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Schmatzen, schlürfen, schlucken: Wenn Essgeräusche wütend machen – oder high

Außerdem zeigen sie dir, wann deine Beziehung zu Ende ist.
17.1.18
Foto: Eva L. Hoppe

Eine blaue Tischdecke, darauf Knoblauchpulver, eine Cranberry-Schorle, Fritten-Sauce und ein Dönerteller in einer Warmhaltebox. Dahinter ein YouTuber, sein Gesicht ist nicht zu sehen, nur sein Rumpf in einem schwarzen T-Shirt. Und seine Stimme hört man. Der Mann wird jetzt die Fritten essen, das Fleisch und den Salat kauen, die Schorle trinken und dabei flüstern, 20 Minuten lang. Ein Setting wie in einen Endzeitfilm.

Es könnte einem egal sein - es kann einen aber auch völlig wahnsinnig machen. Sebastian wird wütend, als er sich das Video anschaut: "Ich finde es sehr unangenehm, jemandem bewusst dabei zuzuhören, wie er Nahrung zerkleinert, mit Speichel vermischt und durch den Hals in den Darmtrakt würgt." Der YouTuber erzählt nur, was man ohnehin sehen kann und redet über seine Liebe zu Döner-Tellern, klärt für sich die Hähnchen-oder-Kalb-Diskussion beim Kebab, spricht über "durchgesabschte" Pommes. Nach neun Minuten reicht es Sebastian, er macht das Video aus. "Der Typ schmatzt sich da einen ab und ich warte die ganze Zeit darauf, dass etwas passiert. Aber es passiert nichts. Ich hoffe, dass er damit die ganze Welt verarschen will. Dann wäre das ein gelungenes Video." Will er nicht. Er will die Welt ein kleines bisschen ruhiger machen.

Der Mann versucht, ein ASMR-Video zu drehen. "ASMR" steht für "Autonomous sensory meridian response", es bezeichnet einen Trigger von außen, der beim Zuschauer bestenfalls ein Hochgefühl auslöst – und ihn so beruhigen soll. Ähnlich wie eine Massage. Das Publikum soll mithilfe der Videos runterkommen, manche schlafen dabei ein, andere hören es nebenbei auf der Arbeit. Auffallend häufig wird in diesen Videos gegessen und der Ton dabei denkbar laut aufgenommen. Vor 2010 gab es nicht einmal ein Wort dafür, heute gibt es zahllose Videos, in denen geflüstert wird, oder sanft geredet, oder in denen man Menschen dabei zusehen kann, wie sie sich einfach nur die Haare kämmen oder Alltagsgeräusche langsam wiederholen: Hände, die über Pappverpackungen fahren, Menschen, die Puderbürsten benutzten, oder eben Menschen, die essen, schmatzen, schlürfen. Die Videos werden millionenfach aufgerufen, dieser Frau hier haben zum Beispiel acht Millionen Menschen zugehört (und gesehen), wie sie Gewürzgurken isst.

ASMR-Videos bewegen sich irgendwo zwischen Entspannung, Erotik und Horror. Die einen Sprechen von einem "Orgasmus für das Gehirn", andere fürchten sich danach vor Alpträumen. So wie Flo. Auch er hat sich ein paar der Filme angesehen: "Diese Videos sind maximal belastend", sagt Flo. “Ich fühle mich wie in einem Horrorfilm, in dem mir irgendeine übernatürliche Kraft ins Ohr flüstert und schmatzt.” Wenn bestimmte Alltagsgeräusche Menschen wütend machen, spricht die Wissenschaft von "Misophonie" oder "selektiver Geräuschintoleranz". Psychologen erklären das so, dass diese Menschen eine gelernte Verbindung zwischen dem Geräusch und einem Gefühl in sich tragen: Schmatzen stört, weil die Mutter immer schmatzte; Kaugummikauen kann Angst auslösen, wenn der Schulschläger immer welches aß. Das muss nicht krankhaft sein, kann aber auch so weit gehen, dass Betroffene sich nicht mehr aus dem Haus bewegen und lieber allein bleiben. Dann können Psychotherapeuten helfen, der Berliner Psychologe Herbert Marten etwa rät zu einer "Gegen-Konditionierung": "Dabei wird das unliebsame Geräusch zusammen mit angenehmen, entspannenden Tönen abgespielt. Zunächst überwiegen die positiven Klänge. Wenn sich der Betroffene an die leise Version des Hassgeräusches gewöhnt hat, wird dieses langsam lauter gestellt, bis es schließlich allein zu hören ist - und der Betroffene dabei keine Wut empfindet."

Ob Konditionierung wirklich der einzige Grund ist, warum Essgeräusche Wut erzeugen können, sei einmal dahingestellt. Aber auch Sabrina würde sich die Videos nicht freiwillig in voller Länger angucken. ASMR-Filme zu produzieren, wäre für sie hingegen ein Traumjob. YouTuber sein, Schnuckelkram essen, dabei schmatzen – warum denn nicht? Sie will über die Videos aber auch nicht zu sehr schimpfen, schließlich esse sie selber am lautesten, sagt sie. Sabrina trinkt auch am lautesten, sie schlürfe eben. Ihr sei aufgefallen, dass sie Essgeräusche in zwei Fällen besonders nerven: wenn sie von völlig Fremden stammen, die neben ihr im Schnellrestaurant essen, oder aber wenn Menschen schmatzen, die ihr sehr, sehr nah sind, Eltern, Geschwister, Partner. Wenn es soweit ist, dass einen die Geräusche des Partners stören, sieht Sabrina schwarz für die Beziehung: "Wenn einen Essgeräusche nerven, ist das auf jeden Fall der beste Indikator, dass die Beziehung vorbei ist. Eigene Erfahrung. Immer." Diese Eheberater-Weisheit gilt wohl sogar für Menschen, die Fremden gern beim Essen zuhören.

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