Völlerei

Ich habe mit Sumo-Ringern gefeiert und bin dabei fast gestorben

Vor mir auf dem Hotelflur liegt ein lebloser 180-Kilo-Körper. Ich habe die Schmerzen meines Lebens. Und dann erinnere ich mich an alles.

von Robin Black; aufgeschrieben von Graham Isador
21 Januar 2018, 4:00am

Fotos: Shutterstock | Munchies

Ich liege mit dem Gesicht auf dem Boden eines Hotel-Badezimmers irgendwo in St. Petersburg und habe die Schmerzen meines Lebens. Im Augenwinkel sehe ich eine Urinlache, die sich langsam ihren Weg in Richtung meines Kinns bahnt. Ich will aufstehen, aber meine Beine knicken unter mir weg. Ich falle in die Badewanne und kotze. Einen Duschversuch breche ich wieder ab, weil sich das Wasser auf meiner Haut anfühlt, als würde man mir Nadeln unter die Fingernägel rammen. Ich greife mir das sauberste dreckige Shirt aus meinem Koffer und schleppe mich in Richtung Lobby. Das fluoreszierende Licht des Gangs hämmert in meinen Kopf und verursacht stechende Schmerzen. Als im Hotelflur vor mir ein lebloser Körper liegt, weiß ich nicht, ob er real ist oder nicht. Vor mir liegt der dickste Mensch, den ich jemals gesehen habe.

Er wiegt locker 180 Kilogramm, sein Wanst schaut unter seinem Oberteil heraus. Der Mann ist nicht bei Bewusstsein, atmet aber laut schnarchend. Ich will gerade schauen, wie es dem Riesen geht, als ich vor dem Fahrstuhl einen noch dickeren Menschen liegen sehe. Mit dröhnendem Schädel versuche ich, die Geschehnisse des vergangenen Abends zu rekonstruieren. Langsam erinnere ich mich wieder an alles.


Aus dem VICE-Universum: Das Leben als pensionierter Sumo-Ringer


Die Männer vor mir sind alle Sumo-Ringer. Ich habe versucht, Menschen unter den Tisch zu trinken, die doppelt so breit sind wie ich. Ich habe mehr gegessen, als ich es jemals für möglich gehalten habe. Und wie ein moderner Don Quijote habe ich geparkte Autos angegriffen. Zusammengefasst lässt sich sagen: Ich habe mit Sumo-Ringern gefeiert und bin dabei fast gestorben.

Dabei beginnt mein Sumo-Abenteuer eigentlich als Arbeitsauftrag. Fürs Fernsehen kommentiere ich die Kampfveranstaltung World Combat Games in Russland. Ich habe mich intensiv vorbereitet und denke zu wissen, was mich erwartet. Die Arena glüht vor Aufregung und die Zuschauer peitschen ihre Favoriten schreiend nach vorne, als zwei fleischgewordene Pistolenkugeln aufeinander zuschießen. Die komplizierten Griffe würden jeden normalen Menschen sofort in die Knie zwingen, aber weil die Kämpfer unter ihrer Fettschicht so durchtrainiert sind, kontern sie sich gegenseitig präzise und kraftvoll aus. Abseits des Rings werden sie wie Rockstars behandelt – und es gibt hier keinen größeren Star als den Sumo-Ringer Byamba.

Der zweifache Sumo-Weltmeister spielte schon in Filmen wie Oceans 13 mit und war bei der TV-Show America’s Got Talent dabei. Auch jetzt bei den World Combat Games zeigt er seine Klasse: Innerhalb von Sekunden wirft er seine Gegner aus dem Ring und entscheidet die Kämpfe für sich. Bei der Siegerehrung bekommt er Standing Ovations und auch ich kann mich beim Kommentierten kaum zurückhalten. Für die Afterparty, die in meinem Hotel stattfindet, fasse ich deswegen einen Plan: Ich werde Byambas Hand schütteln, ihm zu seinem Sieg gratulieren und ihn dann in Ruhe weiterfeiern lassen. Als es soweit ist, hat der Sumo-Ringer jedoch andere Pläne.

Ehe ich mich versehe, steckt der Trichter auch schon in meinem Mund und Byamba kippt mir einen halben Liter Wodka in den Hals.

In der einen Hand hält Byamba eine Wurstkette, in der anderen eine Flasche Wodka. Ich gehe auf den Champ zu, er deutet in meine Richtung. Sofort schnappt sich ein anderer Sumo-Ringer ein "Reserviert"-Schild von einem der Tische (in Russland sind die Teile kegelförmig) und bastelt daraus einen provisorischen Trichter. Ehe ich mich versehe, steckt dieser Trichter auch schon in meinem Mund und Byamba kippt mir einen halben Liter Wodka in den Hals. Die Party ist noch nicht mal richtig losgegangen und ich bin schon hackedicht.

Zusammen mit den Sumo-Ringern falle ich über das Buffet her. Byamba schaufelt Schweinshaxen, Sauerkraut, verschiedene Würste und Brot auf seinen Teller und weist mich an, es ihm nachzutun. Obwohl der Sumo-Ringer nur wenige Stunden zuvor noch eine Medaille gewonnen hat, nimmt er sich für jeden Anwesenden Zeit. Er gibt sich bescheiden und reißt Witze. Als ich ihn zu seiner Philosophie befragen will, besteht er darauf, dass ich noch mehr esse und trinke. So landen weitere Würste, Berge aus Sauerkraut und noch mehr Alkohol in meinem Magen. Durch mein Essverhalten fühle ich mich, als könnte ich selbst Sumo-Ringer sein. Diese Theorie wird auf dem Parkplatz des Hotels direkt auf die Probe gestellt.

An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich in meinem Leben schon viel dummes Zeug gemacht habe. Mich auf dem Parkplatz eines russischen Hotels im Sumo-Ringen zu versuchen, steht trotzdem weit oben auf der Liste. Byamba erklärt mir, dass mein Gegner "nur" 110 Kilo wiege. Nur 45 Kilo mehr als ich? Kinderspiel! Was mir Byamba nicht verrät: Mein Kontrahent ist auch der Sumo-Weltmeister im Mittelgewicht. Ich mache mich im Adrenalin- und Alkoholrausch bereit und lege meine Fäuste auf den Boden. Byamba schreit etwas und ich wuchte meinen Körper mit aller Kraft in Richtung meines Gegners. Auf ihn zu treffen, fühlt sich an, wie gegen einen Felsen zu rennen. Ich drücke, ich packe zu, ich versuche, ihn irgendwie von den Beinen zu holen – keine Chance. Nach 15 Sekunden hat der Mittelgewichtschampion schließlich genug und wirft mich lachend zu Boden. Beim Aufprall höre ich, wie eine meiner Rippen knackt. Um den Schmerz zu betäuben, wird mir noch mehr Alkohol gereicht.

Der Geruch von Wodka zaubert mir bis heute gleichzeitig ein Lächeln ins Gesicht und ein flaues Gefühl in den Magen.

Laut Byamba habe ich mich für einen blutigen Anfänger gar nicht schlecht angestellt. Dann will er mir zeigen, was Sumo-Ringer wirklich draufhaben. Aus Angst vor einer weiteren Abreibung weiche ich zurück, aber da ist es schon zu spät: Byamba und seine Kollegen exen ihre Getränke und fangen an, die herumstehenden Autos über den Parkplatz zu schieben – wie normale Menschen es mit Einkaufswägen tun. Ich versuche mich an einer mittelgroßen Limousine, aber meine Rippen schmerzen zu sehr. Ich halte Ausschau nach Alkoholnachschub, aber es gibt keinen. Deswegen entscheiden sich die Sumo-Ringer, in ein nahegelegenes Restaurant einzufallen.

Wenn 30 Menschen gleichzeitig und unangekündigt in ein Restaurant kommen, dann ist das Personal schnell überfordert. Wenn es sich bei den 30 Menschen zum Großteil auch noch um Sumo-Ringer handelt, bricht komplettes Chaos aus. Wie aus dem Nichts steht Essen vor uns und wird genauso schnell wieder verschlungen. Wir starten einen spontanen Grappling-Wettbewerb und werfen dabei Tische und Stühle um. Als die Getränke nicht schnell genug zu uns kommen, stapft einer der Sumo-Ringer hinter die Theke, schnappt sich ein Fass und verschwindet durch die Eingangstür. Byamba macht Fotos mit den Angestellten. Das ist das Letzte, an das ich mich erinnern kann.

Der Kater dieser Nacht hängt mir noch zwei Wochen später in den Knochen. Wenn ich zu hart huste, schmerzen meine Rippen noch immer. Der Geruch von Wodka zaubert mir bis heute gleichzeitig ein Lächeln ins Gesicht und ein flaues Gefühl in den Magen. Der Abend hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt. Leider sind jegliche Beweise zusammen mit meinem Handy in irgendeiner Seitengasse von St. Petersburg verloren gegangen. Woran jedoch kein Zweifel besteht: Über den Ausdruck "Party machen wie ein Rockstar" kann ich nur noch lachen. "Party machen wie ein Sumo-Ringer" passt viel besser.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.