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Die Schweizer Rapcombo S.O.S krempelt gerade die Szene um

Einfach mal zwei Debütalben veröffentlichen und Schweizer Rap endlich cool klingen lassen – wir haben einen Blick auf das Movement geworfen.

von Julian Riegel
18 September 2017, 1:19pm

Alle Fotos: Jojo Schulmeister

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der Züricher Redaktion.

Platz zwei und drei der Schweizer Albumcharts! Nach einem gemeinsamen und drei Solo-Mixtapes releasten S.O.S vor zwei Wochen mit Akim und Imani gleich zwei Debütalben. Mit dem unverhofften aber nicht überraschenden Charterfolg beweisen Dawill, Nativ und Questbeatz nun allen, dass der Hype um sie nicht nur heiße Luft ist. In Mundartrap-Kreisen brauchen S.O.S eigentlich keine Introduction mehr. Die Berner Rapper haben voriges Jahr mit ihrem ersten gemeinsamen Mixtape Candomblé schnell mal eine neue Ära lanciert. Sie sind die Köpfe einer neuen Bewegung, welche sich auf Festivals und Clubshows in der ganzen Schweiz regelmässig zu Moshpits formt, die das ganze Konzert andauern.

Für viele war wohl der Mixtape-Titelsong "Candomblé" der Weckruf, dass Schweizer Rap mehr kann als irrelevante Gute-Laune-Tracks und First-World-Problem-Gesellschaftskritik – mit wenigen Ausnahmen, versteht sich. "Ich fand immer, dass der Schweizer Rap zu bünzlig und zu bäurisch gewesen ist. Früher haben sich viele auch einfach nicht getraut, Mundartrap zu machen, weil sie ihn nicht ernst nehmen konnten. Ich glaube, durch den Shift hat sich auch die Wahrnehmung geändert und Schweizer Rap hat sehr an Respekt gewonnen", bestätigt Dawill diese Annahme, als wir uns kurz vor dem Album-Release zum Interview treffen. Questbeatz sieht das Problem an den Normen für Schweizer Rap, an die sich jeder gehalten hat – auch Secondos: "Heute orientiert man sich nicht mehr daran, ob es für die Schweiz passt. Mit deiner Musik sprichst du automatisch die ganze Welt an, weil wir so vernetzt sind. Es muss also gar nicht mehr in den lokalen Rahmen passen – der wurde gesprengt", fügt der Produzent an.

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S.O.S waren prädestiniert, diesen Rahmen zu sprengen – und sie sprengten nicht einfach nur ein kleines Loch hinein, sondern gleich das ganze Konstrukt. Sie beweisen eine für den helvetischen HipHop-Kosmos ungewöhnliche, punkige Attitude, unendlich viel Authentizität, verfügen über eine kreative Lingo, verpacken sie in gesellschaftskritische Texte und bekommen den Rücken von Questbeatz' starken Produktionen freigehalten. Da sind zwei Jungs mit Migrationshintergrund, die von ihrem echten Struggle im Leben erzählen, die den Kids eine Stimme geben und sich gegen das System stellen – seit Minute eins. "Wir sind immer noch broke, immer noch in der Schweiz", sagt Nativ kurz und bündig.

Akim und Imani knüpfen genau da an. Beide Alben sind geprägt von positiven Messages und konstruktiver Kritik an der Schweizer Gesellschaft und der Welt. "Das ist eigentlich ziemlich unbewusst und ganz automatisch passiert. Nehmen wir an, du hast in einem Track ein Thema, was du kritisch hinterfragst – wenn du aber sagst, dass doch alles halb so wild sei, eliminierst du deine Aussage wieder", sagt Nativ. So predigen die zwei Rapper auf den 20 Songs für das Gute, setzen sich mit Rassismus und Polizeigewalt auseinander und stehen zu ihren Fehlern. "Wir erzählen aus unserem Alltag: was wir erleben, was wir empfinden, was wir sehen. Das Leben ist die Inspiration. Und dadurch, dass wir viel unterwegs sind und viel passiert – in unserem Leben aber auch auf der ganzen Welt –, hören die Geschichten nie auf", sagt Nativ. Dabei sind sich Nativ und Dawill auch nie zu schade, sich von ihrer verletzlichen und gefühlvollen Seite zu zeigen. "Es gibt viele Leute, die nur ihre Stärken zeigen wollen und deshalb versuchen, ihre verletzliche Seite zu verstecken. Ich finde, es ist aber supreme confidence, wenn du deine Gefühle zeigen kannst", sagt Dawill.


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Dass dieses Rezept aufgeht, liegt jedoch nicht nur an der Musik selbst. Bei S.O.S ist alles echt, nichts geplant, nichts kalkuliert. "Dass wir zum Beispiel das Album am Royal [ Royal Arena Festival] ankündigen, war eine spontane Idee. Dann hat das eine riesige Welle ausgelöst. Vielleicht sehen unsere Schritte deswegen manchmal nicht so professionell aus, aber sie sind eben echt", sagt Nativ. "Dass wir nicht so corporate rüberkommen, gibt uns dann auch Charakter", fügt Nativ an.

Auch der Schritt, zwei Alben auf einmal herauszugeben, ist kein Gewöhnlicher und zeugt davon, dass jeder kreative Gedanke über dem kommerziellen Erfolg steht – man hätte die Alben auch gestaffelt rausbringen können, damit sich die einzelnen besser verkaufen können. "Am Anfang hatten wir die Idee, zwei völlig unterschiedliche Projekte zu machen. Himmel und Hölle, etwas, was sich beißt. Auf dem einen der dirty Shit, das Ignorante, auf dem anderen der deepe und positive", sagt Nativ. Es sei vor allem sehr schwer, auf Knopfdruck einen deepen Song zu schreiben. Außerdem stünden die Erwartungen, die mit den gegensätzlichen Alben einhergegangenen wären, ihnen selbst im Weg. "Deswegen sollten es einfach zwei schöne Alben mit zwei schönen Namen und zwei schönen Covers werden, die aber ausgeglichen sein sollen", sagt Questbeatz.

Nicht nur die harten Jungs, Dawill und Nativ.

Der antikommerzielle Gedanke hätte außerdem zu Diskussionen im Kollektiv geführt, ob man die Alben überhaupt für Geld verkaufen könne. "Ich hatte recht lange das Gefühl, man müsste das rechtfertigen. Dass das nicht legitim wäre. Am Ende war es ein logischer Schritt. Wir müssen uns gar nicht erklären und sind überzeugt davon. Vielleicht ändert sich das aber auch beim nächsten Release wieder", sagt Questbeatz. So haben S.O.S Akim und Imani komplett independent veröffentlicht. Die Fans geben der Truppe Recht und bedanken sich mit Platz zwei und drei in der Hitparade. Noch vor dem Release meinte Dawill: "Es wäre einfach geil zu zeigen, dass wir drei diesen Sound aus voll eigener Kraft gemacht haben – viel harte Arbeit, viel Geduld und viele Opfer reingesteckt haben – und es sich auszahlt. Die Platzierung ist egal. Scheißegal wo. Die Resonanz von den Leuten ist das Wichtigste."

Dass S.O.S aber in den Charts stehen, hätte wohl vor eineinhalb Jahren noch niemand gedacht. Die Berner haben sich in kürzester Zeit vom Geheimtipp zu den Gesichtern der Schweizer Rapszene hochgearbeitet. Das bisherige Highlight war der Auftritt auf dem splash! Festival. "Letztes Jahr habe ich schon gedacht: Shit, das ist groß. An so Punkten sind wir immer wieder und schauen dann zurück und können nicht glauben, wo wir damals standen. Es ist ein 24/7-Surreal-Zustand. Ich bin die ganze Zeit extrem verwirrt, weil's so viel ist. Aber es ist voll schön", sagt Nativ. Und es soll noch viel weiter gehen. Die Truppe hat ein breites Netzwerk an Kreativen um sich geschart – die Modebrand hässig, Videomacher Tim Dürig, Fotograf Jojo Schulmeister oder etwa Manillio, der Nativ auf seinem letzten Album gefeatured und eine Cameo im neusten S.O.S-Clip zu "Persischi Chuchi" hat.

Gleichzeitig bildet sich eine treue Anhängerschaft um die Combo: "Wir erkennen mittlerweile viele Gesichter im Publikum und wir haben wirklich so hardcore Fans, die krass am Start sind und jede Line mitrappen können", sagt Nativ und fügt an: "Ich glaube aber auch, dass das noch viel größer werden kann. Nicht nur auf unsere Musik und unsere Alben bezogen. Als Movement." Dieses Movement soll nicht nur die Schweiz umfassen. Der Auftritt auf dem splash! hat S.O.S gezeigt, dass die Sprachbarriere keine Grenze sein muss. Questbeatz: "Ich glaube, dass es ab einer gewissen Qualität diese Barriere nicht mehr gibt – oder nur noch sehr begrenzt. Ich selbst höre auch Musik, die ich selbst nicht verstehe, weil ich's fühle und auf den Klang höre. Musikalisch, glaube ich, sind wir auf einem Level, dass du unsere Musik hören kannst, ohne uns zu verstehen. Es ist einfach der Vibe."

Musik ist universell und live ist S.O.S unaufhaltsam.

'Akim' und 'Imani' sind auf hrdrec.ch erhältlich.

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