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​Mirjam Weichselbraun hat gestern den Zorn der FPÖ auf sich gezogen

Moderatorin Mirjam Weichselbraun hat es gewagt, einen Witz über Ursula Stenzel zu machen und die Strache-Fans explodieren.
5.2.16

Am Donnerstag fand der 60. Wiener Opernball statt und wenn ihr mich fragt, war das einzige nennenswerte Ereignis die Flammenfrisur von Helena Fürst, die sie aussehen ließ wie einen bösen Overlord aus einer Folge Star Trek. Geht man nach der FPÖ, gab es da aber doch eine Person, über die es sich angeblich mehr zu empören lohnt: Mirjam Weichselbraun—ihres Zeichens Allround-Moderatorin des ORF und Bio-Grinsekatze.

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Denn gerade, als Mirjam Weichselbraun Harald Serafin interviewte, wurde eine kurze Archivszene aus einer antiken Opernball-Übertragung eingespielt, in der eine etwas jüngere Ursula Stenzel, damals noch ORF-Moderatorin mit Lady Di-Gedenkfrisur, den ebenfalls etwas jüngeren Serafin fragt, ob der Opernball für ihn „eine Verpflichtung oder ein Amusement" sei. Als wieder zu Weichselbraun zurück geschalten wird, sagt diese nassforsch: „Ich frag mich, was aus der Interviewerin geworden ist. Wahrscheinlich nicht viel." Bam. Pipebomb. Eskalation.

Denn während man den unglaublich österreichischen, unglaublich harmlosen Seitenhieb eigentlich fast als Hommage mit einer vorsichtigen Prise Sarkasmus verbuchen könnte, sieht man auf unzensuriert.at das Abendland unter Weichselbrauns Impertinenz zusammenfallen und titelt: „ORF-Vorzeigemoderatorin nutzt Opernball, um Ursula Stenzel zu verunglimpfen". Am Freitagmorgen hat dann auch der Rächer der Gerechten, Heinz-Christian Strache, ebendiesen Link auf seiner Facebook-Page geteilt und mit „Hauptsache als Staatsfunkmoderatorin auf Kosten der ORF-Zwangsbeitragszahler leben und selbstgefällig reden können!" kommentiert.

Gerade noch war Strache „fassungslos und wütend!" über die Vergewaltigungs-Demo der Roosh-V-Anhänger, und schon scheint sein Ärger dem über Weichselbraun gewichen. Um es mit den Freiheitlichen zu sagen: Ja haben wir denn keine anderen Probleme?

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Der Unmut der FPÖ und ihrer Sympathisanten gegenüber Weichselbraun, die es wagt, einen Scherz über die Grande Dame des Ersten Bezirkes zu machen, bahnte sich bereits während des Balles an. Noch in der Nacht reagierte Clemens Magnus Gudenus, stellvertretender Bezirksparteiobmann der FPÖ in Wieden, mit folgendem Kommentar auf der Page von oe24.at.

So richtig los ging es dann aber heute Morgen auf Heinz-Christian Straches Seite. Als tüchtige Trolle gehen seine Facebook-Fans nämlich noch die Extrameile und beschimpfen Mirjam Weichselbraun nicht nur als „Göre", sondern greifen auf den Fundus an Beleidigungen zurück, aus dem sich bei einer gutaussehenden, blonden Frau am einfachsten zugreifen lässt: Sexistische Kommentare zu ihrem Aussehen. Überhaupt sei es kein Wunder, dass diese blonde Sklavin des Rotfunks ein bisschen dumm sei. Ha. Ha.

Wahrscheinlich haben sich die wenigsten der Kommentatoren die Mühe gemacht, sich das Video des „Vorfall" auch wirklich anzusehen—wobei man eigentlich nicht einmal von einem Vorfall sprechen kann. Andernfalls wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass der grundharmlose Gag nichts weiter als ein augenzwinkernder Gruß an das selbsterklärte politische Animal Uschi Stenzel ist; kein vernichtender Rotfunk-Diss, kein politisches Statement gegen die Freiheitlichen, sondern einfach nur ein (nicht mal wahnsinnig guter) Witz, der seine Pointe ja gerade daraus bezieht, dass man ironisch fragt, was wohl aus Stenzel geworden ist, eben weil man weiß, dass aus Ursula Stenzel etwas geworden ist. Get it? Im Falle der FPÖ ist die Antwort auf diese Frage wohl definitiv „Nein", denn Weichselbrauns „Opernball-Entgleisung" soll nun sogar vor den Publikumsrat des ORF gebracht werden. Außerdem vermutet die FPÖ ein „abgekartetes Spiel".

Zugegeben: Der Witz könnte auch Ausdruck von Weichselbrauns Privatmeinung gewesen sein. Aber wer den öffentlich-rechtlichen Auftrag so versteht, dass kein einziger Moderator auch ein Mensch sein darf, der verwechselt Pluralismus und Ausgewogenheit mit roboterhafter Durchschnittlichkeit. Die Reaktionen zeigen jedenfalls schön, dass man es mit Objektivität und Sachlichkeit sowieso immer nur dann genau nimmt, wenn jemand von den „Eigenen" vermeintlich „kritisiert" wird. Ansonsten gibt es nämlich für genau solche Sager Schulterklopfer und Lob für den „Mut".

Verena auf Twitter: @verenabgnr