Wenn homosexuelle Männer nach ihrer Transition zur Frau lesbisch werden
Illustration by Vivian Shih
Feminisme

Wenn homosexuelle Männer nach ihrer Transition zur Frau lesbisch werden

Zwei Transfrauen erzählen, wie sich durch ihre Transition nicht nur ihre geschlechtliche Identität, sondern auch ihre Sexualität um 180 Grad drehte.
14.3.17

Es gibt nicht viele Menschen, die ihr Leben zunächst als homosexueller Mann und dann als lesbische Frau erleben. Alison* ist eine von ihnen.

"Ernsthaft, ich war ein klapperdürrer, femininer, schwuler Mann, der beim Sex immer die passive Rolle übernommen hat und jetzt bin ich eine kurvige, androgyne lesbische Frau, die beim Sex fast immer oben ist", sagt sie gegenüber Broadly. "Was zur Hölle?"

Als Kind war Alison immer klein und zierlich und prahlte regelmäßig damit – "ganz zur Verwunderung der anderen Jungs", erzählt sie. Mit Beginn der Pubertät fing sie an, sich in ihrem Körper unwohl zu fühlen und entwickelte aufgrund ihrer äußeren Erscheinung zahlreiche Ängste. Die Vorstellung, so groß, muskulös und maskulin zu werden wie ihr älterer Bruder, der in ihren Augen ein "beschissener Frauenhasser" ist, fand sie einfach entsetzlich.

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Aus Angst vor den psychologischen und körperlichen Unannehmlichkeiten, die die Pubertät mit sich bringen würde, begann Alison "Drogen zu nehmen, die angeblich das Wachstum hemmen sollten". Damals betrachtete sie sich selbst immer als sehr femininen, homosexuellen Mann, doch obwohl sie sich zweifellos zu Männern hingezogen fühlte, hatte sie nach wie vor Schwierigkeiten, sich mit ihnen zu identifizieren. "Ich fand Männer heiß, aber in Bezug auf ihre Persönlichkeit und ihre körperliche Reife fand ich sie immer abstoßend", sagt sie. Auch ihrer Kindheit und Jugend hatte sie fast immer nur Freundinnen. "Meine Mutter war immer sehr feministisch, deswegen waren so gut wie alle Männer und ihre Frauenfeindlichkeit ein echter Abtörner für mich."

Erst im Studium wurde Alison bewusst, dass sie sich selbst als Frau identifizierte. Einige Monate nach Beginn ihrer Transition bemerkte sie dann, dass sie sich auch zu Frauen hingezogen fühlte.

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Alison ist sich nicht ganz sicher, warum sich ihre sexuelle Orientierung verändert hat, nachdem sie anfing, mit ihrem wahren Geschlecht zu leben. "Mein geschlechtlicher Standpunkt veränderte sich", sagt sie. Nachdem sie sich nicht mehr als Mann identifizierte, konnte sie "Frauen als mögliches romantisches oder sexuelles Interesse in Betracht ziehen" ohne ihren eigenen "Ekel vor der männlichen Sexualität" ertragen zu müssen oder sich selbst daran zu beteiligen. Außerdem fühlte sie sich vor ihrer Transition immer weiblicher, wenn sie mit Männern Sex hatte: "Vor Männern konnte ich mich zierlicher und femininer fühlen und mich ficken lassen. Das hätte ich mit Frauen nicht für möglich gehalten." Nachdem sie angefangen hatte, als Frau zu leben, war das nicht länger ein Thema für sie.

Es ist nach wie vor nicht klar, welche Rolle Hormone bei der Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität und der sexuellen Orientierung spielen.

Darüber hinaus glaubt Alison, dass die Transition einen grundlegenden Einfluss auf ihren Sexualtrieb hatte: Sie spricht von einer deutlichen mentalen und emotionalen Veränderung, die mit der Hormonersatztherapie (HET) begann. Für Transfrauen besteht die Hormonersatztherapie in der Regel aus zwei Medikamenten. Zum einen Testosteronhemmer, die das körpereigene Testosteron letztendlich unwirksam machen, und zum anderen Östrogen, das das Testosteron nach und nach ersetzt und den Beginn einer zweiten Pubertät einläutet. Viele Transfrauen erleben während der Hormonersatztherapie dieselben körperlichen Veränderungen, die auch Cisfrauen im Verlauf der Pubertät erleben – zum Beispiel das Brustwachstum. Alison sagt aber auch, dass sie nicht mehr länger das Gefühl hatte, unbedingt Sex haben zu müssen, nachdem das Testosteron aus ihrem System verschwunden war.

"Durch das Testosteron in meinem Körper hatte ich das Gefühl, ich bräuchte diese sexuelle Erleichterung. Das ging soweit, dass es mir schon peinlich und unangenehm war", erklärt Alison. Zum Teil musste sie aufgrund ihrer dringenden sexuellen Bedürfnisse mehrmals täglich masturbieren.

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Dr. Walter Bockting, Professor für medizinische Psychologie an der Columbia University, ist ein Spezialist für LGBT-Gesundheit. Er sagt, dass es keinen klaren Konsens darüber gibt, ob Hormone die sexuelle Orientierung beeinflussen. "Die Hormone, die in der Pubertät ausgeschüttet werden – darunter auch Testosteron –, spielen eine entscheidende Rolle bei der sexuellen Entwicklung", erklärt er. Dennoch sei "nach wie vor nicht klar, welche Rolle Hormone bei der Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität und der sexuellen Orientierung spielen."

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Eine Hypothese besagt laut Dr. Bockting, dass "die sexuelle Orientierung von transsexuellen Frauen [durch die Unterdrückung von Testosteron und die Verabreichung von Östrogen] weniger starr wird. Untersuchungen legen nahe, dass die sexuelle Orientierung bei Männer starrer ist als bei Frauen."

Es könnte allerdings auch eine kulturelle oder psychologische Erklärung dafür geben, erklärt er. "Es wäre auch möglich, dass sich die Person freier fühlt, ihre sexuelle Orientierung und ihre geschlechtliche Identität zu erforschen, wenn sie beginnt, die vorherrschenden sozialen Normen in Bezug auf ihr Geschlecht und ihre Sexualität zu hinterfragen", erklärt er. Zwar befände sich jeder von uns innerhalb eines bestimmten sexuellen Spektrums, man würde die sexuelle Anziehung, die man womöglich zu Menschen desselben Geschlechts hegt, nur bis zu einem gewissen Grad erforschen. Schließlich seien gleichgeschlechtliche Beziehungen nach wie vor mit einem gesellschaftlichen Stigma behaftet.

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Die Forschung zu diesem Thema ist nach wie vor sehr lückenhaft. Es gibt kaum Erkenntnisse darüber, wie oft transsexuelle Menschen eine Veränderung in ihrer sexuellen Orientierung erleben. Einzelberichte aus verschiedenen Trans-Communitys legen allerdings nahe, dass solche Veränderungen nur sehr selten vorkommen. Im Rahmen einer 2014 erschienenen Studie wurden 115 transsexuelle Menschen befragt, die die endokrinologische Ambulanz des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München besuchten. Dabei stellten die Forscher fest, dass "es durchaus üblich ist, dass Menschen selbst von einer Veränderung ihrer sexuellen Orientierung berichten" – sowohl bei der Transition Mann-zu-Frau als auch Frau-zu-Mann. Von insgesamt 70 Transfrauen, die an der Studie teilnahmen, sagten 32,9 Prozent, dass sich ihre sexuelle Orientierung im Verlauf ihres Lebens verändert hat. Von 18 befragten Transfrauen, die sich anfangs ausschließlich zu Männern hingezogen fühlten, sagten zwei, dass sie sich anschließend ausschließlich zu Frauen hingezogen fühlten, während eine Teilnehmerin erklärte, dass sie bisexuell wurde. (Die Studie stellt aber auch klar, dass derartige Veränderungen "nicht ausschließlich im Zusammenhang mit bestimmten Transitionen stattfinden.") Die Schlussfolgerung der Forscher lautete deshalb: "Ob die Veränderung der sexuellen Orientierung den biologischen Folgen einer Hormontherapie oder psychologischen Faktoren zugeschrieben werden kann, bleibt nach wie vor offen."

Ann* ist ebenfalls eine Transfrau, die sich früher als homosexueller Mann identifiziert hat. Sie erzählt Broadly, dass "ich mich [vor meiner Transition] im Prinzip selbst gezwungen habe, schwul zu sein. Das könnte zum Teil auch daran gelegen haben, dass ich mich gezwungen gefühlt habe, so zu sein oder auch daran, dass ich mich nur neben anderen Männern wirklich feminin fühlen konnte. Das ist schwer zu sagen."

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Genau wie Alison hat auch Ann den Eindruck, dass das Testosteron – und später auch das Östrogen – eine entscheidende Rolle bei der Veränderung ihrer sexuellen Orientierung gespielt haben könnte. Sie kann sich allerdings auch vorstellen, dass es wahrscheinlich auch mit den sozialen und psychologischen Veränderungen zusammenhängen könnte, die sie erlebt hat, nachdem sie anfing, als Frau zu leben. "Ich glaube mittlerweile, dass es mir nach meiner Transition leichter fiel, mit Frauen zusammen zu sein", sagt sie. "Ich fühlte mich nicht länger gezwungen, die Rolle des Mannes zu übernehmen."

In Anns Geschichte geht es weniger darum, dass sich ihre sexuelle Orientierung verändert hat. Viel mehr hat sie gewisse sexuelle Vorlieben abgelegt, die sie früher als starr und unveränderbar betrachtet hat. Sie findet Männer nach wie vor attraktiv und geht im Moment sogar mit einem aus. Doch sie hält sich nicht mehr länger an der starren Vorstellung fest, wie ihre Sexualität ist oder zu sein hat. Tatsächlich hat Ann nach ihrer Transition den Eindruck, es fiele ihr leichter, sich ihren Partnern "zu öffnen" und sie "zu lieben".

Laura Erickson-Schroth, Stipendiatin für allgemeine Psychiatrie und LGBT-Gesundheit an der Columbia University, betont, dass "wir nur sehr weniger darüber wissen, ob die Hormone für die Transition einen Einfluss auf die sexuelle Orientierung haben." Sie merkt auch an, dass "viele Menschen – transgender wie auch cisgender – im Verlauf ihres Lebens erleben, dass sich ihre sexuelle Orientierung verändert." Sie sagt, dass sie schon mit vielen transsexuellen Menschen gesprochen hat, die das Gefühl hatten, dass sich ihre sexuelle Orientierung nach ihrer Transition verändert hat. Der Grund dafür sei, dass "sie sich mit sich selbst und der Rolle ihres selbstidentifizierten Geschlechts in Beziehungen wohler fühlten".

Eines der größten Geschenke, das uns transsexuellen Menschen machen, ist, dass sie uns helfen zu erkennen, dass Geschlechter nicht streng binär sind.

Dr. Bockting stellt auch fest, dass unsere Selbstwahrnehmung, unsere soziale Identität und unsere sexuelle Orientierung in einem ständigen Wechselspiel steht. "Je wohler wir uns mit uns selbst fühlen, desto wohler fühlen wir uns auch in unseren Beziehungen zu anderen Menschen", erklärt er.

Während dem Studium – etwa fünf Monate nach Beginn ihrer Transition – begann Alison sich zu einer jungen Frau hingezogen zu fühlen. Alison reagierte ziemlich überrascht, weil sie selbst nicht damit gerechnet hätte, sich zu einer anderen Frau so stark hingezogen zu fühlen. Noch überraschter war sie allerdings, als sie herausfand, dass die Anziehung auf Gegenseitigkeit beruhte. "Ich schwöre dir, sie musste erst anfangen, meine Nippel zu küssen, bevor ich verstanden habe, dass wir nicht nur rumalberten und mehr waren als Freundinnen, die unschuldig miteinander kuschelten", sagt Alison.

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Diese Erfahrung war transformativ. Wenig später stellte Alison fest, dass sie sich fast ausschließlich zu Frauen hingezogen fühlte. Dass sie sich in ihrem Körper wohlfühlte, gab Ann auch die Möglichkeit, die Grenzen ihrer eigenen Sexualität freier zu erforschen. Nach ihrer ersten sexuellen Erfahrung mit einer Frau "meldete ich mich bei Grindr an und schlief mit einem Twink", erzählt Alison. Das war der letzte Nagel im Sarg ihres früheren schwulen Ichs. "Sein Männer-Geruch hat mir deutlich gemacht, dass ich das niemals wieder wiederholen wollte."

Mittlerweile fühlt sich Alison überwiegend zu cisgender Frauen hingezogen, aber sie steht auch auch Transfrauen. In gewisser Weise findet sie Sex mit Transfrauen einfacher. "Mir ist klar geworden, dass ich mehr auf Analsex und Penisse stehe als die meisten Cis-Lesben. Das kann ein bisschen nerven", erklärt Alison. "Mit Transfrauen ist das einfacher."

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Wir leben in einer Gesellschaft, in der ziemlich konkrete Vorstellungen davon existieren, wie sich Männer und Frauen zu verhalten haben. Normen, die auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen in bestimmte Schubladen stecken wollen. Auch deswegen sind Geschichten wie die von Alison und Ann so wichtig. "Transsexuellen Menschen helfen uns zu erkennen, dass Geschlechter nicht streng binär sind, sondern genau wie unsere sexuelle Orientierung im Rahmen eines Spektrums liegen", ist Bockting überzeugt. "Eine Beziehung zu einem transsexuellen Menschen kann deine Sichtweise auf deine eigene geschlechtliche Identität und deine Erfahrungen mit deinem und anderen Geschlechtern bereichern."

Diese Erkenntnis war für Alison extrem erfüllend. Männer gehören für sie nun endgültig der Vergangenheit an. "Von Männern wollte ich mich immer nur beherrschen lassen, mit ihnen fernsehen und high werden. Mit Frauen möchte ich wortwörtlich alles."