mentale Gesundheit

Luzerner Psychiaterin will keine Patienten mit Migrationshintergrund behandeln

"Es ist keine Psychotherapie möglich ohne ein tieferes Sprachverständnis, und zwar der deutschen Sprache (die Sprache von Goethe), die einzige Sprache, in der ich behandle!"
14.5.18
Foto: Pexels | Key Notez | CC0

Ärzten steht es grundsätzlich frei, Patienten abzulehnen. Zum Beispiel, wenn der Patient zum wiederholten mal seine Rechnung nicht bezahlt hat, oder weil der Arzt überlastet ist. Aber nicht, wenn etwa der Nachname nicht passt. Wie der Tagesanzeiger berichtete, lehnte eine Luzerner Psychiaterin es aber ab, einen Mann zu behandeln, dessen Name nicht typisch Deutschschweizerisch klingt. Der Mann mit tunesischen Wurzeln wollte sich wegen Depressionen in psychiatrische Behandlung begeben. Auf seine Anfrage folgt die Antwort der Ärztin per E-Mail: "Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich zurzeit keine Patienten mit Migrationshintergrund übernehme", schreibt sie. Es sei keine Psychotherapie möglich, ohne ein tieferes Sprachverständnis der deutschen Sprache zu haben. Und sie fügt an: "Der Sprache von Goethe, die einzige Sprache, in der ich behandle!" Hätte die Ärztin das Gespräch mit dem Mann gesucht, hätte sie rasch herausgefunden, dass er tadellos Deutsch spricht.

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Wer schon einmal einen Termin bei einem Psychiater ausgemacht hat, weiss, dass der Griff zum Telefonhörer oder das Versenden des E-Mails einer der schwierigsten Schritte sein kann. Die Scham und Stigmatisierung rund um psychische Krankheiten nehmen laut dem Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) fast die Hälfte aller Psychiater als grosses Problem wahr. Die sprachliche Barriere schätzen im Gegensatz dazu rund ein Drittel der befragten Fachpersonen als problematisch ein. Eine ganz andere Schwierigkeit ist es allerdings je nach Region, einen Psychiater zu finden.

Die Schweiz hat pro Kopf mehr Psychiater als alle anderen OECD-Länder. So kommen auf 100.000 Einwohner rund 45 Psychiatrie-Praxen. Wie es im Bericht von Obsan heisst, ist das Angebot an Psychiatern in Städten wie Zürich und Genf am grössten. Dennoch ist es in der Schweiz kein einfaches Unterfangen, einen Platz in der Psychotherapie zu finden. Gerade in der Kinder- und Jugendtherapie ist die Problematik besonders gross. So geben rund 90 Prozent der ambulanten sowie stationären Jugendpsychiaterinnen an, überlastet zu sein. Konkrete Zahlen zum Psychiatermangel in der Jugendtherapie hat das Obsan nicht. Durch Gespräche und Einzelbefragungen stellen sie dennoch einen deutlichen Mangel fest.


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Aber auch in der Erwachsenenpsychiatrie ist das Personal tendenziell überlastet und es existieren Zugangsschwierigkeiten, wie diese Studie vom Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) zeigt. Vor allem, weil die über die Grundversicherung finanzierten Psychotherapieplätze in der Schweiz begrenzt sind. Aus diesem Grund ist es gerade für Menschen mit geringerem sozioökonomischen Status schwierig, eine Behandlungsmöglichkeit zu finden. Désirée Stocker von Büro BASS erklärt: "Es stimmt, dass in ländlichen Randgebieten teilweise eine Knappheit an Psychiatern besteht. Das gilt aber nicht für die städtischen Regionen. Psychisch Erkrankte mit zusätzlichen psychosozialen Belastungen und erweitertem Unterstützungsbedarf befinden sich allerdings an der Schnittstelle zwischen Gesundheits- und Sozialsystem und da ist die Finanzierung einer umfassenden Behandlung oft nicht gesichert." Der OECD-Bericht schätzt, dass es aufgrund psychischer Probleme der erwerbstätigen Bevölkerung zu Produktivitätsverlusten und sozialen Ausgaben von jährlich 19 Milliarden Franken kommt.

Eines der erklärten Ziele der Schweiz sei es aber, "den Zugang zu umfassender und qualitativ hochstehender medizinischer Versorgung für die gesamte Bevölkerung zu gewährleisten". In der Pflicht, einen Patienten anzunehmen, stehen die Ärzte nur, wenn es sich um eine Notfallsituation handelt. Die Schweizerische Ärztezeitung schätzt, dass die Lage in den kommenden Jahren noch schwieriger wird. Die Schweiz laufe Gefahr, ab dem Jahr 2030 substantiell zu wenig in der Praxis niedergelassene Psychiater zu haben.

Wer sich dazu überwinden kann, Hilfe zu suchen, hat bei der Suche nach einem Psychiater nicht nur mit dem eigenen Schamgefühl, sondern je nach Hintergrund noch mit ganz anderen Hürden zu kämpfen, wie der Fall der Luzerner Psychiaterin gezeigt hat.

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Hilfe bei psychischen Problemen bietet in der Schweiz zum Beispiel die Dargebotene Hand unter der Nummer 143 an.