Ich habe meine Instagram-Follower 24 Stunden lang über mein Leben bestimmen lassen

Spoiler: Das Experiment endete 400 Kilometer von meinem Zuhause entfernt.

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25 Oktober 2017, 9:26am

Der Autor am Ende seiner Reise

Ich würde nicht gerade behaupten, das Beste aus meinem Leben zu machen. Mir geht es zwar ganz gut, aber angesichts meiner liebevollen Eltern und meiner blendenden Gesundheit könnte es auch noch viel besser sein. Das liegt daran, dass ich jede bisherige Entwicklungschance meines Lebens in den Sand gesetzt habe. Ein Beispiel: Ich konnte mich so lange nicht zwischen zwei Londoner Mittelklasse-Unis entscheiden, bis ich irgendwann gar nicht mehr studiert habe.

Zum Glück gibt's in Sachen Entscheidung jetzt Hilfe: Vor Kurzem hat Instagram bei seinen Stories ein neues Abstimmungs-Feature eingeführt. Während ihr darin nicht mehr als ein banales Werkzeug seht, um Thirst Traps zu rechtfertigen, haben die Umfragen für mich das Potenzial, ganze Leben zu verändern. Meins zum Beispiel. Warum sollte ich mich damit abmühen, selbst Entscheidungen zu treffen, wenn das auch meine Follower übernehmen könnten?

Also wage ich das Experiment und lasse meine Instagram-Gefolgschaft 24 Stunden lang über mein Leben bestimmen.


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Der Morgen

Verschlafen öffne ich meine Augen und bereue es sofort. Ich überlege, was ich frühstücken soll: traurigen Haferbrei oder trauriges Müsli? Dann fällt mir jedoch ein, dass der heutige Tag etwas anders ablaufen wird. Heute lasse ich gut Tausend herzensgute Menschen meine Entscheidungen treffen. Ich sollte sie also erstmal einweihen.

Nun, wie erhofft einen Artikel über 24 Stunden in meinem gemütlichen Bett zu schreiben, kann ich mir wohl abschminken.

Auf zur nächsten Entscheidung: Was soll ich anziehen? Ein Putin/Poutine-Wortspiel-Shirt, kombiniert mit einer braunen Lederjacke und Georgio Peviani-Jeans? Oder doch lieber ein einfaches Schwarz-Weiß-Outfit, in dem ich nicht wie ein Lastwagenfahrer aus Weißrussland aussehe?

Natürlich das Erste!

Auf ins Ungewisse

Ich gehe nach draußen und stehe direkt wieder vor einer Entscheidung: links oder rechts? Auf in den natürlichen Lebensraum von ehemaligen Werbe-Managern, die übertrieben viel Geld für "echten" Cheddar ausgeben? Oder auf in die Gegend, die die hippen Nachkommen besagter Manager als ihre Heimat angeben?

In anderen Worten: der Londoner Stadtteil Dulwich oder der Londoner Stadtteil Peckham?

Die Richtung ist vorgegeben. Nun eine Entscheidung, über die ich mir jeden Tag erneut den Kopf zerbreche.

Hinken oder nicht hinken? Sagt es mir, liebe Instagram-Follower!

Wer hätte gedacht, dass ich einfach nur einen ganzen Tag lang humpeln muss, um mein Leben besser zu meistern? Danke, dass ihr euch so um mich sorgt!

Kommen wir zum Frühstück: Gehe ich dafür in einen ziemlich schnöselig wirkenden Laden oder zu McDonald's?

Na gut.

Inzwischen machen mehrere Hundert Follower bei meinem Experiment mit. Nun haben sie die Möglichkeit zu bestimmen, was ich esse. Oder überlassen sie diese Entscheidung lieber ihm hier, also einem zufällig anwesenden Mann mit Gore-Tex-Jacke und deutlich zurückgehendem Haaransatz?

Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht

Natürlich stimmt das Internet mit 72 Prozent für den Fremden, der mir als Vegetarier direkt den Kürbis-Bohnen-Salat empfiehlt.

Jetzt steht das Essen vor mir. Mache ich nun etwas, das ich normalerweise nie machen würde, weil es als extrem unhöflich gilt? Oder nutze ich die Gelegenheit und probiere mal etwas Neues aus? Ich meine, genau darum geht es hier doch!

Bis zu diesem Zeitpunkt haben mehr Leute nur zugeschaut als wirklich mitgemacht, aber diese Entscheidung bringt mein Postfach fast zum Explodieren. Die Menge will unbedingt, dass ich den unbekannten Vegetarier kränke.

Ich hole einmal tief Luft, verziehe mein Gesicht und umklammere meinen Löffel. Ich schaffe das!

Etwas benommen stürme ich aus dem Café und frage mich dabei, ob mein Experiment etwa doch keine so gute Idee ist. Vielleicht nutzen die Leute die Gelegenheit ja nur, um mir eins reinzuwürgen, anstatt mir zu helfen?

Als ich die nächstgelegene U-Bahn-Station betrete, kann ich diese Frage direkt beantworten. Bin ich für die Masse nur ein Spielzeug, mit dem sie ihre sadistischen Impulse ausleben? Oder war der Zwischenfall beim Frühstück nur ein Ausrutscher? Die herzensguten Instagram-User werden mich doch sicherlich kein Verbrechen begehen lassen?

Bei dieser Abstimmung machen bis jetzt die meisten Leute mit und das Ergebnis ist auch das eindeutigste. Als ich die Treppen hochhinke und wegen meiner schweren Lederjacke ordentlich schwitze, habe ich schon fast Angst davor, was der heutige Tag noch für mich bereithalten wird.

Liebe Follower, soll ich bei Scientology vorbeischauen, der zwielichtigen Organisation, über die sich Kritiker und ehemalige Mitglieder regelmäßig auskotzen? Oder doch lieber in ein Bälleparadies für Erwachsene gehen?

Es scheint so, als ob die Leute bunte Bälle genauso scheiße finden wie ich.

Die Jagd nach Stiften

Als ich wieder aus der Bahn steige, bemerke ich, dass es fast schon drei Uhr nachmittags ist. Weil ich immer noch nichts gegessen habe, zieht sich mein Magen zusammen und es fühlt sich so an, als würde jemand meinen Kopf mit einer Stecknadel bearbeiten.

Vielleicht handelt es sich um einen akuten Fall von Stockholm-Syndrom, aber so langsam beginne ich, meine Instagram-Bestimmer wirklich wertzuschätzen. Und während ich in mein ungewürztes Eiersandwich beiße, entdeckte ich eine Mail von einem PR-Agenten namens Asher. Mal sehen, was die Menge davon hält.

Nach nicht mal zehn Minuten hat mir Asher nicht nur einen wertvollen Lebenstipp gegeben, sondern ist auch auf dem Weg zu mir – und zwar mit einer Buckfast-Bier-Mische im Gepäck. Wegen des Vegetarier-Desasters läuft es mir allerdings kalt den Rücken runter, wenn ich nur daran denke, was die Instagram-Community mit Asher anstellen könnte.

Kurz darauf stehe ich vor den heiligen Toren des örtlichen Scientology-Zentrums und lasse meine Follower zwischen zwei Optionen entscheiden: Soll ich einen Persönlichkeitstest machen? Oder 30 Stifte klauen?

Gerade als ich reingehen will, nur um mit übertrieben vielen Stiften wieder abzuhauen, spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Asher steht hinter mir – mit einem Lächeln im Gesicht und einem Sixpack in der Hand.

Asher ist die Nettigkeit in Person. Er würde es auch schaffen, einem verschütteten Bier noch etwas Gutes abzugewinnen. Er erzählt mir gerade ganz enthusiastisch von einem kostenlosen Halloween-Konzert der Gruppe King Kong Company, als ich ihn unterbreche und ihm mein Experiment erkläre. Und schon verschwindet der Glanz aus seinen Augen. Ihm gefällt es offensichtlich gar nicht, dass er jetzt mit zu Scientology muss. Was Instagram wohl dazu sagt?

Wir gehen rein und ein gruseliger Typ begrüßt uns. Ich halte Ausschau nach Stiften, während sich Asher nervös über die Geschichte des Gebäudes erkundigt.

Um etwas Zeit zu gewinnen, frage ich nach dem berüchtigten Persönlichkeitstest. Prompt wird er mir vorgelegt. Ich kreuze wahllos irgendwelche Kästchen an. Asher hingegen liest sich die Fragen mit zweifelndem Blick ganz genau durch. Mir wird langsam alles zu viel.

Zehn Minuten später kommt der Typ zurück, zeigt auf ein Diagramm und sowohl Asher als auch ich leiden wohl an Depressionen. Na zum Glück hat Scientology zufälligerweise ein sicheres Heilmittel dagegen parat, das auch nur ganz wenig kostet. Meine Gedanken kreisen in diesem Moment jedoch nur um eins: Stifte!

Trotz mehrfacher Nachfrage muss ich mit nur acht Stiften in der Tasche aufgeben. Asher verabschiedet sich ganz aufgewühlt und zählt damit zu den Opfern meines Experiments – genauso wie der Schüler, der mir bei Instagram schreibt, dass er morgen zwei Prüfungen habe, aber ständig nur mein Profil aktualisiere, anstatt zu lernen.

Die eine Hälfte meiner Follower fühlt sich also gut unterhalten. Die andere macht mir mit dubiosen Forderungen Angst.

Putin und Poutine

Im Kunstmuseum angekommen, treffe ich nach einer Weile auf die Person, die mir die Nachricht geschickt hat. Als die offiziellen Öffnungszeiten vorbei sind, führt sie mich in einen engen Raum und sagt lachend, dass ich ja noch hinken würde. Als sie auf die geschätzt 7.000 Treppenstufen deutet, die ich nun erklimmen muss, weiß ich, warum sie lacht.

Oben wird ersichtlich, was das hier alles überhaupt soll: Ich bin bei einer Vernissage der Künstler Ilya und Emilia Kabakov – inklusive vornehmem Abendessen. Ich werde angewiesen, eine halbe Stunde still in einem Nebenzimmer zu warten.

Ich betrete besagtes Nebenzimmer, schnappe mir ein Glas Champagner und sehe mich ein wenig um. Dabei erblicke ich Maria Balshaw, die Direktorin der Tate Britain. Sie plaudert gerade mit ein paar Russen in augenscheinlich teuren Klamotten. Und da dämmert es mir: Ich passe hier nicht rein, in die Crème de la Crème der Kunstwelt.

Kurz darauf bemerke ich, wie ein Mann mit feuerrotem Gesicht und prächtigem Schnurrbart auf mein "Vladimir Poutine: Kremlin's Finest Choice"-Shirt starrt und dabei etwas auf Russisch sagt. Vielleicht mag er es?

Mal sehen, was passiert.

Der unangenehme Smalltalk zieht sich wie Kaugummi, bis wir endlich nach oben zu Tisch gebeten werden. Gähnend höre ich den Reden reicher Leuten zu und verstehe dabei nur die Hälfte. Also entscheide ich mich dazu weiterzuziehen und scrolle durch die eingegangenen Nachrichten. Vielleicht liegt es an den vier Gläsern Champagner auf leeren Magen, aber ich gehe bei der nächsten Entscheidung aufs Ganze:

Eigentlich ist die Frage nur als Scherz gedacht und ich erwarte natürlich, dass meinen Followern klar ist, was ich an diesem Tag schon alles durchgemacht habe. Ich freue mich sogar schon richtig darauf, den Abend im Beisein von Pizza und Bier auf irgendeinem fremden Sofa ausklingen zu lassen. Dafür müsste ich ja wie beim Frühstück und im Museum mit Fremden interagieren – und darauf scheint die Instagram-Gemeinde zu stehen.

Aber es kommt, wie es kommen muss. Ich sehe mich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, dass ich garantiert nicht genügend Geld habe, um irgendwie ins Ausland reisen zu können. Dann liefert mir Google aber doch zwei Optionen:

Ich lege mein Handy zehn Minuten lang beiseite, um meinen Followern etwas Zeit für die Entscheidung zu geben. Nachdem sie das jetzt schon fast 24 Stunden lang gemacht haben, muss es zwischen uns doch eine Verbindung, eine Art elterliche Verantwortung geben? Sie haben inzwischen bestimmt genug Mitgefühl für mich entwickelt, um mich nicht in einem engen Reisebus sehen zu wollen, der über Nacht in Richtung Belgien fährt?

Als ich mein Smartphone wieder in die Hand nehme, haben 695 Leute ihre Stimme abgegeben. Neun davon sind das Zünglein an der Waage. Ich erstarre:

Die Nacht bricht an

Diese Leute hassen mich noch mehr als ich mich selbst. Sie sind schlimmer, als ich es jemals sein könnte. Ich lege mein Schicksal einen Tag lang in ihre Hände und nach einem echt miesen Outfit und mehr als 13 Kilometern Humpeln jetzt das: ein voll besetzter Reisebus nach Brüssel, der um zehn Uhr Abends losfährt, acht Stunden unterwegs ist und zwischendurch noch eine sechsstündige Pause in einer Stadt einlegt, in der ich niemanden kenne. Vielen Dank auch!

Während London im Rückspiegel verschwindet, stoße ich einen tiefen Seufzer aus und fahre kraftlos durch mein Haar. Ich hätte jetzt schon in Dublin sein können. Ich bemerke, wie der Fahrgast neben mir vor sich hin kichert.

Wenn ich für meine Follower nicht mehr als eine Puppe bin, warum sollte ich diese Rolle dann nicht komplett durchziehen? Und so lasse ich sie darüber entscheiden, wie ich mich meinem Sitznachbarn vorstelle: als Oobah oder als Georgio Peviani – der ausgedachten Modedesigner, als der ich vor Kurzem schon die Paris Fashion Week unsicher gemacht habe?

Patrick und Georgio, gemeinsam in der gleichen misslichen Lage. Klingt doch nicht schlecht.

Wenn Patrick kichert, dann erinnert er dabei mit seinen strampelnden Beinen an ein kleines Kind. Außerdem besteht er darauf, dass ich sein Ladekabel benutze, obwohl sein Handyakku leerer ist als meiner. Ich müsse ja schließlich arbeiten. Trotz alldem kann ich nicht sagen, was genau an Patrick so sympathisch ist. Also lasse ich ihn das selbst übernehmen:

Nach einer Nacht voller Dosenbier und humorvollem Geplänkel steigt Patrick um fünf Uhr morgens im belgischen Gent aus dem Bus. Wir winken uns noch einmal voller Sehnsucht zu.

Hallo Belgien!

Gut eine Stunde später steige auch ich aus dem Fahrzeug und atme die Brüsseler Luft ein. Dabei wird mir eine Sache klar: Anstatt sauer zu sein, sollte ich meinen Instagram-Followern danken.

Nur durch sie habe ich jetzt einen neuen Freund und chronische Hinternschmerzen wegen des simulierten Humpelns. Außerdem verbringe ich dank ihnen nun einen Morgen in einem wunderschönen anderen Land.

Wirklich von ganzem Herzen: Dankeschön! Und: RIP Oobahs öffentliches Instagram-Profil (2017-2017).

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