Wie Überlebende häuslicher Gewalt ihre Narben unter Tattoos verstecken
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Feminisme

Wie Überlebende häuslicher Gewalt ihre Narben unter Tattoos verstecken

"Er war ein schlauer Mann: Er hat mich nur an meinem linken Arm geschnitten, damit es so aussieht, als hätte ich versucht, mich umzubringen."
17.1.18

Die Idee, Narben häuslicher Gewalt mit Tattoos zu verdecken, ist der russischen Tattoo-Künstlerin Zhenya Zahar das erste Mal 2016 gekommen, als sie auf die Arbeiten der brasilianischen Tätowiererin Flavia Carvalho und ihr Projekt A Pele da Flor (was auf Portugiesisch so viel wie "Die Haut der Blume" heißt) gestoßen ist.

"Ich wollte ihrem Beispiel folgen", sagt Zahar, die nicht erwartet hatte, dass sie so viele Kundinnen bekommen würde. "Mir war nicht bewusst, dass so viele Frauen so leiden." In Russland sterben jedes Jahr 12.000 Frauen an den Folgen häuslicher Gewalt. Trotzdem hat der russische Präsident Wladimir Putin letztes Jahr einige Arten der Gewalt entkriminalisiert – Ersttäter beispielsweise, die ihrer Partnerin keine lebensgefährlichen Verletzungen zufügen, werden ab jetzt nur mit einer Geldstrafe von bis zu 30.000 Rubeln (etwa 430 Euro) oder einer Gefängnisstrafe von maximal 15 Tagen belegt.

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Bisher hat Zahar etwa 200 Frauen umsonst tätowiert und sammelt Spenden, um weiterhin Überlebenden häuslicher Gewalt helfen zu können. "Es ist toll zu beobachten, wie viel selbstbewusster und stärker die Frauen sich fühlen, sobald ihr Tattoo fertig ist. Und genau dafür lohnt es sich auch."

Die Fotografin Claudia Janke ist nach Ufa im Westen Russlands gereist, um in Zahars Studio einige ihrer Kundinnen zu fotografieren und zu interviewen.

Maria, 24

"Meinen Ex-Freund habe ich mit 17 kennengelernt. Anfangs war alles super, aber dann hat er angefangen, auf Arbeit zu trinken und hat sich total verändert.

Maria: "Er hat mir mein heißes Glätteisen aus der Hand gerissen und es an meinen Arm gedrückt."

Er konnte sich nicht mehr kontrollieren, wurde aggressiv und war ohne Grund eifersüchtig. Zuerst haben wir uns deswegen einfach nur gestritten, nichts außergewöhnliches. Allmählich kam es dann aber auch zu körperlicher Gewalt. Er hat mich ein paar Mal geschlagen – Gott sei Dank nicht allzu heftig. Nach ein paar Monaten wurde es dann aber schlimmer.

Eines Tages, wir waren gerade im Badezimmer, haben wir über seine Trinkerei diskutiert, und plötzlich ist er völlig ausgerastet. Er hat mir mein heißes Glätteisen aus der Hand gerissen und es an meinen Arm gedrückt. Das hat eine Narbe auf meinem linken Oberarm hinterlassen.

Später hat er dann das erste Mal ein Messer benutzt. Wir waren in der Küche und haben uns gestritten, als er angefangen hat, auf meinen Oberarm einzustechen. Wenn ich ihn beuge, kann ich die Narbe spüren.

All seine Versuche, sich zu ändern und mit dem Trinken aufzuhören, haben ein bis zwei Wochen, maximal einen Monat angehalten. Erst, als er mich wieder mit dem Messer angegriffen hat, dieses Mal am Bauch, habe ich ihn verlassen.

Mein Rat an Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt sind: Wartet nicht ab und denkt, dass das ganz normal ist. Verschließt eure Augen nicht vor den Taten eures Partners. Ihr müst etwas tun, auch wenn ihr ihn verlassen müsst.

Ich war eine der ersten Frauen, die von Zhenya im Rahmen ihres Projekts tätowiert wurden. Ihre Arbeit ist sehr wichtig und notwendig. Es ermöglicht den Frauen, ihre Narben zu verdecken und das, was ihnen in der Vergangenheit widerfahren ist, zu vergessen – zumindest zum Teil. Ich will meine Narben nicht sehen, denn sie erinnern mich an das, was gewesen ist. Jetzt aber werden sie von wunderschönen Bildern verdeckt."

Nastya: "Meine Oma sagt immer: 'Du hast nur dieses eine Leben. Lebe also nicht in der Vergangenheit. Morgen ist ein neuer Tag.'"

Nastya, 34

"Ich war 17, als ich meinen Ex-Freund kennengelernt habe, er 23. Wir waren zwei Jahre zusammen und haben in einem kleinen Dorf außerhalb von Ufa gelebt. Ich war total verliebt in diesen Mann, und er war sich der Macht, die er dadurch über mich hatte, bewusst. Er sagte immer: 'Ich kann mit dir machen, was ich will. Du wirst mich trotzdem lieben.'

Als er begann, mir gegenüber gewalttätig zu sein, wollte ich weglaufen, aber er ist mir überall hin gefolgt und hat mich überwacht. Im Vollrausch hat er mich einmal so hart geschlagen, dass ich bewusstlos geworden bin. Als ich aufgewacht bin, saß er auf mir drauf und drückte mich gegen den Boden. Ich spürte diesen Schmerz und mir wurde klar, dass er mir mit einem Messer Schnittwunden verpasst hatte.

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Er hatte mich früher schon öfters mit dem Messer verletzt, aber dieses Mal wäre ich fast daran gestorben. Die Schnitte waren so tief, dass ich mich nicht wehren oder vor ihm fliehen konnte. Er war ein schlauer Mann: Er hat mich nur an meinem linken Arm geschnitten, damit es so aussieht, als hätte ich versucht, mich umzubringen.

Ich habe nie die Polizei gerufen, weil unser Ort so klein war. Ich wollte nicht, dass andere Leute mitbekamen, was bei uns zuhause passierte. Hier in Russland gilt oft noch das Motto: 'Wenn er dich schlägt, liebt er dich.' Also habe ich versucht, selbst damit klarzukommen.

Ich habe es erst geschafft zu fliehen, als ich ihn dazu überreden konnte, mich eine Freundin besuchen zu lassen. Stattdessen habe ich aber den Zug nach Ufa genommen und mich in die Anonymität der Stadt geflüchtet. Ich habe den Kontakt zu allen Freunden aus meinem Dorf abgebrochen, meine Nummer gewechselt und ein neues Leben begonnen. Er hat versucht, mich zu finden, aber es ist ihm nicht gelungen. Ich weiß nicht, wo er jetzt ist.

Als ich Zhenya wegen dem Tattoo kontaktiert habe, ist es mir schwer gefallen, alles aufzuschreiben. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich für ein Tattoo entschieden habe, aber jetzt bin ich bereit dafür und will diesen Abschnitt meines Lebens endgültig hinter mir lassen und ihn vergessen. Meine Oma sagt immer: 'Du hast nur dieses eine Leben. Lebe also nicht in der Vergangenheit. Morgen ist ein neuer Tag.'"

Nadezda: "Es war mir peinlich, an den Strand zu gehen. Ich habe nie kurzärmelige T-Shirts getragen, selbst im Sommer."

Nadezda, 34

"Wir haben uns kennengelernt, als ich 17 war; Ilshat war sieben Jahre älter. Wir waren drei Jahre zusammen, es war eine On-Off-Beziehung. Er war kein unglaublich gutaussehender Mann und keine meiner Freundinnen hat verstanden, warum ich mit ihm zusammen war. Aber ich habe ihn geliebt und bin bei ihm eingezogen. Gegen Ende unserer Beziehung bin ich mit meiner Tochter Camilla schwanger geworden.

Wir waren so verliebt; ich hatte Schmetterlinge im Bauch. Aber dann sind einige Dinge passiert. Ilshat war drogensüchtig und wurde sehr aggressiv, wenn er Drogen brauchte. Er begann, mich zu schlagen. Eines Tages habe ich das Geld versteckt, als er sich Drogen besorgen wollte. Er wurde richtig sauer, nahm ein Messer und stach mir damit in den Bauch, wo ich bis heute eine tiefe Narbe habe.

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Damals habe ich ihn das erste Mal verlassen. Dann war er für kurze Zeit im Gefängnis, weil er mit Drogen gedealt hatte. Als er rauskam und so ruhig und nett war, sind wir wieder zusammengekommen. Aber schon bald hat er einen Zigarettenstummel auf meinem Bein ausgedrückt. Ich habe geweint und ihn darum gebeten, mit den Drogen aufzuhören. Er wurde sauer und sagte mir, ich solle den Mund halten.

Ich weiß nicht, warum er es getan hat. Er hat es auch nicht verstanden. Er hat mich immer angefleht, ihm zu vergeben. Er ist einfach ausgerastet und hat mir ohne Grund wehgetan. Nachdem er mein Bein mit der Zigarette verbrannt hatte, habe ich ihn wieder verlassen, dieses Mal endgültig, da ich im sechsten Monat schwanger war. Mir war klar, dass es als alleinerziehende Mutter für mich nicht einfach werden würde, aber ich musste weg von ihm.

Auf Zhenyas Projekt bin ich durch Zufall gestoßen. Sie war für mich wie eine Psychiaterin. Ich konnte ihr meine ganze Geschichte erzählen, ihr meine Seele öffnen und meine Gefühle wie noch nie zuvor ausdrücken. Das konnte ich bei keiner meiner Freundinnen. Die Leute sind sehr voreingenommen und halten einen für bescheuert oder dumm, wenn man Opfer häuslicher Gewalt geworden ist.

Ich habe viele Narben: eine tiefe Narbe auf meinem Bauch, die Verbrennung auf meinem Bein und die Narben auf meinen Armen, die ich mir selbst zugefügt habe. Ich wollte mir das Leben nehmen, weil ich geschlagen wurde. Es war mir peinlich, an den Strand zu gehen. Ich habe nie kurzärmelige T-Shirts getragen, selbst im Sommer. Jetzt habe ich aber keine Angst mehr davor, mich zu zeigen."

Vika: "Er tauchte eines Tages zusammen mit einem Kumpel bei meiner Arbeit auf, zwang mich, in sein Auto einzusteigen und fuhr mit mir in den Wald."

Vika, 29

"Mein erstes Tattoo verdeckt die Stichwunde auf meiner Brust. Es ist ein Schmetterling, weil sie für die Reinkarnation und den Wandel der Seele stehen. Das zweite Tattoo ist auf meinem Arm. Hier habe ich mich für einen Wolf entschieden, weil er in der Tradition [der Ureinwohner Nordamerikas] für Schutz steht. Er ist mein Beschützer.

Denis habe ich kennengelernt, als ich 12 war. Er hat mich nach der Schule abgefangen und gesagt 'Wenn du mich nicht küsst, lasse ich dich nicht gehen.' Also habe ich ihn geküsst, und wir begannen, miteinander auszugehen. Ein paar Jahre später musste er für acht Jahre ins Gefängnis. Als er rauskam, hatte ich mich gerade erst von meinem ersten Ehemann scheiden lassen, ich wollte also keine neue Beziehung. Aber Denis war sehr beharrlich.

Bald wurde ich mit unserem Sohn schwanger. Anfangs waren wir sehr glücklich, aber Denis’ Familie begann ihm einzureden, dass das Kind nicht von ihm sei. Also tauchte er eines Tages zusammen mit einem Kumpel bei meiner Arbeit auf, zwang mich, in sein Auto einzusteigen und fuhr mit mir in den Wald.

Mein Freund und sein Kumpel haben Wodka getrunken und mich an einen Baum gebunden. Sie dachten laut darüber nach, meine Leiche in einem Loch zu vergraben. Denis näherte sich mir mit einem Messer in der Hand und begann, damit an meinem Bauch rumzuspielen. Er wollte, dass ich zugebe, dass das Kind nicht von ihm sei.

Durch den Stress wurde mir schlecht, und ich überredete ihn dazu, mich loszubinden, damit ich mich übergeben konnte. Ich versuchte, wegzulaufen, aber als ich mich umdrehte, hatte Denis seinem Freund das Messer gereicht, der mir damit in die Brust und dann unter den Arm stach. Denis geriet in Panik, als er das viele Blut sah, brachte mich zum Wagen und fuhr mich ins Krankenhaus. Ich hätte das Kind fast verloren.

Seitdem haben sich die Dinge geändert. Ich habe die Fenster in meiner Wohnung mit Gitterstäben versehen, habe mir eine verstärkte Stahltür einbauen lassen, mir einen großen Hund geholt und seine Nummer blockiert. Wir haben uns nochmal bei einer Kindergartenvorführung gesehen. Er hat sich bei mir entschuldigt. Am selben Abend wurde er mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert und starb ein paar Tage später. Ich finde es bis heute gerecht, dass er gestorben ist."

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