Menschen

Wohnungsnot: Wie wir gegen Investoren um unser Haus gekämpft haben

Am Valentinstag kommt der Brief: Unser Haus wird verkauft. Also beschließen wir, uns zu wehren.

von Gabriel Silba
22 August 2019, 11:13am

Foto: Matthias Lip

Im Herbst 1945, als mein Nachbar Peter Kazimierski noch ein Baby ist, liegt das Hinterhaus in Trümmern. Fliegerbombentreffer, ein paar Monate vor seiner Geburt. Sein Vater baut es wieder auf, holt die Familie zu sich. Nachbarn kommen und gehen, Peter Kazimierski bleibt. Die letzte Straßenbahn rattert am 13. August 1961 vorbei. Dann zieht die DDR-Regierung ihre Mauer durch die Straße – bis auch sie wieder verschwindet. Kazimierski, heute 74 Jahre alt, weiße Haare, wacher Blick, lebt immer noch hier. Selbes Haus, selbe Wohnung. Berlin Neukölln, Elsenstraße 75. Drinnen er, draußen die Welt. Niemand interessiert sich für dieses Haus. Bis Anfang 2019 die Angst einzieht. Vor Investoren, Aufwertung, Verdrängung.

Die Eigentümerin will unser Haus verkaufen, erfahren wir. Wir wissen nicht, an wen, aber natürlich kennen wir die Geschichten aus Berlin und anderen deutschen Städten: Investoren kaufen Häuser, lassen sie luxuriös sanieren, erhöhen Mieten oder wandeln Mietwohnungen in Eigentum um. Die alten Bewohner werden rausgeekelt. Jetzt sind wir dran. Ein paar Mieter gegen reiche Spekulanten.


Auch bei VICE: Punks vs Billionaires: Wie sich die Berliner Kneipe Syndikat gegen einen Immobilienriesen wehrt


Rendite machen mit uns? Das wollen wir nicht, also kämpfen wir. Und weil es auf dem kaputten deutschen Wohnungsmarkt vielen Menschen genauso ergeht, möchte ich unsere Erfahrungen teilen. Meinen Namen habe ich geändert, weil ich aus beruflichen Gründen nicht will, dass alle Welt weiß, wo ich wohne. Aber diese Geschichte soll auch nicht von mir handeln, sondern von diesem Haus und den Menschen, die so viel dafür gegeben haben.

Erst kommen die Handwerker, dann Post vom Rathaus

Das erste Anzeichen für Veränderung sehen wir schon 2018. Das Haus wird gestrichen – nur die Straßenfassade. Der Hinterhof, in dem vier alte Bäume Schatten spenden, bleibt betonfarben und unscheinbar. Sieht ja keiner. Aber vorne, über hundert Jahre nach seiner Erbauung, putzt man den Altbau heraus. Für den Verkauf fehlt nur noch eine Schleife.

Am 14. Februar 2019, Valentinstag, klappern in allen Stockwerken die Briefkastendeckel. Kerstin, eine Nachbarin aus dem Erdgeschoss, erinnert sich, dass sie an diesem Tag einen schlanken Mann davongehen sieht. Aber er überbringt keine Liebesbriefe, sondern schlechte Neuigkeiten vom Bezirksamt Neukölln. Das Haus wird verkauft, steht in einer Mitteilung an alle 60 Wohnungen. "Vor allem für die alten Menschen war das schlimm", sagt Kerstin, 60, ein paar Monate später in ihrem Arbeitszimmer. Durch die offene Tür zu ihrem Garten hinterm Haus weht ein warmer Sommerwind. Gemütlich ist es, ihr Zuhause seit elf Jahren. "Wenn du die alten Leutchen da oben siehst", sagt sie und weist schräg zur Zimmerdecke, "die sind beide um die 90 und so gebrechlich, dass sie sich aus der Wohnung nicht mehr raustrauen. Die waren verzweifelt. Die haben zu mir gesagt: 'Ich weiß nicht, wie ich einen Umzug machen soll, wie soll das gehen?'"

Kristine
"Ich hatte immer das Gefühl, dass alles passieren kann", sagt Kerstin, die als eine der wenigen im Haus einen eigenen Garten besitzt | Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben: Max Merz

Uns ist klar: Wir müssen etwas tun. Im Brief des Bezirksamts steckt eine Einladung zur Bürgerversammlung. An die 30 Bewohnerinnen und Bewohner kommen, zwei sogar im Rollstuhl. Wir erfahren von einem Ausweg. Das Vorkaufsrecht.

Das Haus steht in einem Millieuschutzgebiet, erklärt der Neuköllner Stadtrat Jochen Biedermann. Dort gelten beim Verkauf besondere Regeln. Der Bezirk hat ein Vorkaufsrecht, kann es dem eigentlichen Käufer also noch wegschnappen, wenn er binnen acht Wochen einen anderen Käufer findet – meist eine städtische Wohnungsbaugesellschaft, manchmal eine soziale Wohnungsbaugenossenschaft. Auch für diese Drittkäufer gilt der meist hohe Preis aus dem Kaufvertrag. Das Geld muss der Finanzsenator bewilligen – und es ist knapp. Die Stadt kann nicht jedes Haus kaufen. Wir müssen also eine Frage beantworten: Warum braucht ausgerechnet unsere Hausgemeinschaft Hilfe? Mehr als alle anderen Häuser. Auch dort soll ja keiner ausziehen müssen. Es fühlt sich falsch an. Aber das ist nun unsere Lage: Wir konkurrieren gewissermaßen mit anderen Häusern, die ebenfalls gerettet werden wollen. Ab jetzt zählt jeder Tag.

Noch sieben Wochen.

Öffentlichkeit: Wir geben dem Haus Gesichter

Max ist einer von vielen Bewohner und Bewohnerinnen, die von Anfang an für die Elsenstraße gekämpft haben. "Eine der ersten Maßnahmen war, an die Öffentlichkeit zu gehen", sagt der 39-Jährige rückblickend. Stadtrat Biedermann habe beim ersten Treffen erzählt, dass jede Woche in Berlin ein, zwei Häuser dazukämen, die verkauft werden und Hausinitiativen bilden. "Du gehst unter, wenn du nicht auf dich aufmerksam machst", sagt Max heute. Also beginnen er und die anderen, sich für unser Haus einzusetzen.

Max
Max hat seine Wohnung in der Else selbst renoviert und half mit, den Widerstand gegen den Verkauf zu organisieren

Nach der Bürgerversammlung vernetzen sich einige Bewohner, gründen Arbeitsgruppen. Eine Bewohnerin designt ein Logo fürs Haus, die Else75, bald hängen Transparente an den Fassaden – "Vorkauf statt Ausverkauf", "Else75 bleibt!". Nach einer Woche sind die Aufgaben verteilt, nach zehn Tagen haben wir eine Website. Ein Schaufenster für die Else. Für die Geschichten ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.

Einer davon ist Dieter Daniel. 1984 zieht er mit seiner Frau Elsbeth in die Elsenstraße. Seit ihrem Tod vor fünf Jahren besucht er regelmäßig ihr Grab auf dem nahegelegenen St.-Jacobi-Friedhof, und isst zu Mittag oft beim Fleischer im Kunger Kiez um die Ecke. Sein Zuhause zu verlieren? Das wäre Chaos, sagte er: "Wo soll ich denn hin? Nach Marzahn, in die Klitsche? Hochhäuser mag ich nicht. Nach Marzahn will ich nicht. Dort ist es so unpersönlich." Dann ist da das Ehepaar Struck, 78 und 80, die erzählen, dass sie körperlich gar nicht mehr dazu in der Lage wären, hier wegzuziehen. Nach 50 Jahren Else. Oder Carina und Markus, die gerade ihr erstes Kind erwarten. Oder Mario, der sich in der Else nach einer heftigen Chemotherapie erholt hatte.

Nach drei Wochen wissen wir noch immer nicht, wer das Haus kaufen will. Aber wir haben gezeigt, dass wir nicht nur Objekte sind, aus denen man Geld quetschen kann.

Noch fünfeinhalb Wochen.

Wir gehen an die Presse

Um noch mehr Leute zu erreichen, schickt ein Team aus dem Haus Pressemappen an Journalistinnen und Journalisten. Auch ein wichtiger Schritt, sagt Max: "Einige im Haus waren aber dagegen. Sie befürchteten, die Medien würden unseren Fall nur für sich ausschlachten." Also halten Max, Kerstin und ihr Nachbar Christian stellvertretend für das ganze Haus ihre Gesichter in die Kameras von ZDF, RBB und RTL. Die Aufmerksamkeit haben wir dringend nötig.

Wir erfahren, dass der Käufer die Abwendungsvereinbahrung mit dem Bezirk abgelehnt hat. Mit einer Unterschrift hätte er sich für die nächsten 20 Jahre verpflichtet, das Haus nicht in Eigentumswohnungen aufzuteilen und die Mietpreisbremse einzuhalten. Dass der Investor dazu nicht bereit ist, beweist uns endgültig seine Absichten.

Gleichzeitig sammeln wir Absagen von etwa 20 Genossenschaften. Mal ist ihnen das Haus zu teuer, mal fühlen sie sich nicht zuständig. Baustadtrat Jochen Biedermann hat ebenfalls keinen Erfolg. Von den sechs städtischen Wohnungsbaugesellschaften hat bislang keine zugesagt.

Nächster Schritt: Politiker aktivieren

Biedermann und der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel haben das Vorkaufsrecht in den letzten zwei Jahren in Neukölln zwölfmal ausgeübt. Diese beiden müssen wir überzeugen, dass das auch in unserem Fall "zum Wohle der Allgemeinheit notwendig" ist – so heißt das offiziell – und die beiden das bitteschön dem Finanzsenator verklickern. Wir kontaktieren noch andere Politikerinnen und Politiker, die öffentlich gegen Verdrängung und steigende Mieten eintreten. Damit sich das auch ein bisschen für sie lohnt – und wir auch mal wieder Spaß haben –, veranstalten wir ein Fest in unserem Hof. Mit Café, Kuchen und Kameras.

Ende März hängen an über den Hof gespannten Seilen bunte Wimpel und eine Discokugel. Kein Grund zum Feiern? Uns egal. Wir sind noch da und geben nicht auf. Der Hof wird voll und der Sänger einer Band singt tatsächlich den Rio Reiser-Schlachtruf: "Doch die Leute im besetzten Haus riefen: 'Ihr kriegt uns hier nicht raus!'". Es ist ein bisschen kitschig und auch ein bisschen schön. Und Martin Hikel, der Bezirksbürgermeister, sagt in eine TV-Kamera: "Das Entscheidende ist dabei für mich, dass ihr weiter hier wohnen könnt und dass ihr aus dem Kiez nicht verdrängt werdet." Wir wollen es gerne glauben. Doch die Zeit wird knapp.

Noch zwei Wochen.

Der gute Immobilienmensch

Knapp zwei Wochen vor der Deadline suchen wir immer noch einen alternativen Käufer. Die Stimmung könnte besser sein. Aber es gibt neue Hoffnung: Bei einem Treffen in Christians Erdgeschosswohnung ist Besuch aus der Immobilienbranche anwesend. Eine andere Hausinitiative hatte einen potentiellen Käufer vermittelt. Und was der Mann zu erzählen hatte, habe sich gut angehört, erinnert sich Christian, 39. Ein Haus für Studenten habe er renoviert, mit niedrigen Mieten und so. Klar, er wisse ja, wie das ist, zwinker zwinker. Auch die Else75 wolle er kaufen, die übrigens zehn Millionen Euro kosten soll, und sie über die Mieten nach und nach an uns Mieter übertragen. "Das Haus gehört dann irgendwann euch", habe der gute Immobilienmensch gesagt, erzählt Christian. So als müsste man nur genug Biere in einer Kneipe trinken, damit sie einem irgendwann gehört. Irgendwie klingt es gut, denken einige. Ein paar andere, noch nicht ganz überzeugt, recherchieren.

Christian
"Ich war wie gelähmt", sagt Christian über den Tag, an dem er vom Verkauf erfuhr. Später finden in seiner Wohnung die meisten der Orga-Treffen statt

"Wir haben dann herausgefunden, dass dieser Mann nicht nur AfD-Mitglied ist, sondern in den sozialen Netzwerken aufs Übelste gegen Migranten hetzt", erzählt Markus. Das Team beschließt einstimmig, sich von dem Mann zu distanzieren. "Das passierte alles innerhalb von drei Tagen: neue Hoffnung, Freude und dann plötzlich wieder nichts", sagt Markus. Immerhin, danach wissen wir, dass der Erstkäufer eine Hamburger Immobilienfirma ist – und nun schon fast gewonnen hat.

Noch fünf Tage.

Am Ende sollen die Mieten doch steigen

Als wir nicht mal mehr eine Woche Zeit und eigentlich keine Optionen mehr haben, treffen sich nochmal einige Bewohnerinnen und Bewohner bei Christian. Biedermann ruft an: "Es gibt zwei Nachrichten. Die schlechte: Alle Wohnungsbaugenossenschaften haben abgesagt. Die gute: Eine würde das Haus kaufen, wenn ihr alle eine Mieterhöhung akzeptiert."

"Ich war mir sicher, dass das klappt", sagt Christian, offenbar ein ziemlicher Optimist. Jede Mietpartei muss nach Biedermanns Ansage im Schnitt 75 Cent pro Quadratmeter mehr zahlen, bei einer Wohnung mit 65 Quadratmeter also etwa 50 Euro. Fast alle wollen, aber nicht alle können. Zwei Tage vor der Deadline am 8. April fehlen noch Freiwillige, die mehr zahlen würden, damit andere weniger zahlen können. Aber man findet sie. Jetzt muss das nur noch jeder persönlich im Büro der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag unterschreiben. Auch nicht ganz einfach. "Einen Nachbarn haben wir fast zwei Monate nicht erreicht, erst im letzten Moment. Um elf Uhr nachts hat er mir die Vollmacht unterschrieben für den nächsten Tag", sagt Kerstin.

Im Gewobag-Büro sieht es dann so aus, als reiche das Geld nicht. Ein Rechenfehler, schließlich passt die Summe doch. Und Christian sagt in die Kamera eines begleitenden TV-Teams das, was neben der Freude gerade wohl viele fühlen: "Ich bin im Arsch."

Zurück im Hof der Else liegen sich alle in den Armen. Die Alten und die Jungen, Leute, die sich davor höchstens im Vorbeigehen gegrüßt hatten, waren zusammengerückt. Zu einer Gemeinschaft.

Auch Hikel und Biedermann stoßen mit uns an diesem Abend an, mit verhaltener Freude. Noch hat der Investor vier Wochen Zeit, vor Gericht Widerspruch einzulegen. Die Frist verstreicht ungenutzt. Jetzt gehört das Haus Berlin.

Wie war uns das gelungen?

"Eine Woche vor Ablauf der Frist haben wir noch gedacht, oh je, das wird nix. Ein großes Auf und Ab der Gefühle, auch bei uns im Amt", sagt Jochen Biedermann fast drei Monate später. Am Ende habe es an der Mieterhöhung gehangen. Wie viel der öffentliche Druck bewirkt habe, sei schwer zu sagen. "Wir geben jedem Haus die gleiche Chance, unabhängig davon, ob es eine sehr aktive Wohnungsgemeinschaft hat oder nicht", sagt Biedermann. Darüber muss man froh sein. Denn schließlich leben nicht in jeder Hausgemeinschaft so viele engagierte und gut vernetzte Leute wie bei uns in der Else75. Deshalb geben wir unser Wissen gerne weiter, an andere Initiativen, die um ihr Zuhause kämpfen.

Und welche Rolle spielte die Sozialstruktur in unserem Haus? Biedermann macht nur Andeutungen. Es gebe da keine Quoten, sagt er. Bei einem Haus voller gutverdienender Akademiker müsse man aber schon fragen, ob man da öffentliche Gelder investieren sollte.

Was auch immer den Ausschlag gab: An die Öffentlichkeit zu gehen, laut zu sein, das war wichtig. Und zusammenzuhalten, sagt Peter Kazimierski. "In all den Jahrzehnten war das der größte Angriff auf mein Dasein hier", sagt er. "Aber wenn du so ein gemeinsames Ziel hast, dann schweißt das zusammen."

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.