Der schreckliche und absurde Alltag von Frauenrechtsaktivistinnen in China

Wir haben mit der Regisseurin Nanfu Wang über ihre erschütternde Dokumentation "Hooligan Sparrow" gesprochen, in der es um die unerbittliche Verfolgung der Aktivistin Ye Haiyan durch die chinesische Regierung geht.

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11 Juni 2016, 4:00am

Ausschnitt aus "Hooligan Sparrow" | Bild: bereitgestellt von Little Horse Crossing the River Productions

In einer der witzigeren Szenen aus Nanfu Wangs Dokumentation Hooligan Sparrow hat es sich die chinesische Frauenrechtsaktivistin Ye Haiyan (alias Hooligan Sparrow) auf ihrem Bett gemütlich gemacht und beantwortet die Fragen der vielen Journalisten, die sich in ihrer Wohnung eingefunden haben. Sie war verhaftet worden, weil sie in der chinesischen Provinz Hainan gegen die nicht erfolgte Verurteilung in einem Vergewaltigungsfall protestiert hatte. Die Fragesteller interessieren sich aber dennoch mehr dafür, was die Aktivistin im "Ten Yuan"-Bordell genau gemacht hat, als sie dort kostenlosen Sex anbot, um auf die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der chinesischen Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen aufmerksam zu machen. Haiyan scheint müde und gelangweilt zu sein, aber dann blitzen ihre Augen verschmitzt auf. Sie erinnert sich daran, wie sie ein Mann mitten während des Geschlechtsakts fragte: "Wo kommst du her? Warum bist du so nett? Wer hat dich geschickt?" Schließlich legt sie lachend ihren Kopf in den Nacken und meint trocken: "Ich habe ihm gesagt, dass mich Peking gesandt hätte." Dieses Szenario ist jedoch gerade bei der von der Regierung fast schon gejagten Aktivistin ziemlich unwahrscheinlich.

Abgesehen von solchen kurzen Momenten der Unbeschwertheit bietet einem der Rest der Dokumentation eher einen düsteren Einblick in Chinas Maschinerie der politischen Unterdrückung—ein komplexes Netz aus ungehinderter Korruption, fehlgeleitetem Patriotismus und omnipräsenter Propaganda. Haiyan wird unerbittlich verfolgt, eingeschüchtert, geschlagen, auf die Straße gesetzt und inhaftiert. Die Regisseurin Wang hat Haiyan einen Sommer lang begleitet und dabei die furchteinflößenden und oftmals auch absurden Methoden zur Unterdrückung der Aktivistin dokumentiert. So sieht man in einer Szene zum Beispiel, wie ein mysteriöser und wütender Mob einfach so vor Haiyans Wohnung auftaucht und sich wie in einem Horrorfilm an der Eingangstür zu schaffen macht. So bleibt der 41-Jährigen auch keine andere Wahl, als sich und ihre Tochter mit einem riesigen Küchenmesser zu verteidigen.

Ich habe Wang in Brooklyn besucht, um mit ihr über die Unterdrückung durch die chinesische Regierung sowie ihre Hoffnungen für zukünftige Reformen zu reden.

VICE: Ich stamme ursprünglich aus Taiwan und bin somit eigentlich schon Chinesin. Ich hatte allerdings keine Ahnung, dass politische Aktivisten in China so extrem unterdrückt werden. Als deine Dokumentation zu Ende war, brachte ich erstmal keinen Ton mehr raus und saß eine Stunde lang quasi regungslos da, weil ich mich so unwissend fühlte.
Nanfu Wang: Bevor ich Hooligan Sparrow gedreht habe, war ich ebenfalls unwissend. Und ich bin sogar in China aufgewachsen. Ich hatte vorher einfach noch nie mit einem Aktivisten zu tun gehabt. Aktivismus ist in China sowieso ein sehr heikles Wort, das man so kaum zu hören bekommt. Wenn man in den Nachrichten oder in den sozialen Medien zum Beispiel etwas zu der religiösen Bewegung Falun Gong sieht, dann würde dieser Beitrag in China direkt ein Tabu darstellen, das man mit psychischen Krankheiten oder regierungsfeindlichem Gedankengut assoziieren würde. Dort sind Worte wie "Aktivist" oder "Menschenrechte" fast schon nicht mehr neutral und ein Großteil der Bevölkerung will damit auch nichts zu tun haben, denn in den Medien werden Aktivisten immer als Extremisten dargestellt, die an irgendeiner psychischen Krankheit leiden—irgendetwas muss bei ihnen ja nicht stimmen, wenn sie demonstrieren wollen.

Wie bist du auf Ye Haiyan gekommen und warum hast du dich dazu entschieden, einen Film über sie zu drehen?
Ich habe durch die sozialen Medien von Ye Haiyan erfahren. Damals war sie gerade in aller Munde, weil sie in einem Bordell kostenlosen Sex angeboten hatte, um auf die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen aufmerksam zu machen. Als Haiyan kurz nach der Jahrtausendwende anfing zu bloggen, gab sie sich selbst den Spitznamen "Liu Mang Yen", also "Hooligan Sparrow" [Hooligan-Spatz]. Sie gehörte zu den wenigen Bloggern, die ganz offen über ihre sexuellen Erfahrungen schrieben. Ihr Blog hieß auch "Mei Ri Yi Zi", was übersetzt so viel wie "Protokoll eines jeden Tags" bedeutet. Gleichzeitig kann man das Ganze aber auch als Wortspiel ansehen, weil "Ri" ein Slang-Ausdruck für "ficken" ist—also quasi "Protokoll eines jeden Ficks".

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Wird sie immer noch verfolgt und bedroht?
Die Regierung hat ihr im November 2014 den Pass abgenommen. Als sie noch in ihrer Heimatstadt Wuhan wohnte, installierte man vor Haiyans Wohnung eine Überwachungskamera und stellte ihr jedes Mal Fragen, wenn sie das Haus verließ. Nachdem sie dann nach Peking gezogen war, wurde sie zweimal von Polizisten besucht und dabei bedroht. Sie meinten: "Halte hier lieber die Füße still, weil wir dich auch ganz schnell wieder vertreiben können!" Deswegen hatte Haiyan natürlich viel Angst, aber sie war auch wütend. Auf der Straße kann sie nicht mehr demonstrieren.

Dafür schreibt sie aber umso mehr. Es gibt quasi jeden Tag einen neuen Blogeintrag. Die Leute zahlen sogar, um ihre Sachen lesen zu können. So verdient sie auch ihr Geld. Die Zensurbehörde löscht ihre Einträge immer nach ein bzw. maximal zwei Tagen—das kommt ganz auf den Inhalt an—, aber sie macht einfach Screenshots und lädt das Ganze dann wieder hoch.

Wie wurde Haiyan zur Aktivistin?
Sie ist von Natur aus eine radikale Person und dazu noch unglaublich abenteuerlustig, humorvoll und kreativ.

Bei der Demonstration in Hainan gegen den Schuldirektor, der die jungen Mädchen vergewaltigt hat, überlegten wir, was wir auf unsere Schilder schreiben sollten. Da sagte sie: "Ich schreibe einfach drauf, dass der Direkter mich nehmen und die Kinder in Frieden lassen soll." Das war so witzig und wir mussten laut loslachen. Natürlich hat sie dann genau das geschrieben und das Bild ist viral gegangen.

Ausschnitt aus "Hooligan Sparrow" | Bild: bereitgestellt von Little Horse Crossing the River Productions

Aber ein Schuldirektor, der sich an jungen Mädchen vergeht, ist doch offensichtlich eine schlimme Sache. Gab es da keinen Konsens?
Das Ganze ist leider etwas komplizierter. Beim Fall von Hainan war es für die Leute zum Beispiel nicht einfach, an wirkliche Informationen zu kommen, weil sie quasi nur durch die staatlichen Medien und Zeitungen darüber erfuhren.

Und in den Medien wurde natürlich gesagt, dass es zu keinen Vergewaltigungen und keinem Missbrauch gekommen wäre. Nein, die Mädchen hätten von dem Direktor angeblich nur Geld und Geschenke bekommen. Und dann hat man die ganze Diskussion eher in Richtung des Themas gelenkt, wie Eltern Mädchen erziehen sollten. Die unterschwellige Botschaft, die da mitschwang, lautete ungefähr so: "Heutzutage ist die Gesellschaft so verroht, dass sogar die jungen Mädchen schon auf Handys, Klamotten und Geld aus sind." Aus diesem Grund ging es in der öffentlichen Debatte schon bald nur noch darum, welche Verpflichtungen die Eltern bei der Erziehung haben—so nach dem Motto "Diese jungen Mädchen wollten Geld und waren dementsprechend nicht gut erzogen".

Das macht mich richtig wütend. Im Grunde ging es also nur noch darum, Frauen zu maßregeln?
Genau. Plötzlich wurden auch Fragen gestellt: "Warum ist das Mädchen denn mit dem Direktor mitgegangen? Auf dem Überwachungsvideo ist klar zu sehen, dass er sie nicht entführt! Sie begleitet ihn freiwillig." Dann haben sie noch andere Schulkinder interviewt, die unter anderem meinten: "Sie hat sich schon immer gut mit dem Direktor verstanden und damit auch angegeben!" Selbst meine eigenen Freunde, die wussten, was für eine Dokumentation ich da drehe, hatten Zweifel.

In Hooligan Sparrow rede ich auch mit einem der Väter der Mädchen und frage ihn dabei: "Kennen Sie Ye Haiyan? Falls ja, was haben Sie schon über sie gehört?" Seine Antwort: "Ich habe gehört, das sie mit Männern schläft." Daraufhin sage ich: "Wie meinen Sie das? Wie eine Prostituierte?" Und das bejaht er. In diesem Moment ist mir richtig schlecht geworden und ich dachte mir nur: "Sogar er denkt so." Ich meine, diese Frau hat so viele Opfer gebracht, um sich für die Menschenrechte einzusetzen, und wird trotzdem noch verurteilt. Ich kann dem Vater das Ganze aber auch nicht übel nehmen, denn er konnte seine Informationen ja nur aus den Medien beziehen.

Kannst du mir beschreiben, wie es sich anfühlt, selbst bedroht und verfolgt zu werden?
Jedes Mal wenn ich nach draußen ging, musste ich höllisch aufpassen. Das war richtig lähmend und bedeutete unter anderem auch, dass ich meine Kamera nicht einfach so auspacken konnte.

Die Regisseurin Nanfu Wang | BILD: bereitgestellt von Little Horse Crossing the River Productions

Fordern Regierungsmitarbeiter zufällig ausgewählte Bürger wirklich dazu auf, bestimmte Leute zu verfolgen und zu schikanieren? Gibt es da irgendein System?
Ja, als Regierungsmitarbeiter oder Polizist ist es einem tatsächlich möglich, irgendwelche Freunde und Gemeindemitglieder beiseite zu nehmen und zu sagen: "Hey, ich habe da einen Job für dich." Dazu existiert in China noch eine offizielle Organisation, die sich selbst "Team zur Erhaltung der Stabilität" nennt. Mehr weiß ich dazu leider auch nicht.

Mir ist bei deiner Dokumentation Folgendes aufgefallen: Alle Störenfriede sind Männer und oftmals sehen sie bei ihren Aktionen richtig zufrieden aus, so als ob sie dabei richtig viel Spaß haben würden.
In China wird Patriotismus unglaublich groß geschrieben, so nach dem Motto "Ich muss mein Heimatland beschützen". Die Gehirnwäsche beginnt dabei schon in der Schule, wo man ohne Unterlass Sätze wie etwa "Die Partei steht über allem" herunterbeten muss. Einem wird dort eingebläut, dass das Heimatland so etwas wie die eigene Mutter ist, die man natürlich nicht kritisieren darf. Mit dieser Analogie wird den Kindern dort beigebracht, China zu lieben. Dabei ist die Partei bzw. das Land mitnichten so etwas wie eine Mutter!

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Welche Hoffnungen hegst du in Bezug auf politische Reformen in China?
Mein Wunsch ist, dass dort irgendwann komplette Freiheit herrscht—also vor allem Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Ich meine, die USA sind zwar selbst nicht gerade das freieste Land, aber es wäre schon schön, wenn es in China die gleichen Freiheiten wie dort geben würde. Ich glaube jedoch nicht, dass das eintreten wird, denn aufgrund der ganzen Gehirnwäsche wäre das ein unglaublich langwieriger Prozess, bei dem auch das komplette Bildungssystem über den Haufen geworfen werden müsste.

Das andere Problem besteht darin, dass Informationen in China nur eingeschränkt verfügbar sind. Alles, was man dort sieht und liest, wurde vorher gefiltert. Wenn man irgendwann die ganzen Firewalls entfernen würde, hätten die Leute endlich freien Zugang zu Google, Facebook, YouTube, Twitter, Instagram und so weiter. Wenn es jedoch so weitergeht wie gewohnt, dann werden die kommenden Generationen dort gar nicht mehr wissen, was Google überhaupt ist.

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