So isst du billig aber geil auf einem Festival

Ein geschmackserfülltes, nahrhaftes und würdevolles Wochenende ist selbst mit nur 30 Euro kein Ding der Unmöglichkeit.

|
Juli 6 2017, 9:50am

Alle Fotomontagen, sofern nicht anders angegeben: Montage: Daniel Sigge. Fotos: Henning Schlüter (Hintergrund), Daniel Sigge

Was früher die Micky Maus war, sind heute YouTuber und Online-Guides. Sie sind es, die uns die besten Witze, Tipps und Tricks rund um das Lieblingsurlaubsziel der jungen Bevölkerung bescheren. Die Fähnlein Fieselschweif der Festival-Erfahrenen stellen jedes Jahr aus Neue dieselben Listen zusammen, was du alles auf ein solches Wochenende mitnehmen solltest.

Das klitzekleine Problem an der Sache: Du bist mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr jung und wirst sehr betrunken, sehr drauf, sehr faul und sehr chaotisch sein. Ein Festival ist kein durchorganisierter Camping-Urlaub, sondern die anstrengendste, nervenzehrendste, aber bestenfalls großartigste Reise deines Lebens.

Sein Besteck findet man bereits am ersten Tag nicht mehr wieder, die Bananen sind zermatscht und die Einkaufstüte mit dem Weißbrot und Grillwürstchen liegt in einer Bierlache. "Oops, ich dachte, das wäre der Müllsack!"

Faustregeln, Packlisten und jegliche Form von Planung sind nach einem Bier vergessen.

Außerdem galt früher mal: 100 Euro für das Ticket, 100 Euro fürs Essen und 100 Euro, um mit Getränken irreparable Schäden hervorzurufen. Heute fahren wir aber gerne auf mehrere Festivals im Jahr. Wer soll sich das noch leisten können?


Aus dem VICE-Videonetzwerk: Munchies zeigt dir ein paar Frühstückstipps für daheim:


Ich habe mich also für dich auf die Suche nach köstlichen und hilfreichen Ratschlägen begeben, die du dir wohlmöglich sogar doch in Erinnerung behalten kannst.

Astronautennahrung

Noch etwas vorab: Jedes Jahr schleppen wir Unmengen an Dosenspaghetti, Fünf-Minuten-Süppchen und Instant Noodles mit und produzieren dabei nicht nur Müll für den Magen. Come on, es ist ein Festival, kein Arbeitslager – und auch nicht der Shisha-Keller deines 16-jährigen Gras-Dealers. Und meinst du, dass du deine große Liebe, der du stündlich auf dem Campingplatz begegnest, mit einer Tütensuppe begeistern kannst? Gut. Es ist ein Festival. Also wirst du wohl zu jeder Tageszeit andere Menschen mit Essbarem oder Getränken in Verzückung bringen, aber sei es drum. Dein staubiger Körper hat etwas Besseres verdient.

Technofestivals

Solltest du auf ein Technofestival fahren, kann es passieren, dass du aus unerfindlichen Gründen sehr wenig Hunger verspürst. Das muss wohl an der frischen Luft und den reichhaltigen Gesprächen liegen. Denk aber daran: Was für den Club gilt, gilt besonders für das Festival. Abseits der Tütchen und geknüllten Alufolie in deiner Bauchtasche brauchst du Energie in Form von mineralhaltigen Wasser, gesunden Mahlzeiten und viel natürlichem Zucker, um fit zu bleiben. Die Packung Traubenzucker allein lässt dein debiles Dauergrinsen schneller in emotionsloses Starren verwandeln, als du deinen wirren Kopf durch das richtige Loch im Pullover stecken kannst, wenn es zu regnen beginnt. Und Nüsse einpacken! Für den Serotoninhaushalt!

Am Stand essen

Montage: Daniel Sigge. Fotos: Henning Schlüter (Hintergrund), Sarazyn/Wikimedia/CC-BY-2.5Sarazyn/Wikimedia/CC-BY-2.5

Na? Wie wäre es mit einem 8 Euro-Burger von Burgerkalle, einem 5 Euro-Vöner von der lustigen Frau mit Indianerfedern, oder doch lieber das Indian Style-Curry für 7 Euro? Was alle diese Gerichte gemeinsam haben: Sie sind auf den meisten, größeren Festivals eine Unverschämtheit. Die Portionen sind in etwa so groß, wie dein Portmonee am letzten Tag voller Geld ist. Auf kleineren Festivals können die Stände aber eine echte Alternative darstellen. Der größte Gewinn: Du sparst dir das Schleppen und bekommst warme Mahlzeiten, die aus mehr als zwei Zutaten bestehen (wenn du Glück hast).

Professionalisiere dich

Die Zeit, wo Festivals einst den Aufbruch in die Prärie der Republik bedeuteten, wo man sich noch als Pionier gefühlt hat, der als erster Mensch durch brandenburgische oder thüringische Landschaften fuhr, ist vorbei. Und du bist vielleicht auch keine 17 mehr. Festivals wurden kommerzialisiert, durchgetaktet und vielerorts verteuert.

Doch das muss dir nichts anhaben. Schlag die immer erwachsener werdende Festival-Kultur mit ihren eigenen Waffen: Professionalisiere dich! Wirf mit deinen Freunden alle mitgebrachten Lebensmittel in ein Zelt und schlaft in dem anderen, dann findet ihr auch betrunken alles wieder. Gebt mit diesem perfekten und günstigen Festival-Sandwich für den ersten Tag mächtig an. Du brauchst einen Grill und ansonsten nur das obige Foto zur richtigen Zubereitung.

Du hast die Grillanzünder vergessen? Dann benutz doch einfach Chips oder Nachos, die haben durch ihren hohen Fettanteil eine lange Brenndauer und werden ziemlich heiß. Und wie wäre es kurz vor dem Headliner mit ein bisschen Bierdosen-Popcorn? Schneide eine ausgewaschene Bierdose auf, gib den Popcorn-Mais und einen Tropfen Öl hinein und stell sie umwickelt mit Alufolie auf den Grill.

Maximal 30 Euro ausgeben, oder: "Hat wer die verdammte Gaskartusche gesehen?"

Treiben wir das Ganze auf die Spitze: Ist es möglich, mit nur 30 Euro ein ganzes Festival zu überstehen?

Die Antwort könnte dich schockieren.

Es ist kein Problem. Mit etwas Geschick wird es dir sogar möglich sein, nur drei rote Scheine auszugeben und gleichzeitig deine Menschenwürde zu bewahren. Wenn du mit Freunden in einer Gruppe anreist. Wer wenig Geld hat, muss sich, jetzt kommt's, zwangsläufig organisieren.

Aber keine Sorge, das kann alles vor dem Festival passieren. Werft euer Bares zusammen, kauft in Mengen ein und kocht euch vorher Gerichte, die ihr in Tupperdosen oder Zipperbags in einer Kühlbox mitnehmt. Ein mögliches Rezept, für dass ihr kaum etwas tun müsst, findest du am Ende dieses Artikels.

Es gilt: Festivalessen ist haltbares Essen. Alles, was verderben kann, lässt du besser zuhause. Perfektes Festival-Obst sind Äpfel, Bananen und Weintrauben. Mit einem Netz Avocados obendrauf, einem Glas rote Beete, Hummus, H-Milch, Brot, Müsli, Grillwürstchen, Gemüsespießen, Tortellini, Gnocchi, einer Hand voll Schokoriegeln und einem Sechserträger Wasser seid ihr gut bedient und gebt keine 50 Euro aus. 60 Dosen Bier bekommt man ab 30 Euro. Bleiben bei vier Personen schmale 40 Euro übrig, um sich noch ein paar Bierchen auf dem Festivalgelände zu genehmigen.

Das ist dir viel zu wenig? Dann solltest du besser …

Gar kein Geld ausgeben

Du willst es aber auch wissen, was? Es ist durchaus möglich, ohne jegliches Bargeld auf einem Festival eine großartige Zeit zu haben, ohne dass du schnorren, deinen Körper verkaufen oder dich am Vorratszelt deiner Nachbarn vergreifen musst. Bring deshalb etwas zum Tauschen mit und beweise dich als Ökonomie-Talent. Denn du bist ein Selfmade-Millionaire. Such daheim nach alten Plörren, die du nicht mehr brauchst. Ein Buch, eine alte Kette, ein paar Kindheitserinnerungen in Form von Comics oder Spielzeug, ein altes T-Shirt. Das Problem: Funktioniert nur auf dem Campingplatz und nur, wenn du dieser Typ Sorte von Festivalgängern entsprichst, die gerne wahllos Leute zuschwallen.

Step up the Game: Tausch dich komplett hoch. Das erlernte Wissen hilft dir im Anschluss bestimmt bei deiner Bewerbung für ein betriebswirtschaftliches Praktikum in Brüssel.

Und wo wir schon bei Profis sind:

Was rät ein Festival-Organisator?

Tim auf seinem Festival. Foto von Nina Sartorius

Tim Wulff gehört zum Team des Immergut-Festivals. Als wir miteinander quatschen, empfiehlt er (natürlich) die Essensstände, betont aber, dass das Immergut vor allem Foodtrucks aus der mecklenburgischen Umgebung anfragt und es ein kostenloses Shuttle zum nächsten Supermarkt gibt.

Vor allem stören Tim die "Berge an Einweg-Grills, die wir nach jedem Festival aufsammeln." Deshalb: "Liebe Festivalgänger, lasst die doch einfach mal an der Tanke!"

Einmal am Plaudern, schwelgte Tim in Erinnerungen:

"Ich war früher auf Festivals meistens sehr faul und betrunken. Selbst Nudeln kochen war mir da zu umständlich. Und das Käsebrot schmeckt nach zwei Tagen auch nicht mehr. Auf kleinen Festivals gibt man an den Ständen meistens nicht mehr aus, als man sonst für seinen Supermarkt-Einkauf bezahlt. Einmal habe ich mich auf einem Festival in den Backstage geschlichen und mit den Musikern Hummus und Brot geteilt. Natürlich nicht auf den Immergut, da sollte man sowas auch nicht machen. Bitte nicht. Wir sind sehr gefährlich."

… und was der Verband christlicher Pfadfinder?

Montage: Daniel Sigge. Fotos: Henning Schlüter (Hintergrund), Jörg Börgis/Wikimedia/CC-BY-SA

Wenn jemand wissen muss, wie man draußen in der Wildnis günstig, gut und einfach überleben kann, dann sind es Pfadfinder. Nach einigen Telefonaten mit deutschen Vereinen hatte ich zwar keinen handfesten Survival-Tipp erhalten, dafür aber ein kostenloses Kochbuch des zweitgrößten Pfadfinder-Verbandes vor mir. Leider machen die Pfadfinder ihrem Ruf als MacGyver des 20. Jahrhunderts zwei Jahrzehnte später wenig Ehre: Sie scheinen laut den Rezepten allesamt sehr gut ausgestattet und wohl ständig von regionalen, frischen Gerichten, Fisch, Fleisch und großen, dampfenden Kochkesseln umgeben zu sein. Das ist weder für dich noch mich hilfreich.

Also gut: Was sind jetzt aber die Tricks eines professionellen Festivalkochs?

Dieses Foto vom Summerjam hat Stevan direkt nach dem Telefonat geschickt

Stevan Paul ist Koch und Autor des Buchs Open Air - Das Festival- & Camping-Kochbuch (Brandstätter). Als ich ihn am Telefon erwische, sitzt er grad, wie soll es für einen Festivalkoch auch anders sein, auf dem Summerjam in Köln.

THUMP: Hi Stevan, hast du einen besonders guten Tipp, wie man auf Festivals sparsam über die Runden kommt?
Stevan: Wenn man eine Kühlbox hat, was ich für den Genuss von frischen Zutaten und kühlen Getränken dringend empfehle, sollte man gefrorene Wasserflaschen statt Kühlakkus verwenden. Die legst du dann als Schichten zwischen vorgekochten Eintöpfen, Fleisch und anderen Lebensmitteln. Das Essen sollte in Zipperbeuteln portioniert sein und das Wasser kann man am letzten Tag, wenn es seine kühlende Arbeit getan hat, noch genießen. So spart man sich auch doppeltes Schleppen von Kühlakkus und Wasserflaschen.

Stichwort: Grillen.
Stevan: Die Einweggrills von der Tankstelle sollte man aus dem Gedächtnis streichen. Es passt kaum etwas drauf und durch die Nähe des Rosts zum Spiritus wird darauf nichts wirklich gut schmecken. Ich habe außerdem ein Drei-Tage-Etappen-Grillen erfunden: Am ersten Tag vom Metzger vakumiiertes und vorher eingefrorenes Fleisch grillen, am zweiten Tag vorgefertigte Gemüsespieße und am dritten Tag Nürnberger Rostbratwürstchen – die halten gut gekühlt auch bis zum letzten Tag.

Was hältst du als Koch von Astronautennahrung?
Stevan: Einiges! Aber vergiss die Fünf-Minuten-Terrine aus dem Discounter. Wenn man vor dem Festival frische und haltbare Zutaten gemeinsam in einen einzelnen Zipperbeutel füllt, spart man nicht nur Geld und Zeit, sondern auch noch Platz im Rucksack. Mein Risotto Italiano aus dem Zipper beispielsweise braucht 250g Risottoreis, 50g kleingeschnittene, getrocknete Wald- oder Steinpilze, 40g klein gehackte Softtomaten und einen Teelöffel Gemüsebrühe. Einfach alles mit 800 ml Wasser 20 Minuten lang garen lassen. Zack – Festivalmagen und -freunde werden gleichermaßen beeindruckt sein.

Angenommen, man ist total broke, unorganisiert und hat weder Kühlbox noch Grill zur Hand. Was ist der heilige Gral für Festivalgänger?
Stevan: Da kann ich nur meine gepimpten Dosenravioli empfehlen. Um etwas kulinarische Restwürde zu bewahren, sollte man die recht lahmen Ravioli mit Thymian, etwas Chilisauce, Parmesan oder Oliven aufpeppen. Das findet man alles noch daheim in der Küche, bevor man losfährt. Wenn man die Verpackung von der Dose kratzt, sieht sie nett aus und man braucht keinen Teller. Man trinkt doch heute auch aus diesen Einmachgläsern, oder?

Äh, ja. Danke, Stevan!

Unsere gesamte Festival-Berichterstattung findest du hier.

Folge THUMP auf Facebook und Instagram.

Mehr VICE
VICE-Kanäle