"Der Tod ist mir ein Rätsel" – So denkt eine erblindende Wienerin über das Sterben nach
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"Der Tod ist mir ein Rätsel" – So denkt eine erblindende Wienerin über das Sterben nach

In einem Blindenheim am Rand des Wienerwaldes blickt Karoline Oppolzer auf ihr Leben zurück. Und denkt darüber nach, wie sie sterben will. Ein Porträt.
26.10.17

Der vorliegende Beitrag ist in abgewandelter Form auch in dem Buch 'Hochbetagt' (herausgegeben von Günther Brandstetter und Marietta Mühlfellner, Verlag Anton Pustet, 29€) erschienen – einem Projekt, bei dem 15 JournalistInnen und 15 FotografInnen alte Menschen porträtieren. Das Buch könnt ihr hier bestellen.


Die Kreuzworträtsel liegen fertig ausgefüllt auf dem Tisch, aber niemand schummelt. "Eine italienische Ruinenstätte mit P und sieben Buchstaben!", sagt Schwester Monika. "Ein gewisses Segelteil mit R, vier Buchstaben?" – "Ein orientalisches Färbemittel mit H, fünf Buchstaben?"

In einem Blindenheim für Senioren in Wien-Penzing tagt die Rätselgruppe zum Gedächtnistraining. Es ist ein unscheinbarer Raum in einem Bau, der sofort ins Auge sticht. Zwischen Gebäuden aus der Gründerzeit, Villen und modernen Einfamilienhäusern steht eine grün-weiße Plattenbaukonstruktion aus den 80ern, umgeben von dichten Baumkronen und Büschen und unweit des Wienflusses. Sogar der Postbote vor der Tür fährt ein Elektromoped, um die Ruhe des 14. Bezirks nicht zu stören.

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Hier, in das Johann-Wilhelm-Klein-Haus in der Baumgartenstraße 69, ist Karoline Oppolzer vor zwei Jahren eingezogen, gegen all ihre Prinzipien. Zwei Dinge hat sie sich fest vorgenommen: Im Alter will sie in kein Heim und nach dem Tod nicht unter die Erde. Prinzip Nummer 1 hat sie inzwischen über Bord geworfen, nachdem "ihr Karli" verstorben ist und ihr Sehvermögen immer schlechter wurde. Zwei Monate nach dem Tod ihres Gatten zog sie hierher.


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Es ist bis heute das einzige Heim für blinde und sehbeeinträchtigte alte Menschen in Wien. Die älteste Bewohnerin ist 100, die jüngste 42. Karoline Oppolzer ist 94, lebt in Zimmer 103 und gehört zu den wenigen, die noch Gesichter auf alten Fotografien erkennen können und Zeitung mit dem Vergrößerungsglas lesen.

"Kalter Kaffee macht schön", lacht Karoline Oppolzer und nimmt einen Schluck aus der Tasse. Sie verzieht das Gesicht. Eigentlich soll sie wegen ihres Diabetes auf Zucker verzichten, aber in ihrem Eisschrank im Zimmer hat sie heimlich eine rosa Flasche Huxol Süßstoff gehortet. Sie spritzt ein wenig davon in ihre Tasse und sagt genüsslich "hmmm".

Dazu isst sie ein Stück Schokoladenkuchen. "Wenn ich das irgendwann auch nicht mehr essen darf, dann pfeif ich aufs Leben", sagt sie. In Zimmer 103, mit Blick in den Garten, hat sich Frau Oppolzer einen Flachbildfernseher geleistet. "Aber da spielen sie nur Tschinbumm und Trara", schimpft sie. Außerdem ist das Programm viel zu klein in der Zeitung abgedruckt.

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Frau Oppolzer überlegt schon, an die Woche zu schreiben, um sich zu beschweren. Generell legt sie viel Wert darauf, selbstständig zu bleiben. Ihr liebstes Kleid in Orange wäscht sie heimlich mit der Hand, damit die Farben nicht ausbleichen. Bei den Schwestern beschwert sie sich, dass die jungen Frauen heute mit den Männern viel zu früh intim werden, wie sie sagt. Es ist eine ganz andere Welt. Und das gilt für viele Bereiche.

Das Blindenheim ist umgeben von einem Meer aus Grün. Gelbe Stangen führen um das Gelände, an denen sich die Heimbewohner voran tasten. Kommt eine Schwester vorbei, dann sagt sie laut ihren Namen und beschreibt ihre Begleitung. Überall im Heim ist das so. Es ist, als würde man sein Namensschild ständig auf der Zunge tragen.

Beim Fernsehabend im "Blauen Salon", wo alte Wiener Schinken gezeigt werden, spricht jemand live den Zweikanalton. Noch braucht Frau Oppolzer viele der angebotenen Hilfeleistungen nicht. Aber für den Fall, dass ihre Augen noch schlechter werden, hat sie vorgesorgt. Dann lebt sie auf einem Gelände, für das sie ein Gefühl hat und das sie kennt. Dann kann sie ganz ohne Hilfe in den ersten Stock kommen, wo sie mit einem Ergometer Rad fährt. 10 Kilometer schafft sie in 30 Minuten. Das Sportgerät steht neben dem Käfig der Wellensittiche "Franz" und "Freiheit", die laut kreischen, während Oppolzer in die Pedale tritt.

So fröhlich war Oppolzer nicht immer. In ihrer Anfangsphase ging es ihr nervlich ziemlich schlecht. "Diese Zimmertüre ist die letzte, die ich in meinem Leben öffnen und schließen werde", sagte sie damals zur Heimleiterin Frau Oder. Sie vermisste ihren Mann, mit dem sie 67 Jahre verheiratet war und ihre gemeinsame Wohnung im dritten Bezirk, im vierten Stock eines Gemeindebaus mit Blick auf die Akazienbäume im Park.

Sie vermisst den Kaffee, den Karl ihr jeden Morgen aufgesetzt hat. Durch die Demenz vergaß er immer häufiger, mit wie viel Zucker und Milch sie ihn gerne trinkt. Aber Frau Oppolzer war das egal. Als Karl starb und sie ins Heim ging, musste sie aus der Ferne mitansehen, wie die Wohnung leerer wurde und das Gemeinsame verschwand, als wäre es nie dagewesen. Karoline Oppolzer lässt das alte Leben los: Antiquitäten, Dias, Pelzmäntel und die Einbauküche. Sie beginnt ein neues Leben unter Blinden.

Es ist Donnerstag, der 1. Juni um 10:30 Uhr. Karoline Oppolzer schiebt ihren Rollator, den sie "Mercedes" nennt, durch die Korridore mit den braun gesprenkelten Bodenfliesen. Wenn sie zur Rätselgruppe will, muss sie am "Todeszimmer" vorbei. So nennt sie den abgetrennten Raucherbereich. Im Speisesaal gibt es strikte Regeln. Das Essen ist auf den Tellern so angeordnet, dass die Fleischspeise auf 18 Uhr und die Beilage auf 9 Uhr liegt.

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An den Stühlen sind steuerknüppelartige Hebel montiert. Schiebt man sie nach vorne, dann rückt der Hintern automatisch näher an den Tisch heran. Frau Oppolzer ärgert sich jedes Mal, wenn sie die weiße Serviette nicht mehr sieht und stattdessen ertasten muss. Weiter den Gang runter liegt der Frisörsalon, wo sie sich zweimal im Monat für 21 Euro "fesch machen" lässt – "wie die Queen".

"Als der Hitler kam, wollte ich Modezeichnerin werden", sagt Karoline Oppolzer. Der "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 zerschlug diesen Traum ein für alle Mal. Anstatt zur Designerin, machte Hitler die 16-jährige Karoline zur Wienerin. Der Führer ließ die Hauptstadt ausdehnen, bis knapp an die alten Grenzen des Burgenlandes. Auch Oppolzers Elternhaus, gelegen im Feldweg 145 in der Gemeinde Maria Lanzendorf, gehörte damals zu "Groß-Wien". Heute liegt der Ort in Niederösterreich.

"Das Einzige was ich dem Hitler wirklich übelgenommen habe, war, dass er selbst, als er keine Chance mehr hatte, noch so viele junge Männer in den Tod geschickt hat", sagt Frau Oppolzer.

Auf den Bauernhöfen am Land, wohin es Oppolzer als junges Mädchen im verpflichtenden Haushaltsjahr verschlug, waren die Wiener als hochnäsig und eitel verschrien. Ebenso fremd waren ihr die einfachen Lebensbedingungen auf dem Bauernhof, dem sie zugeteilt wurde. Der Hofherr, Herr Schenk, war an die Front berufen worden und an den Fenstern sammelte sich der Fliegendreck.

"Ich bleibe hier, wenn sie mich eine Woche lang putzen lassen", sagt die junge Oppolzer zur Bäuerin. So kam es, dass die als eitel verschriene Wienerin lernte, sich am Land zurechtzufinden. Am Abend kamen die Burschen zum "Fensterln" und ärgerten die Mädchen, indem sie ihnen Reime aufsagten und Äpfel über die Oberlichten ins Zimmer warfen. "Als Wienerin war ich immer heiß begehrt", sagt Frau Oppolzer stolz.

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Der erste, mit dem sie spazieren ging, war ein Schlesier namens Franz, der in Klosterneuburg als Pionier stationiert war. "Ich trug ein schwarzes Kleid mit weißen Tupfen, als er mich abgeholt hat", erzählt sie. In diesem Outfit bekam sie dann unter dem Sternenhimmel des Waldviertels ihren ersten Kuss. Franz, der Schlesier, zog 14 Tage später weiter. Irgendwann antwortet er nicht mehr auf ihre Briefe.

Dann kam Hermann, ihre erste große Liebe, für den sie bis heute eine Kerze anzündet. 1942 wurde er an die Front in den Moskauer Raum beordert. Am 28. April 1942 schreibt er an Karoline, dass er sich endlich Urlaub nehmen kann, um sie zu heiraten. "Am 29. April war er tot", seufzt Oppolzer. "Und einen Stahlhelm wollte ich nicht heiraten."

Heute sitzt Oppolzer in Zimmer 103 und hält ein altes Fotoalbum in der Hand – Porträt für Porträt kann sie sich an ihre Verehrer erinnern. Einige von ihnen tragen Uniformen. Neben dem Bild von Hermann ist eine Landkarte eingeheftet. Mit einem roten Punkt ist der Ort eingezeichnet, an dem er gefallen ist. Daneben klebt das Kondolenzschreiben: "Gestorben im heldenhaften Einsatz für Führer und Vaterland", steht da.

"Das Einzige was ich dem Hitler wirklich übelgenommen habe, war, dass er selbst, als er keine Chance mehr hatte, noch so viele junge Männer in den Tod geschickt hat", sagt Oppolzer. Der dritte und letzte Mann in ihrem Leben, Karl, wurde nicht in Russland, sondern bei den Panzern in Süditalien stationiert.

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Er kam zurück. Ihre Freundinnen hätten sie damals dazu überredet, einem fremden Soldaten Briefe zu schicken. Aus den Feldpostbriefen, in denen er sie "Lumpi" und sie ihn "Murli" nannte, wurden 67 Jahre Ehe. Er schickte ein Foto, sie näherte sich in Gedichtversen an. Es gefiel ihr, dass er aussah wie der Schauspieler Hans Holt. Als die beiden kurz darauf am 8. Februar 1947 heiraten, tobte die Schwiegermutter. Karoline, die Tochter eines Eisenbahners, sei nicht gut genug für ihren Sohn. "Wenn diese Frau begraben wird, dann in einer Urne aus Stahl, damit sie bloß nicht rauskommt und ich sie noch einmal sehen muss", hat Oppolzer einmal zu ihrem Mann gesagt – und es bis heute nicht bereut.

Als junge, verheiratete Frau sieht Karoline Oppolzer zum ersten Mal das Meer. Am Strand von Genua in Italien beginnt sie zu weinen. "Oft berühren mich Dinge, die andere für selbstverständlich nehmen", sagt sie. Oppolzer weint, weil das Meer die Verbindung zu ihrer einzigen Schwester ist. Sie war 1922 – ein Jahr vor Karolines Geburt – in die USA ausgewandert, mit einem Bankdirektor zusammengekommen und nie mehr zurückgekommen.

Damals am Strand von Genua sollte es noch fast zwanzig Jahre dauern, bis sich Oppolzer über den "großen Teich" traute, um "die Mitzi" zu besuchen. Anfang der 60er-Jahre stieg sie das erste Mal in ein Flugzeug und überquerte den Atlantik, der sie so lange von der Schwester getrennt hat. In einer Wohnung in Chicago stehen sich zwei Schwestern gegenüber, die einander nur von Fotos und Briefen kennen. Alle erwarteten, dass sie in diesem emotionalen Moment in Tränen ausbrechen würden. Stattdessen begannen die beiden zu lachen. Typisch für ihr Leben, meint Frau Oppolzer.

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"Habt ihr damals eh die Hilfspakete bekommen, die wir geschickt haben?", fragt die amerikanische Schwester. "Ich habe nie eines gesehen", murrt die Österreicherin. Bis heute fragt sie sich, warum sich die Amerikaner damals überhaupt "einmischen" mussten. Während die eine Schwester das Land verlässt, bevor sich die Propaganda-Maschinerie der Nazis warmlaufen kann, erlebt die andere alles mit: vom deutschen Turnverein bis zum Einmarsch der Russen. Die eine reist ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die andere flüchtet aus der russischen Zone, weil sie sich wie "Freiwild" fühlt.

"Mein Hirn kommt da einfach nicht mit", beginnt sie. "Also dabei, wo das Licht herkommt." Sie sucht nach der weißen Serviette, ärgert sich über ihre Augen. "Ich glaube, wenn man das Licht sieht, dann kann man sich entscheiden, ob man vor oder zurück möchte."

Ihre Großneffen, selbst schon in Pension, nennen Frau Oppolzer "Stammhalterin", weil sie die Letzte ihrer Generation in der Familie ist. Bis ins Pensionsalter gingen Karoline und Karl gerne mit Freunden zum Heurigen oder auf Faschingspartys. Jetzt seien fast alle weggestorben. Früher war der Kalender von Frau Oppolzer voll mit Geburtstagen. Jetzt fällt es ihr schwer, einzusehen, dass nur noch fünf Freunde übriggeblieben sind, mit denen sie sich austauschen kann: zwei Pärchen und eine Witwe. Als Karl zu kränkeln anfing, hätten viele Nachbarn und Freunde weggesehen, obwohl er 35 Jahre für das Rote Kreuz gearbeitet hat. Als er selbst Hilfe brauchte, glaubte das Paar, alleine zurechtzukommen.

Aber mit zunehmender Demenz bekam Karl "Ticks" und begann, Dinge im Haus zu verstecken. Schlussendlich sei er so gestorben, wie die Menschen sein Gemüt beschrieben haben: ruhig und sanft. Es war Sonntag. Man aß zu Mittag. "Die Kirchenglocken läuteten, er legte seinen Kopf auf meine Schulter, sein Blick ging in die Ferne und er schlief ein."

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Die große Frage nach dem Ende beschäftigt sie immer wieder: Beim Spazieren im Garten, im Gespräch mit ihrem Enkel Andreas oder am Abend beim Fernsehen. Heute kommt sie bei Frau Oppolzer auf, während sie Schinkenfleckerl-Auflauf isst. Ein großes, mit Käse überbackenes Stück liegt mittig am Teller und macht das Uhrzeiger-System des Blindenheims überflüssig. Frau Oppolzer zerpflückt das Stück, legt immer wieder die Gabel weg.

"Mein Hirn kommt da einfach nicht mit", beginnt sie. "Also dabei, wo das Licht herkommt." Sie sucht nach der weißen Serviette, ärgert sich über ihre Augen. "Ich glaube, wenn man das Licht sieht, dann kann man sich entscheiden, ob man vor oder zurück möchte", überlegt sie weiter. So wie damals bei "ihrem Karli". Der hat den Arzt an der Türe klingeln gehört und wollte nicht mehr kämpfen. In der Demenzstation im dritten Stock blicken die Heimbewohner nur noch stumm an die Decke. "Lebendige Leichname", nennt Frau Oppolzer sie. Am Ende will sie ihren Körper der Wissenschaft spenden, wie schon damals ihr Mann.

In ihrem Zimmer hat Frau Oppolzer eine Karte, "die ihr den Weg weist", wie sie sagt. Danach sucht sie jetzt und wühlt in den Schubladen. Sie dreht sich kurz um: "Vergesslichkeit! Wieder eine meiner Altweiberkrankheiten!" Dann legt sie einen Ausweis auf den Tisch: "Im Falle meines Todes bitte das Institut für Anatomie der medizinischen Universität Wien anrufen!"

Seinen Körper zu spenden ist gar nicht billig: "900 Euro pro Nase", sagt Frau Oppolzer. Der Karli hat sich die Halle noch zu Lebzeiten angesehen. Es rieche nicht nach Verwesung, sondern nach Formaldehyd. Als Karl diesen penetranten Geruch mit nach Hause nahm und dann am Abend von den "Bottichen, in denen die Körper schwimmen" erzählte, wusste Frau Oppolzer, dass sie sich das nicht selbst ansehen wollte. Trotzdem findet sie es nicht schlimm, wenn angehende Ärzte einmal Teile von ihr, etwa den Fuß, in einem "Plastiksackerl" nach Hause nehmen würden, um zu üben. "Das spüre ich dann ja eh nimmer", sagt sie.

Franziska auf Twitter: @tschinderle