Sex

Ich war bei einem Playfight in einem sexpositiven Club

Mit Fremden zu kämpfen, kann sexy sein, seltsam – und feministisch.

von Miriam Hübl
28 Januar 2018, 4:31pm

Foto: Robert May

Mit einem wildfremden Mann bei engstem Körperkontakt zu rangeln, während uns 30 Menschen dabei zusehen, steht eigentlich nicht an der Spitze meiner Bedürfnispyramide. Trotzdem schleppe ich mich an einem winterlichen Sonntagabend durch die dunklen Straßen Wiens und bin auf dem Weg zu einem Playfight.

Playfights sind spielerische Kämpfe, die erotisch sein können, es aber nicht müssen. Meine Vorstellung davon, wie Playfights ablaufen könnten, war vage. In meiner Fantasie vermischten sich Bilder aus Eyes Wide Shut mit Szenen aus Fight Club. Wenn ich wissen wollte, was bei Playfights wirklich passiert, musste ich es mir also anschauen.

Darum stehe ich vor der Türe von Wiens einzigem Club dieser Art, "Die Schwelle". Von außen ist kaum erkennbar, dass in diesem Kellerlokal etwas los sein könnte – geschweige denn regelmäßig Veranstaltungen wie Kinky Curiosities, Orgasmic Yoga oder Single Bondage Mixer stattfinden.

Drinnen ist das Licht gedimmt, ich stolpere ein paar Treppen hinunter und hinein in den Eingangsbereich. Ich frage mich, wer kommt hier her?

Die Menschen, auf die ich stoße, sehen aus, als könnten sie meine Freunde sein. Sie stehen in Grüppchen zusammen und plaudern. Die Stimmung erinnert mich an ein Yogastudio bevor die Stunde losgeht.

Rechts von der Garderobe erstreckt sich ein Gang durch ein gepflegtes Kellergewölbe aus orangefarbenen Ziegeln. Der Boden ist aus Holz und die beiden großen Räume, die vom Gang wegführen, sind mit Kaminen beheizt. Nur die schweren roten Vorhänge und die expliziten Fotos an den Wänden erinnern daran, dass das hier ein sexpositiver Club ist und kein Architekturbüro.

Ich gehe den Gang entlang zur Bar, um die 20 Euro Teilnahmegebühr für den Abend zu bezahlen. Dort entdeckt mich Jana Studnicka, die Vorsitzende des Vereins, der Die Schwelle betreibt. Ich hatte mich im Vorfeld als Erstbesucherin bei ihr angemeldet. Ob ich nervös sei, fragt sie mich. "Nein", antworte ich und lüge.

Ist das hier der Beginn einer Orgie? Oder ist das, was ich sehe, einfach ungewohnt für mich?

Während wir uns unterhalten, wandern meine Augen immer wieder zu dem Raum, in dem gleich der Playfight stattfinden wird. Sechs Matratzen sind dort in der Mitte zusammengeschoben und bilden ein kuschliges Feld. Rundherum liegen und sitzen schon einige TeilnehmerInnen auf Polstern und Matten. Manche alleine, andere in kleinen Gruppen. Sie kuscheln, streicheln und massieren einander.

Mir wird unwohl. Die verschlungenen Grüppchen wirken sektenhaft auf mich. Es fällt mir schwer, meine Eindrücke einzuordnen: Ist das hier der Beginn einer Orgie? Wird dieser Abend vielleicht meine persönlichen Grenzen überschreiten? Oder ist das, was ich sehe, einfach ungewohnt für mich? Ist es möglicherweise einfach die praktische Umsetzung von Sexpositivität?

Sexpositivität heißt im Wesentlichen, dass Menschen nicht nur Sex haben, sondern ihn auch genießen. Voraussetzung dafür ist Konsens. Wenn alle Beteiligten zustimmen, soll jede (legale) Sexualpraktik ohne Scham und Stigmatisierung gelebt werden können.

Sexpositivität geht davon aus, dass Sexualität in den meisten Gesellschaften entweder verdrängt oder entlang konservativ-bürgerlicher Moralvorstellungen in Hierarchien angeordnet wird. Alles, was davon abweicht, wird gesellschaftlich mehr oder weniger sanktioniert – von Homosexualität über Gender-Diversität bis hin zu Sexualpraktiken wie BDSM.

Vor allem Frauen kommen dabei in der Artikulation ihrer sexuellen Bedürfnisse oft zu kurz. Hier setzt sexpositiver Feminismus an. Sexualität wird als etwas Politisches gesehen, weil sich darin die gesellschaftlichen Machtverhältnisse widerspiegeln.

Sexpositive Räume wollen vor diesem Hintergrund vor allem Platz für eine Frage schaffen: Welche Form der Sexualität möchte ich wirklich leben? Und erst in weiterer Folge wollen sie auch den Raum bieten, diese Sexualität auszuleben.

Rund 30 Menschen sitzen an diesem Abend um das Matratzenlager in der Mitte des Raumes und hören dem Gründer der Schwelle dabei zu, wie er den weiteren Ablauf des Playfights erklärt: Eine Person begibt sich in die Mitte und fordert von dort jemanden zum Kampf auf. Die aufgeforderte Person entscheidet dann, ob sie die Einladung annimmt oder ablehnt. Ein Kampf dauert so lange, bis die beiden Beteiligten genug haben. Oder bis eine Person "Stopp" sagt. Wann auch immer, warum auch immer. Abgesehen davon ist alles, was im Kampf gewünscht ist, auch erlaubt.

Als Erstes wagt sich ein glatzköpfiger Mann mittleren Alters in die Mitte. Er fordert eine junge Frau in meinem Alter mit einem Nicken zum Kampf heraus. Sie grinst breit und erwidert sein Nicken sofort. Die beiden scheinen einander zu kennen.

Das ungleiche Paar setzt sich in der Mitte des Matratzenlagers voreinander hin. Langsam fangen sie an, sich zu berühren. Sie kommen sich näher, drücken die Köpfe aneinander, umarmen sich und bewegen sich dabei rhythmisch, fast als würden sie miteinander tanzen.

Plötzlich nimmt die junge Frau Schwung und wirft ihn nach hinten um. Er landet auf dem Rücken. Sie setzt sich blitzschnell auf ihn und fixiert seine Arme mit ihren Knien. Ein triumphales Lächeln huscht über ihr Gesicht. Im nächsten Moment hat er aber sie schon wieder abgeworfen und die beiden rangeln über die Matratzen. Mal hält sie ihn fest, mal hat er sie unter Kontrolle. Manchmal geht es sanft zu, im nächsten Moment wieder rough. Im einen Moment wirken die beiden wie blödelnde Kinder, im nächsten scheint es, als würden sie bei dem, was sie tun, eher alleine sein wollen.

Abwechslungsreich sind auch die Geschlechterkonstellationen: Männer kämpfen gegen Männer, Frauen gegen Frauen, Frauen gegen Männer und umgekehrt. Einige der Teilnehmenden ordnen sich auch gar keinem Geschlecht zu.


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Nach etwa drei Runden werde ich aufgefordert. Ein Mann schaut mir direkt ins Gesicht und wartet auf meine Antwort. Aber nicht nur er, auch die Blicke der anderen 28 Personen im Raum spüre ich. Meine Hände fangen an zu schwitzen. Die Situation ist mir unangenehm. Ich habe keinerlei Bedürfnis, dieser Person körperlich nahe zu sein – im Gegenteil. Ich schüttle den Kopf: Nein, ich will nicht. Er geht zurück zu seinem Platz, das nächste Paar findet sich in der Mitte, ein neuer Kampf beginnt.

"Das ist ein riesiger Unterschied zu einem Swinger Club, denn hier kommt niemand her, um Sex zu haben."

"Ich habe das Gefühl, erst hier richtig gelernt zu haben, wie man Nein sagt", erzählt mir Winnie in einer Pause. Winnie ist in ihren Zwanzigern und kommt seit etwa zwei Jahren zu den Playfights. Sie wirkt quirlig und aufgeweckt. "Ich nehme das auch in meinen Alltag mit. Auch auf der Arbeit oder im Privatleben sage ich jetzt viel öfter Stopp, wenn mir etwas zu viel wird."

Für die Vereinsleitung sind das wichtige Erfahrungen in einer Gesellschaft, die chronisch "oversexed but underfucked" sei, und deshalb Fragen nach Wünschen und Grenzen in der persönlichen Sexualität unterdrückt. Abseits der "Standardsexualität" gäbe es viel zu entdecken, sagt Jana Studnicka. "Aber dafür muss ich erst mal wissen, was ich will, was ich nicht will, und wie ich das artikuliere."

Insofern ist ein sexpositiver Club auch ein Safe Space, da neben dem Konsensprinzip auch ein hohes Maß an Sensibilität für die andere Person herrscht. Ein Punkt, der zentrale feministische Forderungen erfüllt. "Das ist ein riesiger Unterschied zu einem Swinger Club, denn hier kommt niemand her, um Sex zu haben", sagt Reinhard Gaida, der Gründer der Schwelle. "Natürlich kann es dazu kommen, es ist erlaubt. Aber niemand hat das Gefühl, Sex einfordern zu können, weil er Eintritt bezahlt hat."

Auch ich bin an diesem Abend nicht in Die Schwelle gekommen, um Sex zu haben. Sehr wohl aber, um an einem Playfight teilzunehmen. Mittlerweile habe ich mich ein bisschen entspannt und auch meine Hände schwitzen nicht mehr so stark wie zuvor. Außerdem möchte ich wirklich wissen, wie es ist, sich mit einer vollkommen unbekannten Person über die Matratzen zu fetzen.

Der Kampf macht Spaß, ich versuche zu dominieren, mein Kampfpartner lässt sich überwältigen. Erotisch finde ich das Gerangel nicht.

Zum Glück werde ich ein zweites Mal zum Kampf gefordert und diesmal willige ich ein. Wir setzen uns in die Mitte, er streckt seine Hand nach mir aus und zieht mich sanft an sich. Ich lege meinen Kopf an seine Schulter und freue mich, dass ich seinen Geruch nicht unangenehm finde. Er schlingt seine Arme weiter um mich und streichelt meinen Rücken. Durchaus angenehm, denke ich mir, aber ich bin schließlich zum Kämpfen und nicht zum Kuscheln gekommen. Ich löse meinen rechten Arm, lege ihn um seinen Nacken und drücke ihn im Schwitzkasten in die Matratze.

Der Kampf macht Spaß, ich versuche zu dominieren, mein Kampfpartner lässt sich überwältigen. Erotisch finde ich das Gerangel nicht. Wie es meinem Kampfpartner dabei geht, weiß ich nicht. Dafür bekomme ich Lust, mein lange vernachlässigtes Hobby Thaiboxen wieder aufzugreifen.

Nach vier Stunden ist der Playfight-Abend vorbei. Es wird Essen bestellt, ich trinke ein Bier an der Bar und plaudere mit meinem Kampfpartner. Einige TeilnehmerInnen kuscheln sich derweil auf den Matratzen zusammen, plaudern oder schmusen. Mittlerweile irritiert mich die offene Intimität der Menschen hier nicht mehr. Gelernt habe ich an dem Abend, dass man Nein-Sagen trainieren kann, und dass wir eigentlich sehr viel mehr raufen sollten.

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