Wie mich der Hass verändert, den ich als Frau im Internet erlebe

In Österreich wurde gerade eine Politikerin verurteilt, weil sie sich gegen sexistische Hetze gewehrt hat. Die Justiz macht so Opfer zu Täterinnen.

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Okt. 10 2018, 10:26am

Nachrichten, die die Autorin auf Social Media erhalten hat | Collage: VICE 

Am Dienstag fällte ein österreichisches Gericht ein Urteil, das für viele Frauen ein Schlag ins Gesicht ist. Auch mir geht der Schuldspruch der Ex-Grünen Politikerin Sigi Maurer nahe. In den letzten Wochen wurde ich in Sozialen Netzwerken hundertfach beleidigt und bedroht. Ich fühle mich im Stich gelassen. Denn die Message des aktuellen Urteils ist: Stehst du als Frau in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit, gehören Hassnachrichten zu deinem Alltag. Akzeptiere das. Punkt. Es ist ein Friendly Reminder an alle Frauen, dass sie bloß nicht auf die Idee kommen sollen, patriarchale Strukturen zu hinterfragen. Halt den Mund und lass die Beleidigungen und Bedrohungen über dich ergehen. Solltest du dich doch zur Wehr setzen, musst du damit rechnen, dass dich Gerichte dafür bestrafen.

Zur Vorgeschichte des Urteils: Die ehemalige Grünen-Politikerin Sigi Maurer veröffentlichte im Mai auf ihren Social-Media-Kanälen erniedrigende und obszöne Nachrichten, die ihr der Besitzer eines Wiener Bierladens geschrieben haben soll. Maurer hat nicht nur die Nachrichten, sondern auch die Identität des Ladeninhabers publik gemacht. Der Mann klagte sie daraufhin wegen übler Nachrede und Kreditschädigung an. Der Lokalbetreiber distanzierte sich von den Nachrichten und verwies darauf, "dass mehrere Leute den PC im Betrieb" nutzten. Heute hat sie das Wiener Straflandesgericht wegen übler Nachrede verurteilt. Das Opfer wurde zur Täterin.


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Ich selbst muss seit Wochen mit einer Lawine an Hassnachrichten umgehen, weil ich im Juli in der TV-Sendung Pro und Contra von Puls4 war und dort über sexuelle Belästigung gesprochen habe. Eigentlich reicht es vielen Hatern aber schon, dass ich mich als Frau mit Migrationshintergrund politisch äußere. Das Feedback unmittelbar nach der Sendung fiel harmlos aus. Aber seit der rechte YouTuber Oliver Flesch im September den TV-Beitrag auf seinem 30.000 Follower starken YouTube-Channel mit dem Titel "Maximilian Pütz zerlegt Frauenrechtlerin live im TV" veröffentlichte, erreichten mich Hunderte beleidigende und bedrohende Nachrichten.

Teil der Fernsehdiskussion waren zudem Aktivistin und Autorin Anne Wizorek, "Benimmpapst" Thomas Schäfer-Elmayer und der deutsche Pick-up-Artist Maximilian Pütz. Pick-up-Artists sind Männer, die anderen Männer erklären, wie sie Frauen am besten "aufreißen". Nachdem auch Pütz, der auf YouTube 12.000 Follower hat, den Beitrag teilte, nahmen die Nachrichten noch weiter zu.

Was der Hass mit mir macht

Spoiler: Viel. Zunächst wollte ich mir das nicht eingestehen. "Das musst du aushalten", sage ich zu mir selbst. "Lass die Trolle nicht an dich heran." Obwohl ich von den Strategien rechter Trolle weiß, übermannt mich der Hass. Ich fühle mich machtlos und erwische mich dabei, wie ich den Worten der Hater Glauben schenke. Die Hetze beeinflusst meinen Alltag, ich hinterfrage mein Verhalten. Sind meine Ansichten wirklich zu radikal? Ist der Mann in der Straßenbahn, der mich den ganzen Weg über komisch angestarrt hat, einer der Trolle, die mir wünschen, dass ich "von Asylanten vergewaltigt" werde? Manchmal verstecke ich mich in der Arbeit auf der Toilette, damit niemand mitbekommt, wie ich wegen der xten Hassnachricht weine.

Es trifft mich, wenn mich ein Facebook-User als "tittenlose, dreckige Schabracke" bezeichnet. Ich bekomme es mit der Angst zu tun, wenn ich auf Instagram Privatnachrichten erhalte, in denen mir User schreiben, dass sie wissen, wo ich wohne, und dass sie mich bald besuchen kommen. Und ich werde auch nicht gerne als "Fotze" und "Schande für alle Frauen" beschimpft.

115.000 Abrufe und 4.000 Kommentare: Das Video, das Flesch teilt, schlägt hohe Wellen. Schlussendlich wird es aufgrund der Verletzung von Urheberrechten von YouTube entfernt. Auf Pütz' Kanal zählt das Video über 1.000 Kommentare. Wie die ausfallen, kann man sich denken.

"Frauen sind Fickobjekte mit Löchern", schreibt einer – "Zoophile Traumalesbe", ein anderer

Um mich selbst zu schützen, deaktiviere ich die Twitter-Benachrichtigungen von Usern, denen ich nicht folge. Auf Instagram und Facebook gestaltet sich das Abstandnehmen schwieriger, weil ich Nachrichten ablehnen oder annehmen muss. Selbst in der Offline-Welt konfrontieren mich Fremde mit ihrer Meinung zur Sendung. Ein Mann bringt mich mit seiner unguten Art selbst in Berlin-Neukölln in eine unangenehme Lage. "Moment mal, dich habe ich doch in einem YouTube-Video gesehen", ruft er, als er mich an der Bar erkennt. Er nennt mich "Tante" und "geile Sau". Erst als ich ihn möglichst deeskalierend zurechtweise, er solle mich in Ruhe lassen, geht er auf Abstand.

Deeskalation hilft bei dem systematischen Hass, den ich online abbekomme, nur wenig. Dutzende Fake-Accounts kommentieren gleichzeitig einen Beitrag von mir auf Instagram, in dem ich über sexuelle Übergriffe schreibe. "Frauen sind Fickobjekte mit Löchern", schreibt einer. "Zoophile Traumalesbe", ein anderer. Die Zukunft sei verloren, sollte ich die Zukunft sein. Manche meinen, sie verstehen jetzt, "warum Männer schwul werden".

Nachrichten wie diese sind Alltag für Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und sich politisch äußern

Der Preis, den ich für meine Meinung bezahle, ist geballter, gnadenloser Hass. Ich habe oft darüber nachgedacht, alle Social-Media-Kanäle zu löschen. Aber von der Bildfläche zu verschwinden, würde all jene, die mich beschimpfen, zu Siegern machen.

Weltweit erleben unzählige Frauen, die ihre Meinung sagen, Ähnliches und noch Schlimmeres als die ehemalige Grünen-Politikerin Sigi Maurer oder ich. Die Psychologie-Professorin Christine Blasey Ford, die dem Richter Brett Kavanaugh versuchte Vergewaltigung vorwirft, wurde so stark bedroht, dass sie ihr Zuhause verlassen musste. Kavanaugh ist nun auf Lebenszeit einer der mächtigsten Männer der USA. All diese Geschichten zeigen dasselbe Problem. Und egal ob in Österreich, den USA oder jedem anderen Land, es wird sich nichts zum Positiven ändern, wenn Gesetze Frauen nicht besser schützen. Der Schuldspruch von Maurer ist deswegen ein Schlag ins Gesicht für jede Frau, die betroffen von Hass im Netz ist.

Sigi Maurer will sich wehren und Berufung einlegen. Was bleibt uns allen anderen in der Zwischenzeit zu tun? Humor hilft, aber Humor hilft nicht immer. Als mich ein User als Lockenkopf bezeichnet, muss ich doch lachen. Auch das Teilen mit anderen erleichtert die Lage. Ich fühle mich weniger allein. Aber immer dann, wenn ich Hassnachrichten anonymisiert veröffentliche, fragen mich Menschen, warum ich "Trolle schütze". Das Urteil von Maurer ist die Antwort darauf. Ich schütze nicht die Trolle, sondern mich selbst – weil es das österreichische Rechtssystem nicht tut.

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