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Nordkoreanische Arbeitslager

Kim Jong-il hat eine neue Möglichkeit gefunden, Geld in sein isoliertes Land strömen zu lassen: Er exportiert nordkoreanische Arbeiter.
13.12.11

Sibirische Sklaven

von Shane Smith

Dieser Typ fuchtelte drohend mit einem Schienennagel vor Shane herum, bis ihm dessen russischer Mafia-Chauffeur „Billy the Fish“ das Ding aus der Hand nahm und fragte: „Ist das etwa dein Licht-Aus-Schalter?“ Kurz nachdem ich in Sibirien angekommen war, erhielt ich eine SMS von unserem UK-Chefredakteur Andy Capper: „Du wirst Sibirien mögen. Alles liegt hier nah beieinander und die Leute sind nett.“ Er meinte das natürlich sarkastisch (oder britisch, was dasselbe ist), denn alles liegt mindestens 18 Stunden Zugfahrt voneinander entfernt und die Menschen sind extrem feindselig. Manche machen zwar erst mal einen netten Eindruck, aber sobald der Wodka fließt, und der fließt immer, werden sie bösartig. Es gibt Ausnahmen von dieser verschrobenen russischen Regel, doch die sind selten. Eine von ihnen war ein herzallerliebster Mann namens Billy the Fish—das ist natürlich nicht sein richtiger Name. Eigentlich lautete sein Spitzname „The Fish“, aber als ich betrunken war, fügte ich „Billy“ hinzu. Billy the Fish war ein ortsansässiger Mafia-Typ aus einer abgelegenen sibirischen Stadt, in der es weder Polizei noch irgendeine Ordnung gibt. Er schützt sich und seine Männer. Das rettete uns buchstäblich das Leben, denn wir waren mitten im Nirgendwo auf einer gefährlichen Jagd nach nordkoreanischen Sklaven, die absolut kein Interesse daran haben, dass irgendjemand erfährt, dass sie hier sind. Billy, für jeden Spaß zu haben, begleitete uns auf unserer Suche in die Wälder. Im ersten Camp bedrohte uns sofort der Wachschutz und wollte uns abservieren. Billy the Fish lachte mit seinem großartigen Goldzahngebiss und sagte lächelnd und mit funkelnden Augen: „Das ist Russland.“ Während er auf das weite Land um uns herum zeigte, erklärte er: „Das gehört mir.“ Dann wies er unser Kamerateam an: „Filmt ruhig weiter. Sie können nichts machen.“ Später, tief im Wald, stießen wir auf einen Trupp nordkoreanischer Arbeiter. Eine Gruppe kam auf uns zu und umzingelte sofort unseren Truck. Einer von ihnen fuchtelte mit einer Brechstange rum und sah aus, als wollte er unsere imperialistischen Schädel einschlagen. Später setzen wir uns auf einen alten Holzhaufen und machten unsere Mittagspause—es gab Schinkenfleisch, hartes Brot, Paprikachips, Wodka, Bier und zum Nachtisch Wodka mit Saft. Billy zog ein paar Gewehre aus der Tasche und wir reagierten uns ein bisschen ab, indem wir auf leere Bierflaschen schossen. Es war ,als wäre man wieder 15, wilde Jungs im Wald. Vor dem Wald erwarteten uns bereits die Nordkoreaner, aber sie hatten sich offenbar beruhigt und waren weniger aggressiv. Nachdem wir den ganzen Nachmittag lang Katz und Maus mit den Nordkoreanern gespielt hatten, führte er uns zu einem eiskalten sibirischen Fluss, in dem wir uns „Saubermachen“ sollten; anschließend gab’s noch mehr Wodka, zum „Warmmachen“ und dann ging es zu seiner russischen Familie, bei der wir das einzige Mal in dieser ganzen Zeit eine richtige Mahlzeit bekamen. Nach dem Essen führte uns die Fish-Familie in eine Bar (lies: ein Raum mit Beleuchtung). Wir soffen die ganze Nacht und umarmten hartgesottene Männer, die Spitznamen trugen wie Stalin, Bear Killer oder—mein absoluter Favorit—Plain Old Killer. Tränen, noch mehr Wodka, billige Geschenke, und endlich der Zwei-Tages-Trip zurück in die „Zivilisation“. Im Zug warteten allerdings schon die Nordkoreaner auf uns… Und so begannen die schrecklichsten 48 Stunden meines Lebens. Die Sache endete mit dem FSB (dem Nachfolger des KGB), der kommunalen Miliz, der Zivilpolizei und schließlich einer Gruppe von Gangstern, die uns aus dem Zug holten und gefangen hielten. Ich wünschte, Billy wäre gekommen und hätte wie immer den Karren aus dem Dreck gezogen. Ich schrieb ihm eine SMS, dass der FSB uns aufgehalten habe, er antwortete: „Klar hat er das.“ Wir versuchten, möglichst schnell von Sibirien zur chinesischen Grenze zu gelangen und endlich … Freiheit.

Ein Nordkoreaner bei routinemäßigen Wartungsarbeiten auf einem russischen Truck im Arbeitslager Shane mit einem russischen Bahnpolizisten, der ihn in der Transsibirischen Eisenbahn vor einer Horde betrunkener Hooligans gerettet hat.

Das Sägewerk in Dipkun. Billy the Fish posiert mit seiner Schrotflinte.

Es hieß, die Brücke zum Holzfäller-Camp sei niedergebrannt worden und wir müssten deshalb den Fluss durchqueren. Offensichtlich aber hat ein Polizist diese Ersatzbrücke gebaut, um Metallschrott von den Nordkoreanern zu klauen. Die Hölzer, die sich da im Matsch auftürmen, sind bekannt als Sibirische Lärche. Aus ihr werden vor allem die beschissenen Spanplattenmöbel hergestellt, die überall bei dir zu Hause rumstehen. Fotos von Jason Mojica