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"Ohne Rap wär ich auf die falsche Bahn geraten" – Jamal im Interview

Der 19-jährige Jamal ließ für die Musik eine Karriere als Fußball-Profi sausen und erhält dafür den Titel als Hoffnungsträger des Schweizer Raps.

von Julian Riegel
19 November 2018, 3:13pm

Alle Fotos: Flavio Leone

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der Zürcher Redaktion.

Wer im Schweizer Rap-Game Mike Shiva spielt und Jamal eine große Zukunft vorhersagt, ist nicht allein. Seit seinem überraschenden Debüt am diesjährigen SRF Virus Bounce Cypher wartet die Szene gespannt auf den Durchbruch des 19-jährigen Winterthurers – durch die Decke direkt in den Rap-Himmel.

Jamal scheint aber keinen Druck zu spüren. Als wir ihn im Studio seines Labels No Basic treffen, wirkt mir der Newcomer völlig entspannt. Seine bescheidene, reflektierte und fokussierte Art läßt ihn älter rüberkommen als 19. Drei Punkte betont er im Gespräch immer wieder: Er arbeite an einer langfristigen Karriere, er wolle alles dafür tun, von der Musik zu leben, und er gehe jetzt seinen Weg – wo auch immer der hinführt.

Den Anfang dieses Wegs hat die Schweizer Rapszene im Februar am Cypher eindrücklich miterlebt. Ohne Release, ohne dass jemand ihn auf dem Zettel gehabt hätte, steppt er in die Booth des größten Rap-Events des Jahres und behauptet in der ersten Line: "Mini Chaia lütet ah, sie hät ghört, dass ich das Land übernimm."

Gar nicht mal so übertrieben, wie sich danach herausstellt: Jamals Part zählt nach kurzer Zeit neben denen von Szenegrößen wie Buta und Onkel Ari, Knackeboul und den Berner All-Stars zu den meistgeschauten auf YouTube. "Die anderen haben mir immer gesagt, dass mein Cypher-Part Aufmerksamkeit generieren wird. Ich war da aber skeptisch", sagt Jamal. Er habe während des Cyphers vor allem versucht, sich keine Gedanken darüber zu machen, wie er ankommt. Hauptsache: nicht verkacken.

"Ich habe mich dann so schnell wie möglich verkrochen. Erst mal raus und zur Ruhe kommen", beschreibt er die ersten Minuten, nachdem er seine Bars gespittet hatte. Diese bedachte Art beweist er auch bei seiner Karriere. Statt den Hype auszuschlachten, zog sich Jamal erst mal zurück.

"Jamal hat alles, was man braucht: Ausstrahlung, Attitude, musikalisches Talent."

Jamals Weg zum Cypher unterstreicht ebenfalls seine geduldige Herangehensweise. "Mit 14, 15 Jahren war ich an einen Punkt, an dem ich wusste, ich kann etwas", sagt er. Es habe aber noch mal zwei Jahre gebraucht, bis er an die Öffentlichkeit wollte. "Ich hatte nie das Gefühl, es sei der richtige Moment."

Don Fuego, den Jamal über seinen Bruder kennenlernte, sei dabei ein wichtiger Mentor gewesen. Jahrelang schickte Jamal seinem heutigen Label-Kollegen Demo-Songs. "Er meinte, ich solle mit 17 Jahren auf ihn zukommen. Dann sei ich an einem guten Punkt." Kurz nach seinem Geburtstag stand Jamal auf Fuegos Matte. "Er war sofort überzeugt und meinte, ich sei so weit."

Drei Monate vor dem Cypher nahm Don Fuego ihn schließlich mit ins Studio von No Basic. Dort habe er zum ersten Mal richtige Bestätigung bekommen, erklärt Jamal. "Vom Game, von Leuten, die ich bewundere. Vorher waren es meine Freunde, die mir immer gesagt haben, dass ich was kann."

Jamal Noisey

Mimiks war damals auch im Studio, um Jamals Premiere im kleinen Kreis zu beobachten. "Bei Jamal habe ich mich in mega vielen Punkten selber wiedererkannt", sagt Mimiks gegenüber Noisey. Als Teenager habe er auch irgendwelchen Leuten seine Parts vorgerappt und gehofft, dass die das gut finden. Und Jamal hat den Luzerner Rapper überzeugt: "Er hat alles, was man braucht: Ausstrahlung, Attitude, musikalisches Talent. Ich denke, Jamal kann eine gewisse Lücke füllen, die es im Moment in seiner Generation gibt. Er ist einer der Wenigen, die krass spitten."

Dass Jamal technisch sehr weit ist, kommt nicht von irgendwoher. "Viele unterschätzen, dass ich schon sieben Jahre rappe. Das gibt man keinem 19-Jährigen", sagt er. Gleichzeitig sei ihm bewusst, dass er noch viel zu lernen habe. "Bei allem, was ich mache, rede ich mir ein: 'Du weißt, du kannst mehr. Ruh dich nicht darauf aus.'" Der Cypher sei ein erster Schritt gewesen, aber jetzt müsse es weitergehen.


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So schloss sich Jamal nach dem Auftritt erst mal für drei Monate im Studio ein. "Nach der Cypher hat meine intensivste musikalische und menschliche Entwicklung stattgefunden. Darum habe ich mir so lange Zeit gelassen, um neue Musik zu bringen", sagt Jamal.

Er habe lernen wollen, sich selbst zu hören, sich aufzunehmen und Song-Skizzen anzufertigen. "Ich erfand mich in der Zeit neu und lernte mich als Musiker kennen", sagt er. Die meisten Künstler, die er bewundere, seien nie pure Rapper gewesen, sondern auch gesanglich und melodisch stark.

"Fußball war eine Ablenkung, Musik eine Auseinandersetzung."

Die Debüt-Single "UTW" war das erste Resultat aus dieser Neuerfindung. In dem Track geht es darum, dass Jamal für seine Rap-Karriere alles hinschmeisst: Ausbildung, Liebe, und sogar eine Fußball-Karriere. Ein Weg, den die einen als mutig, die anderen als verrückt bezeichnen würden.

Jamal spielte zuletzt in der Jugend des FC Zürich, hat die Sportschule besucht und mit Nebenjobs etwas Geld angespart. "Fußball und Musik waren meine zwei Leidenschaften", erklärt er. "Irgendwann wurde mir aber klar, dass Fußball mich langfristig nicht glücklich machen wird – selbst wenn ich als Profi erfolgreich geworden wäre."

Musik sei für ihn ein Heilmittel, das ihm durchs Leben helfe. "Hätte ich das nicht gehabt, wär ich wahrscheinlich auf die falsche Bahn geraten. Fußball war eine Ablenkung, Musik eine Auseinandersetzung." Mit dem Tod eines Freundes oder dem Ende einer Beziehung etwa. Egal was ihn beschäftigte, er habe sich immer hingesetzt und darüber geschrieben.

Jamal glaubt fest daran, dass er irgendwann von der Musik leben kann. Kurzfristig wäre er aber schon zufrieden, wenn er nur 2.000 Franken im Monat mit Releases und Auftritten verdienen würde. "Ich bin ein sehr sparsamer Mensch", behauptet er. Gleichzeitig kann er im Moment noch auf die Unterstützung seiner Eltern setzen.

Es wirkt nicht so, als gehe der 19-Jährige diesen Weg aus jugendlichem Übermut – er scheint sich viele Gedanken gemacht zu haben. Auch auf die Frage, ob ihm eine Ausbildung nicht wichtig sei, hat er eine reflektierte Antwort: "Ich will mich jetzt nicht drei Jahre mit einer Lehre binden lassen. Ich finde, entweder musst du sie zu 100 Prozent machen oder es lassen. Ich weiß, dass das für mich gerade nicht geht, und dann stehe ich am Ende wieder ohne Abschluss da."

Die nächsten drei Jahre sieht Jamal als seine "goldenen Jahre". Er wolle jetzt alles rausholen – aber in einem nachhaltigen Tempo. "Ich glaube, es haben sich zu wenige getraut, das so durchzuziehen. Vielleicht ging es deshalb für viele so lange, bis sie von der Musik leben konnten", sagt Jamal. Er wolle nicht erst in zehn Jahren an dem Punkt sein. "Wenn das nicht klappt und ich keine andere Wahl habe, kann ich immer noch das machen, was ich muss."

Das hat Jamal jedoch nicht allein in der Hand. Mundartrap ist noch lange nicht im Mainstream angekommen – und erfolgreiche Rapper wie Lo & Leduc, Manillio oder Bligg haben einen kommerziellen Pfad eingeschlagen, um von ihrer Musik zu leben. "Ich glaube aber daran, dass sich Mundartrap auch im Mainstream durchsetzt, wenn wir alle dranbleiben und 120 Prozent reingeben", sagt der Winterthurer.

"Ich hatte mein ganzes Leben lang das Gefühl, ich müsse mich wegen meiner Hautfarbe beweisen"

Mit "wir" meint Jamal die neue Generation im Schweizer Mundartrap, die wie er vom internationalen Sound geprägt wurde und von Secondos und jungen Menschen mit Migrationshintergrund angeführt wird. "Leute mit einem Migrationshintergrund haben andere und vielleicht intensivere Erfahrungen im Leben gesammelt und können das vielleicht deshalb auch besser rüberbringen", sagt Jamal.

Er selbst habe auch Erfahrungen mit Rassismus und Fremdenhass gemacht. Sein Vater stammt aus Ghana, seine Mutter aus der Schweiz. "Ich hatte mein ganzes Leben lang das Gefühl, ich müsse mich wegen meiner Hautfarbe beweisen", sagt er. Immer wieder habe es ihn nur in Schwierigkeiten gebracht, wenn er sich wehrte. "Das hat mich dazu gebracht, einen Schutz um mich herum zu bilden – eine gewisse Ignoranz dem Rassismus gegenüber."

Jamal No Basic Cypher

In Jamals Situation wäre es durchaus verständlich gewesen, wenn er Hass auf Rassisten und die Schweiz entwickelt hätte. Stattdessen sucht er seinen eigenen Weg, um mit diesem Konflikt umzugehen. Diese reflektierte Auseinandersetzung kommt auch in seinen Tracks deutlich zum Tragen.

"Wer meine Musik versteht, wird auch aus Turn-up-Tracks etwas Poetisches raushören. Mein Ding ist auf alle Fälle Tiefgründigkeit", sagt der Newcomer. Seine Texte seien kritische Auseinandersetzungen mit sich und seinem Umfeld. "Es gab auch eine Zeit, in der ich kopflosere Texte geschrieben habe, weil ich mich weniger mit meinen Problemen auseinandersetzte", sagt er. Heute habe er aber seinen Stil gefunden.

Müssten wir wie Mike Shiva Tarotkarten für Jamal legen, würde das Schicksal wohl dafür sorgen, dass wir den "Wagen" und den "Herrscher" aus dem Kartenstapel ziehen: Das erste Motiv steht für Leidenschaft und Risikobereitschaft, das zweite für Zielstrebigkeit und Klarheit – Eigenschaften, die Jamal schon jetzt, am Anfang seiner Karriere, deutlich bewiesen hat.

Fehlt nur noch die Karte des Schicksalsrads, die für Glück steht. Denn ein wenig Glück gehört eben dazu, mit seinem Stil, seiner Art und seinem Sound einen Nerv zu treffen. Aber das Glück kann man ja herausfordern.

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