut, Freunde anzuschreiben, weil sie dir vielleicht erzählen werden, was du getan hast? Wenn du dich wiedererkennst, dann atme jetzt einmal tief durch, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass du dich ziemlich gut in Sarah Hepolas Autobiografie Blackout wiederfinden wirst—denn ihr Buch handelt davon, wie es ist, eine furchtbare Säuferin zu sein.

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Als ich Hepola, die als Redakteurin bei Salon arbeitet und in Dallas lebt, anrief, um mit ihr über ihr ehrliches, ungeschöntes und sehr lustiges Buch zu sprechen, erzählte ich ihr, dass ich mich so darin wiedererkannt habe, dass ich es beim Lesen nur schwer weglegen konnte, um meine klammen Hände zu trocknen. „Eigentlich braucht das ganze eine große Trigger-Warnung", gab Hepola zu. „Mir haben schon einige Leute gesagt, dass es schwer zu lesen war, und dem stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber, denn ich will niemandem Schmerzen bereiten, aber ich schätze, es ist auch schön zu wissen, dass man nicht alleine ist."

Foto:greenmelinda|Flickr.com|CC BY 2.0

Und Hepola ist alles andere als alleine. „Wenn man nach meiner Inbox gehen kann", erklärte sie, „dann hat vor allem England ein kleines Filmriss-Problem."

Wenn du erst mal einen gewissen Alkoholpegel erreicht hast, dann hört dein Gehirn vollständig damit auf, Erinnerungen abzuspeichern. Wie Hepola in ihrem Buch erläutert: „Das Blut erreicht einen gewissen Promille-Grenzwert und fährt den Hippokampus runter—das ist der Teil des Hirns, der für Langzeiterinnerungen verantwortlich ist." Du kannst dich also noch so sehr anstrengen, dich an das Geschehene zu erinnern, es wird vergebens sein, denn da ist einfach nichts. Nada.

„Es ist einfach: Das Aufnahmegerät in deinem Gehirn ist ausgeschaltet", sagte mir Hepola. „Filmrisse waren der furchteinflößendste, verrückteste Aspekt meines Trinkens, und in all den Jahren wusste ich nie, was passiert war. Dieser blinde Fleck allein ist für mich einfach unfassbar. Und es hat mich sehr überrascht, wie viele Leute—von denen ich viele für sehr intelligent und gebildet halte und zu meinen Freunden zähle—den Unterschied zwischen Ohnmacht und Filmriss nicht kennen. Sie dachten, Filmriss würde bedeuten, sie seien bewusstlos und würden auf der Couch schlafen, statt herum zu laufen und zu Dinge zu tun."

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Von dem Zeitpunkt ihres ersten Alkoholrausches mit 13 (auch wenn sie schon mit 11 auf den Biergeschmack gekommen war) bis sie sich fast 25 Jahre später entschloss, mit dem Trinken aufzuhören, waren Filmrisse so etwas wie Hepolas Spezialität. Wie bei den meisten anderen Leuten war das nicht ihr Ziel, wenn sie sich betrank. Sie leerte ein paar Drinks, dann ein paar mehr und dann … nichts, bis am nächsten Morgen die Detektivarbeit anfing, und sie mithilfe kleiner Indizien die Geschehnisse ihres eigenen Lebens ermitteln musste—Rechnungen, SMS, die Person, die neben ihr lag.

„Ich finde, nicht zu wissen, was passiert ist, ist das Schlimmste an der Filmrisserfahrung", sagte Hepola. „Doch in meinen frühen Zwanzigern hatte ich schon eine gewisse Ahnung entwickelt, wie mein Verhalten aussah. Ich weiß, dass ich dazu neige, mich auszuziehen—und nicht auf eine sexy Art, sondern auf eine seltsame, unangenehme, exhibitionistische Art, die Leute dazu bringt, das Weite suchen zu wollen. Die andere Sache, die ich mache, ist unkontrollierbar darüber zu weinen, wie zutiefst unliebenswürdig ich doch bin. Und ich neigte auch dazu, mit Männern sehr offensiv sexuell zu sein. Und da ich wusste, dass ich zu solchen Verhaltensweisen neigte, lag ich einfach vor Angst zitternd im Bett, wenn ich am nächsten Morgen um fünf oder sechs Uhr aufwachte.

Das von Hepola beschriebene Verhalten beschränkt sich nicht auf die weibliche Filmriss-Erfahrung—auch Männer weinen und ziehen sich aus—, doch ich gehe mal davon aus, dass viele Frauen, für die Trinken zum Sozialleben gehört, sich davon sehr angesprochen fühlen. Selbst wenn du noch nie einen Filmriss hattest, wirst du Hepolas Beschreibung von Abenden mit ihren Freundinnen vielleicht wiedererkennen: Wein als der „soziale Kleber", der die Freundschaft zusammenhielt, oder die Flasche Wein auf dem Tisch als wortlose Ankündigung eines schwierigen Gesprächs.

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Als ich anmerke, dass ich glaube, dass Frauen vielleicht noch mehr als Männer die Fähigkeit besitzen, die ganze Nacht um einen Tisch zu sitzen und sich zum Boden einer Flasche Wein nach der anderen durchzuarbeiten, stimmt mir Hepola enthusiastisch zu. „Die Sonne bewegt sich über den Himmel und dein einziges Indiz dafür, wie viel Zeit vergangen ist, sind die leeren Flaschen, die sich in der Ecke stapeln. Das ist buchstäblich deine einzige Maßeinheit, weil sich sonst seit sechs Stunden nichts bewegt hat. Als hätte man vorher vereinbart: ‚Wir werden alles wegmachen. Wir trinken einfach alles aus.'"

Es steht außer Frage, dass sich der Alkoholkonsum—vor allem unter Frauen mit Universitätsbildung—in den letzten 30 Jahren dramatisch gewandelt hat. Ein Bericht zum Thema gefährliches Trinkverhalten der OECD hat dieses Jahr festgestellt, dass das Trinkverhalten von Frauen in vielen Ländern heute problematischer ist als in der Vergangenheit. Dieses Phänomen wird von manchen als „die Kehrseite der Geschlechtergleichheit" bezeichnet. Dieser Bezeichnung liegt die Vorstellung zugrunde, dass Frauen mit vermehrtem Eintritt in männliche dominierte Umfelder, größerer finanzieller Unabhängigkeit und späterer Mutterschaft anfangen zu trinken wie Männer.

Doch ich glaube, da steckt noch mehr dahinter. Nicht alle Frauen trinken, um zu sein wie Männer, oder um mit ihnen mitzuhalten. Vor allem, da die Statistiken auch zeigen, dass die schwersten Trinkerinnen in dieser Kategorie alleine in den eigenen vier Wänden trinken.

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Hepolas Alkoholismus war zu der Zeit auf ihrem Höhepunkt, als Sex and the City gerade zum kulturellen Phänomen geworden war. Die Serie „feierte die Schwesterlichkeit—allerdings eine Form davon, die durch das Druckventil des gemeinsamen Cocktailtrinkens erlebt wurde."

Das Bild von Carrie und Co., die sich mit ein paar Cosmopolitans zu viel beschwipsen, mag heute peinlich wirken, doch zur damaligen Zeit illustrierte die Serie, wie Alkohol im gesellschaftlichen Verständnis untrennbar mit weiblichem „Empowerment" verbunden wurde.

Und für Teenagerinnen, die SATC sahen, sah es wie die coolste Beschäftigung der Welt aus, mit den besten Freundinnen rauchend und trinkend durch die Großstadt zu ziehen. Das liegt wohl daran, dass es das auch irgendwie ist.

„Wir glorifizieren Trinken. Wir stellen es so dar, wie das Gefühl, dass es uns gibt—‚Ich bin sexy! Ich bin hübsch! Ich bin witzig! Prost!'—, aber wir zeigen nur selten, wie Trinken wirklich aussieht.

Foto: Jake Krushell

Und wie es wirklich aussieht, oder wie es zumindest für Hepola aussah, als sie Anfang Dreißig war, ist Folgendes: Treppen herunterfallen, fast das Haus abfackeln, Übergewicht haben und Freunde verlieren, weil diese nichts mehr mit einem zu tun haben wollen.

„Wir normalisieren Dinge, indem wir über sie lachen—so lange alle darüber lachen, dass du die Treppe runtergefallen bist, ist es keine große Sache. Doch meine Aktionen wurden immer weniger lustig, und das ist meist ein großes Anzeichen dafür, dass man ein Problem hat."

NOISEY: Ein Problem hatte Deryck Whibley von Sum 41 auch. Er hätte sich fast zu Tode getrunken.

Wie hast du dich gefühlt, fragte ich sie, als Leute „die Unterhaltung" mit dir führen mussten?"

„Ich war am Boden zerstört. Verdammt nochmal am Boden zerstört. Als Erstes habe ich mich geschämt. Und ich fühlte mich, als hätten alle sowas wie einen gesellschaftlichen Vertrag gebrochen—als hätten sie mir zuerst gesagt, es sei in Ordnung, und dann sagten sie auf einmal, das sei es nicht.

„Ich dachte immer wieder, irgendetwas würde mich aufhalten. Irgendwas würde passieren, das mir das Weinglas aus der Hand nehmen würde—ich würde schwanger werden oder mich verlieben—doch stattdessen änderte sich alles Mögliche um mich herum und ich hielt mich an diesem Weinglas fest."

Hepola versuchte viele Male, mit dem Trinken aufzuhören, und letztendlich war es kein katastrophal peinlicher Vorfall, der ihr die Flasche endgültig aus der Hand stieß, sondern die Erkenntnis, dass sich ihr Leben ansonsten vielleicht nie ändern würde.

„Einer der Gründe, warum man weitertrinkt, ist der, dass man sich wie ein schrecklicher Mensch vorkommt. Heute fühle ich mich gut, weil ich meine Erfahrungen nutzen kann, um anderen zu helfen. ‚Ich auch' ist ein sehr wichtiger Satz; er führt dir vor Augen, dass du nicht alleine bist."