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Stanic – Die Kolumne

Bolsonaro, Trump, Macron: Der Regenwald brennt weiter, weil Männer sich wie Männer verhalten

Hilfe, das Schicksal unseres Planeten hängt von gekränkten Egos ab.

von Alexandra Stanic
29 August 2019, 11:40am

Collage: imago images / Aton Chile / i Images / ZUMA Press / Xinhua

Feministin, Gastarbeitertochter und VICE-Kolumnistin: Alexandra Stanić schreibt wöchentlich darüber, wie sie Politik, Rassismus und Sexismus erlebt.

Stell dir vor, dein Haus brennt. Dicker Rauch nimmt dir die Sicht, du hustest, das Atmen fällt schwer. Da ruft einer von draußen: "Nimm meine Hand, ich zieh dich raus!" Aber du sitzt mit verschränkten Armen in den Flammen und sagst einfach: "Nö." Du lehnst die Hilfe ab – denn du wartest auf eine Entschuldigung. Trotzig und uneinsichtig. Du lässt einfach dein Haus abfackeln. So verhält sich der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro. Der Rechtspopulist lehnte ein Amazonas-Soforthilfepaket ab, weil er eine Entschuldigung des französischen Präsident Emmanuel Macron forderte.

Die G7-Staaten boten Bolsonaro bei ihrem Treffen im französischen Biarritz am Montag eine Soforthilfe zur Löschung des Amazonas an: Mit 20 Millionen US-Dollar wolle man die Löscharbeiten im Regenwald unterstützen, vor allem durch Löschflugzeuge. Gut, das klingt nach einer großen Summe und hätte auch sicher geholfen, ist im Vergleich zu anderen Summen, die global hin- und hergeschoben werden, aber ein Witz. Bolsonaro jedenfalls fühlte sich von den G7-Staaten zur "Kolonie" oder gleich zum "Niemandsland" degradiert, das schrieb Bolsonaro auf Twitter. Er fühle sich in der Debatte um die Brände des Amazonas übergangen. Macron solle ihn als Lügner bezeichnet haben, seine Souveränität in Frage gestellt haben. Das war's aber noch nicht. Einen Tag zuvor hatte Bolsonaro nämlich Macron schon Neid auf seine Frau vorgeworfen. Kurz zur Erklärung: Michelle Bolsonaro ist 37 Jahre alt und somit jünger als er, Brigitte Macron ist 66.

Ähm, wie bitte?

Nur um das festzuhalten: Bolsonaro setzt sein männliches, gekränktes Ego vor die brennenden Wälder unseres Planeten. Er priorisiert, worauf es für ihn anscheinend wirklich ankommt: auf seinen Ruf, seinen Stolz, seine Macht.


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Natürlich ist die Forderung einer Entschuldigung von Bolsonaro nicht das alleinige Problem in der Klimadebatte, aber es ist ein Paradebeispiel, wie Macht ausgeübt wird. Über 76.000 Brände zählen die Behörden des Amazonas, die NASA spricht von den schlimmsten Bränden des Jahrzehnts. Indigene Völker verlieren ihren Lebensraum. Der Himmel über São Paulo hat sich wegen der Rauchwolken tagsüber verdunkelt. Und Bolsonaro wartet auf eine Entschuldigung? Der brasilianische Umweltminister Ricardo Salles begrüßt die Hilfe der G7-Staaten zunächst, aber selbst er betont, dass die brasilianische Regierung entscheiden werde, wie sie das Hilfspaket verwenden wird. Denken wir noch einmal kurz an das brennende Haus: Mir ginge es erstmal darum, mir – und meiner Familie – mein Leben zu retten, und nicht darum, mein Mitspracherecht bei der Rettungsaktion auszusprechen. Aber was weiß ich schon.

Wir können uns auf Social Media darüber zerfleischen (pun intended), ob eine vegetarische bzw. vegane Ernährung zur Rettung des Amazonas beitragen kann oder nicht. Wir können fordern, dass Konzerne zur Rechenschaft gezogen werden, weil die einzig wahre Lösung ist, dass wir die Industrie und das System dahinter verändern. Wir können darüber sprechen, was wir als Individuen tun können – ob es überhaupt irgendetwas gibt, das tatsächlich hilft. Aber die Wahrheit ist: Unser Schicksal hängt von gekränkten Männeregos ab und das bereitet mir Magenweh.

Im Übrigen geht auch der linke Präsident Boliviens, Evo Morales, ähnlich mit den Waldbränden um wie der rechte Bolsonaro. Morales inszeniert sich zwar gerne als Grüner, aber erst nach öffentlichem Druck reagierte er auf die Waldbrände in Bolivien. Und was macht US-Präsident Trump? Er gibt offenbar die Abholzung des Regenwalds in Alaska frei (ja, es gibt tatsächlich REGENwald in Alaska). Alles für die Wirtschaft, bis es nichts mehr zu erwirtschaften gibt, weil unser Planet und wir mit ihm untergegangen sind.

Wo wären wir, wenn nicht ein rechtspopulistischer Mann an der Spitze Brasiliens sitzen würde, sondern eine junge Klima-Aktivistin? Ein utopischer Gedanke. Wie weit weg wir davon sind, das zeigt sich auch daran, wie mit Greta Thunberg umgegangen wird. Ich weiß noch immer nicht so recht, wie genau man eine 16-jährige Klima-Aktivistin als Feindbild inszenieren kann, aber vor allem Rechtspopulisten tun das.

Thunberg verschwendet ihre Zeit im Gegensatz zu Politikern nicht mit Machtspielchen. So verzichtet sie auch auf ein Treffen mit Trump, weil sie keinen Sinn darin sieht. Dafür verdient sie unser aller Respekt. "Wenn er nicht bereit ist, Wissenschaft und Experten zuzuhören, wie soll ich ihn dann überzeugen?", fragt Thunberg zu Recht und ich wünschte, Männer an der Macht hätten diese nüchterne Einstellung und würden sich mit den wirklich wichtigen Angelegenheiten beschäftigen. Zum Beispiel unseren Planeten zu retten. Aber die Welt traut eher alten Männern, weil die Macht immer noch viel häufiger in den Händen eben jener Männer liegt – und nicht in der junger Frauen.

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