Illustration: Grace Wilson

Ich habe mir Ozon in meine Vagina pumpen lassen und ihr solltet es definitiv nicht nachmachen

Der im Nachhinein vielleicht dümmste Selbstversuch aller Zeiten.

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07 Juli 2017, 6:45am

Illustration: Grace Wilson

Das Alchemy in Ubud, Balis Wellness-Epizentrum, ist weitaus mehr als ein ganzheitliches, veganes Rohkost-Café. Das erkennt man schon an ihrem Schwarzen Brett. Dort gibt es einen Mann mit einem "Fake"-Aufkleber auf der Stirn, der für eine Veranstaltung mit dem Titel "Wahnsinnig begabt" wirbt, die in dem "weltweit ersten bioveganen Kino" stattfindet. Für nur 4.200.000 Indonesische Rupien, also umgerechnet rund 280 Euro (was in dieser Region von Bali zwei Monaten Arbeit zum Mindestlohn entspricht) kann man dort lernen, "einen Kanal zu direkter Inspiration zu öffnen."

Außerdem gibt es Kurse in Permakultur, transzendentaler Kunst, ekstatischem Tanz sowie Zeremonien in Geschmacksrichtungen von spirituell über heilig bis hin zu Kakao. Wer danach noch immer nicht genug hat, kann auch noch an einer "Heilung durch das göttliche Bewusstsein mit anschließender Lebensberatung" oder einem Rohkost-Kochkurs teilnehmen.

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Ich bin allerdings nicht hier, um meine innere Göttin zu befreien. Und ich interessiere mich auch nicht für ein Paar vegane Flip-Flops, ein Einlauf-Kit oder eine Drumbox aus Plastik, um den "Schöpfer neuer kosmischer Musik in [mir] zu wecken." Ich bin wegen der Klinik im ersten Stock gekommen. Neben klassischen Spa-Anwendungen wie Massagen, Darmspülungen und Vitamin-Spritzen werden hier auch "Atemtherapien", "heilende Reiki-Atemtherapien", "intuitive Wahrnehmungsbehandlungen", Anwendungen mit Akupunktur, Ohrenkerzen und "Ozon-Therapien" angeboten.

"Vaginale Ozon-Behandlung? Was zur Hölle soll das denn sein?" fragte eine Freundin entgeistert, als sie auf das Angebot stieß. Eine ebenso berechtigte wie verhängnisvolle Frage, die diesen Selbstversuch überhaupt erst lostrat. Wer sollte sich freiwillig einen Schadstoff in die Genitalien pumpen lassen? Mittlerweile kann ich diese Frage beantworten: Ich. Im Namen der Wissenschaft.


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Praktisch ist in jedem Fall, dass man nicht zwingend irgendwelche Beschwerden haben muss, um von der Behandlung zu profitieren. Die magische Wirkung des Ozons wirkt nämlich angeblich nicht nur "großartig […] gegen alle Formen von Beschwerden – von Endometriose bis hin zu Candidiasis", sie soll auch sicherstellen, dass ich da unten gesund bleibe. Das behaupten zumindest die Mitarbeiter der Klinik.

Dass Mediziner da komplett anderer Meinung sind, habe ich erst nach meiner Behandlung erfahren.

"Wie bei jeder Kurpfuscherei wird auch hier behauptet, dass man damit alles behandeln könnte", sagt Professor Martin Dyer, ein Krebsspezialist von der University of Leicester in Großbritannien. "Ozon ist eines der stärksten uns bekannten Oxidationsmittel, weswegen es seit seiner Entdeckung schon viele Versuche gab, seine starke antioxidative Wirkung nutzbar zu machen. Allerdings hat das alles zu nichts geführt."

Die Verwendung von Ozongas (O3) hat eine lange und beunruhigende Geschichte. Nikola Tesla hat sich 1896 den Ozongenerator patentieren lassen. Während dem Ersten Weltkrieg, als es noch keine Antibiotika gab, kam Ozon dann auch als Antiseptikum zum Einsatz. Und im Jahr 2011 gab es eine wissenschaftlich anmutende Studie, die behauptet hat, dass mit Ozon auch "Wundinfektionen, Durchblutungsstörungen, geriatrische Erkrankungen, Makuladegeneration,Virusinfektionen, Rheuma/Arthritis, Krebs, SARS und AIDS" behandelt werden könnten. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Studie auf Versuchen basierte, von denen es weder Ergebnisse noch Auswertungen gab.

Falls dir die Schlagzeilen also entgangen sein sollten, dass Mediziner inzwischen in der Lage sind, AIDS mithilfe von Ozon-Blutbehandlung zu heilen, dann bist du nicht allein. Tatsächlich konnte eine Peer-Review-Studie inzwischen zeigen, dass die Behandlung mit Ozon überhaupt keine Wirkung hat. Dennoch wurden rektale Ozon-Kuren zur Behandlung von AIDS auch schon in Südafrika groß beworben.

Genau wie bei der Ozon-Behandlung von AIDS, wird den Betroffenen auch zur Behandlung von Krebs meist Blut abgenommen, das anschließend mit Ozon angereichert und über eine Infusion wieder zurück in den Körper geleitet wird. Ein Eingriff, den Dyer nicht empfehlen würde. "Das Hämoglobin in unserem Blut würde oxidiert werden, sodass unsere roten Blutkörperchen nicht mehr in der Lage wären, Sauerstoff zu transportieren – und das wäre überhaupt nicht gut", sagt der Krebsspezialist.

"Ozon ist ein toxisches Molekül. Das wird gerne ignoriert."

Auch Alchemy bietet neben einer rektalen Ozon-Therapie gegen "Hämorrhoiden, Prostatabeschwerden und gynäkologische Erkrankungen" Behandlungen gegen Krebs und Metastasen an – oder "Metastosen" und "Metasen", wie es in ihrer Broschüre und auf ihrer Internetseite heißt. Zur äußeren Anwendung würde sich Ozon, ähnlich wie Wasserstoffperoxid, durchaus eignen, um Keime oder ähnliches abzutöten. Wenn man das Gas allerdings in einer so hohen Konzentration in das Innere des Körper einleiten würde, dass es auch Metastasen abtöten könnte, dann würde es den Patienten umbringen, sagt Dyer. "Ozon ist ein toxisches Molekül. Das wird gerne ignoriert."

Die amerikanische Gesundheitsbehörde bezeichnet Ozon derweil einfach nur als "toxisches Gas, das keinerlei bekannte medizinische Anwendung hat". Dennoch setzen nach wie vor sehr viele Menschen in ihrer Verzweiflung auf die vermeintlich magische Wirkung von Ozon. Gerade bei der intravenösen Behandlung führt das immer wieder zu tödlichen Embolien. Im Jahr 2006 starben der australischen Stadt Perth vier von sieben Krebspatienten infolge eines Behandlungspakets, das auch eine Anwendung mit Ozon mit einschloss. Die anderen drei Patienten starben an den Folgen ihrer Erkrankung. Und die Liste ist noch viel länger.


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Während ich nach oben in den Wartebereich gehe, fühle ich mich, als wäre ich auf dem Weg ins Yoga-Studio: Der Boden der Klinik ist mit Rattan-Matten ausgelegt, über die halbhohen Außenwände sieht man die umliegenden Palmdächer und von der kleinen Rezeption aus hört man eine beeindruckende Vielfalt an Vogelgesängen – und das in einer Gegend, in der sich Reisfelder in kürzester Zeit in Villen verwandeln.

Meine Therapeutin ist eine gelernte Krankenschwester, die morgens im Krankenhaus und nachmittags sowie sonntags in der Alchemy-Klinik arbeitet. Sie führt mich in einen kleinen, schummrigen Raum, mit einer Liege, die an eine Arztpraxis erinnert. Die Farbe an der Decke des kleinen Raum blättert schon ab.

Die graue Kiste an der Wand neben mir ist an eine beunruhigend große blaue Gasflasche angeschlossen. Die laminierten Dosierungsanweisungen hängen direkt daneben.

Ich versuche nicht weiter darüber nachzudenken, wie groß meine Überlebenschancen wären, wenn die gigantische Gasflasche neben meinem Kopf explodieren würde.

Ich werde gebeten, meine Unterwäsche auszuziehen und mir ein rotes, flauschiges Handtuch um die Hüften zu wickeln. Beruhigt stelle ich fest, dass das Röhrchen, dass sie benutzen wird, noch in der Originalverpackung ist.

"Weil es dein erstes Mal ist, machen wir mal 20 Minuten", sagt sie. "Ich glaube fünf Minuten sind auch in Ordnung", erwidere ich, plötzlich panisch werdend.

Sie ignoriert meinen Einwand. Wenn ich mich unwohl fühle, solle ich einfach Bescheid geben. OK.

Und schon kommt das Handtuch weg. Sie führt das Röhrchen zwischen meinen Schamlippen ein und die Maschine beginnt zu brummen. Augenblicklich füllt sich die Luft mit dem unverwechselbaren stechend-scharfen Geruch nach Ozon, wie vor einem Gewitter. Ich versuche, mich zu entspannen und nicht weiter darüber nachzudenken, wie groß meine Überlebenschancen wären, wenn die gigantische Gasflasche neben meinem Kopf explodieren würde.

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Der Gasstrom ist zum Glück nur sehr leicht: keine symphonischen Vaginalfürze, kein nerviges Kitzeln, kein unangenehmer Druck. Zum Abschluss der Behandlung zeigt mir die Therapeutin noch ein wenig Zervixschleim, der sich in dem Röhrchen angesammelt hat. Die Beseitigung des "Schleims" ist, wie man mir sagt, ein weiterer positiver Nebeneffekt der Behandlung. Vor allem vor oder nach der Menstruation.

Schlussendlich springe ich 23 Euro ärmer wieder auf meinen Roller und frage mich, ob das beginnende Kitzeln in meiner unteren Körperregion psychosomatisch oder ein erstes Anzeichen von einer ozoninduzierten Infektion ist. Mal abwarten. Eine andere Frage bleibt ebenfalls unbeantwortet: Woher kommt die Begeisterung für Gas von Menschen, denen ihre anderen Lifestyle-Entscheidungen gar nicht schadstofffrei genug sein können?

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