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Zero Waste

Eine Köchin erklärt, wie eure Reste auf dem Teller und nicht in der Tonne landen

Sophia Hoffmann kocht für uns mit einer Berliner Vierer-WG – denn wer hat zu Hause mehr gammeliges Essen rumstehen?

von Yannah Alfering
18 März 2019, 11:57am

Alle Fotos: Yasmin Nickel

Auf dem Foto über dem WG-Küchentisch sieht Gérard Depardieu aus, als hätte er gerade die zehnte Flasche Baltika geleert. "Das ist unser WG-Patron", erklärt Sandra. Depardieu schaut herunter auf zwei Kochtöpfe mit Reis, einer einen Tag alt, der andere zwei. Alles Reste von Sandras Mitbewohner.

Auf dem Kühlschrank steht eine Cornflakes Packung aus Metall, darin hatte sich Max immer sein Müsli gemischt. Als er vor drei Monaten ausgezog, hat er sie vergessen. Seitdem verstaubt die Dose unangerührt zwischen Eierkartons, ausgespülten Smoothie-Flaschen und einem Nutellaglas.

In der Vierer-WG in Berlin-Neukölln wohnt Sandra (33) mit Esther (31) und zwei weiteren Mitbewohnern. Wenn sie Essen wegwerfen, liege das oft daran, dass sie nicht wüssten, was sie mit den Resten noch machen könnten oder wie lange das Lebensmittel noch essbar ist. Die beiden hätten zwar keine Angst vor überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdaten, allerdings auch nicht davor, sich ein Falafel-Sandwich zu holen, während die labbrigen Möhren im Kühlschrank noch labbriger werden.

VICE hat deswegen Sophia Hoffmann in ihre WG eingeladen. Die 38-Jährige hat gerade ihr Buch Zero Waste Küche rausgebracht. Laut WWF werden in Deutschland jährlich über 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeschmissen, 40 Prozent davon in Privathaushalten. Mit ihrem Kochbuch will Sophia helfen, dass mehr von dem Essen auf dem Teller landet und nicht in der Tonne.

Sophia Hoffmanns Buch
In ihrem Buch gibt Sophia Tipps, um weniger Essen wegzuwerfen

Als Sophia sieben Jahre alt war, mistete sie gemeinsam mit ihrer Mutter die Vorratskammer ihrer Uroma aus. Dort fanden sie Puddingpulver aus den Sechzigern. Statt es wegzuwerfen, habe ihre Mutter ihr damals erklärt, dass Puddingpulver aus Stärkemehl und Kakaopulver besteht – und die eigentlich nicht schlecht werden können. "Dann haben wir halt zwanzig Jahre alten Pudding gegessen", sagt Sophia lachend. Und der habe sogar geschmeckt! In diesem Moment habe sie verstanden, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nichts über die Genießbarkeit eines Lebensmittels aussagt.

Gewürze und eine Kartoffel
"Gewürze verlieren höchstens mit der Zeit den Geschmack", sagt Sophia

In den nächsten Stunden werden Sandra und Esther gemeinsam mit Sophia ihre Küche nach Resten durchforsten, untersuchen, ob sie noch essbar sind und daraus eine Mahlzeit kochen. Und dabei bestenfalls auch lernen, wie sie es schaffen, demnächst weniger Lebensmittel zu verschwenden.


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Sophia hat angekündigt "knallhart nur mit dem zu kochen, was da ist", daher macht sie als erstes eine Bestandsaufnahme. Sie sucht vor allem nach Dingen, die schnell gegessen werden sollten, und findet: eine letzte Scheibe Vegi-Wurst mit angetrockneten Rand, ein Rest Feta, eine keimende Kartoffel, vier weiche Kartoffeln, angemachter Salat vom Mittagessen, fünf labbrige Möhren, zwei kleine Chicoree, die an manchen Stellen schon braun werden, vier dötschige Tomaten, Knoblauch und Gewürze.

Sophia findet: eine letzte Scheibe Vegi-Wurst mit angetrockneten Rand, ein Rest Feta, eine keimende Kartoffel, vier weiche Kartoffeln, angemachter Salat vom Mittagessen, fünf labbrige Möhren, zwei kleine Chicoree, die an manchen Stellen schon braun werden, vier dötschige Tomaten, Knoblauch und Gewürze.

"Was ist mit dem offenen Mais hier?", fragt sie. "Der ist noch von Max", antwortet Esther. Genau wie das angebrochene Glas Bohnen. Wir erinnern uns: Max wohnt seit drei Monaten nicht mehr in der WG. Dringend weg muss auch der Reis, den ihre Mitbewohner netterweise dagelassen haben. Beide Töpfe sind ungekühlt und auf den ersten Blick möchte man sich den Rest in etwa so gerne in den Mund stecken wie Opa Bernds großen Zeh, kurz bevor die Fußpflege kommt. Da man gekochten Reis wirklich kühl lagern sollte, äußert auch Sophia berechtigte Zweifel, ob der noch verwertbar sei. Aber YOLO: Daraus werden jetzt Reisbällchen.

Petersilie und Möhren
"Die Möhren sehen ein bisschen aus wie Sextoys. Das ist keine EU-Standard Ware", freut sich Sophia

"Die Triebe von der Kartoffel schneiden wir einfach großzügig ab", sagt Sophia. Genauso wie den angetrockneten Rand der Vegi-Wurst. "Bei echter Wurst würde ich das nicht unbedingt machen, aber die ist ja pflanzlich", sagt sie. Sophia erklärt auch, dass ein Lebensmittel nicht unbedingt schlecht ist, nur weil es an einer Stelle braun, weich oder trocken wird. Den Teil könne man problemlos wegschneiden oder mitessen. Außer es handle sich um Schimmel oder Fäule. Bei Zwiebeln und Knoblauch seien die Triebe sogar das Gesündeste, da dort die geballten Nährstoffe sitzen

Die Köchin riecht lieber am Essen, als auf das Mindesthaltbarkeitsdatum zu gucken. Und selbst wenn etwas vergoren riecht, sei das nicht gleich gesundheitsschädigend.

Außerdem gelte beim Kochen die Faustregel, auf das eigene Bauchgefühl zu vertrauen. Deswegen riecht die Köchin lieber am Essen, als auf das Mindesthaltbarkeitsdatum zu gucken. Selbst wenn etwas vergoren riecht, sei das nicht gleich gesundheitsschädigend. Im Zweifelsfall probiert sie. "Zero Waste muss trotzdem schmecken", sagt sie. Was nicht mehr lecker ist, landet in der Tonne – so wie der Mais und die Bohnen. Der Rest darf später verspeist werden.

Esther und Sophia
Shout-out an Max für den Mais! Der hat Esther besonders gut geschmeckt

Aus einem Teil der Zutaten möchte Sophia heute Reisbällchen kochen. "Da kann man einfach alles an Geschmackszutaten reinhauen, was man noch da hat", sagt sie. Dazu macht sie Kartoffelpüree, Möhren- und Tomaten aus dem Ofen und den mit Chicorée verlängerten Salat vom Mittagessen.

Es sei wichtig, Lebensmittel rechtzeitig zu verarbeiten, um ihnen so eine längere Haltbarkeit zu geben, sagt Sophia. Eine angebratene Tomate lebt noch mal drei Tage länger als eine labbrigere.

"Aus den Kartoffelschalen machen wir gleich Chips", erklärt Sophia. Für die meisten Menschen bedeutet Wertschätzung gegenüber ihren Möhren- und Kartoffelschalen vermutlich, dass sie im Bio- statt im Plastikmüll landen. Für Sophia ist die Schale, wenn sie Bio ist, ein eigener Snack: "Die Möhrenschalen können wir picklen."

Das bedeutet, dass sie in Salzlake eingelegt werden. Anschließend können die Möhrenschalen als Beilage gegessen oder aufs Brot gelegt werden. Außerdem wird fermentiertes oder eingelegtes Gemüse sehr, sehr lange nicht schlecht. Lifehack, quasi. Überhaupt sei es wichtig, Lebensmittel rechtzeitig zu verarbeiten, um ihnen so eine längere Haltbarkeit zu geben. Eine angebratene Tomate lebt noch mal drei Tage länger als eine labbrigere.

Reisbällchen mit Ofengemüse
Das war mal der unappetitliche Reis vom Küchentisch

Um den Menschen ein besseres Gespür dafür zu geben, wie sich vermeintlich schlechte Lebensmittel noch verarbeiten lassen, setzt sich die Köchin in ihrem Buch intensiv mit den verschiedenen Reifegraden von Produkten auseinander. "Die Werbewirtschaft erzählt einem immer, dass es so super gefährlich sei, abgelaufene Lebensmittel zu essen. Dabei merkst du eigentlich, ob Essen schlecht ist", sagt sie.

Tatsächlich zeigt das Mindesthaltbarkeitsdatum nur, wie lange ein Produkt auf jeden Fall gut ist und die aktuelle Konsistenz und Optik beibehält. Eine Art Absicherung für den Hersteller. Aber selbst vermeintlich abgelaufene Lebensmittel könne man noch benutzen. "Saure Milch schmeckt zwar nicht mehr gut, kann aber noch wunderbar zum Backen verwendet werden", sagt sie. "Die meisten Menschen schütten sie jedoch gleich weg."

Sophia: "Die Werbewirtschaft erzählt einem immer, dass es so super gefährlich sei, abgelaufene Lebensmittel zu essen. Dabei merkst du eigentlich, ob Essen schlecht ist."

Ihrer Meinung nach seien gut produzierte Lebensmittel immer noch viel zu billig. Die meisten Menschen hätten jegliche Wertschätzung verloren. "Dass so viel Essen weggeworfen wird, ist ein Luxusproblem", sagt sie.

Während Sophia erzählt, rollen Esther und Sandra die Reisbällchen – auf die Idee wären sie alleine eher nicht gekommen. "Viele Menschen wissen nicht, wie sie in der Küche improvisieren können", erzählt Sophia. Das falle ihr immer wieder auf, wenn sie spontane Gerichte auf Instagram poste. "Ich wurde total oft nach dem Rezept gefragt." In ihrem Buch gibt es deshalb nur Rezepte, die in ihren Zutaten variabel sind und aus dem angerichtet werden sollen, was ohnehin vorhanden ist. Die Bällchen hätte die WG genauso gut aus Hirse oder Linsen statt Reis machen können.

Sandra und Kartoffelschalen-Chips
Sandra traut sich als erste an das fertige Menü

Als die Reisbällchen fertig gerollt sind, werden sie in der Pfanne von beiden Seiten goldbraun angebraten. "Super lecker", sagt Esther, während sie sich eins in den Mund schiebt. Sandra nickt. "Es ist schon geil nach Hause zu kommen und was Opulentes zu kochen, obwohl man das Gefühl hatte, nichts da zu haben", findet Sophia, während die drei vor ihren Tellern sitzen. Für sie sei Restekochen mittlerweile zu einer kleinen Challenge geworden.

Und tatsächlich: Esther und Sandra haben am Ende des Abends nicht nur ein leckeres Abendessen statt einer vollen Biotonne, sondern auch gelernt, wie sie ihr Essen in Zukunft besser verarbeiten können. "Ich wusste zum Beispiel nicht, dass man die Triebe bei Knoblauch und Zwiebeln mitessen kann. Man schmeißt echt viel zu viel weg", sagt Esther. Außerdem habe sie durch das gemeinsame Kochen wieder mehr Bock bekommen, neue Sachen auszuprobieren. Nur drei Monate alten Mais schmeißt sie das nächste Mal vielleicht direkt weg, ohne ihn zu testen.

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