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Bundestagswahl 2017

Warum vor allem junge Leute nicht wählen

Und das gerade jetzt ein ziemlich großer Fehler ist.

von Lea Albring
22 September 2017, 12:44pm

Foto: imago | Steinach

Drei Millionen Erstwähler, also doppelt so viele wie München Einwohner hat, wird es bei der Bundestagswahl 2017 geben. Einer von ihnen ist der 19-jährige Markus*. Der Kölner dürfte jetzt zum ersten Mal auf Bundesebene abstimmen. Nur: Das will er nicht. "Ich habe einfach zu wenig Ahnung von Politik, um irgendwo ein Kreuz machen zu können", sagt er.

Vor einem großen Erfolg der AfD, sagt er, fürchte er sich nicht: "Ich glaube nicht, dass viele Leute die AfD wählen. Denn Leute, die wählen gehen, setzen sich ja damit auseinander, was sie wählen. Und wenn man sich mit Politik beschäftigt, kommt man bestimmt zu dem Schluss, dass man die AfD nicht wählen sollte."

Aber was, wenn er falsch liegt? (Und die Studien über AfD-Wähler legen nahe, dass er ziemlich falsch liegt.)

Sein Problem: "Ich finde, dass es nirgendwo kompakte Infos gibt, die mir schnell sagen, welche Partei wofür steht." Das findet auch seine Freundin Sabine*, 18, die sagt, dass sie noch nicht wisse, ob sie wählen geht: "Klar haben wir früher mal die Parteien in der Schule durchgenommen, aber ich fühle mich trotzdem, als hätte ich keine Ahnung."


Auch dieser Typ wählt nicht: Der totale Rückzug aus der Politik im Königreich Deutschland


Markus und Sabine zeigen: Drei Millionen Erstwähler sind drei Millionen potenzielle Wähler – mehr nicht.

Der Politikwissenschaftler Andreas Klee von der Uni Bremen sagt: "Es ist relativ normal, dass sich junge Menschen nicht so intensiv für Politik interessieren." Das Interesse wachse mit dem Alter, wenn man arbeitet, eine Familie gründet, die Folgen von politischen Entscheidungen unmittelbarer zu spüren bekommt. Junge Menschen seien nicht zwangsläufig unpolitisch. "Aber wählen zu gehen ist das Ende einer Entwicklung von Demokratiebewusstsein, nicht der Anfang."

In Großbritannien haben nach dem Brexit viele Nichtwähler bereut, ihre Stimme nicht abgegeben zu haben. Besonders viele junge. Zwar stimmte mit 73 Prozent eine große Mehrheit der Jungen Wähler für den Verbleib in der EU. Von den Alten wurden sie aber überstimmt – auch weil die eine höhere Wahlbeteiligung hatten. Schnell hieß es, nur 36 Prozent der 18- bis 24-Jährigen hätten sich an dem Referendum beteiligt. Später kam eine Studie der London School of Economics zu dem Schluss, es seien immerhin doch 64 Prozent junge Wähler gewesen. Das ist zwar fast doppelt so viel. Trotzdem hat sich fast ein Drittel der jungen Menschen nicht an einer Entscheidung beteiligt, die einen riesigen Einfluss auf ihre Zukunft hat. Wird das bei der Bundestagswahl 2017 auch so sein?

Sicher ist schon vor der Wahl: Auch in Deutschland sind die Jungen in der Minderheit. Die 18- bis 29-Jährigen bilden nur 15,4 Prozent aller Wahlberechtigten. Die Alten sind ihnen zahlenmäßig weit überlegen: 20 Prozent der Wahlberechtigten stammen aus der Generation der über 70-Jährigen, nochmal so viele sind zwischen 50 und 60 Jahre alt. Doch diese demographische Statistik sagt nichts über die jeweilige Wahlbeteiligung in den entsprechenden Altersgruppen. Seit der Bundestagswahl 1953 ist die aber ausgerechnet bei den jungen Wählern am geringsten. Und die Wahlbeteiligung sinkt kontinuierlich. 2013 gingen nur 60 Prozent der 21- bis 24-Jährigen wählen. Und genau deshalb ist jede junge Stimme besonders wichtig – um die Interessen einer jungen Generation gegen die Überzahl älterer Wähler durchzusetzen.

Auch Adrian, 29, geht nicht zur Wahl. Er sagt, er habe noch nie gewählt: "Ich habe einfach keine Ahnung von Politik und interessiere mich auch nicht dafür", sagt er. Seine Freundin Claudia, 29, ergänzt: "Ich glaube einfach nicht, dass man durch eine einzige Stimme was ändern kann." Politik spiele im Leben der beiden keine Rolle: "Wir kriegen nichts davon mit." Nach dem Einzug einer rechtspopulistischen Partei in den Bundestag werden sie das bald vielleicht nicht mehr behaupten können.

Adrian sagt, er habe zu wenig Ahnung von Politik, um wählen zu gehen

Adrian erzählt, er habe gerade einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben, als Verkäufer im Einzelhandel. Klar ist: Er bekommt den Mindestlohn. Das ist eine politische Entscheidung, von der er profitiert. Wie hoch sein Lohn ausfällt, darüber könnte er mitentscheiden, denn dazu haben die Parteien unterschiedliche Positionen. Gleich will er in die U-Bahn einsteigen. Dass die nicht kostenlos für ihn fährt, auch das ist eine politische Entscheidung. Und mit jedem Atemzug, den er nimmt, atmet er giftigen Feinstaub ein, wie der bekämpft werden soll, auch da gehen die Positionen auseinander. Dass Adrian denkt, Politik spiele in seinem Leben keine Rolle, führt nicht dazu, dass sie aufhört, sein Leben mitzuprägen. Sie beeinflusst seinen Job, seine Gesundheit, seine Freiheit, jeden Tag.

Unsere Gesellschaft sei zu wenig politisiert, kritisiert der Politikwissenschaftler Klee. Deswegen würden sich auch nicht mehr Junge aktiv beteiligen: "Wir reden zu wenig darüber, wie wir in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren leben wollen. Das ist eine Diskussion, die in allen gesellschaftlichen Bereichen andauernd geführt werden sollte: in den Familien, in den Schulen, in den Ausbildungsbetrieben."

Auch zwei Tage vor der Wahl kann man damit noch anfangen.

Und für den Fall, dass du bei der Wahlentscheidung noch Hilfe brauchst: Hier geht es zu einem besonders schlauen Wahl-O-mat, und hier zu unserer Last-Minute-Entscheidungshilfe.

*Namen geändert

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