Kaffee

Keinen Kaffee zu trinken, hätte mich fast meine Karriere gekostet

Ich habe noch nie eine ganze Tasse Kaffee getrunken. Damit bin ich eine Außenseiterin.

von Natalie Stoclet
04 Januar 2018, 1:46pm

Foto: Basheer Tome | Flickr | CC BY 2.0

Es ist ein kühler Tag, ich sitze im Straßencafé und das röstfrische Aroma meines italienischen Espressos steigt mir in die Nase. Mmmh, Kaffee ist einfach was Tolles.

Das würde ich gern sagen können, aber es wäre eine Lüge. Mir gefällt zwar die Vorstellung einer Tasse Kaffee, aber den Geschmack hasse ich. Ich habe in meinem Leben noch nie eine ganze Tasse davon getrunken. Und vermutlich komme ich dir deswegen komisch vor. Welcher erwachsene Mensch hat noch nie eine Tasse Kaffee getrunken?

Deshalb glauben mir auch viele nicht, wenn ich es erzähle. Anscheinend gibt es kaum noch Koffein-Abstinenzler. Gerade im Berufsleben ist es so normal, den Tag mit einer Tasse Bohnenwasser zu starten, dass ich mit meiner Abneigung wie ein Alien wirke. Und dieser Außenseiterstatus wirkt sich negativ auf mein Leben aus.


Munchies-Video: So gießt du handgefilterten Kaffee auf


Bis vor Kurzem habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Aber rückblickend mache ich inzwischen drei Situationen aus, in denen meine Kaffee-Abstinenz mir beruflich geschadet hat.

Die erste Situation trug sich zu, als ich ganz am Anfang meiner Karriere als Journalistin stand. Ich schrieb seit Wochen Mails, machte Anrufe und schöpfte all meine Connections aus – und endlich bekam ich eine Einladung zu einem formlosen Bewerbungsgespräch. Im Betreff der Mail stand einfach nur: "Kaffee?"

Ich war ganz aus dem Häuschen und sah schon meinen großen Durchbruch vor mir. Begeistert sagte ich zu, ohne zu erwähnen, dass Kaffee nicht mein Ding ist – warum sollte ich auch? Ich war mir sehr sicher, dass das Café auch andere Getränke anbieten würde.

Ich entschied mich für eine Flasche Wasser. Die Stimmung kippte augenblicklich. Eben noch war alles entspannt und freundlich, und auf einmal wirkte sie steif und distanziert.

Am Morgen des Termins war ich so nervös wie vor einem wichtigen ersten Date – nur war es noch schlimmer, denn ein Date ist kein potentieller Arbeitgeber, der mir ein Gehalt zahlen soll. Ich zog mir mein bestes Outfit an, drehte unterwegs meinen besten Hype-Song auf und kam pünktlich im Café an, zuversichtlich und gut gelaunt. In der Warteschlange plauderte ich nett mit der Frau, in deren Macht es stand, mein Leben zum Besseren zu verändern. Sie bestellte einen Mokka.

Ich entschied mich für eine Flasche Wasser.

Die Stimmung kippte augenblicklich. Eben noch war alles entspannt und freundlich, und auf einmal wirkte sie steif und distanziert. Sie fragte, ob ich noch etwas anderes bestellen wollte. Ich sagte, ich sei zu Fuß zum Café gelaufen und einfach durstig – und außerdem sei ich keine Kaffeetrinkerin. Es ist schwer genug, einen guten ersten Eindruck zu machen. Aber nun hing auch noch ihre Abneigung gegen mich in der Luft wie der Duft gerösteter Kaffeebohnen. Ich spürte, dass sie es unangenehm fand, dass sie mich in ein Café eingeladen hatte und ich im umfangreichen Angebot des Lokals nichts gefunden hatte, das mir zusagte.

"Sehr vernünftig", sagte sie, aber ihr Gesicht schien eher zu sagen: "Du überhebliches Arschloch." Ich wusste natürlich, dass mein Kaffeeverzicht allein bestimmt kein Ablehnungsgrund war – aber das Ganze warf für sie eine brenzlige Frage auf: Würde ich überhaupt an der Bürokultur teilnehmen können? Ich bemühte mich nach Kräften, wie jemand zu wirken, mit dem man bei einem Heißgetränk eine Runde quatschen kann, aber letzten Endes wurde sie nicht warm mit mir.

Die nächste Situation spielte sich ab, als ich einen Job gefunden hatte und versuchte, meinen sozialen Status im Büro zu festigen. Es war mein erster Job in New York City, ich war seit drei Monaten in der Firma. In dieser Zeit hatte ich schon gemerkt, dass Kaffee-Feinde wie ich es in einer solchen Umgebung schwerer haben. Aber an jenem Tag wurde es so kristallklar wie das Mineralwasser, das ich lieber trinke. Es war gegen 15 Uhr und ich saß in meiner üblichen krummen Haltung am Schreibtisch, vertieft in irgendwas auf meinem Bildschirm. Als ich vom Laptop aufsah, merkte ich auf einmal, dass alle anderen weg waren. Es war doch erst drei Uhr – hatten wir etwa den Nachmittag freibekommen? Hingen alle irgendwo ohne mich ab?

Meine Kolleginnen und Kollegen hatten nichts gegen mich persönlich, aber sie wollten keinen Kaffee mit jemandem trinken, der selbst keinen trinkt. Die Kaffeetrinker kommen sich dabei ein bisschen so vor wie jemand, der auf einem Date zwei Martinis leert, während die andere Person nur Limo bestellt.

Und ob sie ohne mich abhingen. Etwa 15 Minuten später hörte ich Gelächter und Schritte. Meine Kollegen kamen zurück ins Zimmer und ich schaute sie an, versuchte mit einem Lächeln zu sagen: "Hey Leute, bitte denkt beim nächsten Mal dran, mich auch einzuladen." Aber das hatten sie nicht vor. Wie meine erste heiß ersehnte Bürofreundin mir erzählte, gab es einen "Kaffeepause"-Channel in unserem internen Chat-System, und in den lud mich niemand ein. Wenn du dich selbst zu etwas einladen willst, hast du nur eine begrenzte Anzahl Versuche, bevor du anfängst, verzweifelt zu wirken.

Als ich mich endlich traute, meine Freundin zu fragen, warum mich niemand zu den Kaffeepausen einlud, erklärte sie es mir auf eine Art, die für mich endlich Sinn ergab: Beim Cocktail-Trinken wollen viele Leute auch keine Alkohol-Abstinenzler dabei haben. Kaffee ist die akzeptierte Büro-Entsprechung von Alkohol, mit der dazugehörigen Geselligkeitskultur. Meine Kolleginnen und Kollegen hatten nichts gegen mich persönlich, aber sie wollten keinen Kaffee mit jemandem trinken, der selbst keinen trinkt. Die Kaffeetrinker kommen sich dabei ein bisschen so vor wie jemand, der auf einem Date zwei Martinis leert, während die andere Person nur Limo bestellt.

Ich versuchte vergebens zu betonen, wie scheißegal es mir ist, wenn jemand in meiner Gegenwart Kaffee trinkt. Aber um meine eigenen Gefühle ging es bei der Sache gar nicht. Jemand, der sich süchtig nach Kaffee fühlt, empfindet meine Abstinenz vielleicht als wertendes Urteil. Jedes Mal, wenn ich doch zum Café mitging, kommentierte irgendwer, wie "gesund" ich doch lebte (seltsamerweise, denn Kaffee ist in vieler Hinsicht gesund). Dabei stört mich doch nur der Geschmack. Weil ich nicht an etwas teilnahm, das meine Kollegen als ihr "Laster" sahen, wirkte ich auf sie vermutlich selbstgefällig. (Glaub mir, ich habe dafür jede Menge andere Laster.) Mit dem Rauchen im Beruf verhält es sich sehr ähnlich – nur dass Nichtraucher um einiges verbreiteter sind als Nicht-Kaffeetrinker.


Munchies-Video: Kaffeekultur in Los Angeles


Ich war nicht nur von diesen täglichen Situationen ausgeschlossen, in denen meine Kollegen ihre Beziehung zueinander festigten – auch von vielen formlosen Brainstorm-Sessions war ich abgeschnitten. Und das ist die dritte "Situation", oder viel eher das dritte Problem mit meiner Kaffee-Abstinenz: die zahllosen verpassten Chancen. In einer Redaktion läuft gar nichts ohne kreativen Gedankenaustausch, und selten kommt es zu den großen Aha-Momenten, die zu einer genialen Coverstory führen. Aber diese kreativen Gespräche finden oft beim Kaffeetrinken statt.

Eines Tages lief ich durchs Büro und hörte zufällig (OK, ich habe gelauscht), wie zwei Redakteure eine Spitzenidee ausarbeiteten (es ging um eine Promi-Story für das Cover unserer nächsten Ausgabe). Aus ihrem Gespräch erfuhr ich, dass ihnen die Idee beim letzten Kaffeeholen gekommen war. Ich versuchte, mich zu beteiligen und ihnen meinen Input zu geben, aber es war zu spät. Wenn du in der Geburtsstunde einer Idee nicht dabei bist, hast du in dieser Sache auch später kein Mitspracherecht.

Es war diese Situation, die für mich das Kaffee-Fass zum Überlaufen brachte. Ich beschloss, mich entweder zu zwingen, den Geschmack von Kaffee zu mögen, nach Los Angeles zu ziehen oder andere Zugangspunkte zu meinen Kollegen zu finden. Weil Kaffee im Grunde als "geteiltes Laster" gilt, ging mir auf, dass ich etwas Ähnliches finden musste, um im Büro zugänglich zu wirken. Freundschaften und Bekanntschaften bilden sich um gemeinsame Interessen: Die schicken Latte-Enthusiasten treffen sich im Café, die Partylöwen des Büros gehen zur Happy Hour, die Trash-TV-Fans unterhalten sich über die neueste Folge ihrer liebsten Reality-Show, und so weiter.

Wer eine Beziehung festigen will, braucht eine Gemeinsamkeit, ein Gesprächsthema oder eine Vorstellung davon, was der anderen Person gefällt.

Zum Glück schaue ich den Bachelor.