Badminton und Hummer: Wie der Alltag im britischen Gefängnis aussieht, wenn man steinreich ist
Illustrationen: Dan Evans

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Badminton und Hummer: Wie der Alltag im britischen Gefängnis aussieht, wenn man steinreich ist

Wir haben uns mit dem wohlhabenden Betrüger „Fast Eddie" über seine Zeit in der Haftanstalt Wandsworth unterhalten.
1.1.16

Wenn man „Edward Davenport" bei Google eingibt und sich die dann auftauchenden Bilder anschaut, sieht man vor allem viele Selfies mit berühmten Persönlichkeiten wie etwa dem Prinz von Monaco oder 50 Cent. „Willkommen auf der Website von Edward Davenport", heißt es auf seiner Homepage, „einem von Londons extravagantesten und bekanntesten Unternehmern sowie einem echten englischen Gentleman aus einer etablierten britischen Familie."

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Genau diese öffentliche Persönlichkeit—der aristokratische Prominente—ist allerdings Eddies Trick. So hat er sich in der Vergangenheit das Vertrauen seiner Mitmenschen erschlichen und das bekommen, was er wollte. Der Mann hinter dem Selfie-Lächeln (und der Protagonist der neuen VICE-Dokumentation Wolf of the West End) hat seine Geschäftspartner in den Ruin getrieben und durch betrügerische Aktivitäten eine geschätzte Summe von 34,5 Millionen britischen Pfund ergaunert. Das meint das Serious Fraud Office, aber Davenport zufolge ist die Zahl bei Weitem nicht so hoch.

Nach der Jahrtausendwende ging es Eddie richtig gut. Nachdem er 1999 die Londoner Botschaft von Sierra Leone für nur 50.000 britische Pfund erstanden hatte, verwandelte er das Anwesen in Central London in eine Hochburg der dekadenten Sexpartys, auf denen sich die Reichen, Schönen und Adeligen Englands zehn Jahre lang austoben konnten. 2011 wurde „Fast Eddie" jedoch der Durchführung eines millionenschweren Betrugs überführt und zu fast acht Jahren Haft verurteilt. 2014 wurde er dann aufgrund seines schlechten Gesundheitszustand (eine seiner Nieren versagte) vorzeitig entlassen.

Aber wie fühlt sich nun der plötzliche Szenenwechsel vom Leben in Saus und Braus in eine Gefängniszelle in South London an? Wie kommt ein berüchtigter Partyhengst mit dem Leben hinter den unsexy schwedischen Gardinen der Haftanstalt Wandsworth zurecht? Wie sieht das Gefängnisleben für einen reichen Wirtschaftsverbrecher aus? Da ich im Zuge der oben genannten Dokumentation sowieso schon viel Zeit mit Eddie verbracht hatte, habe ich mich noch mal bei ihm gemeldet, um Antworten auf genau diese Fragen zu finden.

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VICE: Was ist die schlimmste Erinnerung an deine Zeit im Gefängnis?
Edward Davenport: Manchmal kam es vor, dass zu wenig Mitarbeiter da waren oder gewisse Dinge abgesagt werden mussten. Wenn zum Beispiel Samstagnachmittag ein Badminton-Match anstand und das Ganze aufgrund der fehlenden Mitarbeiter plötzlich ins Wasser fiel, dann war es nicht so, dass man spontan wirklich viele andere Beschäftigungen organisieren konnte.

Deine schlimmste Erinnerung an die Gefängniszeit ist es also, einen neuen Termin fürs Badminton finden zu müssen?
[lacht] Ab und an wurde auch mitten in der Nacht meine Zelle durchsucht.

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Wie stand es um die Einsamkeit eines Gefängnisaufenthalts, also genauer gesagt um die Langweile und die fehlenden intimen Beziehungen? Hat dich das nicht irgendwann gestört?
Nun, ich fühlte mich irgendwie wie eine Jungfrau, als ich wieder rauskam. Ich meine, vielleicht stört einen die Gefängnisumgebung, wenn man davor nichts mit seinem Leben angefangen hat. Ich habe jedoch 45 verdammte Jahre lang alles gehabt, von dem man eigentlich nur träumen kann. Es war quasi jede Nacht Party angesagt und ich hatte auch viele Frauen.

Die Gefängnismitarbeiter sind in Bezug auf Höflich- und Freundlichkeit außerdem fast auf einem Level mit Hotelangestellten.

OK, aber dein Gefängnisaufenthalt muss doch auch irgendwelche schlechten Seiten gehabt haben.
Na ja, die Nierentransplantation war jetzt kein Zuckerschlecken. Wir befinden uns augenscheinlich in einem sehr zivilisierten sowie gebildeten Land und trotzdem sitze ich hier wegen eines Wirtschaftsverbrechens und werde in Handschellen zur Dialyse gebracht—und muss sie auch während der gesamten Behandlung tragen.

Die Geschichte mit deiner Niere klingt tatsächlich nicht so angenehm. Aber wie steht es um den Rest? Ich meine, das Gefängnis kann Leute echt kaputt machen. Du hast so etwas wirklich überhaupt nicht erlebt?
Nein, habe ich nicht. Du hast wahrscheinlich Artikel über die Gefängnisse in anderen Ländern geschrieben.

Alles klar. Was kannst du mir dann Positives über deinen Gefängnisaufenthalt berichten?
Ich wurde zu einem ziemlich guten Badminton-Spieler. Es gab eben nicht viel zu tun, außer Badminton zu spielen.

Ist es wahr, dass du eine Wache irgendwie dazu gebracht hast, dir Hummer zum Abendessen zu servieren?
Natürlich, ich hatte ja mein eigenes Essen.

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Wie hast du das hinbekommen?
Das Gerücht entspricht der Wahrheit und es wurde auch irgendwo öffentlich abgedruckt, aber ich kann dir deine Frage trotzdem nur mit einem leicht ironischen Unterton beantworten. Man bekommt im Gefängnis jede Woche einen Speiseplan durch die Tür gereicht. Ich habe keine Ahnung wieso, aber auf meinem Speiseplan stand eben auch Hummer. Und zwar regelmäßig. Ich habe dann einfach immer nur das entsprechende Kästchen angekreuzt.

[Ein Pressesprecher des britischen Justizministeriums meinte, dass die Insassen der Haftanstalt Wandsworth noch nie Hummer vorgesetzt bekommen hätten.]

Verstehe. Mit wem hast du dich im Gefängnis angefreundet?
In Wandsworth habe ich die Politiker Chris Huhne und Lord Taylor kennengelernt. Ich glaube, dass sich die Leute aus einer bestimmten Gesellschaftsschicht zusammentun—also die etwas bekannteren, reicheren und vielleicht auch angreifbareren Häftlinge trinken in einem Bereich ihren Kaffee und die Drogendealer oder so hängen in einer anderen Ecke ab.

Waren die anderen reichen Insassen dann so etwas wie deine Clique?
Nein, überhaupt nicht. Badminton habe ich zum Beispiel immer mit dem bewaffneten Räuber John Slavin gespielt—einem absolut verrückten, aber gleichzeitig auch absolut netten Typen. Eine Zeit lang war er sogar mein Sekretär und das ist echt ganz witzig, weil er im Gespräch immer total überzeugend und charmant wirken konnte. Man meinte immer zu mir: „Mein Gott, du kannst dich echt glücklich schätzen, dass dieser Typ für dich arbeitet."

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Slavin war aber nicht nur ein toller Mensch, sondern er wusste auch genau, wie er das Badminton-Feld für sich beanspruchen konnte. Wer im Gefängnis am lautesten daherkommt, kriegt auch das Badminton-Feld.

Glaubst du, dass deine Gefängniserfahrung eine andere war, weil du ein Wirtschaftsverbrecher sowie ein Mitglied der oberen Gesellschaftsschicht bist?
Nun, theoretisch hätten meine Zugehörigkeit zur oberen Gesellschaftsschicht und mein hoffentlich schlau klingender englischer Akzent die Gefängniserfahrung doch eher schlechter machen sollen, oder?

Wurdest du von den anderen Insassen irgendwie bedroht oder eingeschüchtert?
Der Wolf of the West End hat doch keine Angst vor einem bedrohlichen und gewalttätigen Kriminellen. Weißt du, wir Wölfe wissen schon, wie wir uns zu verteidigen haben.

Ich weiß, dass du außerhalb der Gefängnismauern viel Einfluss und Macht besitzt, aber in der Haftanstalt werden die Karten dann doch bestimmt neu gemischt, oder?

Als ich reinkam, nahm man mich zur Seite und meinte: „Du kommst ja offensichtlich aus einem privilegierten Umfeld, dein Fall wird in der Öffentlichkeit viel diskutiert und die Summe Geld, um die es bei dir geht, ist astronomisch hoch—vor allem für viele Leute hier drin. Aus diesen Gründen solltest du dich vielleicht eher an Leute deines Schlags halten." Damit meinten sie im Grunde irgendwelche Politiker und so weiter. Ich dachte mir jedoch nur: „Na ja, wenn ich schon mal hier bin, tauche ich lieber voll ein—das macht sicher mehr Spaß."

Macht Reichtum den Gefängnisaufenthalt deiner meiner Meinung nach besser?
Wenn man viel Geld besitzt, lebt es sich im Allgemeinen überall auf der Welt leichter. Man muss jedoch trotzdem grundlegend glücklich sein, sonst geht es einem nicht wirklich gut. Das Gefängnis bildet da keine Ausnahme.

Unterm Strich ist ein Gefängnisaufenthalt also gar nicht mal so übel?
Na ja, es ist schon eine sehr spezielle Erfahrung—keine wunderschöne, aber auch keine total schlechte.