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Cop Watch

​Berliner Polizei erwischt ihren eigenen Informanten beim Autos-Anzünden

Der erste "linke Chaot", den die Polizei erwischt hat, ist wahrscheinlich ein Rechter.

von Matern Boeselager
06 Juli 2016, 3:02pm

Foto: Lukas Kammer

Seit zwei Wochen brennen in Berlin fast jede Nacht Autos oder Geschäfte. Die Polizei richtete eine eigene Ermittlungsgruppe ein und nannte sie "LinX", weil sie hinter den Anschlägen eine groß angelegte Racheaktion für die teilweise Räumung des linken Hausprojekts "Rigaer 94" vermutete. Doch bei über 50 Taten gab es noch keine einzige Verhaftung—bis jetzt.

Am Mittwochmorgen meldete die B.Z., dass ein "mutmaßlicher Autobrandstifter" in Berlin-Lichtenberg festgenommen wurde. Beamte hatten den 26-Jährigen beim Versuch beobachtet, an drei Autos Feuer zu legen.

Der Berliner Innensenator Frank Henkel, dem die ganze Sache schon lange ein persönliches Anliegen zu sein scheint, reagierte hocherfreut auf die Nachricht. Er gratulierte der Berliner Polizei. "Diese Festnahme eines Tatverdächtigen ist kein Zufallstreffer", erklärte er. "Es ist hervorragende Arbeit, die da geleistet wurde."

Jetzt verdichten sich allerdings die Hinweise, dass es sich bei dem Festgenommenen nicht um den erhofften Schlag gegen den "linken Terror" handelt, sondern eher um das Gegenteil.

Es sieht so aus, als habe die Polizei keinen linksautonomen Randalierer erwischt, sondern einen ehemaligen Linken, der allerdings mittlerweile als Redner bei Bärgida auftritt—und sich außerdem zumindest zeitweise als Informant der Polizei betätigt hat.

Dabei soll es sich laut der in Polizeidingen gewöhnlich gut unterrichteten B.Z. um Marcel G. handeln. Der ziemlich markant aussehende 26-Jährige hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich: Nachdem er über Jahre bei Aktionen der linksautonomen Szene in Berlin mitmachte, erklärte er sich Ende 2015 schließlich selbst zum "Aussteiger" und tauchte bei Demos von Bärgida und Pogida als Redner auf. Aber schon 2012 lieferte er nach einer Verhaftung in Hamburg der Polizei umfangreiche Informationen über die linke Szene—vor allem in der Rigaer 94 (die Verhör-Protokolle wurden auf einer linken Seite geleakt). G. gab sich als Kenner der Szene aus und machte detaillierte Angaben zu einzelnen Personen und den angeblich von ihnen verübten Straftaten. In linken Kreisen scheint man zu glauben, dass er maßgeblichen Einfluss auf die Polizei genommen hat, was die Einschätzung der Rigaer 94 als gewaltbereite Szene angeht.

Rein zufällig lief Marcel G. vor Kurzem einem VICE-Journalisten vor die Kamera, der ihn (ohne ihn zu kennen) dazu interviewte, wann er sich das letzte Mal geprügelt hatte. In dem Foto zum Interview trägt er denselben Sweater wie der Verhaftete auf den Fotos der B.Z..

Warum ein Bärgida-Aktivist nachts in seinem eigenen Kiez herumläuft und Autos anzündet, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Auf linken Seiten wird spekuliert, dass Marcel G. "der Rigaer94 und überhaupt der linken Szene gegenüber feindlich eingestellt" sei und dass "die Taten nicht von seinem politischen und persönlichen Hintergrund zu trennen" seien. Auch dass G. "im Auftrag des Verfassungsschutzes" gehandelt habe, um Angst vor den "linken Chaoten" zu schüren, halten Einzelne für möglich.

In jedem Fall wird der Innensenator Henkel sich wohl ordentlich ärgern, dass der erste "linke" Brandstifter, den die Polizei jetzt erwischt hat, in Wirklichkeit ein rechter Polizei-Informant sein könnte.

Matern auf Twitter: @m_boeselager