Alle Fotos: Rebecca Rütten

Was wir bei einem Biker-Treffen über Männlichkeit gelernt haben

Motorräder aus Maschinengewehren, Stripperinnen mit Boa constrictor. Wir haben mit Bikern über ihr Mannsein gesprochen. Am Ende hat einer ein bisschen geweint.

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Juli 20 2017, 9:48am

Alle Fotos: Rebecca Rütten

Am Frozen-Yogurt-Stand sucht ein Biker mit ölverschmierten Händen nach Kleingeld für das Karamell-Topping. Auf der Bühne flucht die Band Daalschlag ("Die Erfinder des Moped-Metal") über das Feindbild aller Motorradfahrer: den TÜV. Einige Biker haben ihre Maschinen direkt vor der Bühne geparkt. Sie brüllen, liegen sich in den Armen und haben Bierschaum in ihren Bärten.

Das "Motorcycle Jamboree" ist eines der größten Treffen der deutschen Bikerszene. Einmal im Jahr pilgern rund 6.000 von ihnen zu einem verlassenen Sowjet-Flughafen in Jüterbog, eine Stunde südlich von Berlin. Sie wollen drei Tage Motorrad fahren und Bier trinken.

Männer wie sie haben es heute schwer, denn der Mann steckt in der Krise, heißt es. Er fühlt sich als Opfer der Gleichstellungspolitik und interpretiert den Feminismus als Gefahr für die eigene Identität. Deshalb, schreibt der Soziologe Christoph Kucklick, bauen sich Männer Inseln, wo sie gemeinsam ihr Männerbild schützen. Für die Biker in Jüterbog gilt das besonders. Sie sind die Letzten ihrer Art. Selbst der ehemalige Marktführer Harley Davidson verkauft immer weniger Maschinen. An diesem Ort, wo sich Kickboxer im Ring prügeln, Stripperinnen eine Boa constrictor um den Hals tragen und eine Rammstein-Cover-Band fast die Bühne abbrennt – hier haben die Biker ihr Refugium. Den vielleicht männlichsten Ort Deutschlands. Diese Männer müssen wissen, was das heute heißt: ein echter Mann sein.

Herbert und Ingo, die Kraftprotze

Herbert Czeplinski schafft 300 Kilo beim Kniebeugen, 220 Kilo beim Bankdrücken und 300 Kilo beim Kreuzheben. Herbert ist 18 und Junioren-Weltmeister im Kraftdreikampf. Wenn er mal nicht trainiert, hilft er in einem Forstbetrieb aus. Dort schleppt er gefällte Bäume und entwurzelte Stämme. "Gut für die Ausdauer", sagt er.

Sein Vater Ingo hat ihn aus der Nähe von Bremen zum Biker-Treffen gefahren, damit Herbert zeigen kann, wie stark er ist. Der Veranstalter hat ihn für einen Auftritt beim Strongman-Contest gebucht. Herbert hat am Vormittag fußballgroße Steine um die Wette geschleudert. Seine Gegner: Pumper, Laien und Besoffene. Die ließen sich vom Publikum beklatschen und auslachen. Herbert hob den Stein hoch, als wäre es ein Tischtennisball, atmete tief ein, nahm Anlauf – und schleuderte ihn so weit, dass die Zuschauer von ihren Bierbänken aufsprangen.

Vor ein paar Jahren war Herbert bei TV Total zu Gast. Stefan Raab kündigte ihn als "stärksten Teenie der Welt" an. Schnell nennt ihn auch die Lokalpresse so. Während Herbert das erzählt, lässt er seine Brustmuskeln tanzen.

Muskeldefinition ist Herbert aber egal, er quält sich nicht drei Mal in der Woche mit Gewichten, um besser auszusehen: "Ich trainiere nur auf Kraft." Aber warum tut er sich das an? Der Autor Hans Pleschinski schreibt, dass jede Form von Schönheit eine Reaktion von anderen braucht. Die Bestätigung. Für Herbert sind das die Wettbewerbe, wo ihm die Zuschauer zujubeln: "Applaus motiviert mich", sagt er.

Beim Bikertreffen wird er für sein Aussehen gefeiert, im Alltag erlebt Herbert das oft anders. Mit den Mädchen ist es schwierig: "Die stehen mehr auf Justin-Bieber-Typen", sagt er. Wegen seiner Muskeln sieht er deutlich älter aus, als er ist. Reifere Frauen stehen auf ihn, sagt er. "Manchmal sind die sogar schon über 30!" Letztens im Club sprach ihn eine Frau an. Sie gefiel ihm, er gab ihr einen Drink aus, sie verstanden sich. Dann erzählte sie von ihren Kindern. Herbert sagte, er sei selbst erst 18. Daraufhin ist sie gegangen.

Mit dem Kraftsport angefangen hat Herbert mit sieben. Sein Vater, zu dem Zeitpunkt ebenfalls Kraftsportler, nahm ihn mit zum Training. Zum Zuschauen. Aber Herbert wollte nachmachen, was er beim Vater sieht. Der erlaubte ihm erstmal nur Liegestütze und Klimmzüge. "Mit zehn hat Herbert so viele Klimmzüge gemacht, dass ich die gar nicht mehr zählen konnte", sagt Vater Ingo. Dann ließ er Herbert an die Gewichte. Zwei Jahre später gewann Herbert seinen ersten Wettbewerb, mit 15 war er Weltmeister, heute hält Herbert elf Weltrekorde in seiner Altersklasse. Er sagt, sein Vater sei ein Vorbild für ihn, aber vor allem ein Ansporn: "Ich will besser werden als er!"

Als Herbert geboren wurde, hat Ingo mal mit dem Kraftsport aufgehört. Bald ärgerten ihn seine Freunde damit, dass ehemaligen Konkurrenten jetzt stärker seien als er. Ingo hat das nicht ertragen und legte sich wieder auf die Hantelbank. Kraftsport sei halt ein Ego-Ding, sagt Ingo. Es wirkt, als sei das, was ihr eigener Körper leisten kann, für die beiden die Währung, die ihre Männlichkeit beziffert.

Die nächste Weltmeisterschaft steht an. Herbert will seinen Titel verteidigen und Ingo will, dass Herbert pro Disziplin zehn bis zwanzig Kilo mehr schafft als bisher. Bis dahin arbeiten sie nicht nur an den Hanteln zusammen: Vater und Sohn sichern am Wochenende als Türsteher-Duo die Clubs in ihrer Heimat.

Lars, der Rocker

Dass Herbert bei dem Biker-Treffen auftritt, liegt an Lars Petersen. Der Strongman-Contest war seine Idee und deshalb moderiert er ihn auch. Lars war mal Europameister im Ultra-Steinstoßen. Vor ein paar Jahren schlug er seinem Verband und dem Veranstalter vor, die Internationale Deutsche Meisterschaft auf dem Biker-Treffen auszutragen. Weil sonst niemand zu den Meisterschaften von Ultra-Steinstoßern kommt, sagte der Verband zu. Lars engagierte eine Dudelsack-Band, und fast 500 Rocker und Steinstoßer sahen sich die Meisterschaft an. Seitdem ist der Strongman-Contest fester Bestandteil des Bikertreffs. Selbst hat Lars schon lange keinen Stein mehr gestoßen. "Früher war ich richtig in Form", sagt er. "Jetzt bin ich froh, wenn ich mit 'nem Kiesel im Wasser noch eine Welle hinkriege."

Lars hatte durchaus Ambitionen als Steinstoßer. Weil es aber in dem Sport kein Geld zu verdienen gibt, verkaufte er Anzeigen und veranstaltete Rockkonzerte. Heute betreibt er ein Online-Magazin für Motorräder und Rockmusik. Die Adresse der Website hat er auf seinen Hals tätowiert.

Dort gibt es Rezensionen von Biker-Treffen, Kommentare zur Weltlage und – ein bisschen versteckt – auch einen Hinweis auf Lars eigene Band: das Wild Rock Project. Lars sagt, ein Mann dürfe Schwächen haben. Deshalb singt und schreibt er Texte, in denen er seine Probleme verarbeitet und die seiner Freunde und Bekannten: "Teufel in mir" handelt von Drogenproblemen, "Kaputt" von einer Frau, die sich mit dem falschen Mann einlässt, und "Verräter" von Freunden, die keine sind:

"Für mich bist du ein Schwein, nur zu gerne haue ich dir eine rein! All dein Gelaber von Ehre und Stolz, in deiner Birne ist echt nur Holz! Doch am Ende stehst du allein, geschieht dir recht, du Verräterschwein!"

In vielen seiner Texte geht es um Männer, die nicht meinen, was sie sagen. Die vorgeben, jemand zu sein, der sie nicht sind. Lars hasst die. Bodybuilder zum Beispiel. Weil die ihre Körper nur fürs Aussehen und die Posen trainieren. "So 'ne Show ist scheiße", sagt er. Ein Mann sein, das ist für ihn ganz einfach: "Bleib' gerade und entdeck, wer du bist – dann bist du ein Guter." In "Delmenhorst", einem neueren Stück seiner Band, singt über eine Seite von ihm, die er selbst gerade erst entdeckt – den Vater:

"In mein Delmenhorst, überschaubar und klein! Unser Ruf ist nicht prall, das weiß ich schon! Doch mein Zuhause ist hier, und auch mein Sohn!"

Christian und Volker, die Männerfreunde

Einmal hat Christian Reinke einem Kunden ein Motorrad gebaut, aus zwei Maschinengewehren und mehreren Handfeuerpistolen: "Entmilitarisiert, versteht sich." Christian betreibt die Bike-Manufaktur Eggesin, wo er ausschließlich Maßanfertigungen baut. Er selbst fährt eine Maschine aus den 50er Jahren – weil alte Maschinen für ihn noch Charakter haben. Christian sagt, er habe nur eine Regel im Leben: "Ich verleihe niemals mein Motorrad. Sonst passiert wieder sowas wie damals." Er deutet auf einen Mann im Hintergrund: Volker, seinen besten Freund.

Die beiden kennen sich, seit Christian mit Volkers Tochter zusammen war. Beim ersten Treffen fuhr Christian mit seinem Motorrad vor und Volker sagte, er wolle sich die Maschine gerne mal ansehen. "Als er dann den Motor startete", sagt Christian, "dachte ich, er fährt vielleicht einmal die Straße runter." Aber Volker machte einen Ausflug. Zwei Stunden lang. Seitdem sind Volker und Christian Freunde.

Volker hat zu diesem Zeitpunkt kein eigenes Motorrad. Kein Geld, keine Zeit – der Job, die Familie. Als er mit seiner Frau Silberhochzeit feierte, war auch Christian eingeladen. Der sorgte dafür, dass mittendrin die Musik ausgestellt wurde. Die Hochzeitsgäste schauten sich um und "plötzlich", sagt Volker, "fährt Christian mit einer nagelneuen Maschine auf die Tanzfläche". Man sagt, kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Aber so ein Geschenk hebt sie nochmal auf eine ganz andere Ebene. Volker nennt Christian seitdem: "mein Ziehsohn".

Seit der Silberhochzeit hatte Volkers Frau jeden Freitag, wenn er von der Arbeit kam, die Maschine schon vor die Garage geschoben und die Taschen mit Proviant gefüllt: "Wohin geht's, Volker?" Sie fuhren immer los, ohne die Antwort zu kennen. Dann, vor ein paar Jahren, starb Volkers Frau an Krebs. "Seitdem verehre ich meine Maschine", sagt Volker, zieht die Nase hoch und richtet seine Sonnenbrille.

Christian ist längst nicht mehr mit Volkers Tochter zusammen. Beziehungen gehen vorbei, Freundschaften zwischen Männern halten. Letztes Jahr waren sie zusammen in den USA, um eine Tour durch die Rocky Mountains zu machen: "Motorräder, Männer am Lagerfeuer, da brauchste keine Weiber", sagt Christian. Er ist 38, Volker mehr als zwanzig Jahre älter: Easy Rider – generationsübergreifend in Eggesin, Mecklenburg-Vorpommern.

Es ist Abend geworden beim Motorcycle Jamboree. Die Biker fahren in Schrittgeschwindigkeit über das Gelände, damit jeder, wirklich jeder, sie sehen kann. Auch die Maschinen mit Airbrush-Kunstwerken von aufgepumpten Axt-Wikingern und nackten Engeln. Der Autor Jack Urwin bezeichnet männliche Realitätsflucht in Sex und Gewalt als "toxische Männlichkeit". Aber wer mit den Männern auf diesem Festival spricht, merkt: Um das einzig wirklich Toxische auf diesem Festival kümmern sich die Sanitäter am Ausgang des Geländes, die Alkoholvergiftungen einiger Biker.

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