Schon wieder Wahlen!!!

Strache und die Sonnenstürme: Wie der FPÖ-Chef mit falschen Behauptungen zum Klimawandel davonkommt

Alle Argumente, die Strache wiederholt gegen den Klimawandel vorbringt, wurden wissenschaftlich widerlegt. Warum korrigiert ihn trotzdem niemand?

Es ist ein altbekanntes Problem, dass sich manche Menschen ihre Meinung nicht durch Fakten ruinieren lassen wollen. Das trifft auch auf den Parteichef der rechtspopulistischen FPÖ, Heinz-Christian Strache, zu. Zumindest, wenn es um seine Position zum Thema Klimawandel geht.

Seit Monaten schon lässt Strache seiner als Meinung verkleideten Falschinformation über den Zusammenhang von Sonnenstürmen und der Klimaerwärmung freien Lauf. Und genau so lange schon machen die Medien keine Anstalten, Einspruch gegen seine Behauptungen zu erheben. Das will und kann ich als Astronom so nicht stehen lassen. Gehen wir es der Reihe nach durch.

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Am 3. Juni 2017 sagte Heinz-Christian Strache im Ö1-Mittagsjournal (WebCite) unter anderem Folgendes (den Rest des Gesprächs habe ich hier transkribiert):

Das heißt da gibt's ja die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Ergebnisse, dass eben durch zunehmende Sonneneruptionen in den letzten 30 Jahren die Erderwärmung auch letztlich natürlich stattfindet.

Am 6. September 2017 sagte Heinz-Christian Strache in der Sendung Klartext spezial (WebCite):

Wenn wir die Wissenschaft heute bemühen, so gibt es viele Wissenschaftler, die auch seit Jahrzehnten die ansteigenden Sonneneruptionen bemerken und feststellen und dadurch auch zu dem Ergebnis kommen, dass unser gesamtes Planetensystem eine Erwärmung erlebt.

Am 7. September 2017 wird Heinz-Christian Strache in einem Kurier-Artikel (WebCite) so zitiert:

Es gibt viele Wissenschaftler, die auch seit Jahrzehnten die ansteigenden Sonneneruptionen bemerken und dadurch auch zu dem Ergebnis kommen, dass unser gesamtes Planetensystem eine Erwärmung erlebt.

Mal abgesehen von der eher schwierigen Grammatik ist vor allem der Inhalt falsch. Heinz-Christian Strache ist demnach fest überzeugt, dass die Anzahl der Sonneneruptionen während der letzten Jahrzehnte angestiegen ist; genauso wie von dem Umstand, dass Wissenschaftler diesen Anstieg als Ursache für den Klimawandel in Betracht ziehen und dass es eine Erwärmung aller Planeten des Sonnensystems gibt.

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Das kleine Problem mit allen diesen Punkten: Das ist alles falsch. Und zwar komplett. Es gibt keinen jahrzehntelangen Anstieg bei der Anzahl der Sonneneruptionen. Die Sonneneruptionen werden nicht als Ursache des Klimawandels in Betracht gezogen. Und es gibt auch keine Erwärmung des gesamten Sonnensystems.

Um es ganz klar und deutlich zu sagen: Das sind Fakten. Das ist nichts, worüber man diskutieren kann; und dazu kann man auch keine abweichende "Meinung" haben. Man kann die Fakten entweder akzeptieren oder man kann sie leugnen, mehr nicht. Die Aktivität der Sonne beobachten Wissenschaftler seit dem 19. Jahrhundert direkt (indirekte Daten gibt es für die letzten Jahrhunderte beziehungsweise Jahrtausende).

Wir wissen, dass die Sonnenaktivität sich periodisch – mit einer Periode von etwa 11 Jahren – ändert. Wir wissen auch, dass die Veränderung in der Sonnenaktivität keinen relevanten Einfluss auf die Menge an Wärme und Licht, die die Sonne in Richtung Erde schickt, hat. Entgegen den Aussagen von Heinz-Christian Strache gibt es in den letzten Jahrzehnten keine Zunahme der Sonnenaktivität – sondern eine Abnahme. Die Temperatur der Erde dagegen steigt (siehe hier für Details).

Die Erwärmung der Erde, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten messen, lässt sich nicht durch irgendwelche Veränderungen in der Sonne selbst erklären. Das zeigen alle Daten und Beobachtungen, die uns vorliegen. Das sagen auch die Klimawissenschaftler genau mit dieser Deutlichkeit, wenn man sie nur fragt):

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Die Erwärmung der letzten 20 bis 30 Jahre kann man nicht mit der Sonne erklären, weil sich ihre Aktivität in diesem Zeitraum nicht nennenswert geändert hat. Und das ist ja gerade die Zeit, für die wir durch die Satelliten sehr gute Messungen für die Sonnenaktivität haben.
– Mojib Latif, Professor am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Nur fragt sie eben kaum jemand – und schon gar nicht ein Politiker wie Strache, der seine Position in der Klimafrage offensichtlich gefunden hat und nicht gedenkt, sich mit Studien aufzuhalten.

Apropos: Der Fairness halber muss hier auch die einzige abweichende These erwähnt werden, die es von wissenschaftlicher Seite zu der Angelegenheit gibt. Demnach könnten Sonneneruptionen das Klima der Erde nur auf sehr indirekten Weg beeinflussen. Das zumindest hat 1997 der dänische Physiker Henrik Svensmark behauptet und eine Hypothese aufgestellt, der zufolge Sonneneruptionen die Menge an kosmischer Strahlung beeinflussen können, die aus dem All auf die Erdatmosphäre trifft.


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Das wiederum könnte Einfluss auf die Entstehung von Wolken und damit auf das Klima haben. Diese Hypothese gilt aber mittlerweile als widerlegt – beziehungsweise gilt heute der Mechanismus als zu schwach, um das Klima tatsächlich beeinflussen zu lassen. Das erklärt auch Stefan Rahmstorf), Professor für die Physik der Ozeane an der Uni Potsdam:

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Selbst wenn die kosmische Strahlung die Wolkenbildung und Temperatur beeinflussen würde, könnte damit bestenfalls eine stärkere elfjährige Schwankung, aber kein starker Klimatrend verursacht werden. Denn die kosmische Strahlung wird seit 60 Jahren gemessen und weist keinen nennenswerten Trend auf.

Es gibt natürlich auch keine Erwärmung des "gesamten Planetensystems", so wie Heinz-Christian Strache das behauptet. Wie sollte das auch sein, wenn die Energiemenge, die die Sonne abstrahlt, sich nicht verändert?

Astronomen messen zwar durchaus, wie sich die Temperatur auf anderen Himmelskörpern verändert. Aber weder messen sie einen einheitlichen Anstieg der Temperaturen bei allen Planeten, noch führen sie diese Veränderungen auf Sonneneruptionen oder ähnliches zurück.

Die Vorgänge auf anderen Himmelskörpern haben vielfältige Ursachen. Neptun zum Beispiel benötigt 164 Jahre für einen Umlauf um die Sonne; dementsprechend lang sind auch seine Jahreszeiten. Wenn man also dort in den letzten Jahrzehnten einen Anstieg der Temperatur misst dann liegt das einfach daran, dass dort gerade der Sommer kommt. Beim Mars muss man neben den Jahreszeiten auch noch die gewaltigen Staubstürme berücksichtigen, die dort kurzfristig das Klima verändern können – was ebenfalls nicht mit dem Klimawandel auf der Erde oder Sonneneruptionen zu tun hat.

Ich selbst habe früher auch schon ausführlich über alle möglichen Klimawandel-Mythen geschrieben. Es wäre also absolut kein Problem all diese Information irgendwie zu recherchieren, wenn man in Heinz-Christian Straches Position wäre und das denn wollen würde.

Trotzdem wird Heinz-Christian Strache nirgendwo korrigiert. Keiner seiner politischen Gegner, keiner der Journalisten hat Einspruch erhoben – niemand hat ihn darauf hingewiesen, dass er faktisch falsche Aussagen gemacht hat. Dabei sollte doch gerade das die Aufgabe des Journalismus sein.

Mir ist schon klar, dass Politik sehr oft aus Meinungen besteht; aus unterschiedlichen Ideologien, die nicht eindeutig "richtig" oder "falsch" sind; aus Kommentaren, aus Zitaten und anderen nicht objektivierbaren Versatzstücken. Aber Politik beschäftigt sich eben auch mit der realen Welt und da gibt es nunmal richtige und falsche Aussagen. Vor allem gibt es Tatsachenbehauptungen, wie eben die zu Sonneneruptionen und dem Klimawandel, die man überprüfen kann – ganz egal, ob man für Zuwanderung oder gegen den Islam ist. Ganz besonders gilt das, wenn es um Wissenschaft geht.

Straches wiederholte Aussage über Sonneneruptionen, die den Klimawandel verursachen, ist also objektiv und eindeutig falsch. Und es wäre mehr als angebracht, ihm das auch zu sagen. Es wird ihn vermutlich nicht sonderlich interessieren, aber es wäre im Sinne des Publikums und auch im Sinne des Journalismus, solche Aussagen, die eindeutig, unstrittig und leicht nachweisbar faktisch falsch sind, auch so zu benennen – und Politiker wie Heinz-Christian Strache damit nicht einfach durchkommen zu lassen. Er ist schließlich nicht der Einzige, der so einen Unsinn erzählt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Science Blogs. Hier findet ihr die Website des Autors.