Alle Fotos von Lisa Ziegler

Wir waren bei einer Preisverleihung für rechte Journalisten

"AfD und 'Junge Freiheit' bauen aufeinander auf", sagt der Preisträger für das Lebenswerk.

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Nov. 28 2017, 1:48pm

Alle Fotos von Lisa Ziegler

Samstag, kurz vor 14 Uhr. Ein Gewölbesaal in den Italienischen Höfen in Berlin-Spandau. Die Backsteine an den Wänden und der Decke der Event-Location sind festlich ausgeleuchtet, die ockerfarbenen Kacheln am Boden frisch geputzt. Die Atmosphäre hat was von kurz vorm Gottesdienst. Einige tuscheln, andere warten gespannt darauf, was jetzt wohl kommen mag. Ein paar der Gäste haben sich kleine Deutschlandfahnen ans Revers gesteckt. Violinenspiel setzt ein, Bach, die rund 300 Gäste lauschen andächtig.

Ans Mikrofon tritt Dieter Stein, der Chefredakteur der Jungen Freiheit, der wichtigsten Zeitung der Neuen Rechten in Deutschland. Stolz begrüßt er die Promi-Gäste von der AfD, namentlich die Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch und Martin Hohmann. Auch dass Hohmann einst von Angela Merkel aus der Unionsfraktion geworfen wurde, erwähnt Stein. Wie es zum Rauswurf kam, sagt der Chefredakteur nicht. Hohmann, damals noch hessischer Bundestagsabgeordneter der CDU, hatte 2003 in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit fabuliert: Wenn die Deutschen ein Tätervolk seien, dann könne man nach derselben Logik auch "die Juden" als "Tätervolk" bezeichnen.

Es ist eine bunte Mischung aus rechten Journalisten, Publizisten und Lesern, die da im Spandauer Gewölbe zusammengekommen ist. Doch eine Sache eint sie alle: Sie haben das Gefühl, dass man in Deutschland nicht mehr sagen kann, was gesagt werden muss. Oder zumindest, dass die meisten Medien bewusst Dinge verschweigen. Dass Journalisten wichtige Informationen aus ihren Texten herauslassen. Rechte Journalisten aber, etwa die von der Jungen Freiheit, die machen das besser und sagen noch, was wirklich ist. Davon sind die Anwesenden überzeugt.

Wie eine große, pompös inszenierte Lüge wirkt das alles nicht. Dass die Neuen Rechten ernsthaft glauben, was sie einem da erzählen, merkt man ihnen an.

Die Neue Rechte präsentiert ihre Merchandise-Produkte

"Wer die Alternative für Deutschland verstehen will, muss die Junge Freiheit lesen", hat Alexander Gauland mal gesagt, der Fraktionschef der AfD im Bundestag. Und wer wissen will, wie rechte Journalisten ticken, könnte man ergänzen, muss zum Gerhard-Löwenthal-Preis gehen. Benannt ist der Preis nach einem konservativen ZDF-Journalisten, der unter anderem die sozialliberale Ostpolitik Willy Brandts kritisierte. Die beiden Veranstalter der Preisverleihung, die Junge Freiheit und die Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung, haben in den vergangenen Jahren Autorinnen wie Birgit Kelle und Ellen Kositza ausgezeichnet. Die eine verteidigte in der Welt gerade Mütter gegen "genderbewegte Jungfeministinnen". Die andere ist Redakteurin der "rechtsintellektuellen" Zeitschrift Sezession und Ehefrau des Identitären-Vordenkers Götz Kubitschek. In einem aktuellen Videobeitrag fragt Kositza: "Rechts sein, geht das?"

Anscheinend schon, sonst bräuchte es ja keinen Löwenthal-Preis. Allerdings: Als Außenstehender weiß man über die diesjährige Verleihung erstmal nichts. Weder, wann sie stattfindet, noch, wer ausgezeichnet werden soll, ist vorab im Internet zu lesen. Es wirkt, als wollten die Veranstalter so wenig Aufmerksamkeit von außen wie möglich.

Das könnte daran liegen, dass die Junge Freiheit, vorsichtig gesagt, nicht unumstritten ist. Die Redaktion der ehemaligen Schüler- und Studentenzeitung, die erst in Universitätsstädten verbreitet wurde und heute deutschlandweit zu kaufen ist, beruft sich auf vier Grundwerte: "Nation, Freiheitlichkeit, Konservatismus, Christentum". Dass sie dabei für manche Verfassungsschützer durchaus die Grenze zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus überschritt, brachte ihr Erwähnungen in den Verfassungsschutzberichten mehrerer Bundesländer ein. Nach einigen Gerichtsprozessen taucht die Zeitung dort heute allerdings nicht mehr auf.

30.000 Käufer hat die Junge Freiheit in Deutschland

Nach Einschätzung von Beobachtern hat das Blatt vor einigen Jahren seine Strategie geändert. Gabriele Nandlinger, die sich als Redakteurin beim Portal Blick nach Rechts mit Rechtsextremismus in Deutschland beschäftigt, schrieb 2007, die Junge Freiheit wolle sich durch Interviews mit politisch neutralen Gesprächspartnern oder Politikern der demokratischen Parteien ein "reputierliches Image" verpassen. Das solle "den Geruch der Rechtslastigkeit durch den Anschein überparteilicher Seriosität übertünchen". Am Kiosk scheint das zu funktionieren, die Auflage liegt bei fast 30.000 verkauften Exemplaren.

Im Veranstaltungsraum ist Chefredakteur Stein fertig mit den Begrüßungsworten, die Preisverleihung beginnt. Geehrt werden zuerst die Gewinner des Jungautoren-Wettbewerbs. Stein überreicht Nachwuchspreise an zwei Männer und eine Frau zwischen 17 und Mitte 20 für ihre Texte zum Thema "Einsatz für Deutschland". Dann soll die pakistanisch-österreichische Aktivistin Sabatina James ausgezeichnet werden. Doch die ehemalige Muslima, die heute offen den Islam kritisiert, sehe ihre Sicherheit in Europa gefährdet und könne deshalb nicht hier sein, sagt Stein. Die Anwesenden schauen betroffen. James meldet sich per Videobotschaft zu Wort.

Preisträger Bandulet, "Journalist" und Autor des Buchs Als Deutschland noch Großmacht war

Den Preis für sein Lebenswerk erhält Bruno Bandulet. Der war in den Siebzigern mal Chef vom Dienst bei der Welt, seit einigen Jahren schreibt er für den Kopp-Verlag. Seit der Ankunft Hunderttausender Flüchtlinge "sammeln sich um den Verlag Ufologen, Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker", schrieb die FAZ. Mit Titeln wie "Das geheime Wissen der Goldanleger" oder "Als Deutschland noch Großmacht war" fügt Bandulet sich nahtlos ein bei Kopp. Die Grenze zwischen Journalismus und politischem Aktivismus verschwimmt – auch in der Dankesrede des Preisträgers.

Ohne die Junge Freiheit hätte es vielleicht gar keine AfD gegeben, sagt er: "Das eine baut auf dem anderen auf." Wie er das genau meint, sagt er nicht, dafür spricht er später von einer "erdrückenden, allgegenwärtigen Hinterlassenschaft", die Angela Merkel Deutschland aufgeladen habe.

Nach fein-abwägender journalistischer Analyse klingt das nicht, eher nach Verschwörungstheorie. Das Feindbild Merkel zieht hier sowieso, an der Kanzlerin arbeiteten sich eigentlich alle ab. Kritik an ihr wird mit starkem Applaus honoriert, unter den sich ein abschätziges Raunen mischt. Am Ende der Zeremonie stimmen die Gäste gemeinsam die Nationalhymne an. Viele stehen kerzengerade und singen mit Inbrunst – statt Gottesdienst hat das Ganze jetzt was von CDU- oder AfD-Parteitag.

AfD-Vizechefin Beatrix von Storch: "Es gibt zu viele Journalisten, die politische Aktivisten sind."

Nach der Verleihung steht die stellvertretende Bundesvorsitzende der AfD am Sektempfang. Beatrix von Storch zählt zu den Rechtsauslegern ihrer Partei. Sie postete auf Facebook, dass Grenzbeamte auf Flüchtlinge im Zweifelsfall eben schießen müssten, wenn diese illegal die Grenze überqueren. Nach der Preisverleihung wird die 46-Jährige von jüngeren Gästen umringt, die Erinnerungsfotos mit ihr machen wollen. Von Storch lächelt in die Handykameras. Gegenüber VICE sagt sie danach: "Es gibt zu viele Journalisten, die politische Aktivisten sind oder zumindest wie solche agieren." Namen nennt sie keine. Die Journalisten der Jungen Freiheit meint sie damit offensichtlich nicht. Auf Seite zwölf der aktuellen Ausgabe der Zeitung hat die AfD eine Anzeige geschaltet.

Draußen, im malerischen Ambiente der aufwendig restaurierten Zitadelle von Spandau, verschwindet Zigarettenqualm im Novemberregen. Raucher suchen Zuflucht unter den Backsteinbögen. Man kennt sich, steht in Grüppchen. Auch einige Teilnehmer des "Jungautorenseminars" sind dabei.

Einer von ihnen ist der 17-jährige Robert-Leon Pawlik, er ist Mitglied der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative. Er trägt eine blaue Krawatte zum schwarzen Anzug. Die Junge Freiheit hat er seit eineinhalb Jahren abonniert, er bezeichnet sie als seine "Hauptquelle", um sich zu informieren. Für eine Tageszeitung fehle ihm die Zeit.

Man merkt Pawlik an, dass er nicht wie ein Extremer rüberkommen möchte. Seine Worte wählt er sorgfältig, seine Zitate musste VICE ihm vor Veröffentlichung dieses Textes zur Autorisierung schicken. Auf zwei Nachfragen antwortet er mit einem eineinhalb Seiten langen Word-Dokument.

Er habe, schreibt Pawlik, das "Gefühl einer medialen Einheitsfront bei gewissen Themen". Die Junge Freiheit sei da anders. "Jetzt, wo viel Porzellan zwischen Bürgern und Medien zerschlagen wurde, da fangen die ersten Journalisten an, wieder hart mit der Politik ins Gericht zu gehen, und das von rechts", schreibt er.

Genau da, rechts nämlich, steht Felix Krautkrämer. Und das sagt er auch so. Der Online-Chef der Jungen Freiheit hält ein Glas Rotwein in der Hand.

Online-Chef Felix Krautkrämer: "Andere Medien lassen wichtige Informationen weg."

"Ja, ich würde mich selbst als rechts charakterisieren", sagt Krautkrämer. Aber eben nicht als "rechtsradikal" oder gar "rechtsextrem". Was das heiße, sei durch die "geltende Rechtslage" definiert. Gewalt sei aber in jedem Fall tabu.

Die Junge Freiheit wolle eben Debatten führen, wie sie in anderen Medien nicht mehr stattfänden. Er würde auch gerne mehr Interviews mit linken Politikern in seinem Blatt lesen. Die würden aber nur selten mit ihm und seinen Kollegen sprechen wollen. Krautkrämer spricht von einer "Diskursverweigerung", die es bei Linken gebe.

Die unterstellt er dann auch den anderen Medien. Sie würden wichtige Informationen absichtlich weglassen, "weil sie Angst haben, rechte Ressentiments zu bedienen". Zum Beispiel, wenn ein Journalist schreibe, Flüchtlinge könnten das demographische Problem der deutschen Gesellschaft lösen, dabei aber nicht erwähne, welche Kosten diese Integration verursache. Oder wenn Medien in ihrer Berichterstattung über Kriminalität die Herkunft eines Straftäters verschweigen würden.

Krautkrämer wirkt nicht unsympathisch. Er spricht ruhig, lächelt viel. Er stellt sein Medium dar als Hort der objektiven, ausgewogenen Berichterstattung. Ein Eindruck, den eigentlich man nur so lange haben kann, bis man sich die Zeitung ansieht.

Veranstalter und Gäste bleiben lieber unter sich: Im Internet wurde die Preisverleihung nicht angekündigt

Auf der Titelseite ein großer Artikel: "Lautloses Einsickern" ist er überschrieben, es geht um die Bedrohung der "westlichen Gesellschaften" durch eine neue Barbie-Puppe – mit Hijab. "Fetische der westlichen Massenkultur" würden gerade "durch islamische Beifügungen umcodiert", analysiert der Artikel. Der Artikel erweckt den Eindruck, eines der größten Probleme Deutschlands sei die Bedrohung durch einen islamischem Popkultur-Imperialismus, etwa durch Emojis mit Kopftuch. Die britische Supermarktkette Tesco inszeniere zu Weihnachten gar "multireligiöse Harmonie" mit "Kopftuch-Frauen".

Seite 18 hat man komplett für die Thesen eines bekannten Klimawandel-Skeptikers freigeräumt. Der sieht im "gesamten Klimaschwindel" nur einen Trick, "den mühsam erarbeiteten Reichtum der westlichen Industriestaaten – ohne jede Gegenleistung – umzuverteilen." Das ist also objektive, ausgewogene Bewertung, wie sie sich die Junge Freiheit von allen Medien wünscht.

Nach etwa zwei Stunden ist der Großteil der Besucher gegangen. Nur noch ein paar Grüppchen stehen verloren im Saal. Manche ziehen weiter, wollen etwas trinken oder essen gehen. Einen Journalisten, zumindest einen von VICE, wollen sie da aber dann doch nicht mehr dabei haben.

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