Alle Fotos von Johan Pehrson

Muhammad war Kinder-Sexsklave, doch jetzt droht die Abschiebung

Mit 15 flüchtete Muhammad aus Pakistan, wo sich Männer an dem Kind vergangen haben. In Schweden begann der Kampf um Asyl und Anerkennung. Muhammad droht ihn zu verlieren.

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12 Februar 2019, 1:37pm

Alle Fotos von Johan Pehrson

Von einer Millionenstadt in ein Zweitausend-Seelen-Dorf, von der Kinderprostitution aufs Gymnasium: So sieht die Flucht aus, die Muhammad allein überstanden hat.

Muhammad Muhammedi, 19, ist aus der pakistanischen Großstadt Quetta nahe der afghanischen Grenze geflüchtet, in den Ort Vansbro in der schwedischen Region Dalarna. Dort gibt es idyllische Gletscherseen, Bergbau und den Wasalauf, eines der wichtigsten Skirennen der Welt. Und die Freiheit, nach der Muhammad sich damals in Pakistan, in der Prostitution sehnte.

Geflohen ist Muhammad vor "Bacha bazi". So heißt der Brauch, bei dem erwachsene Männer in Afghanistan und Pakistan Jungen versklaven, um sie sexuell und anderweitig auszubeuten. Diese Form der Pädophilie hat in Zentralasien tiefe historische Wurzeln, Jungen-Sklaven gelten den Tätern als Statussymbol. Bacha bazi bedeutet auf Dari "Jungenspiel".


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"Man spricht kaum darüber, aber alle kennen es", erklärt Muhammad. "Sie holen Jungen von der Straße, die obdachlos und verzweifelt sind. Sie geben ihnen Essen, aber dafür sehen sie die Jungen als Besitz."

In Pakistan leben Mädchen und Frauen allgemein abgeschirmt vom Rest der Gesellschaft, daher würden erwachsene Männer ihre Macht- und Sexgelüste an Jungen befriedigen, erklärt Muhammad. "Mädchen dürfen nicht vor die Tür. Wenn ein Mann ein Mädchen vergewaltigt, hat das oft schwere Folgen." Deshalb werden Jungs als Mädchen verkleidet, sie werden als Stellvertreter für weibliche Opfer missbraucht, ohne dass die Täter mit Konsequenzen zu rechnen hätten.

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Muhammad erzählt, sein Vater habe das Kind aus dem Haus geworfen. Denn Muhammad will sich keinem Geschlecht zuordnen, auf Schwedisch sollen andere Muhammad mit dem geschlechtsneutralen Pronomen "hen" beschreiben. Der Vater habe sich einen Macho-Sohn gewünscht und versucht, eine Heirat zu organisieren. Muhammad habe sich geweigert. Am Ende habe der Vater die Geduld verloren und den Sohn auf die Straße gesetzt. "Er warf nicht nur mich raus, sondern auch den Rest der Familie. Weil er Macht über uns wollte, aber wir haben ihm nicht gehorcht."

Der Vater habe seinen Sohn "als Sklaven" gesehen und ihn häufig geschlagen, so Muhammad. "Ich wollte frei sein. Ich sehe mich weder als Macho-Mann noch als Frau, sondern als Mensch. Ich will ein Individuum sein und mir selbst aussuchen, wie ich bin."

Mit 15 war Muhammad Straßenkind in Habib Nala, einem Obdachlosen- und Drogenviertel in Quetta. Dort rekrutierten sie Menschen wie Muhammad für Bacha bazi: "Ich hatte keinen Job. Da kam ein Mann und sagte, er werde mich bei sich aufnehmen und versorgen." Muhammad und ein anderer Junge, Said, folgten dem Mann. "Man macht vieles mit, wenn es ums Überleben geht."

"Wenn du Nein sagst, stirbst du. Entweder du findest dich mit der Sklaverei ab, oder du flüchtest."

Der Mann führte die beiden zu einem Haus, in dem Jungen mit einer ähnlichen Vorgeschichte lebten. Es waren häufig mächtige Männer, die sie dort missbrauchten: Polizisten, Politiker, Geschäftsmänner, Kriegsherren. "Abends kamen sie zu Besuch und verlangten, dass wir uns als Mädchen anzogen, mit Schminke und so. Sie taten so viel Schlechtes, wie sie nur konnten." Muhammad bricht den Augenkontakt. "Und wir fügten uns."

Die Männer nahmen dieJungen mit auf Feste, um sie für die Gäste tanzen zu lassen. Und damit die Gäste sich an den Jungen vergreifen konnten: "Alles konnte dort passieren, von Vergewaltigungen über Belästigung bis hin zu jeder Form der Diskriminierung. Wenn du Nein sagst, stirbst du. Entweder du findest dich mit der Sklaverei ab, oder du flüchtest."

Eines Abends weigerte sich Muhammads Freund Said. "Er sagte Nein: 'Ich will kein Bacha mehr sein, ich will nicht mehr tun, was ihr sagt.' Am nächsten Tag fand ich Saids Leiche." Da habe sich Muhammad entschlossen zu fliehen.

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Mit Ersparnissen und geliehenem Geld gelang es Muhammad, Menschenschmuggler zu bezahlen. Es war das Ticket nach draußen, raus aus der Sklaverei – und aus den strengen Geschlechternormen.

Das Ende der beschwerlichen Flucht liegt im Ort Vansbro in Schweden. Hier kann Muhammad seine Offenheit und Neugier ausleben. Muhammad hat Schwedisch und ein wenig Spanisch gelernt und hegt inzwischen große Leidenschaft fürs Malen, Gitarrespielen und Lesen. Karl Marx, Gandhi und Buddha faszinieren Muhammad. "Mir gefällt ihre Einstellung: Wir sind alle gleichwertige Menschen, die miteinander auskommen müssen. Niemand ist besser oder schlechter."

Muhammad besucht aktuell ein Gymnasium. Die Lehrerin Cim ist eine Vertraute geworden, sie ist für Muhammad eine Ein-Frau-Pflegefamilie. Um das unbegleitete Flüchtlingskind versorgen zu können, verkaufte Cim sogar ihr Haus und zog mit ihm in ihre Ferienhütte, eine einfache kleine Stube mit Aussicht auf die schneebedeckten Berge rund um das Dorf Dala-Järna.

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Muhammad und Cim

Ganz allein sind sie dort aber nicht. Muhammad klopft an die Tür des Nachbarhauses. Als niemand antwortet, tritt Muhammad ein. "Oma, Opa, seid ihr zu Hause?" Die Nachbarn, ein älteres Paar, haben Muhammad quasi als ihr Enkelkind "adoptiert". Mindestens einmal täglich kommen sie zusammen, meist auf einen Kaffee.

"Opa ist ein richtiger Kaffeemensch, das hat auf mich abgefärbt. Kaffeetrinken mit Opa ist jetzt ein Teil meines Lebens", sagt Muhammad. Das Paar hat einen Hund, Muhammad füllt für ihn eine Schüssel mit Cerealien und Milch.

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"Oma", Muhammad und "Opa"
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Der Hund von Muhammads Pflege-Großeltern freut sich über die Aufmerksamkeit

Sport spielt eine wichtige Rolle. Muhammad hat sich Schwimmen beigebracht und macht sogar beim Vansbrosimningen mit, einem örtlichen Wettkampf im Langstreckenschwimmen. "Ich schwimme freitagabends sechs Kilometer – einfach, um zu vergessen. Es tut mir gut, wenn meine größte Sorge der Muskelkater ist."

Doch die Unruhe gewinnt immer wieder das Tauziehen um Muhammads Gedanken. Die schwedische Einwanderungsbehörde hat seinen Asylantrag zum dritten Mal abgelehnt, nun liegt der Abschiebebescheid vor. Sport wird zur Therapie: "Abends mache ich Yoga, damit ich nicht so viel nachdenken muss. Das viele Grübeln ist so anstrengend."

Muhammad ist seit drei Jahren in Schweden und hat in dieser Zeit viel kämpfen müssen: "Ich habe die Sprache gelernt, und überhaupt wie das ganze System funktioniert. Wie man hier Menschen kennenlernt, einfach alles." Und nun muss Muhammad darum kämpfen, in Schweden bleiben zu dürfen. "Ich versuche, mich in die Gesellschaft zu integrieren, mich anzupassen. Das ist nicht so einfach, wenn du erfährst, dass du ausgewiesen wirst."

An den Wochenenden fahren Muhammad und Cim auf Flohmärkte und suchen nach Schnäppchen. Muhammad zeigt die kleine Sonnenbrillen- und Schmucksammlung. Starre Geschlechterrollen finden sich in diesem Kleiderschrank nicht wieder. Ein schwarzer Stetson-Hut ist einer der jüngsten Flohmarktfunde.

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Muhammads kleine Schmucksammlung vom Flohmarkt

Die brutalen Übergriffe in der Vergangenheit will Muhammad in Schweden vergessen und sich stattdessen Gedanken über die Schule und Freunde machen wie andere junge Menschen. Doch die Gewalt, die Muhammad erlitten hat, wog schwer; letztendlich musste die Geschichte heraus.

Erst vertraute sich Muhammad der Lehrerin Cim an, dann einem Anwalt. Später entschied Muhammad, ein Buch über die grausamen Erfahrungen zu schreiben – nicht nur, um das Trauma zu verarbeiten, sondern auch, um in Schweden mehr Aufmerksamkeit auf den "Bacha Bazi"-Brauch zu lenken. Unter Menschen aus Afghanistan und Pakistan ist das Thema Tabu, es wird totgeschwiegen. Das erste Buch, Ska vi dansa? ("Wollen wir tanzen?"), ist im März 2018 erschienen – im schwedischen Original. Im Januar dieses Jahres erschien Muhammads zweites Werk: Jag står inte ut men jag slutar aldrig kämpa! ("Ich halte es nicht aus, aber ich höre nie auf zu kämpfen!").

Muhammad bewarb sich um Asyl, ohne die Menschenrechtsverletzung Bacha bazi als Grund anzugeben. Damals habe Muhammad nicht gewusst, dass diese Begründung einen großen Einfluss auf die Entscheidung der Behörden haben könnte. Nach der zweiten Ablehnung beschloss Muhammad, von der schrecklichen Erfahrung zu berichten. Die Einwanderungsbehörde hatte eine Anwaltskanzlei vermittelt, doch zusätzlich engagierte Muhammad eine Kanzlei, die auf Kinder spezialisiert ist, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind oder waren. Es half nichts: Die Einwanderungsbehörde schickte einen dritten Ablehnungsbescheid, es folgten die Abschiebung und das Flugticket. Doch der Flug sollte nicht nach Pakistan gehen, sondern nach Afghanistan.

"Sie wollen mich nach Afghanistan ausweisen, obwohl ich in dem Land noch nie war", sagt Muhammad. "Ich habe dort keine Adresse, kenne dort niemanden, habe dort keine Verwandten oder Freunde."

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Der Fall kam in der Öffentlichkeit an, Schwedinnen und Schweden solidarisierten sich mit Muhammad. Viele posteten unter dem Hashtag #StåUppFörMuhammad, "Steh auf für Muhammad". Doch die viele öffentliche Unterstützung hat eine Kehrseite: Auch in Pakistan und Afghanistan hat man inzwischen vom Fall gehört – von Muhammads Aussagen über die Übergriffe, von der geplanten Abschiebung. Nun würden in Pakistan und Afghanistan feindlich gesinnte Menschen auf Muhammad warten, glaubt er. Mord- und Vergewaltigungsdrohungen habe es bereits in Schweden gegeben. Vor einer Weile habe die Schwester angerufen und erzählt, es hätten Leute nach Muhammad gefragt.

"Wo ist Muhammad, wann kommt Muhammad, fragen sie meine Schwester", sagt Muhammad. "Sie wollen mich bestrafen, weil ich vor ihnen geflohen bin. Aber es gibt auch Menschen, die mich aus Ehrengründen bestrafen wollen. Das macht die Heimkehr gefährlich für mich."

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Obwohl die Abschiebung schon angeordnet ist, versucht Muhammad es mit einer letzten Berufung. Inzwischen ist Muhammad bekannt genug, um als Person des öffentlichen Lebens zu gelten. Vielleicht wird das die Einwanderungsbehörde dazu bewegen, die Gefahren neu zu bewerten.

Es ist minus 15 Grad, Muhammad aus Pakistan lässt den Blick über die schwedische Winterlandschaft schweifen, völlig ungerührt von der Kälte. Die Abschiebung könnte jederzeit angeordnet werden. Wie soll es dann noch weitergehen?

"Ich will in Frieden und Freiheit leben, wie alle anderen Menschen auch. Ich will nicht nur ans Überleben denken", sagt Muhammad, "nicht leben, um zu kämpfen. Ich will mein Leben schön gestalten.

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