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Kauen und Ausspucken—die unbekannte Essstörung, die süchtig macht

„Kauen und Ausspucken" ist von Gefühlen der Scham und des Kontrollverlusts geprägt. Doch erst jetzt beginnen Experten, dieses selbstzerstörerische Verhalten zu erforschen.

von Steph Bowe
16 Januar 2017, 8:10am

Image by Maria Tavich via Stocksy

Die verheerenden Auswirkungen von Magersucht und Bulimie sind allgemein bekannt, tatsächlich gibt es aber ungleich mehr Essstörungen, über die nur nur wenig gesprochen wird. Dazu gehört auch das sogenannte „Kauen und Ausspucken"—was auf Englisch „Chew and Spit" genannt und mit „CHSP" oder „CS" abgekürzt wird. Hierbei wird Essen zwar gekaut, anschließend aber nicht heruntergeschluckt. Von Essstörungsexperten wurde das Verhalten bisher unter „sonstige Essstörungen" eingestuft.

„Meist wird sehr dichte Nahrung gewählt, die oft große Mengen Fette und/oder Kohlenhydrate enthält", erzählt Philip Aouad, Doktorand an der Universität Sydney und Leiter der weltweit ersten CS-Studie. Er sagt, Betroffene würden oft Essen kauen und ausspucken, das sie als „lecker aber verboten" sehen, wie Donuts, Kuchen, Kekse und Chips. Außerdem hätten Menschen mit CS oft das Gefühl, ihr Verhalten sei ein größeres Tabu als andere Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie.

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Aouad vermutet, dass CS vor allem im Bereich des Magens, der Zähne und des hormonellen Gleichgewichts Probleme verursachen kann, was wiederum zu schlechten Blutwerten oder Gewichtszunahme führen kann. Eine neue Studie hat Hinweise darauf gefunden, dass die Störung vor allem bei jüngeren Essgestörten auftritt. Sie kann mit anderem krankhaftem Essverhalten sowie Gefühlen des Kontrollverlusts, der Reue, Schuld und Scham einhergehen.

Insgesamt steckt die diesbezügliche Forschung aber noch in den Kinderschuhen. „Forscher wie ich sind verzweifelt auf der Suche nach Menschen, die mit CS kämpfen oder gekämpft haben, um im Rahmen von klinischen Studien mehr darüber zu erfahren."

Mandy* leidet bereits den Großteil ihres Lebens an diversen Essstörungen. „Ich fing mit 12 an, meine Essenszufuhr einzuschränken, und seitdem habe ich Phasen durchgemacht, in denen ich mich mal stark einschränke, mal Fressattacken kriege." Sie ist 32 und nimmt nun an Aouads Forschungsprojekt teil.

Mit dem Kauen und Ausspucken fing sie letztes Jahr an, nachdem sie online gelesen hatte, wie andere darüber sprachen. Anfangs half ihr dieses Verhalten, ihre Angstgefühle unter Kontrolle zu halten. „Wenn ich das Essen kaue, denke ich nicht an meine Probleme oder daran, wie es mir geht", sagt sie. „CS lässt mich sehr lange ‚essen' und ich fühle mich nicht gezwungen, über mein restliches Leben nachzudenken."

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„Ich fastete den ganzen Tag in der Arbeit und zu Hause kaute ich Süßigkeiten und spuckte sie wieder aus. Ich absorbierte so zwar Kalorien und hielt mein Gewicht, aber ich habe vermutlich so gut wie keine Vitamine, Mineralien oder andere Nährstoffe zu mir genommen", erzählt sie.

Mandy hat viele negative Auswirkungen der Störung zu spüren bekommen: „Der Umstieg auf CS führte bei mir dazu, dass ich vom Nahrungsverzicht auf totale Fress- und Spuckattacken umstieg", sagt sie. „Ich weiß, dass ich unter Mangelernährung leide und habe dadurch schon gesundheitliche Probleme bekommen. Ein Stück meines Kiefers ist gebrochen—wahrscheinlich wegen Osteoporose—und das hat eine schlimme Infektion im Mund ausgelöst, bis der Zahnarzt den Knochen entfernt hat."

Ihre Versuche, mit dem destruktiven „Ess"-Verhalten aufzuhören, waren bisher erfolglos. „Ich glaube wirklich, dass ich süchtig nach CS bin, so wie andere drogensüchtig sind. Irgendwann fange ich an, riesige Mengen zu kauen und auszuspucken, zum Beispiel ein Dutzend Donuts oder mehr auf einmal", gesteht sie.

„Ich wünschte, ich hätte nie damit angefangen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals damit aufhören werde, aber ich hoffe, es einschränken zu können. Mittlerweile ist es so weit, dass ich auf Partys oder auf der Arbeit Essen mit auf die Toilette schmuggle."

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Der Mangel an Forschung zu CS macht es zu einer Herausforderung, das Problem bei Menschen zu erkennen. Aouad hat viele Betroffene interviewt, doch persönlich ist es ihm bisher nicht möglich gewesen „CS körperlich festzustellen". Was die Behandlung angeht, sei es auch noch zu früh, um viel zu sagen. „Es gibt weitaus mehr Fragen als Antworten zu CS", erklärt er.

Laut Aouad gibt es auch keinen Konsens darüber, mit welcher Essstörung das Kauen und Ausspucken am engsten verwandt ist: „Ich habe mit Leuten gesprochen, die nur kauen und spucken, und die außerdem keine anderen Essstörungen haben."

„Alle haben schon mal von Magersucht und Bulimie gehört", sagt Mandy. „Aber die meisten Leute mit Essstörungen passen nicht so deutlich in die Schublade ‚Magersucht' oder ‚Bulimie'."


*Name von der Redaktion geändert.

Titelfoto: unsplash.com | Pexels | CC0

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