Popkultur

Eine Unterhaltung mit den jungen Feministinnen auf Twitter, die von Serienmördern besessen sind

Wenn du früher in einen Serienkiller verknallt warst, hast du ihm Liebesbriefe ins Gefängnis geschickt. Heute kannst du deine Schwärmerei dank Social Media ganz offen ausleben.

von Joshua Surtees
23 Mai 2016, 4:00am

Damals, bevor es das Internet und diesen ganzen Kram gab, war es üblich dem Serienmörder deines Herzens—also, falls du wirklich in einen verknallt warst—einen Liebesbrief ins Gefängnis zu schicken. Die Zeiten haben sich geändert. Männer dürfen weinen, du kannst dir mit einem Telefon die Urlaubsbilder anderer Menschen angucken und du kannst deine Liebe zu einem Serienmörder in den sozialen Netzwerken preisgeben—und mit Tausenden Gleichgesinnten Fanpages folgen, die einigen der berüchtigtsten Subjekte der Menschheitsgeschichte gewidmet sind.

Als ich mir eine Reihe dieser Accounts anschaue, fällt mir auf, dass es sich bei einem Großteil der Follower um junge Frauen handelt—einige erst 16 Jahre alt. Noch verwirrender ist die Tatsache, dass sich viele von ihnen in ihren Twitter-Bios auch noch als Feministinnen bezeichnen. Irgendwie wurde ich daraus nicht schlau. Eigentlich hat Feminismus doch eher wenig damit zu tun, für Männer zu schwärmen, die Frauen umgebracht zu haben, oder?

Ich wollte es aber verstehen. Was macht Serienmörder für diese jungen Frauen so ansprechend? Warum haben sie kein Problem damit, ihre Bewunderung für diese Männer bei Twitter offen zu zeigen—der wohl öffentlichsten aller Social-Media-Plattform—, wenn sich frühere Internetgenerationen noch in den finsteren Untiefen anonymer Foren mit anderen anonymen Avataren über den Hotness-Faktor von Frederick West ausgetauscht haben?

Auf tumblr geht das schon seit Jahren so, aber auch dort sind die Identitäten hinter den Accounts größtenteils verschleiert. Bei Twitter sind allerdings Profilbilder und manchmal auch der volle Name für alle offen einzusehen (trotzdem habe ich die Identitäten meiner Gesprächspartnerinnen in diesem Artikel nicht genannt).

Beginnen wir mit @DailyKillerFact, einem kanadischen Account mit 8.000 Followern und einem Foto des berüchtigten Serienmörders und Vergewaltigers Richard Ramirez als Profilbild. Bei einem kurzen Blick auf den Feed fand ich einen Tweet mit Tatortfotos, auf denen Opfer der Hillside Strangler zu sehen war—zwei Cousins, die zwischen 1977 und 1978 zehn Frauen in Los Angeles ermordet haben. Die Frauen auf den Fotos waren nackt und am Straßenrand abgeladen worden, nachdem man sie vergewaltigt und umgebracht hatte.

Nach einer kurzen Diskussion mit meiner Freundin, die die Seite melden wollte, entschied ich mich stattdessen dazu, mir anzuschauen, wem diese Bilder gefallen, bzw. wer sie gar mit einem Retweet gewürdigt hatte. Ich musste einfach wissen, was das für Menschen sind, die unter Fotos von ermordeten, jungen Frauen den Herz-Button klicken.

Die Antwort lautet: Vor allem junge Frauen. Viele von ihnen hatten ihren Bios das Wort "feminist" neben Dingen wie "Ted Bundy's no.1 fan" oder "serial killer enthusiast" stehen. Ich entschied mich dazu, einige von ihnen anzuschreiben. Ich wollte wissen, was sie zu sagen haben.

Die erste Antwort kam von einer 17-Jährigen, die irgendwo im ländlichen Amerika eine High School in einem Ort mit 1.200 Einwohnern besucht. Auch wenn einige ihrer Freunde wissen, dass sie sich für Serienmörder interessiert, sagt sie zu mir, wüssten die nicht, dass ihre Begeisterung sexueller Natur ist.

"Ich fühle mich sexuell zu Menschen hingezogen, die Gewaltverbrechen begangen haben", erzählt sie mir ganz offen. "Ich glaube, ich mag die mit Hang zu Nekrophilie am liebsten. Es gibt ein Wort dafür [sich sexuell von jemandem angezogen zu fühlen, der Verbrechen wie Vergewaltigungen oder Mord begangen hat]: Hybristophilie."

Gut zu wissen. Erinnerst du dich daran, wer oder was dich auf den Geschmack von Mördern gebracht hat?

"Ich habe mir eine Dokumentation über Jeffrey Dahmer angesehen und fand ihn attraktiv—obwohl er schwul war. Es hat etwas gedauert, bis ich dann gemerkt habe, dass ich auf ihn stehe, weil er Menschen umgebracht und gegessen hatte."

Nur um das klarzustellen: Du willst nicht selber von einem Serienmörder getötet und gegessen werden, oder selbst jemanden umbringen und essen?

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"Ich will keine Menschen umbringen, aber wenn jemand aus meinem Bekanntenkreis anfangen würde, Menschen zu töten, würde ich ihn wahrscheinlich vögeln wollen—ganz unabhängig davon, wie er sonst so drauf ist."

Aber wenn du dich selbst als Feministin bezeichnest, sind dann Männer, die Frauen umbringen, vergewaltigen und essen, nicht irgendwie das Gegenteil davon? Oder ist vielleicht sogar die Tatsache, dass es genau das ist, was du wegen deiner Einstellung nicht attraktiv finden solltest, das es für dich so spannend macht?

"Ich bin eine radikale Feministin, die sich gleichzeitig extrem zu Menschen hingezogen fühlt, die Frauen misshandeln und umbringen. Ups. Ich finde Dahmer jetzt eigentlich gar nicht mehr attraktiv, Bundy und Ramirez finde ich viel besser. Haha."

Findest du diese Twitter-Accounts nicht unverantwortlich? Könnten sie das Töten von Menschen normalisieren, Menschen desensibilisieren oder sogar Menschen beeinflussen, ähnliche Taten zu begehen?

"Ich finde, wenn man irgendwem die Schuld für das Normalisieren von Verbrechen geben müsste, dann dem Fernsehen. Solche Accounts wie @TrueCrimePolls, die Mörder zu bewundern scheinen, könnten vielleicht schon dazu motivieren, aber bei solchen Accounts, die einfach nur Fakten posten, ist das wahrscheinlich nicht der Fall. Ich würde sagen, dass Serien wie Hannibal, in denen Gewaltverbrecher positiv dargestellt werden, gefährlicher sind als Menschen, die einfach nur informieren wollen."

Also weiter zu @TrueCrimePolls. Die Inhalte dort scheinen wortgewandter, ironischer und geprägt von so einer Art Bravo,Teenager-Schwarm-Vibe zu sein. Follower können dort bei Umfragen abstimmen wie "Hättest du lieber: Dylanns [Roof Charleston-Attentäter] Topfschnitt oder T.J. Lanes Akne?" und werden durch Tweets an den Geburtstag des Sandy-Hook-Amokläufers Adam Lanza erinnert.

Bei @DailyKillerFact gab es eine Lawine von „Fakten", begleitet von Bildern der Mörder. Unter einem Foto von Henry Lucas, der seine eigene Mutter erstochen und elf weitere Menschen getötet hat, stand die Bildunterschrift: "Ein FBI-Agent fragte Henry Lucas, warum er Sex mit Frauen gehabt hat, nachdem er sie umgebracht hatte. Er antwortete: 'Ich mag Stille und Ruhe.'"

Weitere junge Feministinnen antworten auf meine Nachrichten. Immer wieder werden Dahmer, Ramirez und Bundy als die beliebtesten Serienmörder genannt.

"Ramirez ist der Attraktivste, dann kommt Bundy und Dahmer an dritter Stelle", erklärt mir eine 16-Jährige aus dem ländlichen Ohio.

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Gibt es eine Social-Media-Community für Fans wie dich? Und hast du kein Problem damit, dass andere Menschen von deinen Interessen wissen?

"Ich gehe ziemlich offen damit um. Die Leute wissen davon—mir ist das egal. Menschen sind so engstirnig. Ich habe immer schon Dokumentationen über Verbrechen gemocht, aber erst vor Kurzem habe ich angefangen, mich für Serienkiller zu interessieren—wegen Richard Ramirez. Irgendetwas an ihm ist faszinierend."

Warum scheinen so viele junge Frauen Mörder attraktiv zu finden? Glaubst du, eine von denen würde wirklich gerne mal einen treffen und mit ihm was haben wollen? Was ist mit dir?

"Kommt drauf an. Ich glaube Frauen, die auf Serienmörder stehen, stehen einfach auf Gefahr. Es hängt ganz von der Persönlichkeit des Mörders ab, ob ich mit ihm was zu tun haben wollen würde oder nicht."

Hat Ramirez Frauen gehasst? Was war sein Antrieb, sie zu töten?

"Ich denke, das war einfach nur Mordlust. Er liebte Sex, der mit Gewalt zu tun hatte. Ich glaube nicht, dass er Frauen gehasst hat. In seinem Interview, das er noch in der Todeszelle gegeben hat, meinte er, dass er sich gar nicht darüber bewusst war, dass Frauen überhaupt Gefühle haben, bis er begann, sich mit seinen ganzen weiblichen Groupies zu unterhalten."

Ted Bundy im Gerichtssaal | Public Domain

Eine 19 Jahre alte Soziologiestudentin aus Großbritannien antwortet auf meine Frage „Was genau an Serienmördern zieht dich so an?":

"Eine Sache bei Serienkillern, Psychopathen und Soziopathen, die mich sehr interessiert, ist, wie sie von der Norm abweichen und sich überhaupt nicht darum scheren."

Würdest du sagen, dass du dich romantisch zu einigen dieser berühmten Serienkiller hingezogen fühlst? Bundy zum Beispiel.

"Ja, lol."

Weil sie dich vielleicht umbringen könnten? Ist es das, was du an ihnen magst?

"Das würde ich nicht unbedingt sagen. Gewalt an sich ist einfach spannend. Wenn ich einen Mörder als Freund hätte, fände ich das aufregend. Verstehst du? Es ist ein bisschen wie Russisch Roulette—vielleicht wäre ich schon bald an der Reihe und er würde mich umbringen. Das würde die Beziehung garantiert spannend machen. Normaler Kram ist langweilig."

Anstatt ihr mit einem Daumen-Hoch-Emoji zu antworten, entscheide ich mich dazu, sie darauf hinzuweisen, dass sie mit ihren Interessen auf Twitter sehr offen umgeht. Ist ihr egal, ob andere Menschen davon wissen?

"Um ehrlich zu sein, gehe ich generell sehr offen damit um. Meine Freunde wissen das. Mit meiner Familie spreche ich jetzt allerdings nicht darüber. Die würden das wahrscheinlich nicht gut finden."

Würdest du dich selbst als Feministin bezeichnen?

"Ich habe gemischte Gefühle darüber—aber ja, ich denke schon."

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Zurück in die Staaten. Eine 20-Jährige, die ich angeschrieben hatte, ist wesentlich gefestigter, was Geschlechterpolitik angeht. Sie beschreibt sich selbst als intersektionale Feministin und sagt: "Mein Feminismus verurteilt, was sie getan haben, und will natürlich nicht, dass das weiteren Frauen geschieht—oder überhaupt irgendjemanden. Ich bin über die Taten schockiert, aber interessiere mich sehr für den tieferliegenden 'Warum?'-Aspekt. Einige sind körperlich attraktiv, das muss man ihnen lassen. Aber ich interessiere mich mehr für den psychologischen Aspekt."

Welche Wirkung die Bilder auf sie haben?

"Menschen werden dadurch desensibilisiert. Nach und nach wird es immer einfacher, sich die blutigen Bilder anzugucken."

§ 

Auch wenn ich jetzt eine Reihe von Erklärungen gehört habe, begreife ich immer noch nicht ganz, warum sich jemand zu einem Serienmörder hingezogen fühlt oder bereit ist, derartig öffentlich darüber zu sprechen. Dass man sich für die Psyche eines Killers interessiert, verstehe ich schon. Aktiv jemanden daten zu wollen, der bekannt dafür ist, Frauen zu töten, scheint mir dann allerdings doch etwas konterintuitiv zu sein.

Aber vielleicht soll ich das alles aber auch gar nicht verstehen. Vielleicht ist das Teenage-Feminist-Serial-Killer-Fan-Twitter einfach nicht für mich gedacht.