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Popkultur

Dieser Mann saß im Todestrakt, weil rassistische Cops ihm fünf Morde angehängt hatten

Polizisten der "Midnight Crew" folterten Ronald Kitchen, bis er ein falsches Geständnis ablegte. Heute ist er ein freier Mann – und kämpft gegen ein System, das unschuldige Leben kostet.

von Nicholas Cannariato
19 Juli 2018, 4:00am

Bild von Lia Kantrowitz || Foto mit freundlicher Genehmigung der Bluhm Legal Clinic, Northwestern Pritzker School of Law

Chicaco, 1988. Ronald Kitchen wird für den Mord an zwei Frauen und drei Kindern verhaftet und später zum Tode verurteilt. Dabei gibt es keine Beweise, dass der 22 Jahre alte Afroamerikaner etwas mit den Morden zu tun hat. Ein Polizeiinformant behauptet, Kitchen habe ihm gegenüber am Telefon gestanden.

Detectives bringen Kitchen mit Gewalt dazu, ein falsches Geständnis abzulegen. Beim 16-stündigen Verhör fixieren ihn die Beamten mit Handschellen an der Wand und schlagen ihn, wie Kitchen später erzählen wird: mit einem Schlagstock, mit Gegenständen, mit den Fäusten. Ihr Vorgehen ist so brutal, dass Kitchen eineinhalb Monate lang täglich vom Gefängnis ins Krankenhaus muss. Die Cops gehören zur sogenannten "Midnight Crew" um den Chicagoer Police Commander Jon Burge, die systematisch afroamerikanische Verdächtige foltern. Burge wird 1993 gefeuert, ab 2000 sitzt er für vier Jahre wegen Justizbehinderung und Meineids im Gefängnis. Ronald Kitchen muss dagegen für 21 Jahre im Gefängnis, 13 davon sitzt er in der Todeszelle. Nachdem er sein halbes Leben hinter Gittern verbracht hat, wird er endlich entlastet und kommt frei.

Mit den Co-Autoren Thai Jones und Logan M. McBride hat Kitchen inzwischen ein Buch über seinen Freiheitskampf geschrieben: My Midnight Years: Surviving Jon Burge's Police Torture Ring and Death Row. Im Gefängnis bildete sich Kitchen intensiv selbst, um für seinen Freispruch zu kämpfen. Mitte der 90er wurde er Mitgründer der Death Row 10. Die Gruppe besteht aus Opfern der Midnight Crew und klärt darüber auf, wie unmenschlich die Todesstrafe ist und wie rassistisch sie eingesetzt wird. 1999 erließ der Gouverneur des Bundesstaats Illinois ein Moratorium für Hinrichtungen; 2003 setzte er bei 160 Todeskandidaten das Strafmaß herab. Kitchen selbst gewann mithilfe von Anwälten an der Northwestern University 2009 seine Freiheit, vier Jahre darauf zahlte die Stadt Chicago ihm 6,15 Millionen Dollar Schmerzensgeld. Wir haben mit Kitchen über seinen überstandenen Albtraum gesprochen.


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VICE: Hattest du vor deiner Festnahme für die Morde schon schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht?
Ronald Kitchen: Ich schätze, ich war wohl recht behütet und naiv. Ich hatte keine Ahnung, dass Cops Leuten Verbrechen anhängen, bevor es mir passierte. Bis August 1988 hatte ich nie eine schlechte Erfahrung. Dann kamen sie an und sagten, ich würde wegen einer Reihe von Autodiebstählen verhaftet. Aus den Diebstählen wurden dann aber fünf Morde.

Ist dir etwas von deinem Verhör durch Burges Beamte besonders in Erinnerung geblieben?
Da war Detective Michael Kill, den sah ich nur, wann immer er mir gerade die Scheiße aus dem Leib prügelte. Wenn ich an ihn denke, habe ich einen Kloß im Hals und werde immer noch wütend. Als ich nach Hause kam, litt meine Mutter an Demenz, sie wusste nicht mehr, wer ich bin. Wenn man jemanden zwingt, etwas Unwahres zu gestehen, in dem Wissen, dass es um die Todesstrafe gehen wird – dann ist das so, als würde man selbst einen Mord begehen.

Was hast du während dieser ganzen Zeit über die US-Justiz gelernt?
Das System war einseitig. Wenn sie erst mal etwas entschieden haben, geht es ihnen nicht mehr darum herauszufinden, wer unschuldig ist. Ihr Job ist einfach: den Schuldigen zu verfolgen. Das zeigt schon, dass das System nicht mehr zu retten ist. Ständig bekommen diejenigen Beförderungen, die Schlechtes tun. Wer sich gegen das System auflehnt und Fehler aufzeigt, wird gefeuert und aus dem Weg geräumt.

In deinem Buch schreibst du, dass du im Todestrakt die meiste Zeit Jura gelernt und gelesen hast. Du erwähnst, dass Platons Höhlengleichnis einen großen Einfluss auf dich hatte. Inwiefern?
Sokrates, Nietzsche – ich habe das alles gelesen. Aber als ich das Höhlengleichnis las, erkannte ich meine Situation darin wieder. Ich bin in der Zelle und sehe nur, was direkt vor mir ist: eine Wand. Und links und rechts von meiner Zelle sind noch Typen, was anderes höre ich nicht.

Viele verließen die Vollzugsanstalt und kamen später wieder – sie kamen in Freiheit nicht klar. Platons Höhlengleichnis hat mich das besser verstehen lassen. Wir klammern uns an dem fest, was wir kennen. Aber als ich das las, sagte ich mir selbst: "Ich würde nie zu dem zurückkehren, was ich kenne." Das hat mich noch mehr angetrieben, mich auf die Tatsachen zu konzentrieren.

Wie kam es zu deiner Aktivistengruppe, der Death Row 10?
Wir hielten damals zusammen Jura-Kurse und simulierten unsere eigenen Gerichtsprozesse. Ein Bruder namens Stanley Howard hatte die Idee. Er brachte die Gruppe zusammen und wir arbeiteten alles weiter aus. Dann zeigten wir das Ganze meiner Mutter und Stanleys Mutter. Die beiden verbanden uns mit der Organisation Campaign to End the Death Penalty, CEDP. Die CEDP half uns, Aufmerksamkeit auf unsere Fälle zu lenken. Wir hatten Events namens "Live from Death Row" und nahmen in Zusammenarbeit mit der CEDP sogar Anrufe entgegen. Irgendwann sah sich Gouverneur George Ryan gezwungen, etwas gegen die Todesstrafe zu tun.

Vertrauen ist hinter Gittern doch bestimmt Mangelware. Wie habt ihr es geschafft, euch gegenseitig so sehr zu unterstützen?
In der Vollzugsanstalt kannst du nicht mit dem Rest der Welt reden. Also mussten wir irgendwann unsere Schutzwände runterfahren. Wir hatten dieselben Probleme, dieselben Cops hatten unsere Fälle bearbeitet – das allein verbindet einen schon. Und ich musste ja auch Vertrauen aufbauen, wenn ich Hilfe bekommen oder meine Wunden heilen wollte. Ich glaube, dass ich damals dieses Vertrauen aufbrachte, war vielleicht das Mächtigste, was ich je getan habe.

Präsident Trump macht Scherze über Polizeigewalt, Justizminister Jeff Sessions hat eindeutig etwas gegen Reformen bei der Polizei und die Untersuchung alter Fälle. Macht dich das pessimistisch?
Solange dieselben Polizeibeamten in die höheren Positionen befördert werden, wird es nie Veränderung geben. Da ist es auch egal, wie viele Body-Cams Polizisten tragen. Darauf wird immer noch dasselbe zu sehen sein. Wir sehen, wie sie Leuten in den Rücken schießen. Wir sehen, wie sie zu Autofahrern gehen, die ihre Hände erhoben haben, und sie trotzdem erschießen. So etwas wie eine Polizeireform gibt es nicht. Heute, wenn sie wissen, dass sie gefilmt werden, hört man sie sagen: "Hören Sie auf, sich zu widersetzen!", obwohl die Person die Hände oben hat. Nicht alle Cops sind schlecht, aber solange sie die schlechten unter ihnen nicht melden ... Bis man nicht erkennt, was das eigentliche Problem ist, wird es keine Reform geben.

Wenn andere sich im Kampf gegen Rassismus und ein ungerechtes Justizsystem auf dich beziehen, wofür soll dein Name stehen?
Ich habe die Abgründe der Hölle gesehen. Ich war dort. Ich habe gesehen, wie man Männer in den Tod schickt, sie hinrichtet. Ich kannte diese Typen. Wenn die Menschen von mir sprechen, dann will ich, dass sie sagen: "Survivor", "Starker Schwarzer Mann" und "Er kämpfte gegen das System".

Manche sagen vielleicht, ich habe gewonnen. Fühle ich mich wie ein Gewinner? Nein, weil ich in den mehr als 21 Jahren, die ich weg war, meine Großmutter verloren habe, und ich habe meinen Bruder verloren, meinen Neffen und meine Mutter. Wenn ihr also von Ronald Kitchen sprecht, dann sprecht von der Kraft, die ich an den Tag lege, wenn ich mit Menschen rede, die Straße entlanggehe – wie ich mich verhalte. Sie haben mich nicht gebrochen. Sie haben mir nur die Augen geöffnet und mir die Kraft gegeben, gegen sie zu kämpfen.

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