Wie Angelo Soliman, der erste schwarze Star Österreichs, ausgestopft im Museum landete
Bild: Wikipedia Commons | Public Domain
Zu viel gerühmtes Österreich

Wie Angelo Soliman, der erste schwarze Star Österreichs, ausgestopft im Museum landete

Als Kind wurde er in Nigeria versklavt, in Österreich wurde er später zum Freund von Mozart, Mitglied der Freimaurer und Teil der Wiener High-Society – bis er ausgestopft im Museum landete.
2.4.18

Es gibt Lebensgeschichten, die zu unfassbar klingen als dass man sich vorstellen könnte, dass sie sich großteils in der eigenen Heimatstadt abgespielt haben. Da scheint es manchmal schon fast egal, ob sie vor 20 oder vor 200 Jahren passiert sind.

Angelo Solimans Geschichte ist so eine: Als Kind in Afrika gefangen genommen, versklavt und nach Europa verkauft, wurde er als kaiserlicher Diener zum angesehen Teil der Wiener High-Society, umgab sich mit Leuten wie Mozart und wurde Mitglied der Freimaurer – bevor er im Tod letztendlich gehäutet und ausgestopft im Museum des Kaisers – dem Vorläufer des heutigen Naturhistorischen Museums – als "Wilder" ausgestellt wurde.

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Solimans Leben ist besser dokumentiert als das von irgendeinem anderen Nicht-Europäer im Österreich des 18. Jahrhunderts. Seine Geschichte ist eigentlich schon oft erzählt worden – das Wien Museum widmete ihm 2011 sogar eine ganze Ausstellung. Aber auch, wenn er als Teil der Wiener Stadtmythologie gilt, ist sein Name den meisten Wienern heute kein Begriff mehr. Und das, obwohl seine Geschichte viel über das Österreich jener Zeit und den Umgang mit vermeintlich Fremden verrät.

Vom Kindersklaven zum "Hofmohren"

Wo Angelo Soliman genau zur Welt kam, ist bis heute nicht völlig klar. Seine österreichische Biografin schrieb später einmal über ihn, er stamme aus "Pangutsilang" – einem Land, das es zu keiner Zeit auch nur im Ansatz irgendwo gegeben hat (mit den Namen von afrikanischen Ländern hatten es die Europäer offensichtlich schon damals nicht so). Tatsächlich wurde Angelo vermutlich um 1721 unter dem Namen Mmadi Make im Osten des heutigen Nigeria geboren – zumindest geht man davon aus, gesichert ist diese Information allerdings nicht. Als der Bub von Sklavenhändlern gefangen genommen wurde, war er gerade mal um die sieben Jahre alt.

Bis er in Österreich landen würde, sollten noch Jahre vergehen – eine Zeit, die einer regelrechten Odyssee gleichkommt: Von der afrikanischen Westküste aus wurde der versklavte Bub vermutlich mit einem spanischen Schiff nach Nordafrika verschleppt, wo sein Käufer ihn zum Hüten von Kamelen verwendete. Er wurde schließlich weitergehandelt und landete in Europa – wahrscheinlich zunächst im sizilianischen Messina, einem Zentrum des Sklavenhandels jener Zeit.

"Es heißt heute immer, Österreich hatte keine Kolonien und daher auch mit der Sklaverei nichts zu tun – das ist falsch, wie man sieht."

Schwarze Sklaven verbindet man heute als erstes mit der Geschichte der USA – die Tatsache, dass es eigentlich europäische Länder waren, die den transatlantischen Sklavenhandel erfunden und betrieben haben, gerät dabei oft in Vergessenheit. Afrikaner waren auch im 17. Jahrhundert schon ein Teil von Europa – oft (aber nicht nur) als Sklaven. Schon Mitte des 16. Jahrhunderts etwa bestand die Bevölkerung von Lissabon aufgrund des Sklavenhandels zu zehn Prozent aus Schwarzen.

Während afrikanische Sklaven auf dem amerikanischen Kontinent in erster Linie für schwere körperliche Arbeit ausgebeutet wurden (und dafür in Massen benötigt wurden – im Laufe der Jahrhunderte wurden zwischen 12 und 15 Millionen Afrikaner von Europäern nach Amerika verschifft), hatten afrikanische Sklaven im Europa des 18. Jahrhunderts meistens eine andere Rolle: Hier benötigte man kaum zusätzliche Arbeitskräfte, und so wurden die Sklaven in Europa meist zu einem Luxusgut der reichen Adeligen, die zeigen wollten, dass sie selbst in so abgelegenen Erdteilen wie Afrika Einfluss hatten. Die hofeigenen Sklaven waren praktisch ein Statussymbol; und ein ziemlich teueres noch dazu.

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Das trifft auch auf den Kindersklaven in unserer Geschichte zu: Eine Gräfin kaufte ihn für ihren Hof in Sizilien. Als sogenannter "Hofmohr" kamen ihm bei der Adeligen gewisse Privilegien zugute, die anderen Sklaven verwehrt blieben – sofern man bei einem versklavten Menschen überhaupt von Privilegien sprechen kann. So wurde ihm auf dem sizilianischen Hof Italienisch beigebracht und er wurde sogar getauft. Von nun an trug er ganz offiziell den Namen Angelo Soliman. Sklave blieb er nichtsdestotrotz, denn auch der Eintritt ins Christentum änderte nichts am Sklavenstatus im Europa des 18. Jahrhunderts.


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Die sizilianische Herrin schenkte den jungen Angelo nach einiger Zeit weiter und er landete zum ersten Mal im Besitz eines Österreichers: Fürst Lobkowitz, der österreichische Gouverneur von Sizilien, wurde sein neuer Herr. Angelo sollte dem Feldmarschall fast 20 Jahre lang dienen und zum persönlichen Kammerdiener des Österreichers werden – einem, dem ungewöhnlich viel Vertrauen geschenkt wurde.

Er begleitete Lobkowitz auf Reisen und erarbeitete sich in dieser Zeit zudem als Soldat einen Ruf. Seinen hohes Ansehen unter Lobkowitz bekam Soliman angeblich auch deswegen, weil er seinen schwerverletzten Herren nach einer Schlacht vom Schlachtfeld getragen und ihm so das Leben gerettet haben soll.

Als Lobkowitz starb, wurde der mittlerweile erwachsene Angelo an den Fürsten Joseph Wenzel von Liechtenstein vererbt und landete damit schließlich in Wien, der Hauptstadt des österreichischen Reiches. Liechtenstein war einer von Österreichs wichtigsten Monarchen der Zeit: Berater von Kaiserin Maria Theresia, Herrscher über etwa eine Million Menschen und Reformer der österreichischen Armee. Ein zu seiner Zeit in jeder Hinsicht verdammt wichtiger Mann also.

Österreichs Beziehung zur Sklaverei

Österreich war ein Land ohne nennenswerte afrikanische Kolonien. Anders als viele europäische Reiche hatten es die Österreicher im Laufe der Jahrhunderte verpasst, sich Einfluss in Afrika zu sichern – auch wenn sie es nicht völlig unversucht lassen sollten. Dass Österreich keine Kolonien hatte, macht sich auch in der Gegenwart noch bemerkbar: Weniger als ein Prozent der österreichischen Bevölkerung ist heute Schwarz, und jene Schwarzen Menschen, die hier leben, werden immer noch stärker als in anderen westeuropäischen Ländern als Fremde wahrgenommen.


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Aber schon zur Zeit von Maria Theresia gab es in Österreich zumindest eine überschaubare Zahl an Schwarzen Menschen, nicht zuletzt durch die Sklaverei. Auch als einfacher Österreicher konnte man ihnen auf der Straße begegnen.

"Wir sprechen hier von ein paar hundert, vielleicht tausend Menschen – wir haben ja sehr wenige Quellen", erzählt Walter Sauer im Telefonat mit VICE. Sauer ist Wirtschafts- und Sozialhistoriker an der Uni Wien und kennt Solimans Geschichte bis ins kleinste Detail. "Aber man kann sagen, dass es in jeder Generation ab Ende des 17. Jahrhunderts einige Schwarze Menschen in Österreich gab."

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Laut dem Historiker gab es drei unterschiedliche Wege, über die Afrikaner in Österreich landen konnten, und alle drei hatten mit Sklaverei zu tun: Einerseits den "klassischen“ Sklavenhandel, der entweder über Spanien und Portugal oder – wie im Fall von Angelo Soliman – über Sizilien passierte. Andererseits wurden Afrikaner, die in arabischen Heeren dienten, bei Schiffsschlachten im Mittelmeer gefangen genommen und dann wiederum hierher in die Sklaverei verkauft. Und auch in den Türkenkriegen wurden Schwarze Kriegsgefangene aus den Reihen der Osmanen von Österreichern zu Sklaven gemacht. "Es heißt heute immer, Österreich hatte keine Kolonien und daher hat Österreich auch mit der Sklaverei nichts zu tun – das ist falsch, wie man sieht."

Schon bald nach seiner Ankunft in Wien war der mittlerweile rund 30 Jahre alte Soliman aber kein gewöhnlicher Leibeigener mehr. Er wurde zum "hochfürstlichen Mohr und Kammerdiener" ernannt. "Rein materiell gesehen ging es den Schwarzen Sklaven, die im Adeligen-Dienst landeten, nicht schlecht", erklärt Sauer. "Denn sie waren teuer, nur die oberste Adelsschicht konnte sich so einen Diener leisten. Und diese Adeligen haben ihre Schwarzen Diener dann auch in der Repräsentation eingesetzt: Bei öffentlichen Auftritten wurde sie ganz prominent platziert, toll gekleidet, oft mit einem orientalischen Sebel ausgestattet – weil man einfach Interesse daran hatte, dass sie gut ausschauen und zum Prestige des jeweiligen Herrschers beitragen."

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Mit Toleranz hatte das laut dem Historiker aber weniger zu tun als mit einer Art "frühkolonialer patriarchaler Haltung". Fürst Liechtenstein etwa war ein Fan des römischen Heeresführers Konsul Marius, der seinerseits auch schon einen Schwarzen Fürsten als Handlanger hatte. "Liechtenstein identifizierte sich offenbar mit diesem Marius – und so wie der seinen afrikanischen Helfer hatte, so hatte er nun seinen Angelo Soliman. Toleranz ist das sicher nicht, würde ich sagen." Über die psychologische Seite von Solimans Leben und mögliche Diskriminierung lässt sich laut dem Experten heute kaum etwas sagen, dafür fehlen einfach die Quellen.

Die orientalischen Kleider der "Hofmohren" und Solimans Freimaurer-Zeit

Für die Wiener Bevölkerung von 1760 dürfte ein auf einem Schimmel durch die Stadt reitender Schwarzer Mann in prachtvoll-weißen orientalischen Klamotten und mit einem Turban auf dem Kopf jedenfalls eine ziemliche Erscheinung gewesen sein. Man kann sich gut vorstellen, dass er innerhalb kurzer Zeit stadtbekannt wurde.

Die Tatsache, dass Soliman wie die meisten sogenannten "Hofmohren" auf Gemälden mit Turban und orientalischen Kleidern abgebildet wird, obwohl er gar nicht aus dem Orient stammt, verrät einiges darüber, welche Rolle die arabische Welt im afrikanischen Sklavenhandel zu jener Zeit spielte: Häufig waren nämlich Araber für den Sklavenfang in Afrika verantwortlich. Sie kleideten die Sklaven oft schon orientalisch ein, bevor sie diese an Europäer weiterverkauften. Die Europäer statteten ihre Diener dann oft weiter in diesem Stil aus. Ein nicht irrelevanter Aspekt der Geschichte, an den kaum jemand denkt, wenn heute afrikanische Migranten in Libyen auf Auktionen als Sklaven versteigert werden.

Apropos Gegenwart: Solimans große Beliebtheit in Wien lag zum Teil wohl an einem Faktor, der noch heute für Schwarze Menschen in der westlichen Welt eine Realität darstellt. Abgesehen von seiner dunklen Hautfarbe sah er offensichtlich ziemlich weiß aus – und die Wiener fanden ihn deshalb schöner als andere Schwarze. Die Schriftstellerin und Chronistin Karoline Pichler schrieb später über Soliman: "Angelo war von mittlerer Größe, schlank und schön gebaut. Seine Züge waren bei weitem nicht so sehr von unseren Begriffen von Schönheit entfernt, als die Züge der Neger sonst zu sein pflegen."

Aber natürlich war es eine ganze Reihe von Eigenschaften, die Angelo zu dieser Zeit zu einem regelrechten Star machten. Er war hochintelligent und beherrschte neben Deutsch fünf weitere Sprachen, die er sich an verschiedenen Höfen angeeignet hat. Sein Intellekt verhalf ihm später sogar dazu, Mitglied der Freimauer-Loge "Zur Freien Eintracht" zu werden, die auch Wolfgang Amadeus Mozart mehrmals und nachweislich an Tagen besuchte, an denen auch Soliman anwesend war, und mit dem Soliman mindestens bekannt, angeblich sogar befreundet war. Außerdem hatte der Mann eine ziemliche Gabe fürs Zocken und liebte das Glücksspiel. Als Soliman mit Fürst Liechtenstein bei der Krönung des deutschen Kaisers in Frankfurt zu Gast war, ermunterte ihn der Fürst, sich im damals beliebten Kartenspiel "Pharao" zu versuchen. In Folge nahm Angelo seinem Gegner in der ersten Runde vor versammelter Prominenz 20.000 Gulden ab (zum Vergleich: Mozart verdiente zu der Zeit als kaiserlicher Hofmusiker 600 Gulden im Jahr). Der Gegner forderte Revanche, Soliman willigte ein und knöpfte ihm gleich nochmal 24.000 Gulden ab. Als sein Gegner noch eine Revanche forderte, fädelte Soliman das Spiel so ein, dass der gekränkte Gegner die letzten 24.000 Gulden wieder zurückgewann und am Ende alle halbwegs glücklich (und ziemlich reich) waren.

Angelo Solimans Hochzeit als Befreiung

Ja, wir wissen, das klingt wie eine Wirtshausgeschichte, die sich betrunkene Menschen im 18. Jahrhundert am Stammtisch erzählt haben, aber im Gegensatz zu den meisten derartigen Anekdoten gilt diese historisch mehr oder weniger als gesichert: Unter anderem, weil Angelo sich kurz darauf ein eigenes Haus in Wien kaufte, das er sich ohne das Glücksspiel-Geld nie hätte leisten können.

"Soliman hat sich immer wieder Sachen getraut, die seine Rolle als Diener überschritten haben und ist damit auch mehrmals ein Risiko eingegangen", erzählt Walter Sauer. So gibt es etwa einen Brief, in dem Soliman an einen der obersten Feldherren aus Maria Theresias Umfeld, Generalfeldzeugmeister Franz Moritz von Lacy, schrieb und darin versuchte, für einen guten Freund einen Posten zu ergattern. "Das ist absolut ungehörig für einen, der als Sklave gekommen ist und als Dienstbote arbeitet. Und das aller Erstaunlichste ist eigentlich, dass dieser hohe Militär ihm auch noch zurückschreibt. Er ist offensichtlich doch irgendwie ernst genommen worden."

Den ganz großen Coup landete Angelo aber mit einer anderen Aktion: Er heiratet. Das ist deswegen so eine große Sache, weil Fürst Liechtenstein seiner Dienerschaft genau das explizit verboten hat, da er für die Familien der Diener hätte aufkommen müssen. Als der Fürst von der Ehe mit Magdalena Christiano erfuhr, entließ er seinen Diener deshalb umgehend aus seinem Dienst – Soliman war nun also ein freier Mann.

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"Es gibt hier einen fundamentalen Unterschied zur heutigen Zeit: Die damalige österreichische Gesellschaft war extrem religiös. Und weil es eben eine katholische Ehe ist, kann sie nicht einmal Fürst Liechtenstein auflösen", erklärt Walter Sauer dazu. "Man hätte damals genau so gut sagen können, dass das eine Scheinehe ist, wie das heute oft vom Staat gemacht wird, wenn Migranten heiraten – denn Soliman wollte sich durch die Ehe offensichtlich auch aus seinem Dienstboten-Dasein emanzipieren." Das machte man aber nicht. "Heute kannst du drei Mal sagen, 'Ich bin katholisch verheiratet' – die Behörde wird trotzdem sagen: Sie sind illegal hier, wir finden, Sie haben eine Scheinehe, auf Wiederschauen. Ohne die Vergangenheit glorifizieren zu wollen, aber in dieser Hinsicht ist es heute eigentlich fast strikter als es damals war."

In adeligem Umfeld blieb Soliman aber auch am Ende seines Lebens: Einige Jahre nach der Heirat wurde er vom neuen Fürsten als Prinzenerzieher wieder eingestellt. Und so starb Angelo Soliman 1796 nicht direkt als Sklave, sondern als mehr oder weniger freier Bürger und Vater einer Tochter, Josephine.

Die Präparation des Leichnams und die Debatte über Ethik in der Wissenschaft

Der wirklich bizarre und verstörende Teil von Angelos Geschichte sollte trotzdem erst mit den Ereignissen um seinen Tod folgen. Denn schon eine Woche, bevor Angelo an den Folgen eines Schlaganfalls starb, beantragte der Direktor des kaiserlichen Naturalienkabinetts, Simon Eberle, die "Überlassung der Leiche des verstorbenen Mohren Soliman" – und bekommt sie zugesprochen.

Letztendlich wurde Solimans Leichnam vom Bruder des Museumsdirektors die Haut vom Leib abgezogen. So kam es, dass ein vermeintlich respektierter und anerkannter Mann ausgestopft im kaiserlichen Naturalienkabinett landete. Als halbnackter Wilder dargestellt, stehend, mit Federn und Muschelkette verziert vor einer Afrika-Kulisse – in dem Trakt der Hofburg, in dem heute die Nationalbibliothek angesiedelt ist.

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Viele nehmen heute an, dass Solimans Ausstopfung auf den Kaiser höchstpersönlich zurückgeht. Eine Theorie, die laut Walter Sauer durchaus wahr sein könnte: Das Honorar, das Eberle für die Ausstopfung bekommen hat, wurde jedenfalls vom Kaiser persönlich bewilligt. "Der Kaiser war also zumindest nicht dagegen." Umstritten war Solimans Ausstopfung auch damals schon: Es kam ein Streit darüber auf, was die Wissenschaft ethisch darf und was nicht. "Diese Frage hat mit dem Fall Soliman bei uns begonnen", meint Sauer.

Rassismus und Kolonialismus als Ausdruck der Naturwissenschaft

Das 18. Jahrhundert war aber letztendlich auch die Zeit, in der die Philosophen der Aufklärung wie Immanuel Kant den Rassismus als vermeintlichen Teil der Naturwissenschaft in den Köpfen der Menschen so richtig etablierten. "Die Naturwissenschaft hat sich dieser Zeit zur Ersatzreligion entwickelt", erklärt Sauer. "Diese Rassentheorien – woher kommt der Mensch, die Evolution und die Afrikaner als vermeintliches 'Missing-Link' zwischen Tier und Mensch – all diese Dinge kamen damals auf." Im Namen der Wissenschaft war nun alles erlaubt: "In Deutschland, den Niederlanden, überall begann man Schädel zu sammeln, Menschen zu mumifizieren und zu vermessen. Für die Europäer von damals das Modernste, was man machen konnte. Da konnte der Kardinal noch so oft sagen: 'Das ist ein christlicher Getaufter!' Das war dieser Naturwissenschaft vollkommen egal."

Der Journalist, Historiker und Kurator der Soliman-Ausstellung im Wien Museum, Philipp Blom, erklärte in einem Interview, dass er in Solimans Ausstopfung sehr wohl einen dezidiert rassistischen und kolonialistischen Akt sieht. "Das ist mehr als nur wissenschaftliche Neugier, und das macht diesen Akt auch so monströs. Das ist ja auch posthume Beleidigung."

"Die österreichische Lüge von der unbescholtenen Vergangenheit"

Die Theorie, dass Soliman, der als Freimaurer selbst großer Anhänger der Aufklärung war, selber das OK für seine Ausstopfung gegeben haben soll, hält Walter Sauer übrigens für, Zitat, "Humbug". Dagegen spricht auch, dass Solimans Tochter Josephine jahrelang verzweifelt dafür kämpfte, dass ihr ausgestopfter Vater aus dem Museum entfernt wird – vergebens. 1806 wurde das Präparat immerhin in das Museumsdepot übersiedelt. Erst als das Naturalienkabinett 1848 im Zuge der Revolution angezündet wird, fallen Angelos ausgestopfte Überreste den Flammen zum Opfer. Angelo Solimans Geschichte ist der vielleicht anschaulichste Beweis dafür, dass Österreich auch ohne Kolonien eine koloniale Vergangenheit hat, der sich heute kaum jemand so wirklich bewusst scheint.

Und es gibt noch viele weniger gut dokumentierte Schicksale wie seines, meint Walter Sauer am Ende des Telefonats. "Es ist diese österreichische Lüge von der unbescholtenen Vergangenheit, die meiner Meinung nach entkräftet gehört. Und dann könnte man auch ein paar Probleme in der Gegenwart besser angehen. Denn es war weder die Vergangenheit super, noch ist die Gegenwart super." Folgt VICE auf Facebook, Instagram und Twitter.