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Warum es falsch ist, was jetzt gegen PewDiePie getan wird

Ein Entwickler nutzt das Urheberrecht, um Videos des umstrittenen YouTubers zu löschen. Obwohl PewDiePies Äußerungen nicht zu entschuldigen sind, ist das der falsche Weg im Kampf gegen Hassrede.

von Louise Matsakis
12 September 2017, 1:22pm

Erneut ist PewDiePie zu weit gegangen. Nachdem der YouTuber Felix Kjellberg am Sonntag einen anderen Gamer im Livestream mit dem N-Wort beleidigte und dann in Gelächter ausbrach, griff ein Spielehersteller zu einem drastischen und umstrittenen Mittel gegen den YouTube-Star: Sean Vanaman, Mitbegründer des Entwicklerstudios Campo Santo schrieb am Sonntag auf Twitter, dass er einen "DMCA takedown" gegen PewDiePie einreichen werde. Dabei handelt es sich um eine Art urheberrechtliche Verfügung, die dem YouTuber untersagt, weitere Spiele des Studios zu streamen.

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Denn im Video mit dem N-Wort hatte PewDiePie auch das Adventure-Spiel Firewatch von Campo Santo gespielt. Da Campo Santo die Rechte an dem Spiel hält, das in PewDiePies Stream vorkommt, kann eine solche urheberrechtliche Verfügung letztlich dazu führen, dass das gesamte Video offline genommen werden muss. Für den YouTuber wären alle Klicks auf einen Schlag verschwunden, auch Werbegelder könnte er dadurch mit dem Video nicht mehr kassieren. Auch andere Gamer und Spieleentwickler haben PewDiePie für seinen rassistischen Ausfall kritisiert, doch die Aktion von Campo Santo geht weiter als nur verbale Kritik.

Der Digital Millennium Copyright Act (DMCA) ist ein US-amerikanisches Gesetz von 1998, das die rechtliche Basis für die juristische Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen im Internet liefert. Auch wenn außer Frage steht, dass Kjellbergs Äußerung unentschuldbar ist, unterstreicht Vanamans Reaktion auf diesen Vorfall ein Problem, dass auf YouTube schon lange brodelt: Die Rechteinhaber sitzen auf der Plattform stets am längeren Hebel und das Zusammenspiel von DMCAs und den internen Abläufen bei YouTube erlaubt es ihnen immer wieder, Videos sperren zu lassen, die ihnen nicht in den Kram passen.

Spieleentwickler machen ihr Recht nur selektiv geltend

Im Februar 2016 veröffentlichte Kjellberg ein Video auf YouTube, in dem er Firewatch von Campo Santo spielt. Seit dem gestrigen Montag ist dieses Video nicht mehr verfügbar. Wenn ein Video wegen Urheberrechtsverletzungen von YouTube gesperrt wird, erscheint normalerweise ein entsprechender Hinweis auf der Seite. Da Kjellbergs Video keinen solchen Hinweis enthält, ist es möglich, dass er selbst das Video entfernt hat oder es aus einem anderen Grund nicht mehr aufrufbar ist. YouTube hat auf unsere Anfrage zu dem Thema nicht reagiert.

"Es gibt einige Herausgeber und Spieleentwickler, die keine Kritik mögen und Videos, die ihnen nicht gefallen, sofort entfernen lassen", erklärt der Anwalt Michael Lee gegenüber Motherboard. Der Mitbegründer der Kanzlei Morrison / Lee hat sich auf Marken- und Urheberrecht spezialisiert und bereits in der Vergangenheit YouTuber in den USA vor Gericht vertreten. "Bei der aktuellen Gesetzgebung zum Urheberrecht wird das auch so bleiben. An diesem Fall ist wahrscheinlich das größte Problem, dass der DMCA dafür genutzt wird, die freie Meinungsäußerung einzuschränken. Das ist ein großer Grund zur Sorge, aber so kann das Urheberrecht leider eingesetzt werden."

Dass Campo Santo nicht grundsätzlich etwas gegen Streams hat, zeigt ein Blick auf die offizielle Homepage von Firewatch . Hier versichern die Spieleentwickler Gamern, dass es völlig in Ordnung ist, wenn sie sich beim Spielen von Firewatch filmen und sogar Geld mit den Streams verdienen.

Bild: Screenshot Firewatch

Lee erklärt uns, dass jeder Gamer, der ein Videospiel auf Twitch streamt oder aufgenommene Streams auf YouTube hochlädt, theoretisch gegen das Urheberrecht verstoßen könnte. Allerdings wollen Spielestudios diese Videos in den meisten Fällen nicht auf Grundlage des DMCA sperren lassen, "denn das gibt richtig schlechtes Feedback", erklärt Lee. Anfang des Jahres hatte der Entwickler Atlus beispielsweise einige Einschränkungen geltend gemacht, welche Teile ihres beliebten Rollenspiels Persona 5 gestreamt werden durften und welche nicht. Die Reaktion der Fans fiel damals so negativ aus, dass Atlus die Regeln wieder lockerte und sich sogar entschuldigte.

Streams sind gut fürs Geschäft

Außerdem profitieren Spielehersteller davon, wenn ein beliebter Streamer ihre Games spielt. Ein positiver Stream kann das Spiel schnell ganz nach oben in die Verkaufs-Charts katapultieren. Aus diesem Grund beantragen die meisten Studios auch keine DMCAs, wenn ihr Spiel beworben wird, erklärt uns Lee. Außerdem wäre es auch sehr aufwändig, jedem Spieler nachzugehen, der ein Gaming-Video hochlädt. Auch Vanaman räumte auf Twitter ein, dass sein Unternehmen in der Vergangenheit wahrscheinlich von Kjellbergs Streams und den 5,7 Millionen Views profitiert habe.

Juristisches Minenfeld: Wie sich YouTuber gegen Sperrungen wehren können

Die meisten YouTuber bewegen sich mit der Nutzung von urheberrechtlich geschützten Inhalten in einer Grauzone. Denn das US-amerikanisch Urheberrecht räumt in einigen Fällen eine sogenannte "Fair Use" ein. Eine solche Regelung gibt es so im deutschen Urheberrecht nicht, sie ist jedoch sinngemäß vergleichbar mit einer juristischen Bewertung als "angemessene Verwendung." Diese kann beispielsweise gelten, wenn ein geschütztes Werk kritisiert oder geremixt wird und dafür Ausschnitte des Materials als Zitat gezeigt werden. Da Kjellberg die Videospiele in seinen Videos kommentiert, könnte er sich vor Gericht möglicherweise auf "Fair Use" berufen – seine Erfolgschancen wären trotzdem gering. Da es für Fair Use keine offizielle Definition gibt, ist es eine langwierige und kostspielige Angelegenheit auf dieser Grundlage gegen eine DMCA-Sperre oder Urheberrechtsklage vor Gericht vorzugehen.

"Es gibt eine Möglichkeit für Streamer einen Widerspruch gegen DMCA-Ansprüche einzulegen, wenn sie sich auf Fair Use berufen", erklärt uns der Videospiel-Anwalt Stephen McArthur. "Diese Möglichkeit wird aber nur selten genutzt. Die Streamer, die tatsächlich vor Gericht gegangen sind, waren zwar recht erfolgreich, aber das verzerrt wahrscheinlich die Wahrnehmung, da nur wenige überhaupt diesen Schritt gehen."

Das Ehepaar Hila und Ethan Klein, das den beliebten YouTube-Kanal H3H3 Productions betreibt, gewann beispielsweise unter Berufung auf "Fair Use" ein Verfahren gegen einen anderen YouTuber, doch die Verhandlungen dauerten über ein Jahr an. YouTuber wie PewDiePie und H3H3 laden jede Woche zahlreiche Videos zu aktuellen Themen hoch, daher sind Gerichtsverfahren gegen die Sperrung einzelner Clips in der Regel zu teuer und zeitraubend. Selbst wenn sie eine Klage gewinnen sollten, wäre das Video zum Zeitpunkt der Urteilssprechung völlig irrelevant.


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Selbst wenn sich ein Streamer rechtmäßig auf das "Fair Use"-Argument berufen könnte, fügen sich große Unternehmen wie Alphabet, denen YouTube gehört, fast immer einer DMCA-Forderung von Rechteinhabern. "Wenn sie die Inhalte nicht entfernen", erklärt Lee, "könnten sie selbst dafür verklagt werden, zum Urheberrechtsverstoß beigetragen zu haben. Ich habe selbst schon DMCA-Forderungen an YouTube geschickt und bisher sind sie jeder einzelnen nachgekommen."

Kjellberg wird sich auch nicht darauf berufen können, dass der Großteil der Streamer, die sich beim Spielen von Firewatch gefilmt haben, nicht gesperrt wurden. Lee vergleicht diese Situation mit einem Strafzettel für zu schnelles Fahren: Du kannst dich nicht um die Strafe drücken, indem du argumentierst, dass nicht jeder, der zu schnell fährt, erwischt wird. "Es tut mir sehr leid, dass dein Video gesperrt wurde, aber dass alle gegen das Gesetzt verstoßen, ist keine Entschuldigung dafür", meint der Anwalt.

Warum ein DMCA nicht das richtige Mittel gegen Hate Speech ist

So wie der DMCA formuliert ist, können sich Spieleentwickler momentan frei aussuchen, wann sie ihr Recht geltend machen wollen und wann nicht. Daher werden manchmal nur Streamer geahndet, die negative Kritiken veröffentlichen oder die ein Herausgeber nicht mag, erklärt Lee. Von vielen werden diese Fälle als DMCA-Missbrauch bezeichnet und einige Bürgerrechtsaktivisten sehen sie auch als Verstoß gegen die freie Meinungsäußerung.

Um es ganz klar zu sagen: PewDiePie sollte nicht ungestraft davonkommen. Wiederholt ist der YouTuber durch rassistische oder antisemitische Botschaften negativ aufgefallen, die seine 57 Millionen Abonnenten erreichen – viele davon Kinder. Kjellberg hat sich in der Vergangenheit damit herausgeredet, dass die Medien seine scherzhaften Kommentare missverstanden oder aus dem Kontext gerissen hätten. Doch den jüngsten Fall kann er auch mit diesem Argument nicht rechtfertigen. Was er dem anderen Gamer im ungeschnittenen Livestream an den Kopf geworfen hat, ist nicht entschuldbar.

Hasskommentare auf großen Internetplattformen sind ein immer größer werdendes Problem. Dringend notwendig sind bessere Melderegeln und Mechanismen, um dagegen vorzugehen, doch urheberrechtliche Argumente zu nutzen, sind hier der falsche Weg. Denn so wird die gesamte Macht in die Hände von eigentlich unbeteiligten Dritten gelegt und die Streamer, deren Inhalte von YouTube oder anderen Plattformen entfernt werden, haben so gut wie keine Möglichkeit, ihr Handeln zu verteidigen.

Selbst Sean Vanaman hat dieses Problem erkannt: "Ich wünschte, wir hätten eine bessere Möglichkeit, unsere Arbeit von Hate Speech zu distanzieren", erklärte Vanaman gegenüber BuzzFeed News. "Es tut mir leid, dass ich zu einer DMCA-Sperre greifen musste. Zensur ist nicht das beste Mittel und wenn ich eine Möglichkeit hätte, PewDiePie zu kontaktieren und das Video offline zu stellen, würde ich das wohl tun. Er passt einfach nicht zu uns und wir passen nicht zu ihm."